Maria Stuarda - Salzburger Festspiele
Frauen unter Einfluss
2. August 2025. Elisabetta spitzt auf Leicester, der liebt Maria, und fertig ist die Rachetragödie. Sollte es wirklich so einfach sein? Nicht bei Ulrich Rasche. Der inszeniert in Salzburg mit Donizettis "Maria Stuarda" seine dritte Oper - und interessiert sich dafür, was Librettist Giuseppe Bardari aus Schillers Dramenvorlage herausredigiert hat.
Von Reinhard Kriechbaum
"Maria Stuarda" in der Regie von Ulrich Rasche bei den Salzburger Festspielen © SF / Monika Rittershaus
2. August 2025. Nur Festspiele können sich ein solches Sängerinnen-Casting leisten: Zwei Frauen, die nicht nur im Singen völlig gleichstimmig umgehen mit den Anforderungen des Belcanto in seiner frühromantischen Spielart, wie Gaetano Donizetti sie in die Noten geschrieben hat. Lisette Oropesa (Maria Stuarda) und Kate Lindsay (Elisabetta) wirken auch optisch wie mit denselben Genen ausgestattet, tatsächlich glaubhaft als jene Schwestern königlichen Geblüts, die sie in dieser Oper ja verkörpern und als die sie ihren für die eine voraussehbar letalen Kampf ausfechten.
Einen kurzen Moment werden sie vor Maria Stuardas Hinrichtung da stehen: Nur drei, vier Meter voneinander entfernt, aber auf gleicher Augenhöhe. Gertenschlank beide, Zwillinge eher als Schwestern, werden sie je einen Arm zur anderen ausstrecken. Verwandte Seelen doch, aber die Sache ist gelaufen.
Höflinge als Taktgeber
Warum sie so gelaufen ist, das ist bei Donizetti reduziert auf eine Dreierbeziehung. Elisabetta spitzt auf Leicester, aber der und die gefangene Maria Stuarda sind ein Liebespaar. Je mehr Leicester – "Roberto", wir sind in der italienischen Oper! – sich für Maria einsetzt, umso härter Elisabettas Reaktion. So einfach.
Was Librettist Giuseppe Bardari aus Schillers Dramenvorlage herausredigiert hat, das interessiert Ulrich Rasche. Er lässt die Königinnen nicht alleine. Jede ist auf einer riesigen Drehscheibe unterwegs, und jede ist einem Bewegungschor ausgesetzt, einer Handvoll schwarz gekleideten Männern, Höflingen, die im Wortsinn die Schrittfolge vorgeben. Meist in gebotenem Respektabstand zu den Königinnen, aber die wissen wohl, dass ihre Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind.
Duell der Königinnen: Kate Lindsey als Elisabetta und Lisette Oropesa als Maria Stuarda © Monika Rittershaus
Am Beginn des zweiten Aktes gilt es, das Todesurteil zu unterschreiben, und Elisabetta zögert: Da greifen die höfischen Dunkelmänner augenblicklich nach ihr. Weit ist es nicht her mit der royalen Entscheidungsfreiheit. Das also zeigt Rasche auf den zwei riesigen Scheiben, die unterschiedliche Schräglagen haben und sich auf dem Sechzig-Meter-Cinemascope des Großen Festspielhauses gegeneinander in alle Richtungen bewegen können.
Darüber schwebt eine dritte, leuchtende Riesenscheibe, die nicht nur wie eine Deckenlampe im Operationssaal starkes Licht spendet. Sie dient auch als Projektionsfläche für Videos. Da sehen wir in den Elisabetta-Szenen immer wieder, wie Männerhände nach Maria greifen, dass also auch die Rivalin gehörig unter Druck der höfischen Fädenzieher steht.
Im Robert-Wilson-Licht
Die Männergruppe der Salzburger Tanzakademie SEAD nimmt gelegentlich bedrohliche Haltung an. Sie kommt auch nicht aus dem Gleichschritt, wenn der stilkundige Mann am Pult, Antonello Manacorda, in Orchestervorspielen mit den Wiener Philharmonikern die wohl angebrachten Rubati auskostet. Man kann nachfühlen, wie viel Probenarbeit selbst im simpel anmutenden langsamen Schreiten steckt.
