Mini und Miki brüllen rum

24. Mai 2025. Kieran Joel und das Import Export Kollektiv verwandeln den mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman "Minihorror" von Barbi Marković in eine schrille, comichafte Bühnenrevue.

Von Max Florian Kühlem

Kieran Joel und das Import Export Kollektiv zeigen Barbi Markovićs "Minihorror" in Köln © Sandra Then

24. Mai 2025. Alles fängt so schön an: Das knallbunte Appartement-Wohnungs-Bühnenbild dreht sich im Kreis, die jungen Darsteller*innen hetzen ihm hinterher und ziehen ihr Publikum in die Geschichte von Miki und Mini: "Er hat sie einst in einer Bar gesehen und gefragt, ob sie auch Komparatistik studiert, und sie hat Nein gesagt. Sie hat ihm sofort gefallen."

Die beiden sind keine Disney-Mäuse, sondern die Hauptfiguren aus Barbi Markovićs Roman "Minihorror". So episodisch wie das Buch erzählt auch Regisseur Kieran Joel mit dem Import Export Kollektiv Situationen aus ihrem Leben in Wien, die immer wieder ins Albtraumhafte kippen.

Splatter mit dem IKEA-Monteur

Mini kommt ursprünglich aus Belgrad, ist selbstständig als Autorin. Miki kommt aus einer österreichischen Kleinstadt und sitzt jeden Werktag neun Stunden im Büro. Das wäre alles kein Problem. Aber irgendwie schlittern sie doch immer wieder in das Grauen: Zum Beispiel, wenn sie bei Ikea eine neue Arbeitsplatte für die Küche bestellen und alles ganz hervorragend zu funktionieren scheint. Doch zum Liefertermin (zwischen 9 und 17 Uhr) kommt keine Platte. Dann kommen sie in der Warteschleife nicht weiter. Dann zerlegen sich im unpersönlichen Riesenapparat des Möbelhauses die Mitarbeiter*innen. Und als der Monteur erscheint und keine Arbeitsplatte vorfindet, dreht er durch und schraubt die beiden mit dem Akkubohrer an die Wand.

Minihorror3 1200 Sandra Then uHorrormäßig hübsch ausgestattet: das Ensemble auf der Bühne von Elena Dörnemann, in Kostümen von Annette Köhler © Sandra Then

Die Horrorszenen, die Barbi Marković beschreibt, sind in einem ganz normalen Alltag (in unserer normalen, westlichen Konsumwelt) begründet, der sich dann aber zu Angst-Räumen verschiebt. Manchmal liegen diese Ängste wie bei Kafka im Ohnmachtsgefühl des Einzelnen gegenüber undurchsichtigen Machtstrukturen, manchmal liegen sie im Gefühl der Fremdheit, das eine vermeintliche Mehrheitsgesellschaft vermittelt, im Fremdheitsgefühl im eigenen Leben oder Körper oder in der Entfernung und Entfremdung, die einen von der eigenen Familie trennt. Die Protagonisten heißen nicht ohne Grund Miki und Mini, die Autorin hat ihre Geschichten comichaft schrill angelegt.

Bonbonbunt und schrill

Kieran Joel und das Import Export Kollektiv tun das auch. Jetzt darf man bei dem Kollektiv, das Bassam Ghazi 2008 als freies Jugendtheaterensemble gegründet hat und das 2015 an das Schauspiel Köln andockte, natürlich nicht dieselben Maßstäbe wie bei einem Profi-Ensemble anlegen. Und wie gesagt: Das alles fängt schön an, wie ein bonbonbunter, komischer, aber auch leicht melancholischer amerikanischer Independent-Film aus den Nullerjahren. Aber irgendwann, ab ungefähr dem Ende der Ikea-Szene, lässt der Regisseur seine Darsteller*innen nur noch in einem Ton spielen – und das ist ein komplett nerviger, schriller, lauter Ton.

Ohne Ohrstöpsel kaum zu ertragen

Alle Dialoge werden fortan in heller Aufregung und in lautem Geschrei geführt. Da alle auf der Bühne durch Mikroports sprechen, ist das ohne Ohrstöpsel kaum zu ertragen. Einige Szenen sind durchaus lustig – etwa wenn das Paar Minis Mutter in Belgrad besucht und Miki und sie sich selbst mit Händen und Füßen nicht verstehen. Aber dann kommt ja schnell wieder der Kipppunkt, und die ganze Familie brüllt Mini an, überhäuft sie mit Gemeinheiten, Vorwürfen ihrer Unzulänglichkeit und begräbt sie nicht nur sprichwörtlich darunter.

