Planet der Pantomime

1. November 2025. Herbert Fritsch malt in seiner ersten Kölner Inszenierung seit 13 Jahren ein abstraktes Theatergemälde aus den Farben Schwarz, Rot, Weiß. Ohne Worte und (fast) ohne Sinn. Aber mit revolutionärem Anspruch.

Von Max Florian Kühlem

Herbert Fritsch macht "Rabatz!" am Schauspiel Köln © Marcel Urlaub

1. November 2025. "Aufruhr, Krawall, Lärm, Randale, Spektakel, Tumult, Unruhe, Aufstand" schlägt das digitale Wörterbuch als Synonyme für das Wort "Rabatz" vor. Das Programmheft verweist auf das Verb "rabatzen", das vom polnischen "rąbać" abstammen könnte, oder aber die Streckform zu einem der deutschen Verben "ratzen" oder "ranzen" sei (balgen, herumtoben, brünftig sein). "Das passt zum Theater, dieses brünftige Herumtoben, das kindliche Balgen", schreibt Dramaturgin Sabrina Zwach im Programm. Die Sache ist nur: Im laut Untertitel "komischen Abend von Herbert Fritsch und Ensemble" wird eigentlich kaum herumgetobt oder gebalgt. Das gemächliche Treiben auf der Bühne wirkt eher, als hätte man etwas gehemmte Pantomime-Spieler auf einem unbekannten Planeten ausgesetzt.

Die Erben der Dada-Sinnfreiheit

Es gibt diese Theaterabende, die jenseits der Worte eine Welt eröffnen, von der wir noch nicht wussten, dass wir sie schon ein Leben lang in uns tragen. Herbert Fritschs "Rabatz!", seine erste Kölner Inszenierung seit 13 Jahren, gehört nicht dazu. Irgendwann verliert man die Lust daran, einen Sinn im Bühnengeschehen zu suchen, weil es sich wohl in erster Linie im Sinne der Dada-Bewegung einem Sinn verschließen, keiner herrschenden Logik gehorchen will. Da stellt sich die Frage, ob es überhaupt Sinn ergeben kann, auf einen solchen Abend mit einer regulären Theaterkritik zu reagieren, einer Textform also, die doch immer die Einordnung sucht, den Sinn, die gerne erklären, aufschlüsseln will.

Im Rotlicht-Metier: Das Kölner Ensemble spielt in Kostümen von Herbert Fritsch und Flavia Stein, im Lichtdesign von Voxi Bärenklau © Marcel Urlaub

In den ersten Minuten dürfen Requisiten und Technik einmal ganz zu sich selbst kommen. Ein schwarzer Kubus, oder vielleicht ist es auch ein Zelt, bewegt sich über die Bühne. Dazu gesellt sich ein Scheinwerfer auf einem fahrenden Podest. Er kann sich scheinbar frei bewegen, mit seinem Lichtpunkt wie mit durchdringenden Blicken die Gegend absuchen, den Blick heben und senken, in Kontakt treten. Der schwarze Kubus lässt an die Kaaba in Mekka denken, an die rätselhaften Stelen, die in Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" auf allen Zeitebenen auftauchen. Oder ist es eine stilisierte Jurte eines nomadischen Volks? Das schwarze Ding auf der roten Bühne (alles ist hier entweder schwarz oder rot, nur Schminke weiß) jedenfalls gebiert sieben Figuren mit weiß geschminkten Gesichtern nach Art der Pantomimen oder Clowns. Es kann die Sieben auch wieder aufnehmen oder einfangen.

Welt, bleib mir fern!

Auch wenn der Essay der Dramaturgin im Programmheft unbedingt diese Assoziation nahelegen möchte: Wie eine Revolte oder Revolution wirkt das wortlose Geschehen eben nicht. Eher wie eine in sich verkapselte Welt, in der man die Möglichkeiten, zu Lauten und Bewegungen zu finden, spielerisch entdeckt.

Aber dann soll dieses Treiben auch noch eine Reaktion auf die schwierige Gegenwart sein: "Während draußen die Welt in Flammen steht – politisch, ökologisch, digital überhitzt – dreht Fritsch die Lautstärke hoch und den Sinn aus." Dabei ist Herbert Fritsch doch eine der letzten Hoffnungen, im Theater einmal in Ruhe gelassen zu werden mit der anstrengend krisenbehafteten Welt von draußen. Wie schön könnte es sein, das Treiben dieser sieben Figuren als tapsig-absichtslose Kunst-Kunst jenseits von Bedeutung oder als Reaktion auf irgendwas zu denken.

Out of Maschinentakt

Andererseits macht es auch vom handwerklichen Aspekt her nicht immer Spaß, zuzuschauen. Die Menschen auf der Bühne sind eben keine Pantomime oder Physical-Theatre-Absolvent*innen, sondern Schauspieler*innen. Sie folgen zwar einem Takt, der über die gesamten 75 Minuten erklingt und manchmal an ein Metronom erinnert, manchmal an Schritte auf einem Flur oder einer Treppe, manchmal an Trommelschläge. Trotzdem wirken ihre Bewegungen nicht immer präzise getimt oder choreographiert. Wenn das ein abstraktes Theatergemälde sein soll, dann gibt es sozusagen Schwierigkeiten bei der Komposition.

