Zerfressen von Rost und Staub

26. Juli 2024. Was macht man mit einer der größten, aber auch statischsten Opern über die Macht der Liebe? Bei den Bayreuther Festspielen erzählt Thorleifur Örn Arnarsson Richard Wagners "Tristan und Isolde" als Lebensreise zweier Regelbrecher.

Von Georg Kasch

"Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen © Enrico Nawrath

26. Juli 2024. Was ist das für ein seeuntaugliches Schiff? An Deck hängen nur ein paar Taue im Bodennebel. Gelangt man aber durch ein Loch in den Bauch des Dampfers aus rostzernagten Spanten (Wagner war Zeitgenosse der industriellen Revolution), türmen sich die Hinterlassenschaften menschlicher Kultur: antike Statuen und Friese, ein Globus, ausgestopfte Tiere, Architekturfragmente, Wasser- und Zahnräder…

Ist das das Schiff, mit dem Tristan Isolde aus Irland nach Cornwall bringt, damit sie dort König Marke heiratet? Oder das Schiff des Lebens (darauf deutet ein Caspar-David-Friedrich-Gemälde hin), dessen Zeit sich deutlich seinem Ende neigt? Der Verfallsprozess kulminiert im dritten Akt: Da lässt Bühnenbildner Vytautas Narbutas nur noch Einzelteile des Wracks stehen und häuft die Artefakte zu einer kleinen Insel inmitten der Trümmer, auf der Tristan auf den Tod wartet.

Tor zur Moderne

In diesem Rost-Setting erzählt Thorleifur Örn Arnarsson eine der größten Liebesgeschichten der Menschheit. Richard Wagners "Tristan und Isolde", 1859 vollendet, 1865 uraufgeführt, stieß das Tor zur Moderne auf. Literarisch, weil hier zwei Menschen eine Seelenerforschung und -zergliederung betrieben, wie sie bald stilbildend für große Teile der Dramatik wurden. Musikalisch, weil Wagners Harmonik das Portal zur nicht mehr tonal gebundenen Musik und damit zur Avantgarde öffnete.

Für Regisseur:innen ist "Tristan und Isolde" allerdings eine Herausforderung: Obwohl viel in Worten und Noten verhandelt wird, passiert auf der Handlungsebene wenig. Arnarsson ist ein Mythen-Experte, hat "Edda", "Odyssee", "Orestie" inszeniert, auch Wagners "Siegfried" und "Parsifal", oft als große Material- und Bilderschlacht. Bei den Bayreuther Festspielen widmet er sich mit großen Bildern und (gerade im Vergleich zu seinen Schauspiel-Inszenierungen) zurückhaltender Figurenführung nun einem weiteren Mythos, dem der Liebe, die stärker ist als gesellschaftliche Forderungen oder der Tod. Tristan und Isolde kriegen ihre öffentlichen Rollen – sie als königliche Braut, er als Held, Neffe und Freund des Königs – nicht in Übereinstimmung mit ihren Gefühlen zueinander.

Zerstörung statt Verklärung

Isolde sitzt zu Beginn in einem ausufernden, von Sibylle Wallum entworfenen Brautkleid und beschreibt es über und über mit schwarzer Tinte. Es wirkt, als habe sie hier ihre gemeinsame Vorgeschichte notiert, um Tristan daran zu erinnern, dass es keine gute Idee sein könnte, sie seinem Onkel als Frau zu überlassen. Schließlich hatte sie Tristan einst das Leben gerettet, obwohl er ihren Verlobten erschlug. Ihre Rache? Ein Todestrank für sie beide.

Camilla Nylund als Isolde im Brautkleid und Andreas Schager als Tristan © Enrico Nawrath

Bei Wagner vertauscht Isoldes Vertraute Brangäne ihn mit dem Liebestrank. Bei Arnasson aber bleibt's bei Gift, das Isolde Tristan in letzter Sekunde aus der Hand reißt, ihm ein zweites Mal das Leben rettet – und alle (vorher ja nur durch seine Heldenrolle gebändigten) Liebesdämme brechen. Als sie im zweiten Akt in der gemeinsamen Liebesnacht von Marke erwischt werden, versuchen sie es noch einmal mit dem Doppelselbstmord. Doch nach Tristan kommt Isolde nicht zum Zug, weil ihr Markes Spion Melot die Flasche aus der Hand reißt. Einen Akt und Tristans Tod später nimmt auch Isolde den entscheidenden Schluck. Da gibt's auf der Bühne keine Verklärung oder Überhöhung, nur Zerstörung, während Camilla Nylund einen betörend feinsinnigen "Liebestod" singt.

