Der Schein trügt

25. Mai 2024. Charly Hübner ist einer der "entspanntesten und freundlichsten Menschen" (hat er selbst in der Zeitung gelesen). Und obendrein ein Ausnahmeschauspieler. Einer, der Shakespeares "Hamlet" im Alleingang stemmt. Oder doch nicht Shakespeares?

Von Martin Krumbholz

Charly Hübners "Late Night Hamlet" bei den Ruhrfestspielen © Thomas Aurin

25. Mai 2024. Hubertus Schein aus Göttingen, so stellt er sich vor, der krawallige Typ mittig in der ersten Reihe, der sich da zum Sprecher des zahlreich erschienenen Festivalpublikums macht. Er ist wegen Charly Hübner hier, aber der Star des Abends hat abgesagt, so scheint es dem Schein, dessen Namen auf dem Besetzungszettel man vergeblich sucht, und so ahnt man, ja man glaubt zu wissen, dass dieser schwarzperückte Typ in der ersten Reihe am Ende doch Charly Hübner himself ist, der von Bühne, Film und Fernsehen her sehr bekannte und geschätzte Schauspieler, der auch gleich auf die Recklinghäuser Bühne stürmen und sich selbst spielen wird, Charly Hübner eben. Gottlob. Aufatmen. Applaus.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Es gibt noch einen anderen Hübner, Kurt, Intendant und Regisseur, der eine intime Beziehung zu Shakespeares "Hamlet" hatte, aber das ist eine andere Geschichte, die zu erzählen hier der Raum fehlt. Charly Hübner aus Neustrelitz in Mecklenburg also, in einem Abend betitelt: "Late Night Hamlet. Ein Solo mit Charly Hübner", ein Abend, dem sonderbarerweise der Autor fehlt. Denn Shakespeare ist es natürlich nicht, es handelt sich um eine Art Überschreibung, ein Solo eben, im Grunde muss das genügen. Ein Solo. Ein Solo mit Charly Hübner, und deswegen sind die Leute auch ins ausverkaufte Festspielhaus gekommen.

Auf dem Zettel steht dann noch: Regie: Kieran Joel, das ist jemand, der mehrfach im Stück namentlich genannt wird, der auch mehrfach anruft und sich einmischt, auf dem Late-Night-Tisch steht ein altes schwarzes Telefon. Kieran Joel scheint so eine Art Geisterautor dieses Abends zu sein, so muss man es wohl verstehen, keine Rede davon, dass Hübner, Charly Hübner, sich seinerseits eingemischt und als Co-Autor in seinem Solo fungiert hätte. Was natürlich trotzdem der Fall sein kann.

Totengräber neben Tatort: Charly Hübner gibt alles für seinen "Late Night Hamlet" © Thomas Aurin

Leider will der Sprung auf die Metaebene an diesem Abend ganz und gar nicht gelingen. Zu kraus, zu beliebig, zu trivial ist das, was dem ungenannten Autor zu Shakespeare und zu dessen berühmtestem Stück einfällt, es bewegt sich allenfalls auf dem Niveau eines Abituraufsatzes: Fragen nach Schuld und Sühne, nach der multiplen Persönlichkeit des Hauptcharakters, nach der Wahrscheinlichkeit eines Geisterauftritts, nach der Tatsache, dass Onkel Claudius offenbar ein "Arschloch" ist. (Naja, so ein Ausdruck dürfte in einem Abituraufsatz natürlich nicht fallen, die Abiturkommission würde an den Rand schreiben: unangemessen, unterkomplex oder dergleichen.)

Der Kommissar lässt die Herzen höher schlagen

Was die szenischen Mittel betrifft, hat man das Gefühl, der Protagonist springe in einer Art Panik von einem Instrument zum nächsten, um nur ja nicht zu ermüden und zu langweilen. Mal stellt er sich ans unvermeidliche Standmikro und monologisiert, dann setzt er sich an den Late-Night-Tisch, haut auf die rote Schelle, die die künstlichen Lacher auslöst und veranstaltet irgendein Quiz ("Warum hasse ich Polonius so sehr?"), er lässt sich eine Lederjacke reichen und schlüpft in die Rolle eines Tatort-Kommissars (was die Leute im Saal besonders entzückt), er streift sich ein klassisches Hamlet-Wams über, um darin mächtig zu schwitzen – und so weiter.

Ein bisschen verrannt

Doch gerade das ist ermüdend und langweilig. Denn offenbar hat dieser Abend keine klare und definierte Form gefunden. Hübner schwitzt und strengt sich an, er zieht die Sache keineswegs mit der linken Hand durch, das ist ehrenwert, aber es rettet nichts. Einmal fragt er: "Was sagt denn die Presse dazu?", schlägt eine Zeitung auf, zitiert, so ungefähr: "Charly Hübner ist einer der entspanntesten und freundlichsten Menschen", rümpft die Nase. Das ist der komödiantische Höhepunkt der Show. Weil es vermutlich ja auch stimmt. Wenn schon kokett, dann richtig kokett.

Wenn ein entspannter und freundlicher Mensch wie Charly Hübner sich mit einer Hamlet-Satire ein bisschen verrennt, ist das schade, aber auch nicht weiter tragisch. Die Leute jubeln ja trotzdem. Stehende Ovationen, wie üblich. Nicht wegen Shakespeare oder Hamlet. Sondern weil Charly Hübner ein entspannter und freundlicher Mensch ist, den alle in Recklinghausen und weit darüber hinaus tief in ihr mütterliches Herz geschlossen haben.

