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21. August 2025. Goethes "Faust II" hat es einem noch nie leicht gemacht. Zum Auftakt des Kunstfest Weimar zeigt der südafrikanische Künstler Brett Bailey eine kolonialismuskritische Lesart des Klassikers. Multimediales Maskentheater mit der Hand für magische Bilder.

Von Vincent Koch

"FaustX" von Brett Bailey beim Kunstfest Weimar © Candy Welz

21. August 2025. Faust hat jetzt ein MacBook. Ein goldenes sogar. Er trägt es herum wie seinen größten Schatz und tippt wie wild darauf herum, manchmal so virtuos, als würde er Klavier spielen. Dann regnet es plötzlich Bitcoins auf der Leinwand hinter ihm. Die Menschen ihm gegenüber träumen von Uhren und Immobilien, wie in projizierten Gedankenblasen zu lesen ist. Und Faust lacht sich ins Fäustchen. Sein Motto: "The only opp I got is opportunity." Dieses Mantra hat er sogar auf sein Shirt drucken lassen, damit es keiner übersieht. Dieser Mann will um jeden Preis stinkreich und mächtig werden. 

Zum Auftakt des Kunstfests Weimar zeigt der südafrikanische Künstler Brett Bailey mit "FaustX" eine (sehr) freie Adaption des zweiten Faust-Bandes in der Außenspielstätte Redoute. Seit vielen Jahren tourt Bailey mit den Produktionen seiner Gruppe "Third World Bunfight" durch sein Heimatland, Australien und Europa. Seine Arbeiten gelten als polarisierend: in seiner Inszenierung "Exhibit B" bildete er beispielsweise einen "Menschenzoo" nach, um Zuschauenden zwangsweise in die Rolle kolonialer Voyeur*innen zu stecken.

Klassisches Pappgesicht mit Falten

So provokant wurde es in Weimar-Nord nicht. Dafür passiert an diesem behutsam arrangierten Abend schnell so viel gleichzeitig, dass es zunächst schwerfällt, überhaupt einen inhaltlichen Zugang zu Baileys Faust-Kosmos zu finden. Sein sechsköpfiges Ensemble trägt nahezu durchgängig aufwendige Masken. Faust also: klassisches Pappgesicht, aber mit ein paar Falten. Mephisto hockt schelmisch daneben, mit einem Kasten von Gesicht und Hörnern auf dem Haupt. Die Maskierten sprechen nicht selbst, man hört ihre Texte aus dem Off. Selten sind das Dialoge, eher poetisch-verkopfte Faust-Einsprengsel.

FaustX KunstfestWeimar2025 c CandyWelz 0Reich an Zitaten: "FaustX"-Ensemble © Candy Welz

Unter all dem liegt eine nervöse Soundcollage aus Fanfaren, Meeresrauschen und Windstärke 10. Einmal ist eine afrikanische Landessprache zu hören, ein andermal diffuses Gebrabbel. Wenn die Performer*innen ausladend gestikulieren – und das machen sie oft – werden die zugehörigen Textblöcke auf die Leinwand projiziert. Und die ploppen in rasanter Geschwindigkeit auf. Besagte Leinwand ist ferner das Zentrum des Bühnenbilds, auf die Bailey überbordende Videowelten unterschiedlichster Stile gezaubert hat: ein verwaschenes Bergmassiv, einen Palast im Comic-Look, ein glitzerndes Meer, ein Weizenfeld als Handybildschirm.

Auftritt von Kettensägen-Elon

Die Tweets darauf sind schon ein erstes Indiz, aber spätestens als der Doktor mit Sonnenbrille und nach oben gegelten Haaren aufkreuzt, wird klar, dass Baileys Faust für den reichsten Mann der Welt steht: Elon Musk. Faust taucht als egoistisch Getriebener auf, dessen Abenteuerlust schnell in Machtgier kippt: alles, was er sieht, will er besitzen. Er mischt sich in eine politische Versammlung ein, fuchtelt mit der Kettensäge herum, versucht, die Menschen technokratisch um den Finger zu wickeln und zettelt einen schrecklichen Krieg an.

