Wir machen Erz, das Erz macht uns

21. September 2025. 700 Seiten Fragment hinterließ der Schriftsteller Werner Bräunig: Ein unvollendetes Monumentalwerk über den Uranabbau in der jungen DDR. Autorin Jenny Erpenbeck und Komponist Ludger Vollmer haben daraus eine Oper gemacht – und einen Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahrs geschaffen.

Von Michael Bartsch

"Rummelplatz" am Theater Chemnitz. Mit Libretto von Jenny Erpenbeck, Musik von Ludger Vollmer und in der Regie von Frank Hilbrich © Nasser Hashemi

21. September 2025. Viel Rummel um den "Rummelplatz" in Chemnitz, ließe sich kalauern. Mitte August zum Probenbeginn schon ein Pressetermin, Vorschauen in mehreren Medien, am Premierenwochenende eine zweitägige Begleitkonferenz. Die Bühnenfassung von Werner Bräunigs Romanfragment sollte schließlich den theatralen Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahres bilden – und sie schwang sich tatsächlich dazu auf.

Operndramaturg Johannes Frohnsdorf soll die Idee entwickelt haben, Bräunigs von SED-Betonköpfen wie Erich Honecker verbotenes, 1965 entnervt abgebrochenes und erst 2007 beim Aufbau Verlag postum erschienenes Riesenwerk von 700 Manuskriptseiten als Opernstoff aufzubereiten. Bräunig schildert packend die Verhältnisse zu Beginn des Uranabbaus in der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft "Wismut" ab 1949. Mit Insiderwissen, denn er hat selbst dort unter Tage gearbeitet. Die Verhältnisse in einer jungen und zunehmend stalinistischen DDR schwingen stets als Kulisse mit.

Eine treffliche Stoffwahl für die Kulturhauptstadt 2025, denn die frühere Industriestadt Chemnitz ist ohne ihr Umland einschließlich der Wismut-Bergwerke nicht denkbar. Und die im Doppelsinn tiefschürfende Milieubeschreibung fordert auch 70 Jahre danach ein Nachdenken über subtile Identitätsprägungen im Osten, ja über einen Aufbaugeist und den Glauben an sozialistisch-solidarische Ideale heraus, wie ein Diskussionsforum vier Stunden vor der Premiere zeigte.

Ein Opernwagnis und seine Vorläufer

Eine Pionierleistung kann Chemnitz freilich nicht in Anspruch nehmen. Armin Petras hatte 2009 am Berliner Gorki-Theater schon auf das zwei Jahre zuvor erschienene Buch zugegriffen. Und die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden ließ 2022 in "Tausend Sonnen" ehemalige Wismut-Angehörige authentisch über die für die sowjetische atomare Bewaffnung so wichtige Urangewinnung berichten. Muss man daraus große Oper machen? Ja und nein. Librettistin Jenny Erpenbeck hat die Detailfülle auf die großen Linien und das Personarium auf Bräunigs tragende Protagonisten reduziert. Die Zuschauer erreicht insgesamt mehr eine Milieuschilderung als eine Entwicklungsgeschichte. Auch wenn es wiederholt heißt: Wir machen Erz – das Erz macht im Gegenzug uns! Der verhinderte Student und Schöngeist Christian Kleinschmidt, der sich zuvor in der Produktion zu bewähren hat, schildert selbstbeobachtend seine Veränderung "durch den Stein".

Prozess wegen "Boykotthetze": Thomas Essl (Peter Loose), Jakob Ewert (Verteidiger), Felix Rohleder (Richter), Thomas Kiechle (Staatsanwalt) © Nasser Hashemi

Vor aller Skepsis muss anerkennend festgestellt werden: Die Stimmung stimmt! Beginnend mit einem nebelgrauen bis in den Schnürboden hochreichenden düsteren Bühnenraum, mit Mustern wie von Erzadern durchzogen. Taghell wird es nie.

Komposition mit Wagner und Witz

Bestimmend für die Stimmung wirkt die suggestive, szenisch genau zugeschnittene Komposition von Ludger Vollmer. Vollmer arbeitet in beinahe Wagnerscher Manier mit Leitmotiven, schwingt sich dabei mit viel auf- und absteigender Chromatik und Kaskaden von herausfordernden Intervallsprüngen zu Höhepunkten auf. Und illustriert ebenso sanft die Intimitäten und Verletzbarkeiten. In der Verhandlung gegen den wegen "Boykotthetze" verurteilten Haupthelden Peter Loose kommt sarkastischer musikalischer Witz auf. Wiederholt zitiert er die alte bolschewistische Hymne, die Putin 2000 wieder zur russischen Nationalhymne erhob.

Sein vom Pionierchor angestimmtes langes Zitat des Loreley-Liedes "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" gerät im zweiten Teil zusammen mit einer klugen Massenregie zum diskursiven Höhepunkt. Ein Exkurs über den Krieg, über atomare Bewaffnung, Selbstermutigung mit einem typischen Bräunig: Wenn wir nicht hoffen, wer soll es dann tun? Aber auch die makabre Weisheit nach Stalins Tod, dass "die Leute" immer einen suchen, der führt.