Ein Regie-Problem in "Maria Stuarda" sind im zweiten Akt Marias Gebet und die ultra-lange Szene, in der sie Elisabetta verzeiht und Gott um Gnade für die Rivalin um England bittet. Rasche lässt Maria nun von einer großen Schar – gleich achtzehn – nur mit Tuch um die Lenden bekleideten Männern begleiten, die gemeinsam mit ihrer Königin leiden. Ein gut halbstündiger Kondukt in den Tod, bei dem die Sängerin sogar kurz von einer Tänzerin gedoubelt wird. Eindrucksvolles Dekor in einem Licht, das an den dieser Tage verstorbenen Robert Wilson denken lässt. Achtzehn Schmerzensmänner, die zuletzt von der herabsinkenden Riesenscheibe mitsamt Maria zermalmt werden: Man kann die Bildgewalt auch übertreiben.
In den Fängen männlicher Taktgeber: Kate Lindsey als Elisabetta, Thomas Lehman als Lord Guglielmo Cecil sowie Tänzer und Tänzerinnen von SEAD – Salzburg © Monika Rittershaus
Was in Rasches Konzept des Wanderns über die Drehscheiben ganz unaufdringlich gelöst ist: Die Protagonisten sind und bleiben immer ganz vorne. Das sonst diskreditierte "Rampensingen" hat Methode und wirkt plausibel. Die Situation ist denkbar sängerfreundlich, und das kommt dem hier versammelten sängerischen Traumensemble natürlich zugute. Kate Lindsay hat für die Mezzosopran-Partie der Elisabetta viel Samt in der Stimme, und das setzt sie sehr gezielt ein, um auch die intensiven Selbstzweifel und die doch mitschwingende Empathie dieser Figur über die Rampe zu bringen.
Die nun wirklich maximal effektheischenden Nummern hat Donizetti freilich der Titelrolle zugedacht. Lisette Oropesa hat nach der Premiere dafür einen wahren Beifallssturm entgegennehmen dürfen. Sie versteht, die Koloraturen so zu servieren, dass sie nie als äußerliches Dekor wirken. Fabelhaft, wie sie exponierteste Töne locker und unverkrampft ansetzt, wie auch sie ein Maximum an Weichheit in die Kantilene einbringt – auch da sind diese beiden Königinnen eigentlich Zwillinge.
Belcanto-Fest
Bekhzod Davronov ist Roberto, Conte di Leicester, ein Tenor-Strahlemann sondergleichen. Thomas Lehman (Lord Cecil) ist ein elegant deklamierender, daher latent gefährlicher Lord Cecil – der Dauer-Einflüsterer, der Elisabetta vor sich hertreibt. Auch Aleksei Kulagin (Talbot) und Nino Gotoshia (Anna) im Gefolge der Maria sind luxuriöse Besetzungen.
In Summe ein Belcanto-Fest sondergleichen, dem die Regie von Ulrich Rasche nach Kräften zuarbeitet. Dass es dann doch immer wieder vernehmlich knackt und surrt, wenn sich die Scheiben drehen, nimmt man schon in Kauf.
Maria Stuarda
Tragedia lirica in zwei Akten von Gaetano Donizetti
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda, Regie und Bühne: Ulrich Rasche, Kostüme: Sara Schwartz, Video: Florian Hetz, Licht: Marco Giusti, Choreografie: Paul Blackman, Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Mitarbeit Regie: Dennis Krauß.
Mit: Kate Lindsey, Lisette Oropesa, Bekhzod Davronov, Aleksei Kulagin, Thomas Lehman, Nino Gotoshia, Tänzer und Tänzerinnen von SEAD — Salzburg Experimental Academy of Dance, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker.
Premiere am 1. August 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
https://www.salzburgerfestspiele.at
Kritikenrundschau
Ulrich Rasche habe "ein Bildertheater der Reduktion erdacht, das Individuen als Gefangene einer Machtstruktur zeigt, die sie zwar selbst formen, von der sie zugleich aber selbst deformiert werden", berichtet Ljubiša Tošić im Standard (2.8.25). Der Regisseur versage sich "aktualisierte Politanspielungen" und schaffe "einen atmosphärisch starken, abstrakten Bühnenraum", in dem die Kontrahentinnen "zu Hass- und Leidensskulpturen" würden. "Die Entourage, die beide Frauen umgibt", wirke indes "in ihrer stechschrittartigen Schreitmonotonie gar aufgesetzt" und "redundant", hier schwächele die Inszenierung. Der Kritiker lobt die herausragende "vokale Leistung" insbesondere der beiden Hauptakteurinnen und resümiert: "In Summe eine sehr gute Produktion, der Standing Ovations zurecht nicht erspart blieben."
