Ein Mann kocht über

3. November 2025. Das Puppentheater Das Helmi gehört zu den Größen der Berliner Freien Szene. Jetzt schlagen die knautschigen Charakterköpfe unter der Regie von Florian Loycke in Saarbrücken auf, um ein türkisches Fischrestaurant zu retten. Es geht dabei hoch her in der Küche der Kulturen.

Von Uwe Loebens

"Osmans Töchter – Kochshow wider Willen" von Das Helmi am Staatstheater Saarbrücken © Astrid Karger

3. November 2025. Das hat sich Osman Özer damals anders vorgestellt: Als er nach seinem Ingenieurstudium aus der Türkei nach Deutschland kam, hoffte er auf einen gut dotierten Job. Aber daraus wurde nichts, weil die Behörden seinen Abschluss nicht anerkannten. Jetzt führt er als Patriarch ein türkisches Fischrestaurant. Der Briefkasten quillt über von Behördenpost. Sein Sohn versteht sich als Deutscher, ist besonders stolz auf seine Bahncard, und auch seine Töchter gehen aus der Spur. 

Neue Farbe für die Sparten

Das gefeierte Puppentheater Das Helmi aus Berlin hat mit "Osmans Töchter – Kochshow wider Willen" erstmals für das Saarländische Staatstheater ein "deutsch-türkisches Puppen-Musical" geschrieben. Es ist eine Koproduktion mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Bei seinem Amtsantritt zur Spielzeit 25/26 hat der neue Generalintendant des Staatstheaters Michael Schulz die Einführung des Puppenspiels als zusätzliche neue Farbe zu den drei klassischen Sparten angekündigt. "Osmans Töchter" ist nach einer Übernahme die zweite Puppenspielproduktion fürs Staatstheater und die erste Uraufführung. Dafür ist das Theater in das Kulturgut Ost am Saarbrücker Osthafen umgezogen, einem Ort der Club- und Subkultur am Rande eines Industriegebiets.

Der Ortswechsel erweist sich als geschickter Move. Er ermöglicht die nötige Intimität, die die Knautschfiguren von Das Helmi brauchen. An der Stirnseite des Raumes steht eine kleine Bühne, auf der hauptsächlich musiziert wird. Rechts von ihr befindet sich die Restaurantküchenzeile. Eingefasst von niedrigen Publikumstribünen stehen in der Mitte des Raumes Tische wie in einem Lokal. Die Puppenspieler:innen bewegen sich zwischen Bühne und Küchenzeile, zwischen den Tischen und auch auf den Zuschauertribünen.

Mit Stammgästin Angela Merkel

Währenddessen muss sich der arme Osman mit einem Tintenfisch herumprügeln, der aus nachvollziehbaren Gründen lieber Koch wäre, als gekocht zu werden. Eine besonders eitle Fleischtomate will im Salat vorschmecken. Kurzum, es herrscht ein ziemliches Tohuwabohu in der Restaurantküche. Als das Gesundheitsamt in Gestalt eines Warzenschweins aufschlägt, ist das Chaos komplett. Osman scheitert nebenbei mit seinem Werben um die Gunst von Katharina Thalbach, Stammgästin des Restaurants. "Ganz privat" verkehrt hier auch Angela Merkel, die es sich nicht verkneifen kann, ihrem Nachnachfolger noch eins mitzugeben – ebenso privat, versteht sich. Osman erinnert sich im Chaos an seinen Aufbruch aus der Türkei und verschwindet mit einem lauten Donnerkrachen.

Nachts im Restaurant: Maximilian Teschemacher, Gizem Akman, Daniel Jeroma © Astrid Karger  

Sein rätselhaftes Abtauchen löst einen Geschwisterstreit um die Zukunft des Restaurants aus. Der Bruder will mit seinem neuen Freund, dem Warzenschwein, das ganz große Rad drehen. Seine Schwester dagegen feuert das Personal, ihr schwebt ein traditionell türkisches Restaurant vor. Und dann taucht noch eine zweite Schwester auf, die nach Istanbul geflüchtet war und jetzt als reichlich desillusionierte Wassernixe zurückkehrt. Der Streit entspannt sich erst, als den Geschwistern dämmert, dass sich Osman, ihr Vater, an den Ort seiner Herkunft verdünnisiert hat.