Wie ein Danse Macabre mutet danach jener aufsässige ekstatische Massentanz an, der zu Looses Verurteilung als Aufrührer führt. Vollmer bleibt zeitgenössisch, ohne das Publikum zu überfordern. Der Schumann-Philharmonie, insbesondere den hohen Streichern, mutet er technisch freilich artistische Läufe, manchmal Minimal-Music-Wiederholungen zu, bis auf winzige Asynchronitäten bewundernswert gemeistert. Woran das über jedes Fitnessstudio hinausgehende sportlich-intensive Dirigat von Benjamin Reiners entscheidenden Anteil hat.

Ausgebremste proletarische Prügeleien, begeisterte Resonanz

Das multiple Genre der Oper entfaltet seine überhöhende Wirkung vor allem in den dominierenden emotionalen und reflektierenden Passagen. Wenn die Helden unter Tage sinnieren, ob dies ihr Zuhause oder das tägliche Grab ist. An die Grenzen stößt die Oper vor allem im ersten Akt. Bräunigs deftig bis rüde, ja brutal realistisch geschilderten subproletarischen Umgangsformen dieser Zusammengewürfelten wirken dann im schulmäßigen Chorauftritt nicht nur domestiziert, sondern geradezu ausgebremst.

Prügeleien mit Chor: 4: vorn: Thomas Essl (Peter Loose), Stephan Hönig, Lukasz Wieloch, Jann Schröder (Drei Riesen) © Nasser Hashemi

Ungebremst hingegen erscheinen die gesanglichen Leistungen der Solisten. Bei den Männern fast durchweg Bass- oder Baritonlagen. Das Publikum registriert vor allem den seit vergangener Spielzeit engagierten Etienne Walch als Countertenor in der Rolle des Studenten Christian. Und als couragierte emanzipierte Ruth die Sopranistin Menna Cazel, die auch in den Höhen ewigen Eises noch ein Vibrato draufhat.

Eine Rezeptionsaufgabe stellt Regisseur Frank Hilbrich den Zuschauern, wenn er beinahe durchgehend in Slow Motion agieren lässt. Eine Metapher für die Zeitlosigkeit des Stoffes oder Kompensation extremer Dynamik? Das begeisterte Chemnitzer Stammpublikum und die zahlreichen Gäste applaudierten stehend und teils rhythmisch etwa eine Viertelstunde lang dem aufgebotenen fast kompletten Ensemble und zeigten Kulturhauptstadtstimmung.

Rummelplatz
nach dem Romanfragment von Werner Bräunig
Uraufführung
Libretto: Jenny Erpenbeck, Musik: Ludger Vollmer, Inszenierung: Frank Hilbrich, Musikalische Leitung: Benjamin Reiners, Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Videodesign: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf, Friederike Pank.
Mit: Thomas Essl, Etienne Walch, Marlen Bieber, Menna Cazel, Jaco Venter, Felix Rohleder, Tommaso Randazzo sowie weiteren 17 Sängerinnen und Sängern, Robert-Schumann-Philharmonie, Opernchor und Kinder- und Jugendchor des Theaters Chemnitz.
Premiere am 20. September 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-chemnitz.de

Kritikenrundschau

"Es trifft wohl den modernen Zeitgeist, die bleierne Repression der Staatsorgane weit in den Vordergrund zu rücken gegen den Idealismus der Aufbauzeit, der dieser jungen DDR ja ebenso eingeprägt war – auch im Erzgebirge. Abgesehen von dieser ärgerlichen dramaturgischen Schwäche arbeiten Librettistin und Komponist aber die differenzierten Charaktere der Bergbaugemeinschaft eindrucksvoll heraus und folgen ihren unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehen", schreibt Christian Schmidt in der Neuen Presse (22.9.2025). Die Wirkmacht groß angelegter Szenen werde durch die Musik Ludger Vollmers beglaubigt. "Fast ausnahmslos singt, spielt und tanzt die Solistenriege erstklassig, genauso wach agieren Kinder- und Opernchor. Mit Verve, Klangsinn und Energie hält Benjamin Reiners die Bühne ambitioniert mit der lustvoll spielenden Robert-Schumann-Philharmonie zusammen." So erweise sich diese erste Premiere der Saison "als einer Kulturhauptstadt würdig".