"Zwei Planetinnen umkreiseln sich in der ewigen Opernzaubernacht. Jede verharrt in ihren Sonnen- wie Koordinatensystem... Schöner, poetischer kann man 'Maria Stuarda' eigentlich nicht erzählen", so Manuel Brug in der Welt (2.8.2025). Es gelinge eine wirklich festspielwürdige Premiere, "weil sich alle auf dieses bühnentechnisch ungewöhnliche wie vokal spannende Experiment restlos eingelassen haben". Ulrich Rasche setze dabei "in seiner herrschsüchtigen Stilistik auf originelle wie enge Weise das Erbe eines Einar Schleef wie des eben verstorbenen Robert Wilson fort". Wie die Scheiben greife hier jedes ästhetische wie akustische Rädchen ineinander. "Manchmal ächzen die Maschinen auch. Da merkt man wieder, wie schwer diese so fluide Arrangement doch ist."
"Es gibt Aufführungen, in denen man spürt, dass der Regisseur seine Sänger liebt und ihm mit darstellerischem Enthusiasmus gedankt wird", beginnt Jürgen Kesting seine Kritik für die FAZ (4.8.2025). Und dann gebe es welche, "in denen der Regisseur seinen Darstellern die Last auferlegt, Probleme zu lösen, die er selbst in einem Werk neu entdeckt hat: wie Ulrich Rasche beim Versuch, eine Belcanto-Oper mit seiner "brutalistischen Ästhetik" (so er selbst) in Einklang zu bringen". Schauplatz für den "Countdown der Königinnen" seien zwei riesige, sich drehende Scheiben, auf denen selbige umgeben von anonymisierten Vertretern der Macht einherschritten. "Die Mächte, zwischen denen die Königinnen zerrieben werden, bleiben szenisch Chimären, die in der Gebrauchsanweisung, dem Programmheft, erklärt werden", urteilt der Kritiker.
"Die Handlung spielt im 16. Jahrhundert. Doch so, wie der Regisseur Ulrich Rasche die Oper inszeniert hat, wirkt sie zeitlos, fast heutig", berichtet Sebastian Hammelehle in einem großen Salzburg-Report für den Spiegel (3.8.2025). "Das Bühnenbild ist hochästhetisch, kondensiert auf übergroße, beleuchtete, sich drehende Scheiben. Tänzerinnen und Tänzer der Salzburg Experimental Academy of Dance umkreisen die Sängerinnen, folgen ihnen wie lauernde Schatten."
Ulrich Rasche gelinge "das Kunststück, mit der unabdingbaren Mechanik seines Bühnenbilds und seiner Inszenierung dieser Belcanto-Oper weitgehend den ihr innewohnenden Unsinn auszutreiben", urteilt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (3.8.2025). Früher habe der Regisseur "gewaltige Überwältigungsmaschinen" gebaut, "auf denen die Schauspielerinnen und Schauspieler während eines unaufhörlichen Schreitens und Stampfens den Text wie aus Erz gegossen deklamierten". Hier gelinge etwas anderes. Kate Lindsey mache aus ihrer Elisabeth "ein einzigartiges Erlebnis", und Lisette Oropesa sei als Maria ebenfalls "ein ganz und gar wundervolles Ereignis von sängerischer Intelligenz, menschlicher Nähe und vollkommen müheloser, selbstverständlicher Klanggestaltung", so der Kritiker.
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Nun zu den Sängern: Die beiden Königinnen haben Ihren Part ganz hervorragend gemeistert. Da gibt es nichts zu rütteln! Was mich wundert, dass Kritiker einerseits Königin Elisabeth fast nicht erwähnen und andererseits Königin Maria ein vollmundiger Klang fehle. Beides ist sehr wunderlich. Die beiden Männer Conte di Leicester und Lord Cecil sangen in sehr hoher Qualität, wobei mir bei Lord Cecil die etwas heiser-rauhe Stimme auffiel.
