V13. Die Terroranschläge in Paris - Schauspiel Köln
Die Trauernden, die Wütenden und die Verlorenen
14. November 2025. Im November 2015 wurden an fünf Orten gleichzeitig in Paris fatale Terroranschläge verübt, zu denen sich der "Islamische Staat" bekannte. Für das Nachrichtenmagazin Le Nouvel Obs schrieb der Schriftsteller Emanuelle Carrère 2022 eine Reportage über den Prozess gegen die Attentäter. Am Schauspiel Köln bringt ihn Stephan Kimmig als Teil des Schwerpunkts "Journalismus und Theater" auf die Bühne.
Von Cornelia Fiedler
"V13. Die Terroranschläge in Paris" von Emmanuel Carrère (Regie: Stephan Kimmig) am Schauspiel Köln © Birgit Hupfeld
14. November 2025. 130 Menschen wurden vor zehn Jahren in Paris ermordet, 683 verletzt: am 13. November 2015 bei einem Rockkonzert im Club "Bataclan", auf den Terrassen vor insgesamt fünf Cafés und Bars, vor den Toren des voll besetzten Stade de France. Die Attentäter töteten im Namen des "Islamischen Staats". An die Nacht, die Frankreich verändert, und den Prozess, der sechs Jahre später versucht hat, das monströse Geschehen juristisch zu bewältigen, erinnert das Schauspiel Köln mit der Uraufführung "V13. Die Terroranschläge in Paris".
Rekonstruktion der Tatnacht
"V13" steht für "vendredi 13". Der Tattag war ein Freitag, der 13. Und es ist auch der Titel der Reportage, die der Schriftsteller Emmanuel Carrère über den neun Monate dauernden Terrorprozess in Paris geschrieben hat. Es ist ein ungewöhnliches Buch, weil Carrère Tag für Tag als glaubwürdig Suchender in den Gerichtssaal geht. Er stellt sich und anderen Prozessbeobachter*innen existenzielle Fragen und blickt mit einer erstaunlichen Unvoreingenommenheit auf alle, die hier zu Wort kommen: Auf Trauernde, Wütende, Verlorene und Zerstörte ebenso wie auf Expert*innen, Anwält*innen und Polizeibeamte, aber eben auch die zwanzig Terroristen und Helfer*innen.
Auf der Bühne im Kölner Depot 1 stehen die Zeichen dann eher auf Empörung, zumindest ist das der Grundton, den die beiden Spieler*innen in der Uraufführung von Stephan Kimmig anschlagen. Auf drei Seiten von Publikum umrahmt starten Claude De Demo und Paul Grill die Rekonstruktion der Tatnacht als, ja, was genau? Grill schlägt vor, als "Annäherung? Versuch? Research? Miteinander-Herausfinden?". Sie fragen, lesen vor, schlüpfen in Rollen, berichten. Die Spielhaltung wechselt zwischen theatraler Forschung, Streit, öffentlicher Auseinandersetzung und Reenactment.
Wer spricht hier?
Dabei bleibt unklar – und das ist zunehmend irritierend –, wer hier eigentlich spricht, und warum. Statt der freundlich humanistischen Unvoreingenommenheit, mit der Carrère allen Prozessbeteiligten begegnet, wirkt Kimmigs Inszenierung oft in alle Richtungen voreingenommen: Wenn Paul Grill etwa in die Rolle des jungen Arabistik-Professors Hugo Micheron springt, der vor Gericht als Experte aussagt, werden Tonfall und Haltung betont schnöselig. Heißt das, er ist nicht qualifiziert? Er hat für seine Forschung immerhin über hundert Dschihadisten interviewt. Zunächst liefert er einem kurzen Abriss über die Ausrufung eines "Kalifats" durch die dschihadistische Miliz "Daesch" beziehungsweise "Islamischer Staat" 2014 in Teilen Syriens und des Irak. Dort haben viele der Attentäter von Paris das Foltern und Töten gelernt.
Als er, um die ideologische Dimension des Kalifats zu verdeutlichen, kurz auf das Osmanische Reich eingeht, unterbricht ihn De Demo wütend: "Alles, was ihr über uns Dschihadisten sagt, ist, als würdet ihr nur die letzte Seite eines Buchs lesen!" Das Zitat stammt von dem Hauptangeklagten Salah Abdeslam. Im realen Prozess fiel es allerdings nicht als Reaktion auf den Experten, der doch gerade im Buch zurückblättern will, sondern schlicht als Statement zum Prozessbeginn.