Die beiden poetischen Bilder, "das Tanzen auf dem ehemaligen Friedhof und das Abheben in die Utopie, werden von Autoren und Inszenierungsteam zu einer faszinierenden Szene zusammengeführt. Hier greifen alle Elemente überzeugend ineinander", schreibt Jens Daniel Schubert in der Sächsischen Zeitung (22.9.2025). Und lobt die Musik: "Vollmer komponiert gekonnt Arbeiter-, Volks- und Parteilieder, er schafft dichte Zwischenspiele, die mit starken Rhythmen den Worten emotionale Kraft geben. Chefdirigent Benjamin Reiners bringt die Dichte der Komposition, ihre lyrischen und dramatischen Qualitäten mit der Robert-Schumann-Philharmonie eindrucksvoll zum Klingen." Das ungewöhnliche Kunstmittel der Regie von Frank Hilbrich, "der vorwärtsdrängenden, rasenden Musik eine zeitlupenhaft verlangsamte Bewegung entgegenzusetzen", gebe der Szene spannende Augenblicke. "Nur, die anhaltende Slow-Motion-Bewegung verselbständigt sich, verliert den Bezug zur Musik und damit an Wirkung. Zunehmend befremdlich stört sie Figurenbeziehungen", so Schubert. "Die Oper hat ihre starken Momente, wenn sie keine historischen Wahrheiten verkündet, sondern von Menschen erzählt. Das Bild einer Gesellschaft zeigt sich in den Geschichten ihrer Protagonisten. Gescheiterte Versuche, die einzig gültige Wahrheit über die DDR zu zeigen, gibt es schon genug."

"Die Erfolgsschriftstellerin Jenny Erpenbeck hat für ihr Libretto die mehr als 700 Seiten des berüchtigt personenreichen Romans geschickt zu Dialogen der Hauptfiguren verdichtet", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (22.9.2025). "Es wird hinreißend gesungen, mit Spitzhacken geklopft und mit Presslufthämmern in Felswänden gebohrt auf der grandios düsteren Bühne des Bühnenbildners Volker Thiele. Der Regisseur Frank Hilbrich lässt seine Heldinnen und Helden oft wie in einem Zombiefilm zeitlupenhaft vorantaumeln, was eine sanfte Komik erzeugt und jedenfalls jeden Realismus bekämpft." Das Pathos, mit dem hier gegen die Engstirnigkeit von ideologischen Einpeitschern, groteske Arbeitsnormen und die Katastrophenlogik des Kalten Krieges agitiert wird, werde schön konterkariert durch den Einsatz der Ironie in Vollmers Musik.

"Wer das Buch kennt, wird wesentliche Inhalte vermissen. Erpenbeck hat auf die Stringenz von Ort und Zeit gesetzt. Vollmers Musik bedient diesen Fokus mit Verve", schreibt Michael Ernst in der FAZ (22.9.2025). Regisseur Frank Hilbrich bremse jegliche betriebsame Hektik aus, indem er das mitsamt Opern-, Kinder- und Jugendchor sehr umfangreiche Ensemble fast durchweg in Slow Motion agieren lasse. "Ein körperlich herausfordernder Trick, der indirekte Sogwirkung entfaltet, freilich auch den Eindruck bleierner Zeit manifestiert."

 Von "einer stimmigen Post-DDR-Volksoper, der man sich viele Zuschauer und Neuinszenierungen wünscht", berichtet Manuel Brug in der Welt (24.9.2025). "Vor allem um danach den grandiosen Roman 'Rummelplatz' zu lesen", setzt er hinterher. Regisseur Frank Hilbrich konterkariere die "abschnurrende Partitur durch dauerhafte Zeitlupenaktion, die, verlangsamt und intensiviert, dem Geschehen gleichzeitig etwas antinaturalistisch Stilisiertes, Holzschnitthaftes gibt. Die Rummelplatz-Seligkeit als allerkleinstes Proletarierglück wird hier freilich nur von wenigen bunten Glühbirnenketten vermittelt."

Die Inszenierung habe "sich einen klugen, plausiblen Weg zwischen Realismus und Kunst bahnt, genau die Tonlagen, zwischen denen sich auch Bräunig virtuos bewegt", berichtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (6.10.2025). "Es wird malocht und gefeiert"; szenisch sei das "glänzend gelöst, Volker Thieles Bühne ist ein aschiger Raum, eine geschlossene graue Welt. Der Rummelplatz darin fast bloß ein Schattenspiel (Video: Stefan Bischoff). Das Bergwerk schiebt sich von unten hoch, ein Querschnitt, der jeden Kumpel in seinem schrecklich schmalen Gang zeigt. Gabriele Rupprechts Kostüme: traumhaft bunt."

 

Kommentare  
Rummelplatz, Chemnitz: Bieder
ich fand's nur bieder. altbackene inszenierung. auch das libretto von jenny erpenbeck, das hier gar nicht groß erähnt wird, bleibt doch ohne "bumms". nee, das war, leider, nix. brave illustration eines großen stoffes, die am ende zur schmonzette verkommt. "vaaater!"
Rummelplatz, Chemnitz: Gegenkritik
Der Herr strooomph, wer weiss, wer das ist, hat ganz bestimmt nicht in dieser Zeit gelebt. Ich schon…
Eine wunderbare Inzenierung ..
Und alle Beteiligten vielen, vielen Dank
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