Do you really want to hurt me?

12. Oktober 2025. Verpasste Leben, fehladressierte Lieben, zerplatze Illusionen: Itay Tiran versammelt Anton Tschechows Personal am Schauspiel Köln in einem konsequenten Nicht-Wohlfühlambiente. Und legt zarte Naturen frei, die sich hinter Ruppigkeiten verschanzt haben. 

Von Andreas Wilink

"Onkel Wanja" in der Regie von Itay Tiran in Köln © Marcel Urlaub

12. Oktober 2025. "Dieses Haus hat etwas Desolates." Sagt Elena, die in die Familie neu eingeheiratete junge Frau. Der Satz bildet das Grundmodell aller Behausungen für Tschechows dramatisches Personal; mal gehört ein Kirschgarten zum Haus, mal liegt es an einem See, mal steht es in einer Garnisonsstadt fern von Moskau.

Am Schauspiel Köln ist das Haus ein Kampfring mit Kanten. Eine Laborsituation: nüchtern karg in der Anmutung. Nicht "Vanya on 42. Street" wie in dem Film von Louis Malle, sondern Wanja im ehemaligen Carlswerk und immer noch Ausweich-Depot. Über die Spielfläche, zur vielseitigen An- und Einsicht eingerichtet zum Karree, ist auf niedriger Höhe ein milchiger Lichtbaldachin gezogen. Die sechs Spielenden verteilen sich auf Sitzkästen, wo sie hocken, liegen, sich fläzen werden. Nichts zum Wohlfühlen – Ausdruck einer möblierten Psyche. Um das Spielfeld herum zieht sich ein Graben.

Warten auf den Aderlass

In "Onkel Wanja" gibt es den Provinz-Arzt, Landmenschen und Städter, die begehrte Frau und die unglücklich Liebende, die Zu-Kurz-Gekommenen und den Erfolgsverwöhnten. Die vier Akte erzählen, wie jedes von Tschechows Stücken, von allem und nichts, davon, wie Zeit verfließt, wie sie sich dehnt, verkürzt, wie sie arretiert und in der Langeweile den Atem anhält. Wanja, der seit 25 Jahren das Gut seines ehemaligen Schwagers, des von ihm bewunderten Schriftstellers, gemeinsam mit dessen Tochter Sonja aus erster Ehe verwaltet, muss erkennen, dass er sein Leben vertan hat und es auf Einbildung beruht.

In der Nacht der Unruhe wird plötzlich Regen fallen und sich über den Köpfen der Personen in der Kunststoffplane Wasser sammeln, das auf seinen Abfluss wartet wie auf einen Aderlass. Erleichterung wird es nicht bringen. In Köln fällt dabei kein Schuss (wie im Stück), stattdessen wird ein Messer gezückt.

Onkel Wanja4 1200 Marcel UrlaubAuf dem Podest der Anbetung: Birgit Unterweger als Elena mit Andreas Beck als Wanja © Marcel Urlaub

Das Symbolische und das Konkrete gehen Verbindung ein in Itay Tirans nahbarer, aufgeraut konzentrierter Inszenierung, die ohne Zubehör auskommt, so dass von Georg Büchner bis Jon Fosse in dem Raum sich alles denken ließe und sich dabei im kollektiven vis à vis den Blicken preisgibt. Die sanfte elektronische Musik von irgendwoher wird abgelöst von der E-Bass, an der die Professoren-Exzellenz hantiert, um dies im Kreisschluss am Ende zu wiederholen, bevor die Frauen und Männer ein melancholisches Sehnsuchtslied träumerisch anstimmen.

Was ist richtig, was falsch?

Die Zerstörung der Liebes- und Ungeliebt-Seins-Krüppel ist ein langsamer Prozess, der sich im Episodischen offenbart. Jede Figur ist gezeichnet und hat ihre zarte Natur hinter dem Ruppigen und Harschen verschanzt.

Der Professor (Uwe Rohbeck) zelebriert seinen Auftritt, nimmt ostentativ seine Sonnenbrille ab, ist wacklig auf den Beinen, aber zackig bei Stimme, die noch auffahrend zu giften versteht. Ein geschrumpfter Despot nach der Magerkur, die auch ihm das Leben bereitet. Dagegen die pralle Fülle von Wanja (Andreas Beck), der schlaff in sich zusammensackt, in Sandalen durch den niedrigen Wasserlauf schlappt und mit Boy George greint "Do you really want to hurt me". Elena, die junge Herrin (Birgit Unterweger), steht in ihren Pumps auf dem Podest der Anbetung, biegsam und sich wiegend und ihr Unglück in großformatige Worte und Gesten kleidend, von denen sie weiß, wann sie und dass sie falsch sind. Aber was ist richtig, was falsch? – das Leben kennt einzig Mischverhältnisse.