Bedrückendes Gesamtbild: Paul Grill und Claude de Demo © Birgit Hupfeld
Während Carrères Buch der Prozesstruktur folgt, zuerst die Geschädigten, dann die Beschuldigten, dann die Entscheidung des Gerichts, setzt Kimmig im ersten Teil auf überfordernde Vielstimmigkeit und dramaturgische Sprünge: vom Blutbad im Konzertsaal des Bataclan geht es zu den Biografien der Angeklagten, zu Carrères Gedanken über Täterkinder und -eltern, zum Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich im Stade de France, und weiter zur Frage, warum im Fall des Daesch Propaganda attraktiv wirkt, die nicht etwa ein gutes Leben verspricht, sondern nacktes Grauen und Tod.
Späte Wut
Nach gut einer Stunde Hochdruckerzählens wird es plötzlich ganz ruhig. De Demo steht mit einem Mikrofon hinten rechts an der Bühnenwand und spricht leise die Aussage einer Überlebenden, der jungen Architektin Maia. Sie wurde im Kalaschnikow-Feuer auf die Bar "Carrillon" schwer verletzt, Kugeln zerfetzten ihre Beine. Ihr Partner und zwei Freund*innen starben. Es tut gut, ihr in Ruhe zuhören zu können, auch wenn weniger psychologisches Spiel hier mehr gewesen wäre.
Problematisch wird das emotionale Reenactment der Zeugenaussagen, wenn Nebenkläger Patrick auftritt. Seine Tochter wurde von den Terroristen ermordet, und er ist der Einzige, der im Prozess wagt, wirklich wütend und voller Hass zu sprechen. Grill spielt ihn als geifernden Gorilla, der mit erhobenen Fäusten und verzerrtem Gesicht das Publikum angeht. Während Patrick im Buch durchaus empathisch geschildert wird, als einer, aus dem eben all das herausplatzt, was die anderen Überlebenden und Prozessbeobachter*innen mühsam unter Kontrolle halten, wird er hier vorgeführt.
Tauchgang auf Instagram
Als Auftakt zum Schwerpunkt "Theater und Journalismus" ist Kimmigs Inszenierung schwierig. Sie mischt Fakten, Emotionen und Meinung zu einem bedrückenden, stressigen Gesamtbild, das mehr von einem Tauchgang auf Instagram hat als von journalistischer Arbeit.
V13. Die Terroranschläge in Paris
Gerichtsreportage von Emmanuel Carrère
Deutsch von Claudia Hamm
Uraufführung Regie: Stephan Kimmig, Dramaturgie: Viola Köster, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Anja Rabes, Videoart: Jan Isaak Voges, Sounddesign: Michael Verhovec, Lightdesign: Michael Gööck
Mit: Claude De Demo, Paul Grill
Premiere am 13. November 2025
2 Stunden, keine Pause
www.schauspiel,koeln
Kritikenrundschau
"Es ist, als solle die Ratlosigkeit angesichts des scheinbar sinnlosen Mordens in eine möglichst unstringente Struktur überführt werden," beschreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (14.11.2025) seinen Eindruck. Auch technisch glücke nicht alles: "Die Kameras, die Livebilder der Protagonisten zur Projektion auf die riesige Sperrholzrückwand übertragen sollen, versagen zwischendurch den Dienst. Kein großer Verlust, der Wirkung von Carrères nüchternem Text fügt die digitale Doppelung ohnehin nur selten Substanzielles hinzu." Manches am Schauspiel wirkt auf ihn "wie aufgepfropft". Dass er trotz aller unsicheren Stilmittel am Ende doch ergriffen und erschüttert zurückbleibt, verdanke der Abend "Carrères ungeheuer starkem Text, der sogar in Auszügen beweist, wozu exzellenter Journalismus in der Lage ist."
"Der Abend krankt an Unschärfen," schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (15.11.2025). "Nach knapp zwei Stunden steht man auf und ist letztlich keinen Deut schlauer. Denn man hat nichts erfahren, was man, wenn man sich für die Thematik interessiert, nicht vorher schon wusste." "Keine Frage, das Gehörte packt, berührt, regt auf. Keine Frage: Hier gibt es nichts zu diskutieren, alle sitzen im selben Boot, es bleiben keine Fragen nach Schuld oder Sühne offen. Und Claude De Demo und Paul Grill widmen sich den Texten mit Hingabe. Der einhellige Premierenapplaus überrascht also nicht."
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Wieso Kimmig die Chronologie auch noch durcheinander wirbelt; ein Rätsel.
Der Roman ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was sorgsamer, unvoreingenommener neugieriger Journalismus leisten kann.
Wie kann man nur so leichtfertig daneben greifen...