Ein bisschen im Bilderrausch verloren geht dabei der konkrete Zusammenhang zwischen Musks Weltherrschaftsfantasien und kolonialistischer Ausbeutung. Wenngleich das kein dokumentarisches Stück ist, hätte man sich ein paar mehr Anhaltspunkte schon gewünscht. Faust drückt mehrmals auf eine Fernbedienung und will alles neu starten. Da passt es dann wieder, dass Musk nicht nur spielsüchtig ist, sondern sich die dystopischen Spielwelten gar nicht so sehr von der gruseligen Realität unterscheiden, an dessen Destruktion er aktiv beteiligt ist.

Magische Bilder

Überhaupt hat Brett Bailey ein magisches Händchen für Bilder, Stimmungen und den multimedialen Sog. Farbige Trenchcoats treffen auf ausfallende Kleider, aus deren Röcken ganze Menschen rauskrabbeln können, in einem Bart sind Pfauenfedern verflechtet, eine Figur trägt nicht nur monströsen Kopfschmuck, sondern auch Federn an ihren Fingerspitzen, der andere eine Maske mit Zähnen wie ein Hai. Dazu gibt es wenige, aber fein gestaltete Objekte: eine Truhe, einen Krug, einen Teppich. Mittendrin geschehen teilweise sonderbarste Dinge: einmal wird Faust beispielsweise der Schädel aufgeklappt und diverser Kabelsalat sowie eine Computer-Maus aus seinem Hirn befördert. Da folgt auf Tschaikowskis Blumenwalzer schon wieder ein schneidendes Dröhnen.

FaustX KunstfestWeimar2025 c CandyWelz 1Auch Elon ist dabei (Kostüme: Enrique de Villiers) © Candy Welz

In den besten Momenten des Abends von "FaustX" schwebt man förmlich durch Brett Baileys Inszenierung. Sie zeigt, dass technologischer Fortschritt im blanken Verfall der Umwelt enden kann. Was also tun? Am Ende steht ein Mini-Kind auf der Bühne, sein Kopf ist ein Ballon. Eine graue Rakete landet daneben. Das Kind fackelt nicht lange, steigt ein und fliegt durchs Universum davon. Vielleicht hat sich das ja die Dramaturgin namens ChatGPT ausgedacht.

 

FaustX
von Brett Bailey und Third World Bunfight
Autor, Design & Regie: Brett Bailey, Mitarbeit Design: Tanya P. Johnson, Kostüm: Enrique de Villiers, Video Editor: Kirsti Cumming, Sound Editor: Simon Kohler, Deutscher Sprecher: Lionel Tomm, Licht & Technischer Leiter: Nicolaas de Jongh, Produktionsleitung: Yusuf Abrahams, Bühnenleitung: Fundiswa Mrali, Dramaturg: ChatGPT.
Mit: Darion Adams, Liezl de Kock, Iman Isaacs, Sophie Joans, Siphenathi Mayekiso, Toni Morkel.
Premiere am 20. August 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.kunstfest-weimar.de

Kritikenrundschau

"Es sind sehr starke Theaterbilder, die dem Publikum sehr virtuos, sehr anrührend vorgestellt werden. Auch das Spielprinzip der Brechtbühne und das archaische Maskenspiel - auch die Projektionen mit den Comic-Elementen haben mich überzeugt", sagt Stefan Petraschewsky auf MDR Kultur (21.8.2025). "Andererseits kam mir das Ganze auch etwas auf Effekt berechnet vor, vor allem mit der fetten Soundspur und den doch sehr naheliegenden Interpretationen - von Benin-Bronzen bis Kettensäge. Unterm Strich für mich ein gelungener Abend mit zwei, drei Wermutstropfen."

