Die Hamletmaschine - Theater Magdeburg
Wer Müller spielt, ist länger tot
25. Januar 2025. In Magdeburg streicht Schauspielspieldirektorin Clara Weyde Jean-Paul Sartres Stücktitel durch – und ersetzt "Das Spiel ist aus" durch "Die Hamletmaschine" von Heiner Müller. Finster aber bleibt’s.
Von Michael Laages
"Die Hamletmaschine" von Heiner Müller in Magdeburg © Gianmarco Bresadola
25. Januar 2025. Stimmt. "Mein Drama findet nicht mehr statt." Diesen Satz hatte Heiner Müller der Hamlet-Figur in den Mund gelegt, als er 1977 den Auftrag für eine Bearbeitung des klassischen Shakespeare-Materials erhielt. Und als eine Art Beiwerk zur neuen Übersetzung (die aus heutiger Sicht durchaus auch eine "Überschreibung" war) entstand ein wenige Seiten langer Monolog, in dem sich die Titelfigur tatsächlich verabschiedet vom vertrauten Drama; die Ruinen des zerstörten Europa im Rücken, spricht das literarische Hamlet-Ich da nur noch mit dem Meer: BlaBla …
Nicht ganz fünf Jahrzehnte und ein paar Weltenwenden später muss der zitierte Eingangssatz (vom Drama, das nicht mehr stattfindet) ganz anders gelesen und verstanden werden – zwar wissen alle Theatermacherinnen und Theatermacher sehr wohl noch, wer Heiner Müller war und welche Schätze er hinterließ, kaum jemand aber macht noch Gebrauch von ihnen. Willkommen ist Müller-Material immer mal wieder als eine Art Zugabe – wenn etwa der Müller-Text vom "Kuriatier" unvermittelt auftaucht in Klaus Gehres Versuch einer szenischen Weltraum- und Zukunftsbeschwörung, neulich in Darmstadt. Aber dasselbe Theater verabschiedet sich im laufenden Spielplan sang- und klanglos von einer programmatischen Wiederbegegnung mit Müllers großem Text "Germania. Tod in Berlin"; die Produktion sei "bis auf weiteres verschoben". Sehr ärgerlich.
Sartres Spiel ist aus
Müllers Drama findet nicht mehr statt – stimmt. Am Theater in Magdeburg aber (das gerade zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden ist, mit Jan Friedrichs Inszenierung von Kim de L'Horizons "Blutbuch") ist Müller jetzt sozusagen zum "Einspringer" geworden – als Amerikas Wahlvolk einen verurteilten Straftäter ins Präsidentenamt zurück wählte und in Berlin die Ampel-Regierung endgültig zerbrach, kam das Regie-Team um Schauspiel-Chefin Clara Weyde beim Strategie-Palaver in der Kneipe (und im Programmheft dokumentiert) zu der Erkenntnis, dass das eigentlich geplante erste Stück im neuen Jahr nicht mehr so recht passte: "Das Spiel ist aus", ursprünglich ein Film-Drehbuch von Jean-Paul Sartre, entstanden im Jahr des Kriegsendes 1945.
Zehn kleine Jägermeister © Gianmarco Bresadola
Das Bühnenbild von Louisa Robin allerdings (eine Art Skihütte ganz aus Holz, mit putzigen Geweihen oben an der Rückwand) war praktisch schon fertig gedacht und gemacht – und offen genug ist es, um die ziemlich freie Improvisation zu beherbergen, in die sich das Ensemble mit Weyde hat treiben lassen, um statt der Toten-Welt von Sartre die von Müller zu erforschen.
Denn wie bei Sartre ist auch hier die Beschwörung des Todes zentral – immer wieder, so heißt es im knappen Text der "Hamletmaschine", müssten die Lebenden die Gestorbenen ausgraben, also das eigene Erbe und die Erinnerung kenntlich werden lassen an das, was war; für das Weiterleben sei gerade das überlebenswichtig. Und nachdem eine der fünf Frauen im Magdeburger Ensemble zum Ende hin die mit Menschen und Material zugemüllte Bühne und sich selber mit Benzin zu überschütten schien, dann aber (natürlich, sie war ja inzwischen nackt) kein Feuer dabei hatte und im Publikum suchen gehen musste (auch erfolglos), beginnt im simulierten Akt der finalen Selbstabschaffung das komplette Ensemble wieder gut hörbar zu atmen … es geht also weiter, irgendwie; trotz Trump und allen weiteren Zumutungen für die Menschheit.
