Der Gipfel - Ruhrfestspiele Recklinghausen
Leise fleht's vom Zauberberg
2. Juni 2025. Christoph Marthaler ist der Großmeister der theatralen Weltverlorenheit. Bei den Ruhrfestspielen schickt er seine Seilschaft diesmal auf eine Berghütte jenseits tragender Sinnzusammenhänge. Es wird palavert, sauniert und gejodelt. Bis es kein Entkommen mehr gibt.
Von Andreas Wilink
"Der Gipfel" von Christoph Marthaler bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen © Matthias Horn
2. Juni 2025. Sigmund Freuds Rat für sich und die Menschen im Ersten Weltkrieg lautete: "ein Pessimismus ohne Verbitterung". Angesichts gegenwärtiger Katastrophen, Kriege, Konflikte und Krisen scheint einem dieses therapeutische Hilfsangebot noch ambitionierter.
Als künstlerische Position jedenfalls kann es richtig und produktiv sein. Und scheint es nicht Programm für Christoph Marthalers Weltvermessungen im Kleinen? Der Begriff des "Weltverlorenen", der Marthalers Möglichkeitsmenschen umweht, hat zwei Aspekte: der Welt verloren und verlorene Welt. Aus diesem Geist formt und belebt er seine sechs abgelegten Menschen, die nicht Gipfelbezwinger, sondern Gipfelbezwungene sind.
Der letzte Seufzer
Aus dem Fußboden der aufgeschnittenen Blockhütte, spartanisch-praktisch möbliert mit Etagenbett, Tisch, Bänken und einer Truhe und als Bühne (Duri Bischoff) behelfsmäßig und nicht so suggestiv wie Anna Viebrocks Filialen des Schicksals (was aber wohl so sein soll) lugt eine Bergspitze hervor, weniger das letzte Ende als vielmehr der letzte Seufzer des Felsgesteins.
Ein Miniatur-Lastenaufzug, der im Verlauf weitere Utensilien transportiert – darunter eine Madonnenfigur, Feuerlöscher oder Atemgeräte, man weiß es nicht genau – liefert (bis auf Lukas Metzenbauer, der aus einer Klappe purzelt) fünf Leute ab. Zünftige große Buben und Madln, folkloristisch gerüstet für die Alpen, die offenbar die österreichischen darstellen sollen. Sie wirken wie konservierte Objekte aus dem Naturkundemuseum.
Zunächst schweigen sie, bis sie die sinfonische Melodie aufnehmen, die die Harmonika vorgibt. Aber an diesem Abend im Kleinen Festspielhaus Recklinghausen flehen die Lieder weniger, dafür macht es mehr Worte: Palaver, Zwiegespräche mit Gott und Hadern mit der obersten Instanz, Verneinen der Theorie kommunikativen Handelns. An und für sich vernünftige Mitteilungen, Äußerungen und Hinweise werden entlarvt und in Sprachakte des Nonsens verwandelt.
Unbehaust trotz Dach: Multifunktionale Bühnenhütte von Duri Bischoff @ Mathias Horn
Anfangs blättern die Sechs in Aktenordnern und sondern rudimentäre Sprachverständigungskürzel ab: Yes and No, Ja und Nein, aber, but und mais (das sich anhört wie määäh). Dann tauschen sich die Hüttengäste über Fuschl und Ischl aus wie luxusverwöhnte society people und Freizeit-Enthusiasten und schütten sich vor Lachen schier aus angesichts ihres bornierten Smalltalks. Übrigens vielsprachig in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Ein europäischer Chor. Eine Europäische Gemeinschaft, die ihre possenhaft anekdotischen, skurrilen und spleenigen Kabinettstückchen aufführt.
Durchschlagende Wirkungslosigkeit hoher Meetings
Was hat die sechs Personen auf diesen anderen Zauberberg verschlagen und zu welchem Zweck? Was sind das für Gerettete oder Verlorene, Gefährder oder Gefährdete, Aktivposten oder Restmenschen und Überbleibsel? Ungewissheit über ihre Identität begleitet uns.
Nach einer Weile kleidet die Gruppe sich erstmals um, wickelt sich in Badetücher und lässt Dampf ab: Der Holzbau wird zur Sauna. Nicht die letzte Mutation. Demnächst tragen die Damen Abendroben, Pelz und Schmuck, die Herren Gesellschaftsanzug und üben sich in rhetorischen Ritualen, Phrasen, Floskeln der Konvention, die sie chaplinesk und artistisch lautmalerisch ad absurdum führen.
