Sophia oder Das Ende der Humanisten - Theater in der Josefstadt Wien
Historiker auf Technik-Trip
27. Februar 2026. Alexa war gestern. Das Zeitgeist-KI-Modell Sophia schlägt nicht nur bei Geschichtsdaten und Literaturzitaten jeden Human-Profi, sondern spielt auch besser auf der Klaviatur der Gefühle. Jedenfalls in Moritz Rinkes neuem Stück, das Amélie Niermeyer zur Uraufführung bringt.
Von Reinhard Kriechbaum
"Sophia oder Das Ende der Humanisten" von Moritz Rinke am Wiener Theater in der Josefstadt © Astrid Knie
27. Februar 2026. Die Überwindung der Stufen zwischen den Räumen fällt Sophia noch schwer. Da braucht es jedes Mal einen hilfreichen Klaps von hinten. Auch in der Orientierung im Haus des Altertumswissenschafters Wolfgang Bergmann wirkt sie weniger ausgereift als der bodennahe Technik-Kollege, der blinkende Staubsauger-Roboter. Aber gerade dieser Staubsauger hat im Professor die Idee reifen lassen: Warum nicht statt der Gattin, die ihn verlassen hat, einen Human-Roboter ins Haus holen?
Das also ist Sophia: hyper-gebildet, mit ziemlich perfekten Umgangsformen und unschlagbarem literarischem und geschichtlichen Wissen. Wie man mit einem geschenkten Blumenstrauß umgeht, hat ihr leider noch niemand beigebracht, aber sie ist beispiellos lernfähig in Moritz Rinkes neuem Stück, das Amélie Niermeyer in der Josefstadt zur Uarufführung bringt.
Charmant weltfremd
Helena, die Tochter des Professors, kommt mit ihrem neuen Freund auf Besuch. Dass eine neue Frau im Haus ist, hat sie vernommen. Auf alles wäre sie gefasst – aber ein KI-Kunstwesen? Das löst in der Tochter blankes Entsetzen, ja Hysterie aus.
Die ersten 75 Minuten haben das Zeug zu einer netten Boulevardkomödie. Der alte Humanist auf Technik-Trip wird nicht müde, die neue künstliche Lebensgefährtin in all ihren Vorzügen anzupreisen: Das kriegt Joseph Lorenz fein hin, er spielt den Wissenschaftler in einer charmanten Mischung aus Weltfremdheit und sozialer Vereinsamung. Einer wie er kann schon gut auskommen mit einem gutwilligen, gesprächsbereiten Kunst-Wesen. Alma Hasun ist die zuerst dauer-echauffierte Tochter. Freund Jonas (Nils Arztmann) kommt als Computertechniker gar nicht raus aus dem Staunen: "Das ist keine Alexa mehr ... Sophia!"
Programmierlücke bei der Geschenkannahme: Silvia Meisterle als KI und Joseph Lorenz als Alterumsprof auf Christian Schmidts Bühne © Astrid Knie
Silvia Meisterle ist Sophia, die mit liebenswerter Selbstverständlichkeit all die kleinen Fehler dieses Wunder-Kunstwesens zelebriert. Amélie Niermeyers Regie setzt auf präzises Timing. Eigentlich hat man sich schon damit abgefunden, sehr leichte Kost mit leichter, routinierter Hand serviert zu bekommen. Die Zeichen stehen natürlich auf Zuspitzung, weil der Professor en passant kundtut: "Sie könnte etwas anschmiegsamer sein." Jonas macht sich ans Umprogrammieren, und das geht logischerweise fulminant schief.
Von Frau zu Frau
Es passiert, was passieren muss. Die selbstermächtigte künstliche Intelligenz wird zum Pandämonium. Schleichend zuerst. Ein Gespräch "von Frau zu Frau" zwischen Sophia und Helena führt nicht nur zu einem erotisch aufgeladenen Tangotanz. Es wird auch das intellektuelle Ungleichgewicht merkbar. Die Menschen halten mit der KI-Konkurrenz nicht mehr mit. Die spielt einfach besser auch auf der Klaviatur der Gefühle.
