Die Toten, das sind wir!

29. Juli 2025. Diese Geisterbeschwörung ist ein Multimediaspektakel der Extraklasse: Für seinen apokalyptischen Ritt "Le Passé / Das Vergangene" hat Julien Gosselin den russischen Symbolisten Leonid Andrejew wiederentdeckt. Ein nervenzehrender, ebenso schockierender wie begeisternder Abend. 

Von Gabi Hift

"Le Passé" von Leonid Andrejew, inszeniert von Julien Gosselin bei den Salzburger Festspielen © Simon Gosselin

29. Juli 2025. 'Wenn Sie an meinem Herz lecken könnten', Si vous pouviez lecher mon coeur, nennt sich die eingeschworene Truppe des jungen französischen Regisseurs Julien Gosselin. Seit einem Jahr ist er Intendant des Odéon Theaters in Paris, von dort kommt auch das Gastspiel "Le Passé".

Gespenstische Wiederkehr

Gosselin ist eine Ausnahmeerscheinung unter den jungen Wilden. Tatsächlich scheint ihn nur der Geschmack des eigenen Herzens zu interessieren, während er in Endzeitstimmungen vergangener Epochen schwelgt. 2023 bei den Wiener Festwochen war es das Wiener Fin de siècle, gefiltert durch die Texte von Schnitzler ("Extinction”). Nun, in "Le Passé", hat er einen vergessenen russischen Autor wiederentdeckt: Leonid Andrejew. Er galt neben Tschechow und Gorki als der bedeutendste Dramatiker der letzten Jahrhundertwende. War zusammen mit Gorki begeisterter Anhänger der 1905er Revolution, wurde danach aber zum Pessimisten und Feind der Bolschewiken. Er war Anhänger des "Panpsychismus” und des "Kosmismus", der von der Migration der Erdbevölkerung zu anderen Planeten ausgeht, um auf der Erdoberfläche Platz zu schaffen für die Wiederkehr der Toten. Und mit einer solchen Wiederkehr der Toten haben wir es hier zu tun.

Auf der Bühne sehen wir eine Art Geisterreich: hinter einem Rampenlicht aus Dutzenden Kerzen schimmern opulent eingerichtete russische Räume der Jahrhundertwende. Vorhänge, Fensterscheiben, Balustraden erschweren den Blick ins Innere. Den Vorgängen im Inneren folgen wir auf einer großen Leinwand über der Bühne. Eine ausgefeilte Bildregie liefert einen perfekten Film, verweigert aber Zuschauern und Schauspielern die direkte Begegnung.

LePasse 1 SimonGosselinBilder aus einem Zwischenreich: Joseph Drouet, Carine Goron, Victoria Quesnel, Achille Reggiani © Simon Gosselin

Dadurch entsteht die Wirkung, als sähen wir etwas längst Untergegangenes, nähmen teil an einer gespenstischen Wiederkehr. Nur am Ende der Akte treten einzelne Figuren hinaus, kommen durch den Vorhang oder treten auf den Balkon, breiten die Arme aus und sprechen in die Dunkelheit hinein, versuchen uns über die große Distanz hinweg zu erreichen. Und immer, wenn diese Wiedergänger auf uns zukommen, erschaudern wir beim Gefühl, nichts anderes zu sein als sie: einzigartig, vergänglich und allein.

Dämonisierung der Frau

Den Rahmen bildet das Stück "Jekaterina Iwanowna". Zwischen den Akten sind die Erzählungen "Im Nebel", "Der Abgrund" und "Die Auferstehung der Toten" eingefügt. Es beginnt mit Panik und Chaos, Schüsse fallen: Georgij, ein gutsituierter Mann und Abgeordneter der Duma, hat versucht seine Frau zu erschießen, sie aber verfehlt. Es stellt sich heraus, dass er zu Unrecht dachte, sie hätte ihn betrogen. Jekaterina flieht mit ihren beiden Kindern aufs Land. Doch sie hat in einen Abgrund gesehen: der eigene Mann wollte sie töten. Aus Verachtung für ihren Mann und für sich selbst, tut sie das, wessen sie zu Unrecht beschuldigt wurde: sie betrügt ihn, wird schwanger, treibt das Kind ab. Sie wird zur Femme fatale und treibt in den Untergang.

Diese Männerprojektion, diese Dämonisierung der aktiven weiblichen Sexualität hat etwas geradezu Abscheuliches. Zwar gehen die Museen über vor lüsternen Darstellungen der Salome aus dem Fin de siècle, Wedekinds Lulu wird immer noch gern gespielt, aber wir sind inzwischen gewöhnt, das mit ironischer Distanz zu betrachten. Wir erwarten, dass das Dämonische der Femme fatales umgehend als toxische Männerprojektion entlarvt wird, dass Lulu und Salome entweder als reine Opfer gezeigt werden oder als Frauen, die eine befreite Sexualität leben und dafür ermordet werden. Gosselin jedoch belässt hier die Gespenster in ihrer Zeit und liefert keine Möglichkeit zur Distanzierung. Jekaterinas animalische und amoralische Natur bricht durch, sie verwandelt sich in ein Monster – man spürt den Odem der Hölle, den Andrejew aus der Frau aufsteigen lässt – und Gosselin spitzt das sogar noch zu.

