Scham statt Stolz

11. September 2025. Odysseus, ein Held? Regisseur Simon Solberg hat diesem Mythos in seiner "Odyssee" am Schauspiel Bonn kräftig die Fäden gezogen, oder besser: die Geschichte umgedreht. Auch, um das Ende heller strahlen zu lassen.

Von Gerhard Preußer

Simon Solbergs "Die Odyssee" am Theater Bonn © Matthias Jung

11. September 2025. Über Odysseus als Urbild des modernen Menschen ist schon viel geschrieben worden, aber so modern wie in Simon Solbergs Bonner Inszenierung hat man Odysseus selten gesehen. Wenn man ein altes Werk modernisiert - warum macht man das? Um das Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart zu kritisieren, als Loslösung von der Vergangenheit. Homers "Odyssee" wird hier nicht als 3000 Jahre alter Text behandelt, den man verstehen will, sondern so, als wäre sie die Geschichte eines Kinderbuchautors aus dem vorigen Jahrhundert.

Diese Heldenreise, die "Odyssee" in den Köpfen der Gegenwart, will Simon Solberg umdrehen: Odysseus als Tyrann, treuloser Abenteurer und Kolonialist, nicht Held, sondern Verbrecher. Dem Regisseur und seinem Team gelingt es, mit diesem umgestülpten Homer eine erstaunlich kohärente Geschichte zu erzählen. Das liegt vor allem an der Grundkonzeption des Abends, der Kombination von Musik und Sprache ohne Gesang: eine Sprechoper.

Kohärente Anti-Helden-Geschichte

Ketan Bhatti, dessen mit seinem Bruder Vivan komponierte RAF-Oper "Der rote Wal" gerade in der Staatsoper Stuttgart aufgeführt wird, hat eine Musik komponiert, die nicht nur einen stimmungsvollen Soundtrack liefert, sondern die Geschichte miterzählt. Dazu steht ihm das Bonner Beethoven-Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan zur Verfügung, das live auf der Bühne mitspielt. Das gibt der Inszenierung eine melodramatische Note, die zu den märchenhaften Irrfahrten passt.

Penelope, die Frau (Julia Kathinka Philippi), hat hier das erste Wort und nicht der Heldenmann (Glenn Goltz). Der betrauert den Fall von Troia, den er doch selbst herbeigeführt hat: Trauermusik, nicht Siegesfanfaren, Scham, nicht Stolz. Ein Götterfeind ist dieser Odysseus (der doch bei Homer immer brav den Göttern opfert). Wenn er in die Stürme gerät, flackern die Scheinwerfer, wabert der Nebel, tobt das Orchester. Aber die Klänge sind auch im Fortissimo immer differenziert, klangfarblich durch wechselnde Instrumentierung abschattiert.

Seefahrermythos mit einem Tyrann und treulosem Abenteurer: "Die Odysee" mit von links Timo Kählert, Alois Reinhardt, Julia Kathinka Philippi, Christian Czeremnych © Matthias Jung

Auch wenn der Kyklop im Dialog mit Odysseus nur wortlos mit dem Klang der Tuba spricht, ist das mehr als nur Bassgetute. Und die Schweine, in die Kirke die Gefährten des Odysseus verwandelt hat, grunzen mit Kontrafagott und Bassklarinette ganz possierlich. Kirke bezaubert Odysseus durch ihren Tanz und ihren Sprechgesang: Satzmelodie und Klarinettenmelodie sind fein aufeinander abgestimmt und gehen ineinander über. Mit Duduk und Djoze sorgen außereuropäische Orchesterinstrumente für ungewöhnliche, kleine Klangreize, ganz ohne plumpen Exotismus.

Fäden ziehen 

Die vier Schauspieler und eine Schauspielerin wechseln sich ab in ihren Rollen und als Erzähler:innen. Fäden, Schnüre, Tuchbahnen und Seile sind das Material der Bühne und der Kostüme für diesen Seefahrermythos. Sie sind multifunktional, mal ist ein Schnurbündel der neugeborene Telemachos, mal sind die Tücher die Ruder für Odysseus’ Gefährten, mal sind sie Schaukeln, in denen sich die Freier Penelopes vergnügen, mal Ruder, die Odysseus’ Gefährten bis zur Erschöpfung durch die imaginären Wellen ziehen.

Wenn Stürme aufziehen, flackern die Scheinwerfer, wabert der Nebel: Simon Solbergs "Odyssee" in Bonn © Matthias Jung

Im Hintergrund leuchtet ein Lichtkreis und wechselt die Farbe je nach Stimmungslage. Dass die Freier den Reichtum des Königshauses von Ithaka verzehren wird dadurch deutlich, dass sie Fäden aus Penelope geknotetem Umhang ziehen. Optisch wie akustisch wird so die Erzählung auf abstrakte Weise untermalt, illustriert, intensiviert.

