Verfall an der Seitenlinie

27. März 2026. Nächstes Auswärtsspiel für das Teata im Theater am Werk: Bérénice Hebenstreit inszeniert "Piksi-Buch" von Barbi Marković – ein Fußballbuch, das vom Zerfall Jugoslawiens und der Familie Marković erzählt.

Von Julia Schafferhofer

"Piksi-Buch" von Barbi Marković und Teata im Wiener Theater am Werk (Regie: Bérénice Hebenstreit) © Apollonia Theresa Bitzan

27. März 2026. Die Statistik ihrer Kindheit liest sich in der Saison 1989 wie folgt: Ehestatus der Eltern: unverheiratet, bald getrennt. Lebensstandard: 2. Liga. Geschlecht: weiblich, aber Pronomen er, ihm, ihn. Die meiste Zeit: allein. Lieblingsbuch "Der rote König" / (ein Fußballroman, misogyn).

Fussball als Sinnbild

Slobodan Marković hat sich nichts sehnlicher als einen Fußballsohn gewünscht, bekommen hat er eine kreislaufschwache Tochter. Eine, die er in jeder freien Minute ins Stadion des minder erfolgreichen BASK in Belgrad schleppt. Denn: "Die Nähe zwischen Vater und Tochter kann bei Tischtennis nicht hergestellt werden", erinnert sich Barbi Marković in "Piksi-Buch". Für den Vater symbolisiert das runde Leder schlichtweg das Leben. Blöd nur, dass die Tochter weder für das Kick-Virus noch für die damit einhergehenden identitätsstiftenden Aufstiegsgeschichten aus dem Sozialismus anfällig ist.

In der 2024 erschienenen autofiktionalen Männlichkeitsstudie arbeitet sich die preisgekrönte Autorin (u.a. "Ausgehen", "Die verschissene Zeit", "Minihorror") an ihrer Kindheit vor grölender und gewaltbereiter Stadionkulisse und am Fußball als Sinnbild für die aufkeimende Spaltung und schließlich den Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien ab – sowie dem Bruch der eigenen Familie.

Grell grüßen die 1990er 

Regisseurin Bérénice Hebenstreit und Bühnen- und Kostümbildnerin Mira König setzen bei der Uraufführung von "Piksi-Buch" im Theater am Werk in Wien auf einen reduzierten Stadion-Look: Auf einer mintfarbenen Zuschauertribüne mit weißen Plastiksitztassen und einem Geländer für hartgesottene Fans deutet ein rechteckiger Teppich den Rasen an. Der Sport mitsamt seinen Konflikten ist längst in den Wohnzimmern der Menschen gelandet. Überall lassen die 1990er grüßen: Die Stirnbänder sind noch bunt, die Sport-Socken weiß, die grell-leuchtenden Trainingsanzüge machen Geräusche, die Bilder vom Kick kommen aus dem Röhrenfernseher, die Anrufe werden an Telefonen mit Tasten, Hörern und Kabeln angenommen.

Das im Buch angelegte Sportsetting wird beim jüngsten Bühnen-Auswärtsspiel des Teata in der Gumpendorfer Straße, das in dieser Saison renoviert wird, noch weiter zugespitzt: Der machohafte Habitus der Sportwelt wird goschert persifliert und auch der Sportjournalismus in der Kommentierung sowie Interviewführung von der Seitenlinie aus ordentlich aufs Korn genommen. Eine Anzeigentafel weist auf ein Duell zwischen "Barbi: Piksi" hin und zählt zwischendurch die Minuten im Spiel bzw. in der Inszenierung hinauf.

PiksieBuch2 ApolloniaTheresaBitzanFußball als Kriegmetapher: Sebastian Klein, Una Nowak, Vivienne Causemann © Apollonia Theresa Bitzan

Apropos, Dragan Stojković, genannt "Piksi": Den Namen verdankt der verehrte Held seiner Frisur, die an einen umgedrehten Aschenbecher ("Piksla" auf Serbisch) erinnert. Voller Lakonie und Bissigkeit berichtet die präzise Zustandsbeobachterin Barbi Marković vom WM-Viertelfinale 1990, als Jugoslawien ausgerechnet im Elfmeterschießen gegen Argentinien verliert, die Landsleute im Stadion in Florenz und daheim vor den Bildschirmen weinen, und kurze Zeit später der Vielvölkerstaat am Balkan zerfällt. Ausgerechnet "Piksi" trifft dabei nur die Latte.

Großes Kino, kleines Kino

Die Inszenierung bleibt nah am Original, das Ensemble in wechselnden Rollen hastet im Sportreporter:innen-Sprech durch den Abend: Vieles wirkt durch die Kommentierung von außen redundant, wenn die Handlung beschrieben wird, obwohl sie das Publikum ohnehin zu sehen bekommt. Doch wenn sich in einer Szene der Vater, Sebastian Klein als schelmischer Gauner, und sein Bekannter, Una Nowak mit herrlicher Kleinganoven-Attitüde, in einem Tauschgeschäft wie zwei Strizzis aus längst entfallener Zeit um den Wert ihrer Fake-Goldketten und Fake-Golduhren anlügen – wissend, dass das Gegenüber ebenso flunkert, und Vivienna Causemann als strenge Berichterstatterin die Szene wie im Videokassetten-Rückwärtsgang noch einmal zurückspülen lasst und ins Bild steigt, ist das großes, unterhaltsames Kino.

In vielen Momenten zählt die Anzeigetafel aber auch Längen. Die Rap-Beiträge von Monobrother wirken – etwa im übergroßen aufblasbaren Flamingo-Kostüm – wie Fremdkörper zwischen Balkan-Songs und Neunziger-Hits. Und der stete Tausch der Erzähl-Rollen stört mitunter die Spannung. Um im Fußball-Kosmos zu bleiben: Diese Inszenierung wird sich nicht ins kollektive Fan-Gedächtnis einnisten wie das Viertelfinale Argentinien gegen Jugoslawien.

Piksi-Buch
nach Barbi Marković
Uraufführung
Regie: Bérénice Hebenstreit, Bühnenfassung: Bérénice Hebenstreit, Anita Buchart, Bühne/Kostüme: Mira König, Musikalische Gestaltung/Sounddesign: Monobrother, B. Visible, Dramaturgie: Anita Buchart, Licht: Katja Thürriegl, Übersetzung ins Serbische: Jelena Andjelkovic.
Mit: Vivienne Causemann, Sebastian Klein, Una Nowak, Monobrother.
Premiere am 26. März 2026
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.teata.at
www.theater-am-werk.at

Kritikenrundschau

Als "maues Spiel" stuft der Standard (30.3.2026) in Person von Ronald Pohl diesen Abend ein: "Viel zu wenig erfährt man über Bruchlinien innerhalb der jugoslawischen Gesellschaft. Man vermisst Proben der Improvisationskunst, mit der die Menschen sich über das Hinschwinden ihrer Daseinsgrundlagen hinwegtäuschten. Man wird mit Spurenelementen von Alltagskultur konfrontiert, mit ein paar Zeitlupensequenzen abgespeist. Fußballerisch gesprochen (und Barbi Marković mag den Kult ums runde Leder in Wahrheit gar nicht): Ball vertändelt, Chance vertan. Die Autorin wird es zu verschmerzen wissen, sie spielt ohnehin längst in der literarischen Champions-League."

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