Diese Geschichte der Menschen, die zwischen den Kulturen Deutschlands und der Türkei schweben, könnte berühren und zugleich ungeheuer witzig sein. Die Spieler:innen finden mit ihren Puppen poetische Bilder, sind schrill und schräg. Kein noch so plattes Klischee wird umgangen. Aber die Inszenierung scheitert an sich selbst. Manche Erzählstränge des Stücks bleiben einfach liegen.

Brüche und Clash

Die Uraufführung wirkt wie die missratene Generalprobe zu ihr. Die Tempi zwischen gesetzten und improvisierten Szenen stimmen nicht, bremsen die Inszenierung aus. Gesang und die manchmal misstönende Musik erreichen selten das Publikum. Mag sein, dass in Gelsenkirchen und seiner präsenteren türkischen Community insbesondere die türkischen Musikstücke das Publikum zum Wippen bringen. Dorthin zieht Das Helmi mit "Osman und seine Töchter" nach Saarbrücken weiter.

Als besonders schwierig erweist sich die eigentlich hübsche Idee, während der kurzen Pause das Publikum an den Restauranttischen gegen einen Kartenaufpreis wie in einem richtigen Restaurant zu verköstigen. Das hätte man in den Spielfluss integrieren müssen. So entsteht ein nicht zu heilender Bruch.

Eigentlich schade, denn das Puppen-Musical erzählt auf leichte, humorvolle und nicht immer stubenreine Art vom Culture Clash, der Zerrissenheit zwischen Heimat und Herkunft und der Sehnsucht nach Ankommen. Und die Puppen von Das Helmi sind sowieso zum Verlieben.

Osmans Töchter – Kochshow wider Willen
von Das Helmi Puppentheater
Uraufführung
Regie: Florian Loycke, Skript / Drehbuch: Emir Tebatebai, Florian Loycke, Neda Pourbakhshayeshi, Musikalische Leitung: Jakob Dobers, Bühne: Louise Pons, Florian Loycke, Kostüme: Jeanot Kempf, Puppen: Felix Loycke, Essen, Raki, Eisenbahn: Nolundi Tschudi, Dramaturgie: Verena Katz, Katharina Rückl, Licht: Armin Konrad, Video: Lukas Engel.
Mit: Gizem Akman, Jakob Dobers, Gloria Iberl-Thieme, Daniel Jeroma, Florian Loycke, Elif Özgür, Neda Pourbakhshayeshi, Vahide Sahin, Emir Tebatebai, Maximilian Teschemacher.
Premiere am 2. November 2025
Dauer: ca. 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-saarland.de

Kritikenrundschau

"Leider wird diese Geschichte aus Sicht von Barbara Grech im Saarländschen Rundfunk 3 (3.11.2025) nicht stringent erzählt, "sondern mäandert und ümmelt zwei Stunden lang so vor sich hin. Ob gewollt oder nicht: Das ist eine unfertige Show, die das Helmi bietet - mit unnötigen Längen und manchmal platten Witzen. Ab und an funkelt mal eine schöne Szene durch, werden die Konflikte in den türkischen Familien angesprochen - aber alles in allem ist es ein Varieté- oder Theaterabend, wie man es auch immer nennen will - und wirkt bisweilen, als hätte es eine Laientruppe in einem multikulturellen Gemeindezentrum inszeniert." Statt dem gut abgeschmeckten Genuss, mit dem das Stück den Zuschauern angepriesen werde, wehe da eher ein Hauch von Dilletantismus über die Bühne."

"Man hätte es wirklich gerne gut gefunden, dieses irrsinnige Konglomerat aus Puppenspiel für Erwachsene, Musical, Seifenoper und Kochshow", schreibt Isabell Schirra in der Saarbrücker Zeitung (5.11.2025). Viel vorgenommen hätten sich die Leute von "Das Helmi" mit ihrem Stück, scheitern aber gnadenlos. "Das lag auch und vor allem an der heillosen Überfrachtung des ganzen Spektakels." Vieles passiere gleichzeitig, wenig ist aufeinander abgestimmt. Der Produktion hätten noch ein, zwei Probenwochen mehr überaus gutgetan. "Lichtblicke, die einen daran hindern, Reißaus zu nehmen" seien allem voran die Puppen. 

Kommentare  
Osmans Töchter, Saarbrücken: Mal richtig
"Die Uraufführung wirkt wie die missratene Generalprobe zu ihr" - eine treffende Beschreibung des Helmi-Prinzips. Irgendwann hat man aber auch mal Bock auf eine richtige Uraufführung.
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