Starnacht und kein Untergang

13. September 2025. Mit einem schlafwandlerisch schönen Abend zu Texten von Jura Soyfer aus den 1930er Jahren eröffnet Jan Philipp Gloger seine erste Spielzeit als Intendant des Volkstheaters in Wien.

Von Andrea Heinz

"Ich möchte zur Milchstraße wandern" von Jura Soyfer am Volkstheater Wien © Marcella Ruiz Cruz

13. September 2025. Die Aktualität lässt sich wahrlich nicht in Frage stellen in Jan Philipp Glogers Einstands-Inszenierung als neuer Direktor am Wiener Volkstheater, "Ich möchte zur Milchstraße wandern". Denn auch wenn "Weltuntergang", "Astoria", "Vineta" und die anderen Texte des nur 26-jährig im KZ Buchenwald umgekommenen Jura Soyfer, die Gloger zu einem Abend amalgamiert hat, aus den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts stammen: Die Blind- und Dummheit, mit der fröhlich in die Katastrophe gerannt wird, die Geschichtsvergessenheit, der blanke Faschismus, die darin thematisiert werden, kommen nie aus der Mode.

Alles vergessen in Wien-eta

In "Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang" aus dem Jahr 1936 haben die Sterne des Sonnensystems beschlossen, die Erde mittels Kometen von einer Krankheit namens "Menschheit" zu befreien. Diese tut alles, um ihren schlechten Ruf zu rechtfertigen, und schlägt dem Wissenschaftler, der praktischerweise eine Anti-Untergangs-Maschine erfunden hätte, die Türe vor der Nase zu – es verdient sich doch so gut an der Katastrophe. In "Astoria" (1937) wird die Erfindung eben diese Staates zum großen Bluff, und in "Vineta" (ebenfalls 1937) taucht die versunkene Insel wieder auf.

Soyer zeichnet hier die Allegorie einer Stadt, in der alles vergessen, nichts mehr zu ändern ist und die scheinlebendigen Vineter (oder heißt es Wien-eta?) im festen Glauben an die eigene Ohnmacht auf eine Zukunft warten, die gestern war und sowieso nie kommt. Was vielleicht das beste Bild ist für die dem Untergang entgegen wankende, verdrängende und vermutlich nur noch wenig spürende Gesellschaft kurz vor Beginn des Krieges, den wir heute als 2. Weltkrieg kennen.

Betroffenheit und Selbstreflexion

Ein Raketenkopf bildet das Zentrum der Volkstheater-Bühne (Marie Roth). In seinem Inneren beherbergt er zu Beginn eine verkrachte Theatertruppe, am Ende den einsam schreibenden Soyfer. Hier versammelt Gloger in wunderbar stimmigen Kostümen (Justina Klimczyk) sein neu formiertes Ensemble: neben dem altgedienten Samouil Stoyanov die Neuzugänge Andrej Agranovski, Alicia Aumüller, Tjark Bernau, Maximilian Pulst, Sissi Reich sowie Musiker Kostia Rapoport.

Die Texte gehen fast nahtlos, manchmal ein wenig rumpelnd ineinander über, vom Ensemble harmonierend, mit starken Einzelleistungen und einer ordentlichen Dosis Slapstick gemeistert. Manchmal in Richtung Nummernrevue kippend, macht das durchaus Spaß, etwa, wenn dem nahenden Weltuntergang ein Schlagersong gewidmet wird und das Volkstheater mit farbenfroher Lightshow zur Starnacht am Wörthersee verwandelt. Abgesehen von kleinen Längen ist das unterhaltsam. Betroffenheit und Selbstreflexion, die teils fast schon forciert erzeugt werden sollen, mögen sich bei all dem Klamauk aber nicht so recht einstellen.

Welt am Abgrund: Tjark Bernau, Samouil Stoyanov, Sissi Reich, Alicia Aumüller, Maximilian Pulst und Andrej Agranovski © Marcella Ruiz Cruz

Eindrücklich ist dagegen, neben dem kurzen freudschen Versprecher-Stunt "Hm. Äh! – Eine Nazirede mit einigen Schönheitsfehlern" (1932), den Agranovski mit Verve stemmt ("Deutschland erwache! Recke verjude"), dann der letzte große Teil, "Vineta": In Sepia getaucht, wird der Abend plötzlich ernsthaft. Wie Schlafwandler taumeln die Menschen über die Drehbühne, wollen nichts mehr, wissen nichts mehr, richten sich häuslich ein im Glauben, dass man ja eh nichts mehr ausrichten kann. Hier ist etwas zu spüren, eine Schwere. Trauer. Um das, was verloren scheint. Nicht mehr zu retten ist?

