Drei Schwestern - Salzburger Festspiele
Insignien des Krieges
9. August 2025. Sind das gesprengte Bunkeranlagen? Der Bühnenbildner Rufus Didwiszus hat für Evgeny Titovs Inszenierung der Oper von Peter Eötvös in der Salzburger Felsenreitschule eine apokalyptische Szenerie geschaffen. Und ein überragendes Ensemble spielt auf.
Von Thomas Rothschild
"Drei Schwestern" von Peter Eötvös nach Anton Tschechow bei den Salzburger Festspielen © SF | Monika Rittershaus
9. August 2025. Gleich zu Beginn verblüfft das berühmte Bild, mit dem Anton Tschechows Stück endet: Die drei Schwestern schmiegen sich aneinander und träumen von einer erfüllten Zukunft: "Oh, liebe Schwestern, unser Leben ist noch nicht zu Ende. Wir werden leben! Die Musik spielt so fröhlich, so freudig, und bald, scheint mir, werden wir erfahren, wozu wir leben, wozu wir leiden ... Wenn man es nur wüsste, wenn man es nur wüsste!"
Mit seiner 1998 uraufgeführten Opernfassung der "Drei Schwestern", die er auch außerhalb Russlands mit dem russischen Titel "Три сестры" (Tri sestry) ankündigt, gelang dem im vergangenen Jahr verstorbenen Ungarn Péter Eötvös der internationale Durchbruch und sein erfolgreichstes Werk.
Drei Countertenöre
Die auffälligste Besonderheit der "Drei Schwestern" besteht darin, dass die Frauenrollen nach dem Wunsch des Komponisten, aber von ihm nicht dogmatisch gefordert, mit Countertenören, also mit Männern besetzt werden. In Salzburg sind das Dennis Orellana, Cameron Shahbazi und Aryeh Nussbaum Cohen als die Schwestern, die der Oper wie dem zugrunde liegenden Drama den Titel gaben, und Kangmin Justin Kim als deren Gegenspielerin Natascha, der Frau von Andrej, dem Bruder der drei Schwestern. Hinzu kommt, auf den ersten Blick noch ungewöhnlicher, der Bass Aleksander Teliga in der kleinen Rolle der Amme Anfisa.
Im Gegensatz zur linearen, der Chronologie folgenden Struktur von Tschechows Stück, ordnet die durchkomponierte Oper, moderner, die Handlung in drei Abschnitte, die aus unterschiedlichen Perspektiven, aus der von Irina, der jüngsten der drei Schwestern, von Andrej und von Mascha, "erzählen". Die Instrumente sind auf zwei Gruppen verteilt: eine kleinere wie gewohnt im Orchestergraben und eine dreimal so große hinter der Bühne. Bei beiden spielen die links und rechts positionierten Schlagzeuger eine bedeutende Rolle.
Auf der Bühne von Rufus Didwiszus: Jörg Schneider (Doktor), Mikołaj Trąbka (Tusenbach), Aryeh Nussbaum Cohen (Olga), Anthony Robin Schneider © SF | Monika Rittershaus
Das Ensemble im Orchestergraben steht in den Worten des Komponisten in ständigem Kontakt mit den Figuren auf der Bühne: "Diese intime Verbindung ermöglicht es, dass die Gefühle und Gedanken der Darsteller zeitweise durch die Sprache der Musik statt durch die Darsteller selbst ausgedrückt werden. Das volle Orchester hinter den Sängern unterstützt die Gestaltung von dramatischen Szenen, von Gefühlsausbrüchen. Die Harmonika, ein Instrument, das als typisch russisch empfunden wird, symbolisiert die Zeitlosigkeit der sich ergebenden Ereignisse, das Gefühl, sich außerhalb der Geschichte zu befinden." Zwar verzichtet Eötvös auf oberflächliche Effekte der musikalischen Nachahmung, aber er benützt, eher pointillistisch, tonmalerische Elemente, die der Konstituierung von Zusammenhängen und dem Wiedererkennen dienen.
Flucht der Literatur vor dem Regietheater in die Oper?
