Sextoys und Sehnsucht

8. Juni 2025. Die 8. Ausgabe des Britney-X-Festivals über Feminismus, Gender, Diversity und Sex wird vermutlich auch die letzte sein. Zum Auftakt gabs noch mal Performances auf der Höhe von allem, was dieses Festival so berühmt und erfolgreich machte.

Von Dorothea Marcus

"BUCCI × ꒰(・ ‿ ・)꒱ × Paranoia" bei der letzten Ausgabe des Britney X Festival am Schauspiel Köln © Justus Lemm

8. Juni 2025. Knusprig duftet es, auf dem Gelände des Carlswerk werden auf einem "Markt" Sextoys, Dessous, Schmuck und vegetarische Tacos angeboten. Wehmut liegt in der Luft, aber auch Begeisterung: über 2000 Karten wurden verkauft beim achten, mutmaßlich letzten Britney X Festival. Das Publikum ist jung, hip, glitzernd gekleidet in diesem Safe Space, der seinesgleichen sucht. Warum hat es der neue Intendant Kay Voges eigentlich abgesetzt?

Queer-universelles Gesamtkunstwerk

Das queerfeministische Vorsommer-Event ist eine Errungenschaft der Ära Stefan Bachmann am Schauspiel Köln: ein Theater-, Polit- und Popfestival über Feminismus, Gender, Diversity und Sex. Angefangen hat es einst mit kümmerlichen 150 verkauften Karten, inzwischen sind nahezu alle Veranstaltungen ausverkauft, lange Schlangen bilden sich vor jedem Programmpunkt: Wildkräuterspaziergänge im Schauspiel-Garten, weil ja auch Pflanzen kreuz und queer wachsen. Beziehungsratgeber von und mit Julia

8. Juni 2025. Knusprig duftet es, auf dem Gelände des Carlswerk werden auf einem "Markt" Sextoys, Dessous, Schmuck und vegetarische Tacos angeboten. Wehmut liegt in der Luft, aber auch Begeisterung: über 2000 Karten wurden verkauft beim achten, mutmaßlich letzten Britney X Festival. Das Publikum ist jung, hip, glitzernd gekleidet in diesem Safe Space, der seinesgleichen sucht. Warum hat es der neue Intendant Kay Voges eigentlich abgesetzt?


Queer-universelles Gesamtkunstwerk

Das queerfeministische Vorsommer-Event ist eine Errungenschaft der Ära Stefan Bachmann am Schauspiel Köln: ein Theater-, Polit- und Popfestival über Feminismus, Gender, Diversity und Sex. Angefangen hat es einst mit kümmerlichen 150 verkauften Karten, inzwischen sind nahezu alle Veranstaltungen ausverkauft, lange Schlangen bilden sich vor jedem Programmpunkt: Wildkräuterspaziergänge im Schauspiel-Garten, weil ja auch Pflanzen kreuz und queer wachsen. Beziehungsratgeber von und mit Julia Nitschcke, weil Liebe diversifiziert vielleicht noch komplizierter ist, Workshops, Konzerte, Debatten. Aber erworben werden können an diesen drei Tagen auch Lapdance-Moves, Siebdruck-Skills oder Glitzer-Tattoos.

Theatergarten am Depot des Schauspiels Köln © Ana Lukenda

Das Festival hat sich in acht Jahren zum queer-universellen Gesamtkunstwerk entwickelt. Immer wieder geht es hier um das große Thema Identität – ihren Bruch, ihre Neuerfindung. Eindrücklich und emotional ergreifend erzählt davon in dem autofiktionalen Monolog "Der Raum und das Meer" etwa der Performer und Autor Vincent Eswald, in Szene gesetzt von David Vogel.

Zwischen Selbstverleugnung und Teufelsaustreiberin

In der Mitte des Yogaraums, eines White Cube der Kunst, sitzen die Zuschauer dichtgedrängt am Boden, auf dem ein scharfkantiger, grauer Tetraeder liegt: ein Betonklotz wie die Seniorenanlage der Mutter. Oder ein verhärtetes Etwas in der Brust. Hinauf springt der Schauspieler David Rothe. Ein blonder Sonnyboy, doch er kauert sich zusammen. Erzählt, wie er sich stets falsch fühlt, auf dünnem, glattem Eis. Wie er als Junge Tanzunterricht nimmt und Tagebuch schreibt. Wie er den Anruf von seiner Mutter erhält, als er gerade auf einer Party übernachtet: Sie hat seine Bücher gefunden.

Jene Bücher, die er mit Sonnenbrille getarnt aus der Stadtbücherei auslieh, nur wenige auf einmal, stets im eigenen Rucksack versteckt, um sich über Homosexualität zu informieren. Eine furchtbare Sünde und Krankheit aus Sicht der inbrünstig religiösen Mutter. Die Selbstverleugnung beginnt – denn die Figur ist selber gläubig, kämpft gegen sich selbst. Und liebt natürlich die Mutter – die ihn einer Teufelsaustreiberin ausliefert, zur vermeintlichen "Heilung", die ein Schwert sein kann.

Britney X Raum Meer 1 CMatthias uDavid Rothe in "Der Raum und Meer" © Matthias Volkmar

Der Schauspieler David Rothe bewegt sich dazu zu den sehnsüchtigen Beats von Massive Attacks "Teardrop", rutscht vom Stein, kauert sich darunter, geht durch die Zuschauerreihen, guckt uns ganz nah und eindringlich ins Gesicht, bittet Gott um Weisheit, verschüttet einen Eimer Sand über den Beton, denn die Lebenserzählung knirscht, bremst, ist grundfalsch. Springt wie ein Tier zurück auf den Betonklotz, zieht erst seine Jacke aus, dann das T-Shirt. Und erzählt dann vom brutalen Exorzismus, der an ihm verübt wurde: Trauma und Vertrauensbruch eines Lebens, dem er mit einer Dämonenperformance schließlich entkommt, voller Scham und Selbstekel.