Liebeslied an die Erde

Glogers Entscheidung, seine Intendanz mit den zeitlosen, starken, aber verhältnismäßig selten gespielten Texten von Soyfer zu beginnen, ist ein Statement: Einer der großen österreichischen Autoren, die sich in die Tradition des Volkstheaters eingeschrieben haben – aber eben nicht die klassische, populäre Wahl, kein Nestroy. Jedoch bleibt der Abend die Erklärung schuldig, warum genau diese Texte. Trotz des Versuchs einer behaupteten Klammer bleibt er disparat; fehlt den Stücken die Verbindung, außer, dass sie eben unleugbare Parallelen zur Gegenwart haben.

Am Ende steht Samouil Stoyanov in einer Kugel aus Alufolie, die ihn als Kometen ausweist, auf der Bühne und singt unter dem Glitzerlicht der Discokugel sein Liebeslied an die Erde. Er hat sie am Ende doch verschont, denn er hat sich verliebt in sie. Ob die Menschen diese rührende, arglose Liebe verdient haben? Man weiß es nicht.

Ich möchte zur Milchstraße wandern
Texte von Jura Soyfer
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Marie Roth, Kostüme: Justina Klimczyk, Musik: Kostia Rapoport, Licht: Tobias Krauß, Dramaturgie: Katharina Gerschler.
Mit: Andrej Agranovski, Alicia Aumüller, Tjark Bernau, Maximilian Pulst, Sissi Reich, Samouil Stoyanov, Kostia Rapoport.
Premiere am 12. September 2025 im Volkstheater Wien
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at


Kritikenrundschau 

"Ein bunter und musikalischer Abend, der mit Leichtigkeit zwischen Albernheit und tiefem Ernst balanciert", so Jakob Hayner in der Welt (17.9.2025). Das sei mehr als nur eine schnöde Visitenkarte, die der aus Nürnberg gekommene Gloger mit diesem Abend abliefere. "Wie hier Freude am Spiel und Lust aufs Publikum auf Mut zum Neuen treffen, wird in Erinnerung bleiben." Mit viel Slapstick bringe Gloger Menschen auf die Bühne, "die in ihren selbstgeschaffenen Vorstellungswelten gefangen sind – bis zur Selbstabschaffung". 

"Viele Sätze treffen direkt ins heutige Unwohlsein angesichts der politischen und gesellschaftlichen Zustände, andere bleiben in ihrer Entstehungszeit kleben, das Theater flunkert zwischen Gegenwart und dem Bewusstsein seiner eigenen Vergangenheit", konstatiert Egbert Tholl in seinem Intendanz-Auftaktbericht für die Süddeutsche Zeitung (16.9.2025).

Das Stück "erzeugt viele Theaterstimmungen – vom extrabilligen Weltuntergangseinpeitscher Gehn ma halt a bisserl unter bis zum melancholischen Tönen des Kometen aus dem zweiten Rang. Stark wird der Abend immer dort, wo er sich von der Offenkundigkeit der Interaktion entfernt und ins Enigmatische steuert, etwa im Vineta-Teil, der in gelbes Licht getaucht einen unheimlichen, nicht greifbaren Weltzustand erzeugt. Alle vergessen alles, sie sprechen in Rätseln, wollen nichts. Es gab freudigen Applaus im voll besetzten Volkstheater", berichtet Margarete Affenzeller im Standard (15.9.2025).

Gelungen findet Julia Schafferhofer von der Kleinen Zeitung (15.9.2025) diesen Einstand: "Gloger destilliert mit wenigen Längen eine wunderbar rhythmische, abwechslungsreiche und dem Publikum schmeichelnde Inszenierung, in der er große Lust auf seine weitere Interpretation des Volkstheaters macht. Und auf dieses Ensemble, das gestern mit sechs neuen Mitgliedern groß aufspielte. Ein Glücksgriff, dass der wundersame Textverkörperer Samouil Stoyanov in Wien gehalten wurde. Feuriger Applaus." 

Zu den drei Stücken habe Gloger noch kleinere Texte gefügt, "das macht das Programm etwas zu dicht", so Thomas Kramar in der Presse (14.9.2025). In solchen Momenten drohe die Collage zur Revue zu zerfallen. Dass sie es nicht tue, liege an Glogers Regie, an seinem Gefühl für Rhythmus. Fazit: "Ein sympathischer, hoffnungsvoller Beginn." 

"Apokalypse zum Auftakt – muss man sich auch erst mal trauen", nickt Christoph Leibold in "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (13.9.2025) anerkennend. Der "Treibstoff der Inszenierung" sei der "satirische Witz" Jura Soyfer, der hier "in grellen Farben ausgemalt wird". Das "Unerträgliche erträglicher zu machen", und zwar "mit Humor", gelinge an diesem Abend. Der Abend sei "hoch unterhaltsam", lasse aber "eine Haltung" zu dem bedrohlichen Sujet vermissen. "Mehr als den erbärmlichen Zustand unseres Planeten zu konstatieren und das Elend mit galligem Sarkasmus wegzulachen, ist Gloger nicht eingefallen."

 

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