Die Frage, ob es sich angesichts der beträchtlichen Veränderungen um eine Vertonung von Tschechows Schauspiel handelt, stellt sich heute, da Regisseuren auch ohne Musik jede Freiheit beim Umgang mit Texten gestattet ist, noch weniger als 1998. Eins aber kann man mit Gewissheit behaupten: "Drei Schwestern" ist eine der großen Literaturopern in der Nachfolge von "Wozzeck", dem "Prinz von Homburg" und "Jakob Lenz".
Zwischen Donizettis "Maria Stuarda" und der Wiederaufnahme von Verdis "Macbeth" bestätigen die "Drei Schwestern" die angesichts der Entwicklungen im Sprechtheater keineswegs selbstverständliche Überlebenskraft des Genres. Gibt es eine anhaltende Sehnsucht nach Geschichten jenseits des Fernsehens, die das Schauspiel der Überschreibungen und der Performance verweigert? Sind die prominentesten Schwestern der Theatergeschichte von Susanne Kennedy und Simon Stone schon präventiv in die Oper ausgewandert?
Ort der Sehnsucht
Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus erinnert frappierend an die Trümmerlandschaft in Evgeny Titovs Inszenierung von "Gier unter Ulmen" am Münchner Residenztheater. Tschechow oder Eugene O’Neill: auf den ersten Blick ist der Unterschied gering. Die Arkaden im Felsen der ehemaligen Reitschule sind zugemauert, es gibt kein Entrinnen. Intimität lässt das Breitwandformat der Felsenreitschule kaum zu. Die Dialoge – und das sind sie eher als Duette – finden fast ausschließlich auf Entfernung statt. Wenn Irina klagt: "Für uns war das Leben noch nicht schön", räumt der Baron Tusenbach den Wegweiser beiseite, der nach Moskau, dem Ort der Sehnsüchte, zeigt.
Vor den Trümmern der Welt: Johanna Lehfeldt (Mädchen), Eva Christine Just (Mütterchen) © SF | Monika Rittershaus
Die Dirigenten vor und hinter der Bühne ordnen die Gesangsstimmen des durchweg überragenden Ensembles dem Orchester unter, leise, zurückhaltend. Die Musik spiegelt die Tristesse der Lage. Nataschas Bosheit wird eindrucksvoll umgesetzt durch einen nach oben verschleiften Ton. Und Andrejs Jammer über seine vulgäre Frau wird begleitet von einer gestopften Trompete.
Nach fünfzig Minuten wird Irinas Sicht von jener ihres Bruders Andrej abgelöst. Vom Verständnis der "Drei Schwestern" als Komödie ist die Oper von Eötvös allerdings weiter entfernt als Rudolf Noelte und Peter Stein zusammengenommen. Das ändert sich auch nicht, als weitere dreißig Minuten später Maschas Leid zum Thema wird. Wenn ihr Mann, der Lehrer Kulygin, mit Eselsohren und Clownsnase auftritt, wird es nur umso erbärmlicher.
Einen kurzen Moment lang stürmen Soldaten mit den Insignien des Krieges die Bühne. Die Salzburger Festspiele haben in diesem Jahr auch bei Tschechow und Eötvös – nach Händels "Giulio Cesare in Egitto","Macbeth" und den "Letzten Tagen der Menschheit" – zum leider aktuellen Thema gefunden.
Drei Schwestern – Три сестры
Oper in drei Sequenzen (1998)
von Peter Eötvös
Libretto von Claus H. Henneberg und Peter Eötvös nach dem Schauspiel "Drei Schwestern" von Anton Tschechow
Musikalische Leitung/Dirigent (im Orchestergraben): Maxime Pascal, Dirigent (hinter der Bühne): Alphonse Cemin, Regie: Evgeny Titov, Bühne: Rufus Didwiszus, Kostüme: Emma Ryott, Licht: Urs Schönebaum, Klangregie: Paul Jeukendrup, Dramaturgie: Christian Arseni
Mit: Dennis Orellana, Cameron Shahbazi, Aryeh Nussbaum Cohen, Kangmin Justin Kim, Mikołaj Trąbka, Ivan Ludlow, Jacques Imbrailo, Andrey Valentiy, Aleksander Teliga, Anthony Robin Schneider, Jörg Schneider, Seiyoung Kim, Kristofer Lundin.