Onkel Wanja2 1200 Marcel UrlaubZwischen Sentiment und heiterer Ironie: Uwe Schmieder als Kinderfrau mit Uwe Rohbeck als Astrow © Marcel Urlaub

Welche Küsse sind die echten und wahren: der, den Sonja, die sich schmal hält, in ihrer Existenz mehr sich hängen lässt als aufrecht steht und die ihre im Schoß liegenden Hände gern rühren möchte (Lavinia Novak), dem Arzt Astrow geben möchte und dessen Angebot dieser elastisch verzweifelte Bursche (Frank Genser) flieht; oder der, den Sonja dann innig suchend ihrer Stiefmutter Elena gibt; oder aber die beiden lang andauernden, die Elena und Dr. Astrow tauschen?

Rinnsal aus porösem Regendach

Auch wenn die Aufführung nicht bis zum Äußersten geht, wo dann das Spiel – denken wir an die Tschechow-Abende von Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff, Thorsten Lensing – in der und aus der Doppelspannung von Identität und Distanz strapaziert wird. Die Illusionsmaschine, die bei Tschechow ihre Arbeit verrichtet und außer Betrieb gerät, bringt Itay Tiran dennoch feinfühlig in Gang. Vielleicht ist die alte Kinderfrau, das geschlechtslose Faktotum (Uwe Schmieder), in seiner rührend dienstbaren Art diejenige, die am entschiedensten zwischen Sentiment und heiterer Ironie schwankend sich bewegt und deren Grenzen aufhebt.

Der sternensatte Himmelssegen, den sich Sonja doch nur herbeifantasiert, ist in Köln ein Rinnsal aus einem porösen Regendach und bildet bloß eine Pfütze.

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Itay Tiran, Bühne und Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Musik: Dori Parnes, Dramaturgie: Lennart Göbel.
Mit: Andreas Beck, Frank Genser, Lavinia Nowak, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Birgit Unterweger.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau

Itay Tiran "versucht zum Glück gar nicht erst, dem Stück eine neue Interpretation, oder aktuellen Bezug aufzupfropfen. Stattdessen seziert er es auf das Wesentliche, benötigt nur knapp 90 Minuten, um das gesamte Panorama des ungelebten Lebens, um Millionen zerstörter Illusionen aufzufächern", schreibt Christian Bos anerkennend im Kölner Stadt-Anzeiger (13.10.2025). Ein feiner "Onkel Wanja" sei das, "grausam, witzig, erschütternd, weil es ja auch unsere Träume sind, die hier wie Regentropfen zerplatzen".

"Als Feel-Good-Stück kann man sie wahrlich nicht bezeichnen. Trotzdem schafft es das Ensemble immer wieder, für Momente der Verbundenheit, der Hoffnung und des Humors in der Tristesse zu sorgen", schreibt Carolin Raab in der Kölnischen Rundschau (13.10.2025). "Dass man als Zuschauer angesichts von so viel Weltschmerz nicht selbst verzweifelt, liegt vor allem daran, dass das sensibel agierende Ensemble es immer wieder schafft, die Traurigkeit des tschechow'schen Stoffs zu durchbrechen."

"Mit diesem auf anderthalb Stunden gerafften Abend stellt sich Itay Tiran dem Kölner Publikum mit einem kompakten Tschechow vor. Mit nahbaren Figuren, die unter dem reißenden Foliendach, auf das zuvor der Regen niederprasselt, bald wortwörtlich in der Traufe stehen", schreibt Martina Jacobi in der Deutschen Bühne (13.10.2025). "Eine Lebensrealität so deprimierend, die einem unangenehm aus dem kleinkarierten Bühnenquadrat entgegenprallt. Viel kann in der reduzierten Kulisse nicht passieren. Das ist alles trostlos, schwarz, unangenehm gelangweilt und voller lascher Lebensunfreude."

 

Kommentare  
Onkel Wanja, Köln: Instrumentenkunde
Eine grandiose Inszenierung, da stimme ich zu.

Das Instrument ist jedoch ein E-Bass, atmosphärisch nicht zu unterschätzen dieser Unterschied.

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(Anm. Redaktion. Liebe*r Malchus Giersch, vielen Dank für den Hinweis, den wir direkt eingearbeitet haben.)
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