Wie hältst Du's mit den Zimmerpflanzen?

11. April 2026. Wo ist Zuhause? Was ist Zuhause? Hanna Frauenrath und Ensemble haben in Wuppertal ein Stück gemacht über die Strukturen oder Menschen, die uns einen Anker in der Welt bedeuten können. Und haben Thesen dazu, was das Einrichtungsverhalten über die Persönlichkeit aussagt.

Von Max Florian Kühlem

"Home Sweet Home" von Hannah Frauenrath in Wuppertal © Matthias Morawetz

11. April 2026. Was Zuhause ist, ist gar nicht so leicht zu sagen, vielleicht wird es sogar immer schwerer. Der Soziologe Hartmut Rosa konstatiert im Interview: "Dieses sichere Gefühl, ich habe einen Anker in der Welt, ist abhandengekommen." Die Autorin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar schreibt in ihrem Buch "Ein von Schatten begrenzter Raum" über ein Gefühl der Ortlosigkeit: "Die Menschen, hinter denen wir hergingen, waren unsere Länder." Wenn sie dem Regisseur Benno Besson nach Paris hinterherreist, erklärte sie folgerichtig: "Ich lebe in Besson, ich wohne in Besson." Interessant also, den Begriff "Zuhause" einmal mit einer Stückentwicklung einkreisen zu wollen.

Vorgenommen hat sich das Regisseurin Hannah Frauenrath im kleinen Theater am Engelsgarten in Wuppertal. Der collagierte Abend beginnt mit einer aus dem Off gesprochenen, alternativen Schöpfungsgeschichte: "Und es begab sich, dass der Mensch lebte in einem Hause. In der Mitte des Hauses aber stand ein Tisch." Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist hier das Brot auf diesem Tisch – und als die Menschen es essen, fällt ihnen auf, dass das Zuhause ja sehr begrenzt, dass es nicht die Welt ist.

Wunderbar wandelbar

Fernweh kommt auf, Sehnsucht nach einem Zuhause, das immer woanders ist. Diese Geschichte macht große Räume auf, hier wäre Platz für philosophische Weltvermessungen – die Frage etwa, warum wir uns nicht tatsächlich einfach heimisch fühlen in der Welt. Ob ein Zuhause in uns selbst zu finden nicht zwangsläufig auch ein Ankommen an jedem beliebigen Ort mit sich bringen würde. 

home sweet home c matthias morawetz 1Aufwärmübungen im Wohnzimmer: Konstantin Rickert, Celine Hambach, Silvia Munzón López, Stefan Walz © Matthias Morawetz

Im wunderbar wandelbaren Bühnenbild von Hanga Balla und Polly Stephan wird die Suche dann aber doch meist auf die vier Wände eingekreist, die uns Haus oder Wohnung sind. In der Mitte steht also ein Tisch, den das Ensemble mit ungelenken Ballettbewegungen deckt. Ein roter Faden, zu dem die Theatererzählung mehrmals zurückkehrt, ist der Elternbesuch eines "Kindes" – Geschlechterzuschreibungen scheint die Regisseurin weitestgehend vermeiden oder mindestens aufbrechen zu wollen. Frauenrath, die in den biographischen Angaben ihr Interesse an "feministischen und antifaschistischen Perspektiven" hervorhebt, bedient die Gewissheit der linken Theaterblase, dass es eindeutige Geschlechtszuschreibungen nicht mehr geben darf. 

Du bist, wie du dich einrichtest

Also spielt Silvia Munzón López den Vater und Stefan Walz die Mutter, denen man beim Treffen mit ihrem geschlechtslosen Kind (Konstantin Rickert) quasi in die Köpfe schauen kann, denn vor jedem Dialogteil offenbaren sie erstmal ihre Gedanken. Das Treffen ist peinlich und gequält. Niemand scheint genau zu wissen, warum man die Tradition des Besuchs eigentlich immer noch pflegt. Ein bisschen ist das wie in den ersten beiden Szenen von Jim Jarmuschs aktuellem Kinofilm "Father Mother Sister Brother", nur weniger originell. Am Ende kommt das Ensemble zu dem Schluss: "Zuhause ist wohin man zurückkehrt, nicht weil man muss, sondern weil man will."

home sweet home c matthias morawetz 3Die Antwort steckt im Umzugskarton: Stefan Walz, Celine Hambach, Konstantin Rickert, Silvia Munzón López © Matthias Morawetz

Dazwischen gibt es kurze Szenen zu Fragen des Umziehens und Einrichtens oder Beziehungen-Eingehens und eine gute Gesangseinlage von Celine Hambach. "Der Einrichtungsstand nach drei Tagen sagt mehr über dich aus als du denkst", erklärt der gemeinsam erarbeitete Text. Wenn das Bild nicht nur aus dem Karton gepackt, sondern auch wasserwaagengerade an der Wand hänge, dann sei man bindungsfähig, habe möglicherweise sein Zuhause bereits gefunden.

Tapetenwechsel für die Birke

Oder die Frage nach den Zimmerpflanzen: Bevorzugt man Tief- oder Flach- oder sogar Luftwurzler, die eigentlich gar keine Erde zum Eingraben brauchen? "‘Ich brauch einen Tapetenwechsel‘, sprach die Birke", singt dazu Hildegard Knef, "und macht sich in der Dämmerung auf den Weg." 

Eine Handvoll guter Ansätze machen hier allerdings noch keinen wirklich starken, tiefgehenden Theaterabend. Eher ein nettes, kleines Stück, das hier und da Gedankenanstöße gibt, die aber auch schnell wieder verfliegen. 

Home Sweet Home
Stückentwicklung von Hannah Frauenrath und Ensemble
Inszenierung und Text: Hannah Frauenrath, Bühne und Kostüme: Hanga Balla und Polly Stephan, Dramaturgie: Marie-Philine Pippert.
Mit: Celine Hambach, Silvia Munzón López, Konstantin Rickert, Stefan Walz.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
Premiere am 10. April 2026

schauspiel-wuppertal.de

Kritikenrundschau

In der Westdeutschen Zeitung (13.4.2026) lobt Monika Werner: "Frauenraths Inszenierung ist schwungvoll, detailverliebt, witzig (auch wenn das Lachen im Hals stecken bleibt). Das mag nicht jedem gefallen, ein reizvoller Ansatz ist es allemal." Das Stück führe Momente der Suche nach dem Ankommen vor Augen, "verpackt in eine bonbonsüße Welt, die die aufkommende Ratlosigkeit erträglicher macht". 

Was sich da mit dem in bunte Pyjamas oder Bademäntel gehüllten Quartett entfalte, "darf man eine schräg-komödiantische Collage nennen", so Stefan Seitz in der Wuppertaler Rundschau (13.4.2026). "Die aber auch immer wieder die Theater-Muskeln spielen lässt, wenn’s um Tiefgang geht. Reality-Theater – 75 Minuten lang." Weil das komödiantische Talent hier glitzere, fällt 'the dark side of home sweet home' erst gar nicht so ins Auge. Erst auf dem Heimweg. Oder noch später. Ein Spätzünder-Stück, könnte man sagen." 

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