Als "filmisch hochgerüstetes Maskenspiel" bezeichnet Wolfgang Hirsch die Inszenierung in der Thüringer Allgemeinen (22.8.2025) und schreibt: "Etwas Mühe macht, die Fülle an oft unscharf artikulierter Sprache und Inserts aufzunehmen. Verfasst indes hat den Text ein digitaler Dramaturg namens ChatGPT: Kreatives, Überraschendes, gar Philosophisches bietet die KI nicht auf; bloß verquecksilberte Verse als Imitat des hehren Vorbilds." Gleichwohl verdiene "FaustX" als Prädikat: "großes Kino!"

"Bailey bringt mit seinen Akteuren einen speziellen Hybrid auf die Bühne der Weimarer Redout", schreibt Rüdiger Schaper in seinem Festivalbericht für den Berliner Tagesspiegel (23.8.2025). "Faust und Mephisto sind Männer mit großen Masken, die changieren zwischen griechischer Klassik und afrikanischer Tradition. Die Faust-Maske trägt eindeutig Züge von Elon Musk. Faust, das heißt Fortschritt. Ohne Rücksicht auf Verluste." Dabei bedeute das auf Elon Musks SpaceX anspielende X im Stücktitel aber auch: "Es liegt in diesem Stoff ein universaler Grund, bis hin zur Beliebigkeit. Mit 'Faust' kann man alles machen."

"'FaustX' ist tagesaktuelles, aufgeblähtes Kabarett, ist Theater mit aller Macht der Mittel und voller schwer gereimter, goetheartiger Verse, ist voller Zorn, aber will man wirklich einen aufgeblasenen Milliardär mit dem allseits studierten Doktor Faust gleichgesetzt kriegen? Zu viel der Ehre? In den Momenten, in denen Bailey und seine Truppe von menschlicher Hybris im Allgemeinen künden, ist das völlig legitim und schlüssig. Klebt es zu nahe an Musk, ist es dann doch zu simpel, etwa wenn aus Fausts Kopf Ladekabel und eine Computermaus gefischt werden", schreibt Egbert Tholl in seinem Festivalbericht für die Süddeutsche Zeitung (23.8.2025).

Deutlich "poetischer" als der Doku-Abend "Das Land, das ich liebe" ist dieses Stück von Brett Bailey für Kerstin Holm in ihrem Festivalbericht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (25.8.2025). Baily mache "den zweiten Teil von Goethes Tragödie zur Parabel globaler Eroberungsspiele". Holm schreibt: "Trotz des Verweises auf den Südafrikaner Musk, den Bailey durch einen Auftritt mit Kettensäge verstärkt, bleibt sein Faust eine Sammelfigur von Machtmenschen, die für visionäre Projekte mittels Feuer und Krieg rücksichtslos Leben zerstören."

"Die zwischen Star-Wars-Universum, Stammesritualen, griechischem Maskentheater und KI generierten Videos mäandernde Bilderflut ist so imposant wie die dahintersteckende Wut", schreibt Sabine Leucht in der taz (26.8.2025). "Bloß kann man sich immer nur entweder auf die Bilder oder auf die auf Übertitel, Sprechblasen und Transparente verteilten Texte der mehrsprachigen Aufführung konzentrieren. (...) Entsprechend ist der Albtraum vom technokratisch induzierten Weltenbrand auch schnell wieder abgeschüttelt."

Jakob Hayner von der Welt (28.8.2025) schreibt: ""Der südafrikanische Künstler Brett Bailey hat mit 'FaustX' ein buntes Maskenspiel entworfen, eine lose Bilderfolge nach dem zweiten Teil von Goethes 'Faust'. Die Erfindung des Papiergelds wird zu Finanzspekulation am goldenen MacBook, die beiden vertriebenen Alten Philemon und Baucis sprechen jetzt Arabisch, kurz tauchen Bilder von Gaza auf, Musk posiert mit Kettensäge. Schade nur, dass Bailey so sehr nach aktuellen Bebilderungen für 'Faust' sucht, dass er nicht in die Tiefe des Stoffs geht."

Kommentare  
FaustX, Weimar: Wieso KI?
KIs als Dramaturgie, und auch noch stolz präsentiert, als würde man sich damit besonders cool finden - sind wir in der Endzeit angekommen? Was soll das?
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