"Gipfel" meint noch etwas anderes: Staats- und Regierungschefs treffen sich zu Gipfeln, Beratungen, Konferenzen, Entscheidungsfindungen von globalem Ausmaß über Wohlstand und Wehe, Krieg und Frieden. Dürfen wir von hochrangigen Meetings mehr erwarten als ihre durchschlagende Wirkungslosigkeit?
Wenn Tun und Sterben umsonst ist
Das Störgeräusch eines sich nahenden Helikopters scheucht die Frauen und Männer auf, die den Einbruch der Wirklichkeit mit einem kollektiven Jodler überstimmen. Es ist nun, als würde die Almhütte zum Panic Room, in dem Verzweifelte wie Graham F. Valentine der Bedrängnis Ausdruck geben. Der Fluchtpunkt kommt ihnen teuer zu stehen, da können sie sich noch so sehr trainieren, disziplinieren und mit Skistöcken hantieren, ein ums andere signalrote Hilfsgerät aufblasen oder mit dünnem Gesang Mozarts sehnsüchtiges "Soave sia il vento" zu Gehör bringen. Jedoch, die Elemente sind nicht freundlich und friedlich.
Wir hören, dass die Zu- und Ausgänge zum Tal gesperrt sind, auf Jahre. Der Versorgungsaufzug schickt wollene Wäsche herauf. Was bleibt ihnen? Lauter letzte Worte. Eine Archäologie der Epitaphe. So werden sie Verpackungskünstler, die den schrundigen Buckel des Berggipfels in wärmende Decken hüllen. Eine Ersatzhandlung, wenn alles Tun und Streben umsonst ist. Das ist die von Bitterstoffen nicht ganz bereinigte, verschmitzt pessimistische Botschaft des sanften agent provocateur Marthaler.
Der Gipfel
von Christoph Marthaler
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Make-up und Perücken: Pia Norberg, Licht: Laurent Junod, Sound: Charlotte Constant, Musical Repeaters: Bendix Dethleffsen, Dominique Tille.
Mit: Liliana Benini, Charlotte Clamens, Raphael Clamer, Federica Fracassi, Lukas Metzenbauer, Graham F. Valentine.
Premiere am 1. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.ruhrfestspiele.de
"Bedrückende Härte" gibt im Andreas Klaeui im SRF (19. Mai 2025) von der Uraufführung im Schweizer Lausanne zu Protokoll. Doch es gebe aber auch tröstliche Momente - "so wird die Musik überhaupt ein gemeinsamer Raum, in dem die Menschen sich treffen, also etwas weiter gefasst: die Kunst als Modell. Und das ist natürlich eine eminent politische Aussage in Zeiten, in denen die Politik in schon geradezu grotesker Weise die Unmöglichkeit vorführt, miteinander zu reden, und dabei zugleich der Kunst an allen Ecken und Enden die Luft abschneidet."
"Mehr als bei Marthaler sonst üblich erweckt dieser Theaterabend den Eindruck, der Regisseur habe sich ein wenig ziellos treiben lassen von seinen Einfällen und Assoziationen und den Talenten seines großartigen Ensembles", schreibt Hubert Spiegel in der FAZ (2. Juni 2025).
"Hat er sich ein Mal zu viel bedient aus seinem Bauchladen altbekannter Regie-Zutaten? Oder hat Marthaler schlicht vergessen, wie man damit kocht?," schreibt Lars von der Gönna in der WAZ (2.2.2025). "Wer sieht schon gern Kratzer an einem Denkmal? Ein paar eingefleischte Fans in seinem Alter versuchten es Sonntagabend mit Jubelrufen für Christoph Marthalers jüngstes Stück. Es half nichts: Der Applaus bei der Premiere in Recklinghausens Festspielhaus blieb von trockener Kürze."
