Papa, can you hear me?

3. August 2025. Oh Schreck, auch der Vater hatte einen Penis. Um den geht es zumindest kurz in "Ghost Riders", dem neuen Abend von Yosi Wanunu und Peter Stamer von toxic dreams. Beide begeben sich in eine Annäherung und Kontaktaufnahme mit ihren toten Vätern, die im Gedächtnis bleiben wird. 

Von Gabi Hift 

Yosi Wanunus und Peter Stamers "Ghost Riders" bei ImPulsTanz Wien © Sandra Fockenberger

3. August 2025. "Sorry, this show is not about the Holocaust", entschuldigt sich der Jude Yosi Wanunu, Leiter der Gruppe toxic dreams gleich zu Anfang. Sein Anwalt habe ihm geraten, das offen anzusprechen. Wer wegen der Ankündigung: "Sohn eines Israeli und Sohn eines Deutschen sprechen über ihre toten Väter" auf eine second generation Geschichte gehofft hat, solle bitte wieder gehen, das Eintrittsgeld werde an der Kasse zurückerstatten. Diejenigen, die bleiben wollen, begleitet er persönlich zu den Sitzen.

Peter Stamer, ebenso wie Wanunu im schwarzen Anzug, improvisiert derweil auf dem Keyboard plätschernde Stimmungsmusik und singt versonnen: "It‘s not about the Holocaust - palim palim - it’s not about the lives it costs - palim palim". In der intimen Dunkelkammer des Volkstheater sitzt man im Halbrund um einen langen Tisch, auf dem Video im Hintergrund flackert eine einzelne Kerze.

Letzte Fragen 

In einer charmanten Doppelkonferenz beginnen die beiden Herren vom Tod ihrer Väter zu erzählen. Stamers Vater ist vor drei Jahren an den Folgen einer Hirnblutung verstorben und konnte in seinen letzten Wochen nicht sprechen. Stamer hätte ihn gern noch manches gefragt. Wanunus Vater ist schon länger tot, hat sich aber im Kopf seines Sohnes eingenistet, der das nicht mehr aushält. Er will an dem Abend versuchen, den Geist des Vaters endlich loszuwerden.

Mithilfe einer Glühbirne: Peter Stamer und Yosh Wanunu legen Hände auf in "Ghost Riders" © Sandra Fockenberger

Sie beginnen mit einer kleinen Séance. Wanunu stimmt "Papa, can you hear me" an, den rührenden Song, mit dem sich Barbara Streisand als Yentl an den toten Vater wendet. Stamer drückt Wanunu eine einfache Glühbirne aus dem Sterbezimmer seines Vaters in die Hand. Er stellt dem Geist Fragen, bei "ja" flackert die Glühbirne. Hinten auf der Leinwand erscheint milchig blass ein Kopf.

Das Verhältnis von Peter Stamer zu seinem Vater scheint rührend unkompliziert gewesen zu sein. Er erlaubt sich nur einen einzigen irreverenten Schlenker. Als er den Vater kurz vor seinem Tod im Altersheim gewaschen hat, hat er das erste Mal seinen Penis gesehen, und nun besingt er ihn mit einem Lied: "My father had a penis / This may sound a bit wrong / but due to this fact I’m alive / and hence this Penis song." Dann erheben sich die Herren für ein kleines Memento Mori Menuett. Hinter ihnen auf der Leinwand tanzen artig synchron ihre Skelette als Röntgenbilder.

Schrecken und Anziehungskraft 

Yosi Wanunus Anekdoten über seinen Vater sind von ganz anderem Kaliber. Als gewieftem Standup Comedian gelingt es ihm, aus äußerst unbehaglichen Situationen Lacher zu ziehen, ohne sie zu verharmlosen. Das Begräbnis des Vaters, bei dem er nur der Mutter zuliebe auftaucht und sich weigert Kaddish zu sagen, wird zur Slapstick-Szene: weil er keine Kippah trägt, kommen von allen Seiten Verwandte, die ihm eine auf den Kopf setzen, er nimmt sie wieder herunter, schon kommt von anderer Seite die nächste, er wieder runter damit, und wieder eine und wieder, als wäre seine Glatze eine öffentliche Fläche, bis er die Flucht ergreift.

Seine ganze Jugend hindurch endet jedes Freitag Abendessen mit einer Katastrophe. Immer bemüht er sich zu schweigen, immer misslingt es. Der Streit über Religion, den Krieg, die Palästinenser eskaliert und es endet unweigerlich damit, dass der Vater den ganzen vollbeladenen Esstisch hochhebt und durchs Zimmer schleudert.
Auch wie der Vater für sich und seine Freunde eine Bauchtänzerin einlädt, sie von oben bis unten mit Geldscheinen bepflastert und die Kinder am Boden herumwuseln und versuchen, sich die heruntergefallenen Scheine zu schnappen, ist ebenso schrecklich wie lustig und erinnert an eine Fellini Szene. Wanunu gelingt es, einem sowohl den Schrecken zu vermitteln, den dieser gewalttätige Choleriker verbreitet hat, als auch die Anziehungskraft, die er durch seine Vitalität gehabt haben muss.

Kompliziertes Erbe

Wanunu hat alles von seinem Vater geerbt: die Glatze, das Theatrale, das Cholerische. Nach seinem Tod fand man im Altersheim überall Schnapsflaschen, und es stellte sich heraus, dass der Vater eine geheime Bar für die Insassen betrieben, all die dementen, todkranken Menschen mit Drinks versorgt hatte - und dass die Schwestern es geduldet hatten, weil sie ihn mochten. Während er diese Geschichte erzählt, verteilt Wanunu Wodka Gläschen, aber nicht auf seinen Vater wolle er anstoßen, sagt er, der habe es nicht verdient, sondern auf die guten Väter in der Welt, auf die, die sich Mühe geben. Aber als alle ihr Glas heben und Lechaim sagen, ist es doch der Geist des Vaters, dem zugeprostet wird.

GhostRiders2 Sandra FockenbergerAuf die guten Väter dieser Welt © Sandra Fockenberger

Das alles ist so lange grässlich lustig, bis der Spaß sich am Ende verflüchtigt. Wanunus letzte Erinnerung an den Vater: wie er mit offenem Mund in der Abendsonne auf dem Balkon des Altersheims sitzt, und in den Himmel stiert. Träumt er von Frauen? Davon einen zu erschießen? Davon, wie er selbst als Kind vom Vater verprügelt worden ist? Aber vielleicht schaut er einfach nur auf den Himmel und denkt: blau. "What do I know?" fragt sich Wanunu - was weiß denn ich?

Was weiß man schon

Bis dahin konnte er die Geschichten über den Vater manipulieren, ihn nach Belieben aus der Kiste lassen wie einen Springteufel. Mit dem melancholischen "What do I know?" geht das zu Ende. Er wird niemals erfahren, was im Vater vorgegangen ist, die Geisterbeschwörung ist gescheitert.

Die kleine Show über das Gedenken an tote Väter ist unprätentiös, witzig, ein bisschen sentimental, nonchalant aus dem Ärmel geschüttelt, - und am Ende einfach traurig. Wem selbst der Vater gestorben ist, dem wird sie nicht so bald aus dem Kopf gehen.

Ghost Riders
Entwicklung und Performance: Yosi Wanunu und Peter Stamer / toxic dreams, Musik: Peter Stamer, Visual und Sound Support: Michael Strohmann, Produktion: Kornelia Kilga.
Premiere am 2. August 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.impulstanz.com

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