Auch in der gesamten Inszenierung wird etwas begraben: Der schrille Ton begräbt den Symbolgehalt, das Parabelhafte, das die Minihorror-Szenen ja durchaus haben. So findet man hier am ehesten noch Gefallen am Schauwert: am liebevoll eingerichteten Comic-Bühnenbild von Elena Dörnemann oder an Annette Köhlers Kostümen, zu denen auch ein menschlicher Schokoriegel aus der Kindheit gehört, der in Zeiten strenger Diät natürlich besonders gern gehabt werden möchte.

Minihorror
von Barbi Marković
In einer Bühnenfassung von Kieran Joel
Regie: Kieran Joel, Bühne: Elena Dörnemann, Kostüme: Annette Köhler, Musik: Caroline Kox und Antonio de Luca (paradies), Video: Feline Przyborowski, Choreografie: Sophie Czarnetzki, Dramaturgie: Ida Feldmann.
Mit: Elias Bodemer, Sophie Czarnetzki, Erenay Gül, Artosha Jasmin Mokhtare, Agnes Nagy, Bodza Hanna Nagy, Feline Przyborowski, Ceren Sengülen, Selin Sungu, Malte Treder.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am 23. Mai 2025

schauspiel.koeln

Kommentare  
Minihorror, Köln: Anders empfunden
Hmm, das mit dem Gekreische hab ich anders empfunden. Ich fand die Inszenierung von Joel sehr schön und witzig und mich haben manche Momente auch echt sehr gerührt. Auf jeden Fall war sehr viel los, aber darum geht es ja wahrscheinlich auch im Roman.
Komisch worauf Sie sich fokussieren in ihrer Kritik, das wirkt nicht so fair.
Minihorror, Köln: Unterschlagen
die inszenierung bekam mehreren szenenapplaus und standung ovations, was der autor hier einfach unterschlägt und stattdessen total an der realität vorbei berichtet. ausserdem ist die patronizing art wie er herablassend die erwartungen an den spielenden runterschraubt weil sie aus working class und migranten besteht genau das thema von markovic und mini horror nicht was der autor sich hier herbeifantasiert - mehrere male im stück ist dies klar erwähnt worden. (...)

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Mit herzlichen Grüßen aus der nachtkritik.de-Redaktion
Minihorror, Köln: Gut gefallen
Mir hat das Stück sehr gut gefallen. Mich hat die Dynamik und die Spielfreude der jungen Schauspieler beeindruckt. Ich habe Tränen gelacht, war aber auch sehr berührt. Bei vielen Szenen konnte ich mich an eigenes erlebtes erinnern.
Ganz besonders gefiel mir die Partysequenz aber auch der Moment mit den Touristen auf Ada Bojana oder die Begegnung mit den Tieren im Wald.
Alles in allem ein sehr gelungenes Theatererlebnis.
Minihorror, Köln: Platz gefunden
Als eine Person, die selbst Schauspiel staatlich studiert (und somit den Weg zum „Profi“ eingeschlagen hat), kann ich die Meinung des Autors ganz und gar nicht teilen. (...) Das Kollektiv hat schauspielerische Talente, die auch verbunden mit den anderen Stärken des Kollektivs, zu Recht am Schauspiel Köln seinen Platz gefunden hat und ständig ausverkaufte Vorstellungen mit Standing Ovations spielt.

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Herzliche Grüße aus der nachtkritik.de-Redaktion
Minihorror, Köln: Es anderen Recht machen
Miki und Mini spielen seit nunmehr über einem Jahrzehnt Theater in diversen Stücken, sie machen unter anderem in Kurz- und Kinofilmen mit, glauben, ernstzunehmende SchauspielerInnen zu sein, als ihnen plötzlich klar wird, dass sie die von weißen aufgestellte Profimesslatte NATÜRLICH nie erfüllen werden und sie entschließen sich fortan ihre Stücke durchweg nur noch brüllend zu spielen. Sie verteilen vor Beginn ihrer Stücke Ohropax, streichen die ruhigeren Szenen zwischendurch und erlauben im Anschluss des Stückes allen ZuschauerInnen die Möglichkeit Fragen zu stellen, wobei die einzig zulässige Frage: Woher kommst du eigentlich? ist.
Sie fügen sich ganz dem Image des postmigrantischen Sammelsuriums des Import Export Kollektivs und tun eins nie wieder:
Es anderen Recht machen.
Minihorror, Köln: Grandios
Ich habe mir das Stück am 30.05. angeschaut und finde es großartig. Kurzweilig, witzig, abwechslungsreich und manchmal auch traurig. Es passiert unglaublich viel auf, neben und hinter der Bühne. Die Leistungen der Darstellenden möchte ich als grandios bezeichnen, was mehrfach mit Szenenapplaus seitens des Publikums quittiert wurde.
Am Ende gab es Standing Ovationens und die waren absolut gerechtfertigt.
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