Putsch - Theater Trier
Lass uns umstürzen
11. Mai 2025. Wie man die Demokratie zerstört, dazu bietet "Putsch" von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs eine satirische Anleitung. Zu seinem Abschied als Intendant am Theater Trier hat Manfred Langner das Stück als musikalisches Ensemble-Spektakel inszeniert.
Von Rainer Nolden
"Putsch" am Theater Trier © Martin Kaufhold
11. Mai 2025. Um sich darüber zu informieren, wie man eine Demokratie zugrunde richtet, muss man derzeit nicht unbedingt ins Theater gehen. Es reicht, sich in der Presse und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf dem Laufenden zu halten, um die tägliche Dosis Horror serviert zu bekommen. Leider nicht nur aus dem Ausland. Auch hierzulande mehren sich die Anzeichen, denen zufolge es zumindest nicht mehr unmöglich scheint, dass der Zug in eine fürchterlich falsche Richtung fährt.
Wie man die Lokomotive übernehmen und den Kurs bestimmen kann, zeigen Alistair Beaton und Dietmar Jacobs in ihrer Satire "Putsch – Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie", einer Auftragsarbeit des Theaters Trier. Mit dieser Inszenierung verabschiedet sich der am Ende der Spielzeit scheidende Intendant Manfred Langner aus seinem Amt.
Politik als Sonderform des Entertainments
Gemäß der Erkenntnis, dass Politik nur eine Sonderform des Entertainments ist, wird der Abend präsentiert von einem Conférencier. Raphael Christoph Grosch ist der in jeder Situation verbindlich lächelnde Master of Ceremonies in diesem Cabaret, der die Anleitung Schritt für Schritt mit den Akteuren und dem Publikum durchgeht.
Für einen Putsch, erfährt man da, braucht es heutzutage keine paramilitärischen Truppen mehr. Subtilität ist das Geheimnis eines erfolgreichen Umsturzes. Und viele unzufriedene Wutbürger, die es "denen da oben" mal so richtig zeigen wollen. Das Rezept für einen gelungenen Putsch, dem das Programmheft immerhin zwei volle Seiten widmet, kann durchaus als Blaupause für Gestalten wie Trump herhalten, der die Gebrauchsanweisung offenbar minuziös befolgt, um das Land in seinem Sinne umzukrempeln.
Figurenarsenal mit Rampensaupotential
Genau das plant auch Oskar Falk, Vorsitzender der Partei UHD (Unser Haus Deutschland). Patrick Nellessen gibt ihn als freundliches Gesicht des Nationalsozialismus, der leichtes Spiel hat, die Kabarettistin Klara Milkowski in sein Lager zu holen, nachdem deren Fernsehsendung wegen politisch inkorrekter Bemerkungen aus dem Programm gestrichen wurde. Martine Schrey wandelt sich von der kecken und selbstbewussten Entertainerin, die zur Freude ihrer Fangemeinde kein Blatt vor den Mund nimmt, zum kalten, bis zum Haardutt stimmigen Alice-Weidel-Verschnitt, bleibt dabei aber auch verunsicherte Mutter einer Halbwüchsigen (Eva Stempel als ebenso hilfloser wie aufmüpfiger Teenager).
Alice Weidel-Verschnitt (Martine Schrey) © Martin Kaufhold
Das Figurenarsenal komplettieren Michael Hiller als randalierender Wutbürger und damit ein Vertreter der klassischen Zielgruppe rechtsextremer Parteien, und Giovanni Rupp als Thorben, Klaras ebenso eifriger wie trotteliger Manager, der, nachdem sein Schützling nach rechts abgedriftet ist, mit seiner türkischen Freundin das Land verlassen will. Stephan Vanecek ist zum einen der stromlinienförmige Fernsehredakteur, der Klaras Sendung aus dem Programm geworfen hat, und ein geschmeidig-beflissener Parteisekretär. Alles in allem viel Gelegenheit für die Mitwirkenden, in ihren zahlreichen Rollen die Rampensau rauszulassen.
Musikalischer Hoffnungsschimmer
Bei allem Aktionismus bleibt dieser Putsch unterm Strich allerdings ziemlich überraschungsarm. Es gibt die Bösen und die Guten und nur wenig Zwischentöne. Lediglich Klara beginnt allmählich, an ihrer Mission zu zweifeln. Und verhilft der Partei trotzdem zum Erfolg: Nachdem sie Opfer eines Attentats geworden ist, wird sie zur Märtyrerin verklärt und verschafft der UHD postum die Regierungsfähigkeit, die das noch am selben Abend mit einem Aufmarsch ihrer Parteigenossen samt Fackelzug feiert.
Verschwörung der Gartenzwerge © Martin Kaufhold
Glücklicherweise regt sich bereits der Widerstand: Thorben, der seiner Freundin doch nicht in die Türkei gefolgt ist, hat sich mit Klaras Tochter Mellie in einem Kellerloch versteckt, wo sie die Rebellion proben und die Faschos tatsächlich dazu bringen, mit ihnen in ihr konterrevolutionäres Liedchen einzustimmen. Das versöhnliche Ende wirkt freilich arg aufgeklebt. Mit Musik mag zwar vieles besser gehen. Aber die Demokratie lässt sich damit leider nicht retten. Zumindest ein netter Versuch, das Publikum nicht ohne Hoffnungsschimmer in die Realität zu entlassen.
Putsch – Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie
von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs
Regie: Manfred Langner, Bühne: Tom Grasshof, Choreografie: Laura Evangelisti, Video- und Musikproduktion: Alireza Nesaei, Maksym Lyubachevsky, Lichtdesign: Christoph Peters, Dramaturgie: Karen Schultze, musikalischer Einstudierung: Angela Händel.
Mit: Jana Tali Auburger, Raphael Christoph Grosch, Michael Hiller, Ralf Neisius, Patrick Nellessen, Giovanni Rupp, Martine Schrey, Lea Seul, Eva Stempel, Stephan Vanecek, Ruth Winandy.
Premiere am 10. Mai 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
https://theater-trier.de
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