"Das Ensemble des mittlerweile 73-jährigen Christoph Marthaler, der immer wieder neue Gipfel seiner Schaffenskraft erreicht, spielt mit den multiplen Assoziationen," schreibt Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post (3.6.2025). Immer wieder gebe es nach Marthaler-Stücken Menschen, "die darüber klagen, dass es keine Handlung, keinen Spannungsbogen gab." Das sei auch bei „Der Gipfel“ nicht anders. Doch eigentlich handelt auch dieses Stück von ganz großen, existenziellen Themen. Es umkreist sie mit den Mitteln einer Theaterkunst eigener Kategorie – ohne sie je ganz einzufangen."
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Christoph Marthalers „Der Gipfel“: Eine alpine Farce über Europa, Kommunikation und kollektives Scheitern gastiert auf dem „Kampnagel Sommerfestival 2025“.
Ein Gipfeltreffen ohne Agenda. Sechs Menschen, sechs Sprachen, kein Fortschritt. Marthalers „Gipfel“ ist ein bitter-komisches Theater über die Farce politischer Entscheidungsprozesse, das Sprechen ohne Inhalt und das Verstummen als letzte Form von Aufrichtigkeit.
Anna Viebrocks Bühne ein Raum zwischen Berghütte, Kongresszentrum und Bahnhofssaal. Ein Ort des Wartens, der Wiederholung, des absurden Gesprächs. Die Figuren wirken wie Delegierte eines vereinten, erschöpften Europas: bemüht, höflich, vergeblich. Sie lernen Wörter wie „ja“, „nein“, „aber“ – in verschiedenen Sprachen. Doch, was gesagt werden soll, bleibt ungesagt. Die Verständigung scheitert - nicht spektakulär, sondern leise, schleichend, fast beiläufig.
Diese Sprachverwirrung ist kein Gag, sondern Diagnose. Marthaler legt den Finger auf die rhetorische Leere politischer Rituale – Gipfeltreffen, Dialogformate, Pressekonferenzen. Sprechen wird zur Simulation von Handlung. Das Theater entlarvt: Es wird nicht mehr entschieden, sondern nur noch formuliert.
Konsequent verweigert das Stück die klassische Dramenstruktur. Es gibt keine Entwicklung, keinen Konflikt. Dafür Sprachfetzen, Phrasen, Warteschleifen. Marthaler destilliert die politische Wirklichkeit auf ihr sprachliches Grundrauschen. Unterstützt wird er dabei von seinem langjährigen Bühnenpartnerin Viebrock, deren Rauminstallation an eine entkernte EU-Zentrale erinnert, in deren Mitte der Felsgipfel ruht.
Wenn Sprache verstummt, beginnt bei Marthaler die Musik. Akkordeonklänge, Gesänge, fragile Harmonien: Die Musik ersetzt nicht nur, sie widerspricht. Sie kommentiert die Ohnmacht der Sprache mit einer leisen, melancholischen Emphase. Der Akkordeonspieler wird zur stillen Hauptfigur – seine Klänge drücken aus, was den Figuren nicht gelingt.
Dabei sind diese Figuren keine Charaktere, sondern Chiffren. Eine Bergsteigerin mit Todessehnsucht. Eine Touristin mit Vitalitätswahn. Ein resignierter Beobachter. Ein agiler Entertainer.
„Der Gipfel“ erinnert an E. Jelinek – nicht durch Textzitate, sondern durch Haltung: das Aushöhlen des Sinns, das Zerlegen der Sprache, das Ausstellen der Sprechakte. Auch Anspielungen auf Paul Celan und historische Abgründe sind da – aber eher angedeutet als konfrontiert, was ambivalente Wirkung erzeugt.
Der Abend ist langsam, eigenwillig. Er fordert Geduld und politisches Denken. Wer nach Handlung sucht, wird enttäuscht. Wer bereit ist, in Sprachlücken zu hören, entdeckt das Porträt politischer Ratlosigkeit.
Marthalers „Der Gipfel“ ist ein langsam verglühendes Gedankenspiel über Sprachverlust, europäische Sprachversuche und die Musik als letzter Sinnträger. Ein Theater der Andeutung, des Wartens, der Verweigerung. Ein Fragment, rätselhaft im Ganzen, schmerzhaft schön im Akkord.
Es ist eine ästhetisch dichte und bewusst unergiebige Reflexion über das europäische Projekt im Zustand der Selbsterschöpfung. Es verweigert Antwort, Richtung, Lösung. Aber in dieser radikalen Verweigerung liegt politische Kraft. Merci & Chapeau!