Geldwäsche, Gewissensbisse und Goya

9. Mai 2025. Yael Ronen schafft nicht nur packendes, biografisch gefärbtes Erzähltheater, sondern immer wieder auch lupenreine, bitterböse Boulevardkomödien. So jetzt in Köln, wo sie die Familie eines Reeders in turbulentem Streit und finsteren Verstrickungen zeigt. Stein des Anstoßes: ein Bild von Goya.

Von Gerhard Preußer

Yael Ronens "Collateral Damage" am Schauspiel Köln © Ivan Kravtsov

9. Mai 2025. "Guten Abend", wird das Publikum begrüßt. "Nein, kein guter Abend", korrigiert sich der Kunstgeschichtsprofessor bei seinem Vortrag, denn um ihn herum tobt ein blutiger Aufstand.

Doch, es war ein guter Theaterabend, kein großer, aber ein guter. Das etwa dreißigste Stück von Yael Ronen hatte diesmal in Köln Premiere. Sie mischt wieder geschickt Themen und Bezüge: Familienerbschaftsstreit, sexueller Missbrauch, Ukraine-Krieg – alles kommt vor. Zusammengebunden wird das Bündel durch eine hochkulturelle Referenz, durch den Bezug zu einem Bild Francisco de Goyas, einem Bild, das es nicht gibt, aber hätte geben können: "Schiffbruch mit Zuschauer". Das ist das Thema des einleitenden Vortrags des Kunsthistorikers, zu dem er das Publikum begrüßt.

Familienstreit an Vaters Sterbebett

Dann aber wird der Plot entwickelt: Am Sterbebett des Vaters treffen sich seine erwachsenen vier Kinder: Fred, der Tänzer (Kelvin Kilonzo), Edi, der Kunsthistoriker (Yuri Englert), Manu, die rechte Hand des Vaters in dessen Reederei (Nikolaus Benda), und Uma, Halbschwester und Immobilienmaklerin (Orit Nahmias). Ganz konventionell werden die Konflikte vorgeführt, jeder liegt mit jedem im Streit. Uma fühlt sich benachteiligt und will Zugang zu den Unterlagen des Vaters, Edi hat schon lange mit dem Vater abgerechnet, wollte eigentlich gar nicht kommen, Manu fühlt sich ausgenutzt von allen, weil er versucht, die Geschäfte des Vaters zu regeln, nur Fred braucht einfach Geld.

Bist du Zeuge oder Mittäter? Wohin schaust du, wenn das Grauen direkt vor deinen Augen stattfindet?

Die Zuspitzung erfolgt, ebenfalls ganz konventionell, durch eine fünfte Person. Ein dubioser Mittelsmann (Sinan Güleç) bringt eben dieses Gemälde Goyas ins Haus, das als verschollen galt: "Schiffbruch mit Zuschauer" (Goya hat tatsächlich nur ein Bild  "Der Schiffbruch" gemalt, ohne Zuschauer im Bild). Der Vater (oder Manu) hat es als Sicherheit für einen Kredit, in einem "collateral agreement" von Prigoschin, ja genau, dem Prigoschin (Chef der Wagner-Söldner), erhalten. Für seine illegalen Waffengeschäfte war der Vater schon im Gefängnis und seine ganze Firma ist liquidiert. Aber nun gibt es dieses Bild. Was tun? Edi hält große Reden, er will das Bild dem Prado in Madrid schenken. "Was könnte in diesem Moment relevanter sein als ein Kunstwerk, das fragt: Bist du Zeuge oder Mittäter? Wohin schaust du, wenn das Grauen direkt vor deinen Augen stattfindet?" Manu will es auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Villa in feindlicher Umgebung

Die Lösung des Konflikts wird vorbereitet durch die Information, dass ein Student Edis ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn angestrengt hat. Also braucht Edi Geld, um diese Anklage aus der Welt zu schaffen. Das Gemälde wird verkauft.

Soweit der Handlungsrahmen, alle Motive hübsch ineinandergeflochten. Das könnte auch ein Netflix-Familiendrama sein. Die Dialoge sind frech, witzig und schnell. Yuri Englert spielt einen wunderbar überdrehten Verzückungsorgasmus, als er von dem Bild erfährt und es schließlich sehen darf. Orit Nahmias tobt zwischen den Brüdern in permanentem Code-Switching zwischen Englisch und Deutsch.

Aber es gibt diesen doppelten Hintergrund. Zum einen die Welt um die Villa des Familientreffens herum. Sie wird nicht gezeigt, aber indirekt wirkt sie ein. Sie ist chaotisch und blutig. Von Demonstrationen, Schüssen und Toten ist die Rede. Einmal fällt vorübergehend der Strom aus. Die Bühne Wolfgang Menardis findet passende Lösungen dafür. Die Villa ist ein Sprungturm, wie er in jedem Schwimmbad steht, aber ohne Becken. Ein Aussichtsturm ohne Ausweg. Das Meer ist eine bühnenbreite, halbrunde Projektionsfläche, auf der das Wasser im Sturm tost, von Blitzen umzuckt. Den Schiffbruch, die Katastrophe, wir sehen sie nicht, aber sie ist da.