Premiere am 8. August 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.salzburgerfestspiele.at
Kritikenrundschau
"Regisseur Evgeny Titov hält sich zu sehr ans breit ausgestellte Seelenleid seiner Antiheld(inn)en, als dass er deren Komik, Erbärmlichkeit, Brutalität zeigen würde," schreibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (11.8.2025). Das erleichtere ihm sein Bühnenbildner Rufus Didwiszus, der auf die riesige Felsenreitschulbühne eine durch einen Krieg zerstörte Eisenbahnstrecke gebaut habe. "Diese Szene ist vertraut durch Bilder aus Sudan, Ukraine, Gaza, niemanden wünscht man, in solch einer Weltgegend überleben zu müssen. Auf einer Bühne wirkt der Kriegsrealismus harmlos, das Bühnenbild transportiert nicht mehr als die Botschaft von der Scheußlichkeit der Welt. Das aber steht im Widerspruch zur Musik von Peter Eötvös, die immer einen Ausweg sucht, immer einen Funken Hoffnung suggeriert."
"Regisseur Evgeny Titov und sein Team haben diese groteske Seite der Oper atemraubend ins Licht gesetzt," schreibt Eleonore Büning in den Salzburger Nachrichten (11.8.2025). "Die zeichenhafte Comic-Kostümierung (Emma Ryott), verwirrend austauschbar in den drei Collage-Sequenzen, trägt dazu ebenso bei wie die jähen Lichtwechsel (Urs Schönebaum) und das apokalyptische Bühnenbild (Rufus Didwiszus). Es ist schon witzig, mit anzusehen, wie ameisenflink die hysterisch kreischende Natascha (Kangmin Justin Kim) die steilen Trümmerbrocken hinaufkraxeln kann."
Regisseur Evgeny Titov arbeitet in seiner Inszenierung aus Sicht von Ljubiša Tošić vom Wiener Standard (9.8.2025) "den quälenden existenziellen Stillstand akribisch, aber nie pedantisch heraus. Absurde szenische Einsprengsel würzen eine Inszenierung der feinen Gesten, die den Charakteren Kontur verleiht." Dirigent Maxime Pascal dirigiert bringe im Graben "jene Sogwirkung hervor, die Eötvös' Musik so suggestiv, kontrastreich und so klanglich verzaubernd erscheinen lässt."
"Allerdings war es doch überraschend, dass sich das Geschehen – die Leidensgeschichte von Träumern, die in den Abgrund gestürzt sind, in den sie, das Leben vertrödelnd, so lange geblickt haben – vor einem politischen Szenario begibt," schreibt Jürgen Kesting in der FAZ (11.8.2025).
"Die letzte Opernpremiere dieser Saison ist ein großer Wurf," schreibt Regine Müller in der taz (11.8.2025). "Evgeny Titov verlegt Peter Eötvös ’ 'Drei Schwestern' in der Felsenreitschule von der russischen Provinz mit Salon, Samowar, Garten und Birken in ein apokalyptisches Nirgendwo."Die Personenführung ist gekonnt und präzise. Exemplarisch ist die musikalische Umsetzung von Eötvös’ hoch komplexer Partitur."Phänomenal ist aus ihrer Sicht auch das Gesangsensemble besetzt, "allen voran die grandiosen drei Schwestern, gesungen vom betörenden Sopran des Dennis Orellana als Irina, dem dunkel timbrierten Mezzo von Cameron Shahbazi als Mascha und dem sonoren Counter von Aryeh Nussbaum Cohen als Olga sowie dem keifend überzeichnenden Counter Kangmin Justin Kim als Natascha (...). Der Rest des riesigen Casts agiert auf gleich hohem sängerischen und darstellerischen Niveau. Eine Sternstunde des zeitgenössischen Musiktheaters, frenetisch gefeiert."
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