Kleidungsstück für Kleidungsstück häutet sich der Schauspieler vor uns, während er von der anschließenden Resilienz-Performance erzählt, in der er sich weiter verleugnet – bis er schließlich, nur noch in Boxershorts, doch triumphierend auf Postkarten an enge Freunde "ich bin schwul" schreiben kann: Der Sand wird nun zum griechischen Strand, an dem jene Befreiung begann.

Tränen und Standing Ovations

Eine bestürzende, intensive und intime Stunde ist das in großen Teilen autofiktionale Stück "Der Raum und das Meer", die von der gängigen Praxis der "Konversationstherapie" handelt, die erst seit 2020 in Deutschland verboten ist. Souverän, glaubwürdig, mitreißend agiert David Rothe zwischen Wut, Selbsthass, Strahleboy und Resilienz, kluge kleine Regieeinfälle und 1990er-Songs von Red Hot Chili Peppers oder Can strukturieren die Erzählung, die an manchen Stellen ungefiltert tagebuchartig intim herüberkommt und doch exemplarisch historisches Unrecht erzählt. Am Ende sind manche zu Tränen gerührt und geben Standing Ovations.

Deutlich abgebrühter geht es im Depot 1 zu, bei "Bucci x Paranoia " von Lynn T Musiol und Marcus Peter Tesch, einer Reihe, die an der Berliner Schaubühne begann und mittlerweile am Hamburger Schauspielhaus angesiedelt ist. Lynn erscheint mit Mikro in der Hand und plaudert im Stil eine*r Stand Up Comedian über Insekten, penetrant riechende Wurstbrote im Zug und anderen Ferienstress.

Taschentücher, Haribo, Powerbank

Und über die eigenen Eierstöcke, anvertraut vom straighten Gott, der Musiol mit 33 Jahren einer ganzen Progesteron-Lobby ausgeliefert hat – die das Leben, egal ob queer oder nicht, in zwei Zyklushälften teilen: horny as fuck und wütend wie ein reißendes Tier. PMDS eben. Und darüber, wie die Paranoia zum queeren Leben als Grundkonstante dazugehört, jenes "gemeinsame Merkmal aller Marginalisierten", eine Art Volkskrankheit, schon von Freud der Queerness zugerechnet.

Britney X Bucci Paranoia 1 CJustus Lemm uLynn T Musiol und Marcus Peter Tesch in "Bucci x Paranoia" ©  Justus Lemm 

Stets auf der Suche nach Beweisen, nicht dazuzugehören, stets in Erwartung einer lebensbedrohlichen Katastrophe, ausgestattet mit einem Notfallpack Taschentücher, Haribo und Powerbank. In roten Lettern, zu peitschenden Elektro-Trümmern erscheinen die PARANOIA-Buchstaben auf der weißen Leinwand, und schließlich auch Sparring-Partner Marcus Peter Tesch. Lustig dissen sie sich gegenseitig, everybody's happy gay und siegessichere* Lesbe*, gehen aber doch miteinander campen – natürlich paranoid lauernd, ob nicht irgendein Serienkiller unterwegs ist.

Ein ziemlich cooler Live-Coach in Gestalt von Schauspielerin Ute Hannig tritt auch noch auf und wird, klar, als Hetera angefeindet. Fröhlich pflügt das Duo durch alle Identitätsdiskurse, bis sie sich dann am Ende doch zu dritt in den Armen liegen, weil "Failures" letztlich sexy sind und Arschlochhaftigkeit erst bewiesen werden muss. Eine coole, selbstironische Eigentherapie mancher Wokeness-Debatte – und ein lässiger Beitrag zu einem Festival, dem mitten in größter Lebendigkeit die Luft gekappt wird. Bleibt zu hoffen, dass es irgendwo eine neue Heimat findet.

Britney X Festival Vol. 8: Where is the love?

Der Raum und das Meer
von Vincent Eswald
Regie: David Vogel, Bühne: Aline Larroque, Kostüme: Annette Köhler, Dramaturgie: Johanna Rummeny.
Mit: David Rothe
Uraufführung 06. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

BUCCI × ꒰(・ ‿ ・)꒱ × Paranoia
Von und mit : lynn t musiol und Marcus Peter Tesch
Bühne Ulla Willis, Kostüme Marc Freitag
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-koeln.de

Kommentare  
Britney-X-Festival, Köln: Tolles Festival
Es ist wirklich bedauerlich, dass dieses tolle Festival voraussichtlich nicht fortgeführt wird. Das Team um Kay Voges wird seine Gründe dafür haben, aber zusammen mit der mehr als ausbaufähigen Quote von regieführenden Flinta-Personen in der kommenden Spielzeit hat es einen schalen Beigeschmack.
Britney-X-Festival, Köln: Queere Orte verschwinden
Ich habe mich als Theaterschaffender- und schauender junger Mensch selten so wohl und willkommen gefühlt an einem Ort mit Theaterkontext, wie an diesem fantastisch kuratierten Festival. Standing Ovations in beinahe jeder Vorstellung und das absolut zurecht. Freue mich schon sehr auf den heutigen letzten Tag und frage mich warum in der neuen Intendanz kein Platz zu sein scheint für solch einen Ort. Die Frage erübrigt sich aber bei einem Blick auf den Spielplan qausi von selbst. Sehr sehr traurig, Queere Orte wie dieser kämpfen seit Jahren um ihre Daseinsberechtigung und scheinen nun auch im Theater ein wenig zu verschwinden.
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