LePasse SimonGosselin

Was Victoria Quesnel als Jekaterina spielt, ist sensationell – und so ungehörig, dass man beim Zuschauen gar nicht weiß wohin mit sich. Sie verwandelt sich nach und nach in eine Hysterikerin avant la lettre, eine Geisteskranke mit allen Schikanen: entsetzliche Grimassen verzerren ihr Gesicht, ihr Augen verdrehen sich, bis man nur noch das Weiße sieht, sie wringt die Finger, der Hals starr, ein irres Lachen. Hechelnd stürzt sie sich auf die Männer, aus dem weit aufgerissenen Mund kommt ein Fauchen und die fremde tiefe Stimme eines Dämons.

Rauschhafte Fantomwelt

Man erkennt Bilder, die sie inspiriert haben könnten: die Hysterikerinnen von Charcot; Bilder aus Nervenheilanstalten der Jahrhundertwende; die Performances der Grotesktänzerin Valeska Gert: aber auch "volkstümliche" Vorstellungen von Irrsinn in Horrorfilmen wie "Der Exorzist". Das ist über lange Strecken quälend anzuschauen – doch es ist brilliant. Zwischen den Akten plötzlich ein expressionistisches Maskenspiel – groteske Masken aus Strumpfwülsten, die wie George-Grosz-Figuren aussehen, ein Riesenstrumpfpenis mit Syphilis, ein bluttriefendes Messer!

Dann Finsternis, zwei Stimmen: ein Theaterdirektor spricht mit einem hohen Herrn. Der will keine anderen Zuschauer neben sich haben – die Schauspieler brauchen aber welche, um gut zu spielen – deshalb hat der Direktor Holzpuppen bauen lassen, die jetzt die Zuschauer ersetzen "Schauen Sie," sagt er – und rotglühende schwache Scheinwerfer strahlen auf uns: die Holzpuppen, die Toten das sind wir, zu denen die lebenden Schauspieler aus der Tiefe der Zeit jetzt hinaufschauen.

Nur etwa die Hälfte des Publikums wollte bis zum Schluss in dieser rauschhaften, depressiven und gleichzeitig euphorischen Fantomwelt bleiben. Die geblieben sind, haben am Ende gejubelt.

Le Passé
von Leonid Andrejew
In einer Adaption von Julien Gosselin
Übersetzung von André Markowicz
Regie: Julien Gosselin, Regiemitarbeit: Antoine Hespel, Dramaturgie: Eddy D’Aranjo, Bühne und Maske: Lisetta Buccellato, Kostüm: Caroline Tavernier, Valérie Simonneau, Musik: Guillaume Bachelé, Maxence Vandevelde, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Jérémie Bernaert, Sound: Julien Feryn.
Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Carine Goron, Victoria Quesnel, Achille Reggiani, Maxence Vandevelde, Jérémie Bernaert, Baudouin Rencurel
Salzburger Premiere am 28. Juli 2025
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause 

www.theatre-odeon.eu
www.salzburgerfestspiele.at

Kritikenrundschau

"Le Passé, zu Deutsch: die Vergangenheit, will uns zeigen, woher wir kommen. Aber das ist nur eine dünne Ausrede für die ausgedehnte Zelebration einer untergehenden chauvinistischen Gesellschaft", schreibt Margarete Affenzeller im Wiener Standard (30.7.2025). "Anstatt etwas zu erkennen zu geben, verfestigt der Abend überkommene Zustände; man sieht 300 Minuten lang eine an den sie umgebenden Männern leidende Frau und soll dabei glauben, das sei aufklärerisch. 'Danke' dafür." Das alles werde inszeniert "wie ein Comic nach Vegard Vinge und Ida Müller". Die überzeichnete Puppenwelt in Stummfilmoptik gewähre in diesen finsteren Stunden immerhin ein wenig Witz.

"Alles ist aufgedreht, laut, hysterisch, eine einzige Figur, Jekaterinas Schwester (Carine Goron) kommt einem nah, alle anderen nerven, heulen, kreischen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (30.7.2025). "Es wird viel offen umgebaut (wir machen ja Theater, haha, alles eine Lüge), zwei der Schauspieler machen dazu grässliche Musik, Elektrocello und Vokalisen voller Pathos, laut bis zur Körperverletzung." Zur sehr kurzen Erholung höre man einmal Edvard Grieg, 'Solveigs Lied'. "Hilft nicht viel, es bleibt ein aufgedrehter Totentanz, abgestorbenes, wie mit Starkstrom zum Leben wiedererwecktes Theater."

