Pseudorama - Volkstheater Wien
Im Dunkel der Widerstandsmarktschreier
14. September 2025. Beim jüngsten Theatertreffen schlug das Wiener Duo Darum mit der spektakulären Virtual-Reality-Inszenierung "[EOL]. End of Life" auf. Zum Auftakt von Jan Philipp Glogers neuer Intendanz am Volkstheater steuert es jetzt einen Corona-Rechercheabend bei – und überrascht mit einer ungewöhnlichen Darstellungsform.
Von Jakob Hayner
"Pseudorama" vom Duo Darum am Volkstheater Wien © Apollonia T. Bitzan
14. September 2025. "Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus", schrieb Thomas Bernhard vor über 50 Jahren erbost als Kommentar zum Salzburger "Notlicht-Skandal". Ganz ohne Skandal geht es in der Dunkelkammer des Wiener Volkstheaters zu, die an diesem Abend ihrem Namen alle Ehre macht. Stockduster ist es die meiste Zeit bei der neuesten Arbeit des Duos Darum, das man seit der Einladung zum diesjährigen Theatertreffen mit "[EOL.] End of Life" auch über Wien hinaus kennt. Sogar das Notlicht wird abgehängt.
Die heutige Gesellschaft erträgt Finsternis, mag man anerkennend konstatieren, auch knapp 70 Minuten lang. Besser zumindest als die grellen Lichtblitze, die in "Pseudorama" immer wieder durch den kleinen Raum zucken und die Netzhäute der paar Handvoll, auf Holzbänken mitten im Raum platzierten Zuschauer malträtieren. Man kann allerdings ohne viel zu verpassen die Augen schließen bei diesem 3D-Live-Hörspiel mit gelegentlichen Lichteffekten.
Dubiose Kanäle
Darum, das sind Kai Krösche und Victoria Halper, liefern mit "Pseudorama" ihren Beitrag zum großen Eröffnungswochenende am Volkstheater. Der neue Intendant Jan Philipp Gloger machte am Vorabend mit "Ich möchte zur Milchstraße wandern" den deutlich bunteren und muntereren Auftakt. Für ihr Stück haben Krösche und Halper mit dem investigativen Recherchenetzwerk "Dossier" zusammengearbeitet.
Man fragt sich allerdings schon, was an der Geschichte "einer mittlerweile alltäglich gewordenen Radikalisierung", so der Programmzettel (es geht um die Corona-Zeit), nun genau investigativ recherchiert worden ist. Denn der Plot – Mann hält große Stücke aufs Selbstdenken, wundert sich über als Seuchenschutz ausgelobte Maßnahmen, landet bei dubiosen Kanälen auf Telegram und letztlich in zwielichtiger Gesellschaft – ist in verschiedensten Variationen hinlänglich bekannt und wird an diesem Abend vom Text völlig konventionell erzählt.
Anfällig für falsche Propheten: Stefan Suske als Vater im Clinch mit seiner Tochter (Paula Nocker) © Apollonia T. Bitzan
Schön erzählt wird das vor allem von Stefan Suske als älterem Vater, der sich nichts vormachen lassen will und deswegen anfällig wird für falsche Propheten und wirre Widerstandsmarktschreier, wogegen auch Paula Nocker als seine Tochter wenig ausrichten kann. Lieber geht er noch auf ein Bier in die Kneipe vom Rudi, der macht nicht allen Maßnahmenquatsch mit. Hinter verschlossener Tür (sein persönlicher "Lockdown für Ungeimpfte", wie Rudi witzelt) gibt es ein paar Hinweise auf Informationsquellen abseits der "Systempresse", später geht es gemeinsam zu Demonstrationen, bei denen Ökos und Rechte aufeinandertreffen.
Das hat alles seine schöne Folgerichtigkeit, nur vermisst man etwas wie eine These, warum jemand das stets so einmütig beschworene Vertrauen in Politik, Medien oder Wissenschaft verliert. Ist es nur die fiese Desinformation im Netz oder hat es – schrecklicher Verdacht! – doch auch etwas damit zu tun, wie Politik, Medien oder Wissenschaft heute beschaffen sind?
Mit Klamauk in die Abgründe
Überrascht wird man als Zuschauer – oder eher: Zuhörer – an diesem Abend nicht. Bemerkenswert ist allerdings, dass nach der Uraufführung von Daniel Kehlmanns "Ostern" am Theater in der Josefstadt mit "Pseudorama" nun innerhalb weniger Tage das zweite Stück an einem Wiener Theater Premiere feiert, das man im weiteren Sinne als Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Krise verstehen kann.
Während Kehlmann mit allerlei Klamauk die Abgründe menschlichen Verhaltens im Ausnahmezustand schildert (und nicht nur der "Covidioten", sondern auch der "Covidianer", wie sie umgekehrt genannt wurden), bleibt "Pseudorama" dem gewohnten Drehbuch der offiziellen Extremismusprävention verpflichtet. Kann man alles machen, ist nur wie erwähnt bekannt und wenig spannend.
Vollkommene Dunkelheit
Bleibt die Frage: Wie spannend ist die gewählte künstlerische Form? Immerhin wurde der Abend als "eine zu 99 Prozent analoge virtuelle Realität", "rauschhafter Theatertrip" und "immersives Theatererlebnis" angekündigt. Der erste Abend in vollkommener Dunkelheit der Theatergeschichte ist es jedenfalls nicht gewesen, angeblich sollen 1980 bei Heiner Müllers "Der Auftrag" im dritten Stock der Berliner Volksbühne, als Jürgen Holtz "Der Mann im Aufzug" sprach, auch bereits die Notleuchten ausgeschaltet gewesen sein.
Ob damals jemand auf die Idee gekommen wäre, das als "immersiv" zu labeln? Wohl kaum. Den Sehsinn auszuschalten, um den Hörsinn und die Konzentration zu schärfen, ist fraglos ein wirkungsvolles Mittel. Dass es in diesem Fall die Orientierungslosigkeit des Protagonisten unterstützen soll, mag man schon einleuchtend finden, spektakulär ist es nicht. Und das lässt sich so auch für den gesamten Abend sagen.
Pseudorama
von Kai Krösche
Konzept und Regie: Victoria Halper und Kai Krösche (Darum), Raum: Apollonia T. Bitzan und Flora Valentina Besenbäck, Musik: Arthur Fussy.
Mit: Stefan Suske und Paula Nocker.
Premiere am 13. September 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.volkstheater.at
Kritikenrundschau
"Offenbar tut sich Theater schwer mit der Aufarbeitung der Pandemie (...). In 'Pseudorama' ist aber die Form sehr interessant: Erst beleuchtet noch eine trübe Lampe Suske und Nocker, dann völlige Dunkelheit, Stimmen im Raum, schließlich glaubt man sich in einer Camera obscura, Bilder blitzen da auf, nichts ist gewiss, keine Wahrheit", schreibt Egbert Tholl in seinem Intendanz-Auftaktbericht für die Süddeutsche Zeitung (16.9.2025).
"Corona-Stücke müssen nicht unbedingt noch mehr Bühne bekommen", winkt Julia Schafferhofer in der Kleinen Zeitung (15.9.2025) ab. "Passiert ist zwischen Telegram-Truppen, Lockdowns und 'Systemmedien' wenig. Oder wenig Aufregendes. Abgesehen von Stroboskoplichtblitzen und Bassgewummer."
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