Weit früher am Abend war das Magdeburger Publikum auch schon zum Mitspielen verdonnert worden, das heißt in diesem Fall: zum kräftigen Mit-Atmen … ab und zu fügen sich Zusammenhänge in diesem prinzipiell aber eher disparaten Theaterabend.
Sein oder fünf sein?
Zunächst erklärt uns ein absichtsvoll mit Halskrause und also eher ironisch-altbacken kostümierter Hamlet vor dem Eisernen Vorhang den Stückwechsel von Sartre zu Müller; Fenster und Türen hat er mit Klebeband auf der Stahlwand markiert, Teile davon reißt er nun wieder ab: Weg mit Sartre! Dann, hinter dem "Eisernen" und nunmehr in Robins hoher, weiter Hütte aus Holz, schmiert sich ein weiterer Hamlet fleißig mit blutroter Creme ein; und bald tummeln sich gleich fünf Hamlet-Klone im Bild, alle gleich in Perücke, schwarzem Leggings-Kostüm und eben der albernen Halskrause. Die Klone sind auch Clowns, und schnell gesellen sich ihnen fünf Ophelia-Figuren hinzu, ähnlich gleichförmig gezeichnet mit ebenfalls schwarzen Ganzkörper-Leggings und durchweg wuscheligen Blondie-Perücken. Außer dem Geschlecht gibt's keine Unterscheidung – und so stürzt sich das doppelte Kollektiv nun in die Müllerei.
Die Klone und die Clowns © Gianmarco Bresadola
Da ist aber viel Luft im Spiel – etwa wenn das Ensemble mit Weydes Regie-Struktur immer wieder an jene Punkte gelangt, wo nicht ganz klar ist, was der so gründlich vergessene und verüberflüssigte Müller der Welt von hier und heute vielleicht wieder zu sagen hätte … einmal, als es um eine Art echten Zukunftsplan zu gehen scheint (und benannt werden soll, womit Schluss sein muss, wenn die Menschheit gerettet werden soll), hakt's tatsächlich am letzten Wort, um den Satz in aller Klarheit zu beenden. Und Rainer Frank (der hier in Magdeburg ja auch ein fabelhafter Timon von Athen ist in Andreas Kriegenburgs Inszenierung) flüchtet lieber aus der Holzhütte, bevor er dieses letzte Wort preisgibt.
Selbstvernichtung abgewendet
Weydes Inszenierung lässt sich enorm viel Zeit, um sich solchen Eck- und Bruchpunkten anzunähern; vom Clownsspiel zu Beginn bewegen sich die realen Vorgänge auf der Bühne zwar gelegentlich ins chorisch-musikalische Ritual, dann aber immer deutlicher auf die Erstarrung zu, gipfelnd in der (im Wortsinn) nackten Verzweiflung der beabsichtigten Selbstvernichtung im Finale, die sich aber – wie schön! – in gemeinsamem Überlebensatmen auflöst.
Ja, so lässt sich natürlich umgehen mit Müller: in freier, kollektiver Phantasie. Die Anstrengung, die solche Art der Arbeit naturgemäß mit sich bringt, löst sich am Premierenabend in beträchtlicher Begeisterung. "Die Hamletmaschine" wird zwar nur selten im Magdeburger Spielplan stehen – aber auch so wächst ja Kult.
Ein Wunsch aber bleibt: Müllers Zeitgenossenschaft zu beweisen, etwa in einem jener großen, spektakulären "Germania"-Texte aus Müllers Werkstatt der Wörter.
Das Spiel ist aus Die Hamletmaschine
von und nach Heiner Müller
Regie: Clara Weyde; Bühne: Louisa Robin; Kostüm: Clemens Leander; Musik: Thomas Leboeg; Choreographie: Lorenz Krieger, Oktay Önder; Dramaturgie: Katrin Enders.Mit: Nora Buzalka, Laura Fouquet, Rainer Frank, Luise Hart, Niklas Hummel, Lorenz Krieger, Philipp Kronenberg, Oktay Önder, Bettina Schneider, Isabel Will.