Collateraldamage2 Ivan KravtsovDie Familie debattiert auf der Bühne von Wolfgang Menardi © Ivan Kravtsov

Zum anderen die ständigen Bezüge zu Francisco de Goyas Schreckensbildern. In den Dialogen funkeln die Anspielungen auf die Thematik des Bildes, dessen Titel einem Essay von Hans Blumenberg entlehnt ist. Auf dem Halbkreisprospekt tauchen hinter den Wogen immer wieder, zunächst verschwommen, dann teilweise animiert, die späten Bilder Goyas auf: "Die Erschießung der Aufständischen", "Frauenlachen" und mehrfach "Saturn verschlingt seinen Sohn". Das schemenhafte Auftauchen und Verschwinden dieser groß und in Details projizierten Bilder gibt den eher komödiantischen Erbstreitereien einen grausigen, verstörenden Hintergrund.

Edi erklärt in seinem einleitenden Vortrag die beabsichtigte Wirkung des Abends: "Was wir spätestens heute Abend verstehen. Wir sind nicht nur Betrachter, wir sind selbst mit an Bord des sinkenden Schiffs." Szenisch wird das umgesetzt im Schlussbild. Rauch und Flammen hüllen die Bühne ein, die sicher geglaubte Sprungturmvilla brennt. Die Katastrophe erfasst auch die Zuschauer auf der Bühne.

Schiffsreparatur auf hoher See

Und das Publikum? Vielleicht schleicht sich der Gedanke ins Hirn: Zuschauen ist eine Tätigkeit. Auch wenn wir keinen Goya im Safe in der Schweiz besitzen, keine Waffen an Prigoschin verkauft haben, niemanden im Drogenrausch vergewaltigt haben, – wir sind an Bord. Wenn man die Metapher vollständig ausmalen will (wie Blumenberg): Das Einzige, was zu tun bleibt, ist, das brüchige Schiff auf hoher See im Sturm umbauen, es mit herumschwimmenden Planken von früheren Schiffbrüchen flicken, so dass es seetüchtig bleibt.
 

Collateral Damage
von Yael Ronen
In einer Übersetzung von Irina Szodruch
Regie: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi, Sounddesign: Oliver Bersin & Christoph Priebe, Video: Stefano Di Buduo, Dramaturgie: Udi Aloni, Nina Rühmeier.
Mit: Nikolaus Benda, Yuri Englert, Sinan Güleç, Kelvin Kilonzo, Orit Nahmias.
Premiere am 8. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau

"Yael Ronen ist nicht mehr und nicht weniger gelungen als ein rasanter kleiner Thriller mit Anflügen von 'Succession' sowie dem so spürbaren wie erfreulichen Wunsch, zu unterhalten und dabei ein paar sehr relevante Fragen zu stellen," schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (10.5.2025). "Dass sich dieses moralische Ringen vor dem Hintergrund diverser angedeuteter kataklysmischer Ereignisse im ganzen Land, ja: der Welt abspielt, verleiht ihm nicht nur Dringlichkeit. Es wird dadurch auch zu einem Sinnbild der Auflösung von Sicherheiten und Gewissheiten der Protagonisten." Der titelgebende Kollateralschaden sei am Ende 2aber weniger das Gemälde oder irgendwelche anderen materiellen Dinge, sondern jeder ethische Anspruch, den die Figuren jemals an sich selbst gestellt haben mögen."

"Es ist die letzte große Premiere von Rafael Sanchez' Interimsintendanz am Schauspiel Köln. Und vielleicht die beste", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (12.5.2025). "Collateral Damage" sei "rre unterhaltsam – und doch lässt die Regisseurin uns nie den Zivilisationsuntergang vergessen, der nicht nur das schöne Haus am Meer bedroht, sondern uns alle." "Ronen inszeniert das alles mit lakonischem Humor und großer Rasanz."

Eine "komödiantisch angelegte Dystopie" sah Martina Jacobi und schreibt in der Deutschen Bühne (9.5.2025): "Der Blick auf eine von Krisen beherrschte Welt wird zwischen Familienquerelen, persönlichen und moralischen Diskussionen im Text angedeutet, aber vielmehr durch Symbol- und Bildsprache vermittelt. Wenn man sich auf die absurden Gleichzeitigkeiten in dieser Welt einlässt, ist Ronens Stück ein unterhaltsamer Abend, aus dem man dennoch nachdenklich hinausgeht."

Kommentare  
Collateral Damage, Köln: Großes Kompliment
Gerade weil dieser Abend nicht versucht, „großes Theater“ zu sein, ist er so verdammt gut. Jede Figur lebt, die Story ist 90 Minuten lang extrem spannend, die Inszenierung gerade in ihrer Ruhe sehr eindringlich - und dann immer wieder böse lustig. Und gerade in diesem „well made“ Kontext kommen die politische Bezüge und ethischen Einsichten so unerwartet und treffen einen wirklich ganz direkt. So un-plakativ und menschlich kann politisches Theater sein. Großes Kompliment an alle Beteiligten.
Collateral Damage, Köln: Seichte Wasser
Widerspruch: der Krimi Plot an sich ist nicht das Problem (wer will nicht Spannung und Unterhaltung), sondern die Ausführung: eine seichte Sprache, schlichte Charakterzeichnung und fehlender Impuls für ein Weiterdenken. Eine wie zuletzt häufig schwache Arbeit von Ronen (leider) … Sinan Güleç, der Francesco (oder Memet) spielt, ist eine echte „Rampensau“, natürlich ist seine Extrashow unmöglich, aber alle anderen Personen des Stückes spielen ja auch nicht subtil oder „tiefgründig“. Das hat wenigstens Spass gemacht …. Was soll's …
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