Tango mit KI: Alma Hasun als Helena und Silvia Meisterle als Sophia beim Tanz von Frau zu Frau © Astrid Knie
Der Autor will aber dann entschieden zu viel. Was nach dem Tod ist, fragt Helena. "Nichts – oder alles", antwortet Sophia. "Gib mir noch ein paar Jahre, dann weiß ich es." Sophia hält nicht zurück mit der Wahrheit, dass sie letztlich ein menschliches Produkt ist, nur perfekter: "Ich lerne von euch. Alles, was ihr seht, seid ihr!" Es geht dann recht bleiern (und erwartbar) zu, während die Lage eher ins Bizarre denn ins Bedrohliche kippt. "Ein Gefühl wie in einer Netflix-Serie", ortet Jonas. Ja. So ist es, und das ist nicht anzustreben im Theater.
Reichlich aufgemotzt
Die Leichtfüßigkeit ist schließlich vollends perdu, und die Projektionen, die das Hypertrophe des sich verselbstständigenden Kunstwesens noch aufblähen, wirken reichlich aufgemotzt. Darf man das Ende ausplaudern? Dass es nicht mit dem etwas rührseligen "Begräbnis" der Sophia in der Originalverpackung getan sein wird, argwöhnt man sowieso.
Sophia oder Das Ende der Humanisten
von Moritz Rinke
Uraufführung
Regie: Amélie Niermeyer, Bühnenbild: Christian Schmidt, Kostüme: Stefanie Seitz, Musikalische Leitung: Imre Lichtenberger Bozoki, Choreographie: Daniela Mühlbauer, Videodesigner: Tobias Jonas, Dramaturgie; Silke Ofner, Licht: Sebastian Schubert.
Mit: Joseph Lorenz, Alma Hasun, Nils Arztmann, Silvia Meisterle.
Premiere am 26. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.josefstadt.org
Kritikenrundschau
Moritz Rinkes Stück handelt von den Irritationen durch Künstliche Intelligenz, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ (online 28.2.2026). Die Handlung sei überschaubar: Ein Professor hat sich, von seiner Gattin verlassen, eine Freundin zugelegt, die ein mit dem Internet verbundener Roboter ist. "Daraus entwickeln sich erwartbar amüsante Streitigkeiten." Rinke fallen viele Scherze ein. Amélie Niermeyer inszeniere das als Boulevardkomödie mit traurigem Ausgang. "Wehe uns", scheint das Stück zu sagen, wenn die Apparate "ein Selbstverhältnis entwickeln. Das allerdings ist, solange wir die Technik bejahen, eine biedere Sorge."
"Freilich verstecken sich hinter den überholten Klischees, die bis zur Schmerzgrenze ausgereizt werden, Satire und sogar Kritik," schreibt Helene Slancar im Wiener Standard (28.2.2026): "Leider geht beides im leicht deplatzierten Humor verloren. Im Stil einer Sitcom wird öfter darüber gescherzt, sie könnten nicht Auto fahren, als langfristig zu hinterfragen, was Sophias Schicksal für Frauen bedeutet. Die muss immerhin in einer besonders üblen Szene durchstehen, wie sie zum Sexobjekt getunt wird, ihre 'Brust- und Klitorisfunktionen' aktiviert werden. Überhaupt verschenkt Rinkes Stück viele Chancen auf einen neuen, kreativen Umgang mit der Thematik lieber an solche Schockmomente, billige Witze und theoretisches Gedankengut, das bis zum Brei wiedergekäut wird."
"Der eher platte, komödiantische Zugriff trifft zwar den Geschmack des Publikums, aber nicht den Kern der Sache," schreibt Marie-Sarah Drugowitsch in der Wiener Presse (28.2.2026). "Die aufgeworfenen Fragen nach Moral und Ethik vermag das Stück ebenfalls nicht zu beantworten."
"Was Rinke mit seiner rasant eskalierenden Komödie zeigt, ist das Szenario einer vollständigen Verselbstständigung der Technik. Ein Szenario, das mit KI wahrscheinlicher wirkt", berichtet Jakob Hayner in der Welt (19.3.2026). Regisseurin Amélie Niermeyer habe die Uraufführung "als grundsolides und schnörkelloses Unterhaltungstheater auf die Bühne gebracht".
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