Premiere am 24. Januar 2025Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.theater-magdeburg.de
Kritikenrundschau
"Schnelle, chaotische Szenen, in denen das Auge nie zur Ruhe kommt, wechseln sich ab mit ruhigen, fast Zeitlupen-artigen Bildern, die Hamlets Sinneswandel verdeutlichen", schreibt Lena Schubert bei TAG24 (25.1.2025). Was die Aufführung "um einige Ränge" hebe, sei "das Engagement der Schauspieler". Zwar landeten "viele der Gags nicht so wie sie sollen, aber immerhin ist erkennbar, wie sehr die Darsteller Spaß an der Szenerie" hätten. Es sei ein "ein weiterer kreativer und expressionistischer Neuzugang im Repertoire des Magdeburger Theaters", der allerdings den Humor der "breiten Masse" kaum treffen dürfte.
In der Wahl der szenischen Mittel wirke diese Inszenierung eher gestrig als besonders gegenwärtig, beklagt Erik Zielke von nd.DerTag (31.1.2025). "Viel Kunstblut, Clownsnasen und nackte Haut offenbaren eher ein Klischeebild des Theaters. Dazu gesellt sich der Fehlgriff, Müllers eigentlich unspielbaren Text darstellerisch überzuinterpretieren: Statt den Text durch Zurückhaltung wirken zu lassen, wird er allenthalben stimmlich bedeutungsschwer aufgeladen und dem Verstehen wider Willen entrissen."
Clara Weyde gelinge es, die Verbindung zur gesellschaftlichen und politischen Situation dieser Tage herzustellen, so Rolf-Dietmar Schmidt in der Magdeburger Volksstimme (4.2.2025). Allerdings verliere sich das mitunter im Rausch der Bilder. "Den stärksten Eindruck hinterlassen die Momente, wenn minutenlang kein Wort, nur Gesten der Hilflosigkeit angesichts von Gewalt, Tod und Ignoranz den Atem stocken lassen." Uneingeschränkte Anerkennung gebühre denen auf der Bühne, aber es hätte der Inszenierung gut getan, dichter an Heiner Müller zu bleiben.
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In seiner Absurdität trifft der Abend ganz gut den Zeitgeist.
Am Ende ging es mir kurz wie nach dem Anschauen der Nachrichten.
Was soll man dazu noch sagen?
Ach ja: Heiner Müller… Du fehlst.
Die Sprache war (Spiel) -Mittel für Vielfalt, Zeitlosigkeit und Aktualität des Textes , Universalgültigkeit, Europa, Demokratie,Sinnlichkeit und Emotionalität des Text-Inhalts und Verständigung über Sprachbarrieren hinaus:fremde Sprache als Trägerin des Textes hinaus in die 'Welt'.
Heiner Müller war ein alter, weißer Mann, dessen misogyne Aussagen in der Hamletmaschine in der Inszenierung so völlig liegen bleiben. Um eine Möglichkeit zu benennen: Die Frau mit dem Kopf im Gasherd erinnert mich an Inge Müller, Ehefrau von Heiner Müller. Auszüge aus ihrem Werk in die Inszenierung einzubinden, wäre m. E. ein Ansatz, um eine kritische Haltung zum "Schrumpfkopf" zu entwickeln.
Die Wirklichkeit schlägt leider die Inszenierung in einzelnen Szenen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Polizei hat in Berlin-Neu-Hohenschönhausen einen Mann festgenommen, der laut eigenen Aussagen die Wohnung seines Nachbarn anzünden wollte. Der Verdächtige vergaß laut eigenen Angaben das Feuerzeug. Er ging zurück in seine Wohnung, um es zu holen. Der Mann hatte der Polizei zufolge angegeben, dass er aus rassistischem Motiv gehandelt habe. (mehrere Berichte um Weihnachten 2024)
Der Luxus, mit zehn Spielenden Müllers Hamletmaschine zu inszenieren, hätte zu einer Reflexion über Privilegien führen können. Diese Reflexion bleibt in der Inszenierung aus. Sie hätte ihr m. E. geholfen, Tiefgang zu erreichen.