Polymono - ImPuls Tanz Wien
Übungen in Polyamorie
26. Juli 2024. Wie halten Sie's mit der freien Liebe?, fragt die Choreographin Christine Gaigg in ihrem beim ImPuls Tanz Festival uraufgeführten Stück. Nackte Körper kommen hier ganz nah.
Von Patricia Kornfeld
"Polymono" von Christine Gaigg beim ImPuls Tanz Festival Wien © Lorenz Seidler
26. Juli 2024. "Suche Frauen, die abspritzen": Mit diesem, sagen wir: formlosen Aufruf in der österreichischen Wochenzeitung Falter begab sich die Choreografin, Regisseurin und Autorin Christine Gaigg 2020 auf die Suche nach Frauen, die des Squirtings mächtig sind. Im Stück "Go for it let go" (2022) berichteten diese "Expertinnen des Alltags" über ihre Erfahrungen. Das Ziel: Weibliche Ejakulation aus dem Tabubereich holen.
Knäuel aus Körpern
Künstlerische Aufklärungsarbeit wie diese ist das Markenzeichen von Gaigg. In ihren dokumentarischen "Performance-Essays" verfolgt die studierte Tänzerin und Philosophin seit Beginn der 2010er-Jahre einen strukturiert-analytischen Ansatz und recherchiert zu gesellschaftspolitischen Anliegen. Vor allem sexuelle Inhalte, gesellschaftliche Normen und ihre Veränderung nimmt sich die 64-jährige Wienerin dabei regelmäßig vor. Der Tanz wird in ein Beziehungsgeflecht aus musikalischer Komposition und Performance verwickelt.
Ihre neuste Gruppenarbeit "Polymono" rund um die freie Liebe bildet dabei keine Ausnahme. Bei der Uraufführung im Rahmen von Impulstanz wird das Publikum von einem Wirrwarr aus Haut und Haaren empfangen. Es keucht, hechelt und stöhnt, küsst und streichelt. Zu dröhnenden, potenziell Migräne fördernden Klängen (Musik: Dominik Förtsch, Peter Plessas) bewegt sich das Körperknäuel wie ein Mutant auf zehn Beinen und Armen gemächlich durch die Künstlerhaus Factory. "Linke Hand auf blau", "rechter Fuß auf grün" – doch diese "Twister"-Partie scheint etwas ausgeartet zu sein.
Einstellung zur freien Liebe
Die seltsam hypnotische Einstiegsszene ist ein Auszug aus ihrem Stück "Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?" (2014), das sich unter anderem mit der Chemie und Beschränkung von Verlangen befasst. Nach diesem Zitat erhebt sich die Choreografin aus dem Zentrum des schnaufenden Gliedmaßengebildes, nimmt Kontakt mit den Zuschauenden auf. Daran müssen sich diese schnell gewöhnen: passiv werden sie nicht lange bleiben. "Polymono" wurde als performatives Experiment konzipiert, in dem die eigenen Einstellungen zu Beziehungsformen überprüfen werden sollen. In diesem Fall gegenüber der Polyamorie, bei der sich mehrere Partner*innen im gegenseitigen Wissen und Einvernehmen darauf einigen, gleichzeitige Liebesbeziehungen miteinander einzugehen. Einen mahnenden Zeigefinger aufdrängen will Gaigg nicht. Vielmehr geht es ihr um ein Hinterfragen, Ausloten neuer Perspektiven – ein Begegnen.
Körperlich-philosophische Erkundungen sind Christine Gaiggs Markenzeichen © Lorenz Seidler
Gesprochen wird im Stück ansonsten wenig, ein paar englischsprachige Einwürfe, von Gaigg ans Publikum gerichtet, möchten Gedankengänge anstoßen: "Was wäre gewesen, wenn Ihre vergangenen Beziehungen alle gleichzeitig stattgefunden und alle voneinander gewusst hätten?" Man solle Eifersucht in die Erfüllung erotischer Fantasien verwandeln. Wirkliche Substanz haben diese Aussagen allerdings nicht, sie verhallen im Äther synchroner Atemübungen. Sehr zweckdienlich jedoch die begleitenden Videos von Max Windisch-Spoerk: An gegenüberliegenden Wänden werden unter anderem Aufnahmen vom Ozean und von Wellen ausgespielt, die für Freiheitsgefühl sorgten – so endlos wie das Meer, so frei die Liebe? Gleichzeitig begrenzten sie den Raum, geben Enge – wie eine Kapsel? Ein Paralleluniversum? Engstirniges Denken?
Intimität ganz nah
Parallel dazu pirschen die Performer*innen Manuela Deac, Anna Prokopová, Frank Willens Florian Tröbinger samt Gaigg hüllenlos und mit wild entschlossener Miene durch den Raum, ziehen sich gegenseitig an und wieder aus. Da werden Beine gespreizt und Steißbeine verdreht, Zehen in ekstatischer Körperspannung gestreckt, akrobatische Trockensexübungen vollführt – zu zweit, zu dritt, zu mehrt, manchmal auch in abgeschiedenen, exklusiven Winkeln. Wer mag, kann ins erotische Geplänkel mit einsteigen – wer nicht, auch ok.
Einigen war das wohl zu viel, in steten Abständen öffnet sich die Tür. In Kombination mit dem permanenten Umherstreifen sorgt das für unruhige Stimmung. Doch insgesamt ist die Resonanz groß, viele lassen sich bereitwillig zu Mitspielenden machen. Auch das ist typisch für Gaigg: Dass sie die Beobachtenden in der kritischen Auseinandersetzung näher zusammenrückt, intime Momente unter Fremden provoziert. Ihren Körper er- und den Geist anregt – zur Reflexion.
Ob Letzteres so gut gelingt, bleibt fraglich. Das Setting ist zwar intim – das Publikum platziert sich eng nebeneinander am Boden, auf Brettern, vereinzelt auf Stühlen (Raum: Philipp Harnoncourt), die nackten Körper kommen nah. Aber womöglich nicht nah genug, um die Grenzen, die zwischen Fremden, zwischen Publikum und Darstellenden, bestehen, aufzubrechen. Aus der Komfortzone aber holt diese Konfrontation mit anderen Beziehungsmodellen – neue Perspektiven werden möglich.
Polymono
von Christine Gaigg / 2nd nature
Konzept: Christine Gaigg, Raum und Licht: Philipp Harnoncourt, Musik: Dominik Förtsch, Peter Plessas, Kostüm: Dorothea Nicolai, Video: Max Windisch-Spoerk, Dramaturgische Beratung: Wolfgang Reiter.
Mit: Manuela Deac, Christine Gaigg, Anna Prokopová, Florian Tröbinger, Frank Willens.
Premiere am 25. Juli 2024
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.impulstanz.com
Kritikenrundschau
"Das Stück entwickelt sich zu einer Verhaltensstudie in Interaktion mit dem Publikum" berichtet Silvia Kargl im Kurier (27.7.2024) und seufzt über die wenig provozierende oder inspirierende Arbeit: "Schade, dass Gaigg in diesem Thema stecken bleibt. Die so ausgezeichnete Choreografin hat Stücke wie 'TRIKE' und 'DeSacre!' kreiert – derzeit steht sie sich selbst im Weg."
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