 

Late Night Hamlet. Ein Solo mit Charly Hübner
Regie: Kieran Joel, Bühne und Kostüm: Justus Saretz, Musik: Lars Wittershagen, Licht-Design: Annette ter Meulen, Sound-Design: Hans-Peter Gerriets.
Mit: Charly Hübner.
Premiere am 24. Mai 2024 in Recklinghausen
Kooperation mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Charly Hübner gibt fraglos alles, bis das rosa Hemd am Leibe klebt, schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (27.5.2024). Aber auch er kann nicht allein qua Aura diesen verläppernden Abend zusammenhalten. "Hübner spielt einen etwas prolligen Typen aus dem Publikum (...) Und er spielt Hamlet, der ständig darüber sinniert, warum er all diese Rollen spielen soll, rächender Sohn und hassender Neffe und studierter Feingeist und Narr, und auch noch so eine Art David Letterman mit Schreibtisch." Manchmal sei das wie ein gespieltes Proseminar zur Sekundärliteratur über Hamlet als dramatisches Paradoxon: ständig handelnder Prokrastinator und ständig prokrastinierender Handelnder. Aber das Konzept funktioniere überhaupt nicht. "Alles wirkt wie aus der Grabbelkiste, ein paar jambische Originalzitate hier, eine Harald-Schmidt-Top-Ten-Liste dort."

Mit Stichworten wie "Mindestlohn" und "Wehrpflicht" oder Sätzen wie "Ich bin dafür da, dass Sie in mir Ihr Leben sehen" rutsche diese "Stückentwicklung" in Richtung nicht mehr so ganz so neues deutsches Diskurstheater, so Jens Dirksen in der Westfalenpost (27.5.2024). "Aber dann wird es am Ende doch noch gelingendes Theatertheater, wenn Hübner mit roter Clownsnase zeigt: 'Hinter diesem Vorgang befindet sich das Nichts, die Illusion.'" Aus dem unendlichen Möglichkeitsraum, der darin stecke, mache der Abend ein furios gespieltes, zwinkerndes Drama des Künstlers als zweifelnder Mensch.

"Hübner rockt sein krudes Late-Night-Solo", so Ina Fischer in den Ruhr Nachrichten (27.5.2024). Nicht zu übersehen sei, dass dieser "Hamlet" seine Herzensangelegenheit ist. "So entstand ein spaßiges Werk, das den Fragen unserer Zeit geschickt nachgeht." Weniger Absurditäten und damit auch Längen hätten dem Stück zwar gut getan, insgesamt aber seien die stehend dargebrachten Ovationen verdient.

"Late Night Hamlet“ sei "ein missglückter Abend", so Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.5.2024). Und doch sei es nicht verwunderlich, dass er mit stehenden Ovationen ende. "Sie gelten dem Schauspieler Charly Hübner, der an diesem Abend ein von allzu vielen zu Unrecht nicht verworfenen Einfällen und Assoziationen Getriebener ist.von, mit und für den Schauspieler, dessen wuchtige Präsenz und unvermutete Zartheit manchmal von ferne an ein Inferno namens Ulrich Wildgruber erinnern. Hübner ist der Motor dieses Abends der ungereimten Assoziationen und ruckelnden Übergänge, er rackert, schuftet, schwitzt und leuchtet."

Peter Kümmel von der Zeit (29.5.2024) räumt ein, dass "Late Night Hamlet" kein gutes Stück sei, würdigt aber den Hauptdarsteller, dessen wilde Präsenz das Publikum anstecke. "Sein Spiel hat etwas angenehm Unwirsches, Verdrossenes und Uneitles: Offenbar findet er auf der Bühne keine echte Befriedigung und schon gar keine Erlösung."

 

Kommentare  
Late Night Hamlet, Ruhrfestspiele: Nachvollziehbar
Nach gestrigem Besuch beschreibe ich die Beobachtungen des Rezensenten durchaus nachvollziehbar. Der oberlehrerhafte Impetus ist jedoch bizarr.
Late Night Hamlet, Recklinghausen: Ich hatte mehr erwartet
Ich kann viele Punkte des Autors nachvollziehen und besonders der Punkt „die Leute klatschen ja trotzdem“ trifft es ganz gut. Langatmig, langweilig, kein wirklicher Sinn und belanglos. Unterm Strich war es irgendwie Theater für ältere Menschen, die den Fernsehstar sehen wollten und alle andere egal war… und er hätte eine Stunde über sein Leben erzählen können und die Leute wären euphorisch gewesen und sich lachend auf die Schenkel geklopft. Schade, ich hatte mehr erwartet von einem Darsteller dieser Größe!
Late Night Hamlet, Recklinghausen: Frage nach Kohle
…ja man - wad haben die wohl Kohle für bekommen? Nullnummer.
Late Night Hamlet, Recklinghausen: Auf den Punkt
Sehr geehrter Herr Krumbholz,
großartige Kritik, komplett auf den Punkt. Ihre Kritik ist deutlich prägnanter und mit rotem Faden als das Stück selbst. Jeder Satz passt und beschreibt genau das Gefühl, das ich während und nach der Vorstellung hatte, ohne dass ich das so geschliffen und gerecht hätte formulieren können. Top.
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