Die weiteren Rollen waren erstklassig besetzt. Nun der Staatsopernchor sang wahrlich königlich. Nun zur Regie und zur Bühne muß man Herrn Ulrich Rasche gratulieren.
Diese Meisterhaftigkeit in der Regieführung und die wunderbare Gestaltung der Bühne, die
wesentlichen Anteil hatte am Geschehen, war wahrlich eine großartige Eingebung .
Mit besten Grüßen, Lipscha eh.
Auf ihren Drehbühnen kreisen diesmal zwei verfeindete Königinnen: Elisabetta (Kate Lindsey) und Maria Stuarda (Lisette Opresa) sind Getriebene. Zentrale Idee von Rasches Setting ist, dass die beiden Frauen nicht nur von Eifersucht getrieben sind, wer den Grafen Leicester (Bekhzod Davronov) für sich beanspruchen darf. Vor allem treibt sie auch der intrigante männliche Hofstaat vor sich her. Wie Kletten klammern sich die Tänzer der SEAD (Salzburg Experimental Academy of Dance) in manchen Szenen an die Protagonistinnen und schieben oder zerren sie vor sich her. In anderen Szenen halten sie etwas mehr Abstand, lassen aber ihren Atem im Nacken spüren. Rasche grenzt sich damit deutlich von Anne Lenks „Maria Stuart“ am Deutschen Theater Berlin, bei der die Männerfiguren harmlos-alberne Witzfiguren waren.
Wie auch schon in früheren Sprechtheaterinszenierungen senkt sich zum tragischen Finale die dritte Drehscheibe, die bis dahin für Videoprojektionen von Florian Hetz genutzt wurde, und lässt die getriebenen Menschlein, die von ihrer Wucht niedergedrückt werden, noch unterlegener aussehen.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/08/06/maria-stuarda-oper-kritik/
Wunderbare Dramaturgie, Konzentration auf das Wesentliche, große Stimmen
Zur Unoriginalität der Inszenierungen seit seiner zweiten Arbeit werde ich mich nicht mehr äußern. Das hab ich schon zu oft gemacht, und wessen Tür soll ich da einrennen außer meiner eigenen weit offen stehenden.
Aber, und das ist nun wirklich weder skandalös oder sonst was, auch ich habe die Riefenstahl Assoziationen immer wenn ich etwas von ihm gesehen habe.
Das diesmal nackte junge Männer im Sprechchor fehlen... das muss man ja fast schon als Eruption im Rasche Universum sehen.
Ich finde die Begeisterung, die Rasche im deutschsprachigen Raum immer noch auslöst, sagt durchaus sehr viel über die Rezipienten aus. Die fast schon Vergötterung mancher über Oberfläche in Form von drehenden Scheiben (immer wieder), pathetischer Musiksauce und gestählter nackter Haut erscheint mir wie ein Trigger bestimmten Herdenverhaltens.
Und schon bin ich wieder in die Falle getappt und rede über seine "Inszenierungen".
Zumindest schafft er bei mir konstante Wut zu entfachen darüber wie hörig man ihm immer noch huldigt, befreit von dem Wunsch Subtilität auch mal wieder zuzulassen.
Da scheint bei #10 und #11 dann doch der Wunsch vorzuherrschen, ein Interpretationsvorrecht zu beanspruchen.
Und Riefenstahl ist noch lange kein Bogen den ich zu Nazis spanne. Da geht es doch eher um eine visuelle ästhetische Assoziation die Frau Riefenstahl durchaus geprägt hat und die ich damit verbinde.
Allerdings ist es müßig sich mit Rasche Enthusiasten da zu streiten. Das selbe gilt übrigens für Anhänger von Robert Wilson. Sobald man erwähnt, dass die Inszenierungen sich gleichen auf einer Ebene, die es obsolet machen was man gerade inszeniert, wird direkt scharf sich empört.
Rasche passt übrigens wie die Faust aufs Auge, nach Salzburg. 5 Jahre dort lebend, habe ich noch keinen anderen Ort erlebt wo die konservative Lebenseinstellung derart zelebriert wurde. Bitte mehr vom gleichen. Danke schön und gehen sie weiter.