Wer gutes Sprechtheater sucht, komme hier nicht auf seine Kosten, schreibt Anne-Catherine Simon in der Wiener Presse (30.7.2025). "Aber das ist hier das geringere Problem. Die zwei Hauptprobleme dieser Produktion sind wohl andere. Das eine ist die Dramaturgie des Horrors – eines grotesken Horrors, der sichtlich den Horror der Existenz überhaupt und allezeit illustrieren soll, heute wie in Russland vor hundert Jahren." Das zweite Hauptproblem dieser Produktion ist aus Sicht der Kritikerin die Text-Auswahl. "Mit aller Macht aber versucht Gosselin diesen Autor wiederzubeleben – obwohl er gleichzeitig, sagt er, in seinem Theater das Tote sucht. Vielleicht hat der mühsame Verlauf dieses Abends auch mit diesem inhärenten Widerspruch zu tun."

Von "Staunen über all die technische Perfektion in Szenographie und Ausdrucksform, über die kraftvollen Körper in historischen Kostümen vor antiquarischem Ambiente", schreibt Simon Strauß in der FAZ (30.7.2025). Das läßt den Kritiker auf einen jungen Theateravantgardisten hoffen, "der sich von der Last des postdramatischen Formdiktums befreit und mit neuem, epischem Interesse inszeniert. Mit dramaturgischer Lust an Anteilnahme und Wirkung, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln einer Überwältigungsästhetik, einer breitleinwandartigen Musikuntermalung, einer kunstvollen Videotechnik. Der das Theater als Zauberbude wiederentdecken will."

Kommentare  
Le Passé, Salzburg: Verstörend und fesselnd
Le Passé 28.07.25 Salzburger Festspiele

Das Tolle am Theater ist, dass es einen immer wieder mit neuen Sichtweisen und Darstellungsformen konfrontiert. Darauf muss man sich aber auch einlassen. Ich bin in der Pause nicht gegangen, glücklicherweise.
Das Stück ist in seiner Art und Direktheit verstörend. So eine visuelle, akustische und präsente Darstellung hab ich selten erlebt. Wie schon oben in der Kritik erwähnt, erzählt eine Stimme, dass den Schauspielerinnen bemalte Holzpuppen als Publikum ins Parkett gesetzt werden und sie den Unterschied nicht bemerken. Wir, die Zuseher, können das Geschehen nur durch Vorhänge oder offene Türen erahnen, was wir auf einer großen Leinwand live verfolgen. Die Kamera ermöglicht dabei einen sehr nahen direkten Blick auf die Gesichter der Darstellerinnen. Was passiert da? Was sehe ich? Warum verhalten sich Menschen so?
Nach einmal darüber schlafen möchte ich einen Aspekt benennen. Der Umgang mit Sexualität. Die weibliche Sexualität wird als bedrohend, lüstern, diabolisch gesehen. Was die Männer gewaltvoll phantasieren und ausleben, ist genauso verstörend. Da feuert ein Ehemann drei Kugeln aus einem Revolver auf seine Frau, weil er sie fälschlicherweise für untreu hält (dabei bedrohend wie Jack Nicholson in Shining). Sein Bruder befeuert den falschen Verdacht noch durch Vermutungen über den angeblichen Geliebten. Ein Freund, der Maler, meint später sogar, er müsste nochmal auf sie schießen. ABER Verfehlte er sie wirklich?
Daraufhin betrügt sie ihren Gatten mit einem anderen. Lässt sie das ungewollte Kind abtreiben? Sie spricht nur von einer Operation. Will sie, nachdem sie zu ihrem Mann zurückkehrte, keine Kinder mehr oder geht es nicht mehr?
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Im letzten Teil wird sie auf einem Fest von den Männern zu Salomes Schleiertanz aufgestachelt. Eine unglaublich fesselnde und verstörende, Trance ähnliche Darstellung. Begleitet von mindestens drei Paukenschlägen - die einem das Zwerchfell beben lassen -
SPOILERALARM (hier hebt sie kurz den rock und zeigt drei einschusslöcher in ihrem unterleib)
Die Männerwelt, angeführt von ihrem Ehemann, beklatscht sie dafür. Den Lohn, den Kopf des Propheten, bleibt man ihr schuldig.
Nach der Vorstellung, an der Bushaltestelle, war eine Frau ganz empört. Wie kann man so etwas der Jugend zeigen. So eine Aufführung gehöre nicht auf die Festspiele.
Der Veranstalter weist darauf hin, dass es nicht für unter 15 jährige geeignet ist. Auf die Festspiele gehört sowas schon.
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