Für einen "komischen Abend" wird in diesen 75 Minuten wenig gelacht. Es wird auch wenig gestaunt oder geraunt, es schlagen keine assoziativen Funken. Wie immer bei Fritsch ist auch die Applausordnung komplett durchinszeniert, sie folgt weiter dem Maschinentakt und ist offenbar für einen großen und lang anhaltenden Schlussjubel geplant. Der fällt zumindest bei der Premiere allerdings eher höflich-schmal aus. "Ich bin kurz eingenickt", gesteht der Sitznachbar. Ja, auch 75 Minuten können lang sein.

Rabatz!
ein komischer Abend von Herbert Fritsch und Ensemble
Regie, Bühne, Kostüm: Herbert Fritsch, Lightdesign: Voxi Bärenklau, Ton: Frank-Keno Mustroph, Dramaturgie und Einstudierung: Sabrina Zwach, Mitarbeit Bühne: Olga Steiner, Mitarbeit Kostüm: Flavia Stein, Steuerung Lichtfreifahrer: Jan Junghardt sowie Léonard Bourrecoud. Mit: Jonas Dumke, Elias Eilinghoff, Sebastian Grünewald, Christopher Nell, Katharina Schmalenberg, Julia Schubert und Steffen Siegmund.
Uraufführung am 31. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau 

"Wo bleibt denn der versprochene Rabatz?" ist Christian Bos' Kritik im Kölner Stadtanzeiger (3.11.2025) überschrieben. Die "kraftvolle, chaotische, anarchische Energie", die Dramaturgin Zwach in ihrem Programmheft-Essay beschwört, suche man vergebens. "Zum unbarmherzigen Takt eines Metronoms wackeln die sieben Abstrahierten durch den suprematistischen Raum." Aber man vermisst hier entschieden die Spannkraft. "Wo der Abend pulsieren sollte wie ein Sharon-Eyal-Tanz, verläppert er, der große Knall bleibt aus."

Zwischen Dada und Gaga pendle der Abend, so Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (3.11.2025). "Der Aufstand wird hier allerhöchstens geprobt, bleibt aber weit davon entfernt, in die Tat umgesetzt zu werden." Denn dafür müsste man erst einmal wissen, wogegen protestiert werden soll. "Das Ensemble scheint seinen Spaß zu haben." Allein, hinter ihre Masken könne das Publikum nicht blicken, da sie selbst beim Verbeugen noch in ihren Rollen verharren. Am Ende "fröhlicher Premierenapplaus für einen sinnfreien Abend."

Kommentare  
Rabatz, Köln: Muskelkater
Trotz großer Vorfreude am Ende der Uraufführung: Frust! Nichts ist komisch ... die Aktionen wirken beliebig .....und nach dem Schlussapplaus bleibt nur eine Frage: Haben die Schauspieler einen Muskelkater?
Rabatz, Köln: Leider nichts
Vielen Dank für die Kritik, hilft sehr! Den wir gingen gestern ratlos, lustlos und ein wenig gelangweilt aus der Premiere. Beim anschließenden Wein im "Offenbach" fehlte uns das versprochene "komödiantische" und unter "Rabatz" stellten wir uns was ganz anderes vor. Leider nichts von "Murmel, Murmel" oder der legendären Fritsch-"Nora" in Oberhausen. Schade.
Rabatz, Köln: Weggedämmert
Ich kann meinen Vorrednern und dem letzten Absatz der Kritik nur zustimmen: es war langweilig, uninspiriert und überhaupt nicht komisch. Um mich herum sind etliche Zuschauer weggedämmert und hinter mir war sogar leises Schnarchen zu vernehmen. Und das der Regisseur zu seiner „Uraufführung“ nicht einmal zum Verbeugen erscheint, spricht auch Bände.
Rabatz, Köln: #3 Korrektur
Lieber #3 Justus, kleine Korrektur. Ich habe Herbert Fritsch am Schlussapplaus gesehen, in der Mitte mit Sakko.
Rabatz, Köln: Einst
Herbert Fritsch hatte einst Bilder geschaffen, die von großer Opulenz lebten und von Kostümen, die man so nicht kannte. Nun ist er selbst Kostümbildner und das Ergebnis ist sichtbar, spürbar, uninspiriert.
Rabatz, Köln: War er? War er nicht?
@Nachtkritik: Habe ich mich tatsächlich so getäuscht und der Regisseur war beim Schlussapplaus auf der Bühne?

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Ja, lieber Justus, er war! Herbert Fritsch kam einmal kurz mit aus dem schwarzen Haus. (Der Herr in der Mitte mit Sakko war allerdings Voxi Bärenklau.) Herzliche Grüsse aus der Redaktion.
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