Entfremdetes Paar

Am Schluss wird’s eilig. Holterdipolter stolpert die Fassung in das Ende. Die Schlachtung der Rinder des Helios durch die Gefährten des Odysseus wird gleichgesetzt mit Odysseus’ Abschlachtung der Freier in der Halle des Palastes von Ithaka. Die ganze windungsreiche Geschichte der Landung Odysseus` bei den Phäaken, seine Rückkehr nach Ithaka zum Schweinehirt Eumaios, die Verkleidung als Bettler, die ganze langwierige Vorbereitung des Freiermords - das alles fehlt. Ausgerechnet Sohn Telemachos, bei Homer die Zukunftshoffnung als junger Entwicklungsheld, muss im Kampf gegen die Freier sterben, um die Kosten von Odysseus’ Seeräuberei und Kolonialplünderei deutlich zu machen.

Hier gibt es keinen Sieger, kein Happy End. Penelope hat sich schon von Odysseus abgewandt, als sie von seinen Affären mit den jugendlichen Schönheiten Kirke, Kalypso und Nausikaa erfuhr. Eine Versöhnung von Penelope und Odysseus bleibt aus: ein entfremdetes Paar, ratlos. Und wenn von Krieg, Angriff und Eroberung die Rede ist, klingen einem heute nach Gaza, Kiew und Damaskus die Ohren.

Hell erstrahlt der Frieden

Die "Odyssee" wird zu einer Tragödie, in der die Idee des Friedens umso heller erstrahlt. Die neue Moral der alten Geschichte wird im Chor frontal ins Publikum skandiert. "Vergangenheit ist unumkehrbar, doch die Erkenntnis hat die Kraft, uns den zukünftigen Weg zu weisen. … Erzählt! … Dass unsre Kinder einst nicht mehr von Helden schwärmen, die den Krieg gewannen, sondern von Menschen, die den Frieden schufen." Ein schöner, guter Vorsatz, so soll es sein. Auch die originale Vorlage endet friedlich. Aber muss das Theater so laut die Moral herausposaunen? Solbergs "Odyssee" ist auch das, was man in England eine "bowdlerized version" nennen würde, eine von allem moralisch Anstößigen gereinigte Fassung, eine "Odyssee" für die ganze Familie.

 

Die Odyssee
Eine Sprechoper für Schauspielerinnen und Schauspieler & Orchester
In einer Fassung von Simon Solberg nach Homer
Komposition: Ketan Bhatti, Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Regie und Bühne: Simon Solberg, Kostüme: Ines Burisch, Kostümmitarbeit: Tanja Mürlebach, Licht: Thomas Tarnogorski, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Christian Czeremnych, Glenn Goltz, Timo Kählert, Julia Kathinka Philippi, Alois Reinhardt.
Premiere am 10. September 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Kooperation zwischen dem Theater Bonn und dem Beethovenfest Bonn, mit dem Beethoven Orchester Bonn im Schauspielhaus Bad Godesberg

www.theater-bonn.de

Kritikenrundschau

Das Ensemble wechsle "zwischen mehreren Rollen" und überzeuge "durchgängig mit körperlicher Präsenz, stimmlicher Klarheit und emotionaler Hingabe", urteilt Bernhard Hartmann im Bonner General-Anzeiger (12.9.2025). Es sei, abgesehen vom etwas "plakativen" Ende, ein Abend, der "durch die Kraft von Sprache, Musik und Schauspiel eine der ältesten Geschichten der Welt" neu befrage.

Man werde an diesem Abend "schnell hellhörig, weil die Schauspieler:innen die bearbeiteten Hexameter-Gebirge von Johan Heinrich Voß ausgezeichnet sprechen; und weil Simon Solberg gezielt Material ausgewählt hat", so Andreas Falentin in Die Deutsche Bühne (11.9.2025). Es trotz manch gestreifter Klischees ein "großes Plus dieser Aufführung", dass klar werde, "warum man heute diesen Stoff aufs Programm setzt", so der Kritiker.

Man erlebe eine Inszenierung, die "mit besonders opulenter Bühnenmusik, die die gesamte Handlung mehr als untermalte und Naturgewalten, rauschhafte Zustände und kriegerische Auseinandersetzungen" darstelle, findet Ursula Hartlapp-Lindemeyer in Das Opernmagazin (15.9.2025): "Ein wichtiges Plädoyer gegen Eroberungskriege und für Frieden und Dialog der Völker."

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