Verbranntes Land (Salty Irina) - Schauspielhaus Wien
Aufklärung auf eigene Faust
16. März 2025. Menschen werden ermordet, die Polizei ermittelt erfolglos, und so wagen sich zwei junge Frauen in ein völkisches Sommerlager. Wie weit geht man bei der eigenen Verteidigung, fragt die Dramatikerin Eve Leigh in ihrem neuen Stück. Tobias Herzberg hat es in Wien inszeniert und liefert einige Denkanstöße.
Von Andrea Heinz
Eve Leighs "Verbranntes Land (Salty Irina)" von Tobias Herzberg am Schauspielhaus Wien inszeniert © Marcella Ruiz Cruz
16. März 2025. Es könnte eine romantische queere Liebesgeschichte sein: Die selbstsichere Butch Anna (Iris Becher) aus dem "Westen" und die schüchterne, aber hochintelligente Eireni aus dem "Osten" (Sissi Reich) lernen sich eines Morgens in der Bruthitze der Stadt auf der Straße kennen. Anna bietet der verstört wirkenden Eireni ein Croissant und ihre Hilfe an, bringt sie nach Hause. Die beiden werden ein Paar, doch romantisch ist an ihrem Zusammentreffen wenig. Eireni ist so verstört, weil sie am Weg in den Laden um die Ecke, um Kippen zu kaufen, in eine Blutlache gestiegen ist.
Der zugehörige Mensch ist nicht mehr da, einfach verschwunden, aber die Polizei kümmert das wenig. Das Blut wird weggekerchert, und es werden weitere Menschen ermordet, alle mit Migrationshintergrund, untere Mittelschicht. Mafia, sagt die Polizei und zuckt die Schultern. Die Parallelen zum NSU sind unübersehbar.
Unerträgliche Untätigkeit
Anna und Eireni, als Persons of Color selbst von Rassismus betroffen, wollen die Untätigkeit der Polizei nicht hinnehmen und gehen auf das Sommerlager der örtlichen völkischen Bewegung im bäuerlichen Hinterland. Sie wollen herausfinden, wer die Mörder sind. Die Situation eskaliert erwartungsgemäß, um letztlich doch in einer geschmeidigen Lösung zu enden: Eine Bürger*inneninitiative stellt sich allabendlich schützend vor die Geschäfte der Gefährdeten, das Morden hört auf.
Begegnung eines ungleichen Trios: Sophia Löffler, Iris Becher, Sissi Reich in "Verbranntes Land (Salty Irina)" © Marcella Ruiz Cruz
Tobias Herzberg, zugleich Teil der vierköpfigen Leitungsgruppe des Schauspielhaus Wien, hat das letztlich also doch etwas (zu) romantische Stück "Verbranntes Land (Salty Irina)" der US-Amerikanerin Eve Leigh zur Deutschsprachigen Erstaufführung gebracht (Übersetzung: Henning Bochert). Auf der Bühne (Oliver Mathias Kratochwill) vermittelt sich gleich die ganze klaustrophobische, bedrohliche Atmosphäre, die sowohl die Bewohner*innen der namenlosen Stadt (die man nie zu Gesicht bekommt), als auch die jungen Frauen im rechten Ferienlager befällt: Die Handlung spielt sich ausschließlich auf der Vorderbühne, vor einer rostigen Wand ab.
Romantisch gegen Rechts
Durch eine Ausziehleiter erreicht man darüber eine zweite Ebene, die von einer durchscheinenden Videoleinwand abgeschirmt wird. Darauf werden Straßenszenen projiziert, von naturwissenschaftlichen Mikroskopaufnahmen inspirierte Muster, Blumenwiesen. Abgesehen davon findet der folgenschwere Ortswechsel von der Stadt hinaus aufs Land nur in den Gesprächen zwischen Anna und Eireni statt, die – nicht immer, aber dennoch zu oft frontal ins Publikum sprechend – im Dialog ihre gemeinsame Geschichte rekapitulieren. Am Sommercamp treffen sie schließlich auf Jana (Sophia Löffler), eine gut gelaunte, propere junge Nazisse, die den beiden bei einem immer bedrohlicher werdenden Trinkspiel auf den ideologischen Zahn fühlt.
Das Aktivistische und die Betroffenheit lässt sich bei solchen Themen meist kaum verbergen, hier wird das auch gar nicht erst versucht. Und bei aller Vereinfachung und bisweilen Plakativität (andererseits: was ist noch plakativ im Vergleich zur Wirklichkeit?) bietet das Ganze durchaus ein paar kluge Denkanstöße.
Viel mehr als Solidarität
Getragen wird der bis auf kleinere Längen sehr kurzweilige, streckenweise ausnehmend spannende Abend aber vor allem von den drei starken Spielerinnen: Trocken und punktgenau bringen sie den bissigen Witz, den der Text in manchen Passagen hat, auf die Bühne. Vor allem aber die Verletzlichkeit, Durchlässigkeit und Angreifbarkeit, die Anna und Eireni auszeichnet, und die sie überhaupt erst dazu bringt, sich buchstäblich in die Höhle des Löwen zu begeben. Dort wird Anna erfahren, was es heißt, aus Solidarität "den eigenen Körper aufs Spiel zu setzen". Ein Abend, der jedenfalls zu Diskussionen anregen wird: Wie weit ist man bereit zu gehen, um die eigenen Werte zu verteidigen?
Verbranntes Land (Salty Irina)
von Eve Leigh, deutsche Übersetzung von Henning Bochert
Regie: Tobias Herzberg, Bühne und Licht: Oliver Mathias Kratochwill, Kostüme: Mirjam Ruschka, Video: Bateira, Ton: Benjamin Bauer, Dramaturgie: Marie-Theres Auer.
Mit: Iris Becher, Sophia Löffler, Sissi Reich.
Deutschsprachige Erstaufführung am 15. März 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.at
Kritikenrundschau
"Die süße Ungelenkigkeit der ersten Verliebtheit kollidiert (...) mit Rassismus, Diskriminierung und rechter Gewalt", schreibt Verena Bauer im Falter (18.3.2025). "Die queere Liebesgeschichte macht den harten Tobak über lange Strecken charmant und witzig, wenn auch der pädagogische Zeigefinger hoch erhoben wird."
"Absolut empfehlenswert", findet Michael Wurmitzer die Inszenierung und schreibt im Standard (17.3.2025): "Ganz abgesehen davon, dass es ungewöhnlich ist, das Thema der radikalen Rechten einmal ganz ohne männliche Figuren erzählt zu kriegen, was an sich schon viele Klischeevorstellungen umschifft." Hannah Arendts Banalität des Bösen gehe hier mit Pferdereiten, Landlust und Hitler auf Handyhüllen einher. Überraschenderweise gehe die anfangs etwas gezwungen erscheinende Vermischung von hormonellem Überschuss und politischem Überdruss, Verliebtheit und spontanem Widerstand gegen den Rechtsruck im Verlauf gut auf.
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