Was von der Liebe übrig ist

Das Wesentliche passiert auch in dieser "Tristan und Isolde"-Produktion in der Musik. Zum Beispiel im Graben, wo Semyon Bychkov die chromatischen Suchbewegungen und harmonischen Reibungen in Wagners Partitur auskostet. Zentrale Momente – etwa den Tristan-Akkord – zerdehnt er bis aufs Äußerste. Da steht dann plötzlich die Welt still. Und die unvollendete Aufwärtsbewegung zu Beginn des dritten Akts hat man selten so samtig und abgründig zugleich gehört.

Oder bei Andreas Schager, der mit seinem kaum ermüdenden Strahletenor nicht immer subtil, aber ungemein kraftvoll Tristans Arroganz, seinen Liebesjubel und Todeskampf ausmalt (der eine knappe Stunde dauert, die er fast im Alleingang stemmt und dabei wie im Delirium über die Bühne taumelt). Oder Camilla Nylund, die nicht dieselbe Schlagkraft besitzt, dafür einen äußerst noblen, silbrigen Sopran mit kupfernen Tiefen, ideal für das "O sink hernieder, Nacht der Liebe" im zweiten Akt.

Tristan Isolde 5 CEnricoNawrath uOlafur Sigurdarson (Kurwenal), Andreas Schager (Tristan), Camilla Nylund (Isolde), Christa Mayer (Brangäne) © Enrico Nawrath

Günther Groissböck singt seinen Marke wuchtig und sonor.  Dass er aber seiner Figur ebenso wenig Kontur zu verleihen vermag wie Olafur Sigurdarson dem Kurwenal und Christa Mayer der Brangäne, liegt dann doch an Arnarssons Inszenierung. Jenseits der beiden Titelfiguren, die immer wieder das Hochzeitskleid zum Zeugen ihrer Liebe machen oder einander so zärtlich berühren, als hätten sie alle Zeit der Welt, werden die Bezüge zwischen den Figuren nicht so richtig herausgearbeitet. In der durchaus beeindruckend, aber gelegentlich auch erratisch ausgeleuchteten Bühne verlieren sich zudem wesentliche Details: Man muss schon sehr genau hinschauen, mit welchen Artefakten Tristan hantiert und bei wem gerade die Giftflasche ist.

Übrigens schreibt später auch Tristan mit an der gemeinsamen Geschichte – auf seinem Körper. Nur wird es ihn nicht retten. Am Ende, wenn Lieben und Leiden vorbei sind, bleiben nur ein paar Bücher, Zahnräder, Säulen, zerfressen von Rost und Staub.

Tristan und Isolde
von Richard Wagner
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Musikalische Leitung: Semyon Bychkov, Bühne: Vytautas Narbutas, Kostüme: Sibylle Wallum, Dramaturgie: Andri Hardmeier, Licht: Sascha Zauner, Chöre: Eberhard Friedrich.
Mit: Andreas Schager, Camilla Nylund, Günther Groissböck, Olafur Sigurdarson, Birger Radde, Christa Mayer, Daniel Jenz, Lawson Anderson, Matthew Newlin.
Premiere am 25. Juli 2024
Dauer: 6 Stunden, zwei Pausen

www.bayreuther-festspiele.de

 

Kritikenrundschau

Thorleifur Örn Arnarsson versuche gar nicht erst, gärende innere Bewegungen in hektischen Aktionismus zu übersetzen, schreibt Regine Müller in der taz (29.7.2024). "Er setzt im Gegenteil auf statische, Tableau-artige Anordnungen, in denen die Akteure zumeist aneinander vorbei agieren." Tristan und Isolde kommen sich auch im Liebesduett nicht wirklich nahe, was nichts Neues ist. "Nur schafft Arnarsson es leider nicht, eine spürbare Spannung herzustellen, die von den inneren Konflikten erzählt."

"Positiv könnte man sagen: keine Albernheiten, jedenfalls keine beabsichtigten. Auf der sichtbaren Ebene kommt die Personenführung einer Regieverweigerung gleich", berichtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (27.7.2024) von einem Abend mit einem "frappierend statischen Spiel beziehungsweise Nichtspiel".

"In Bayreuth wird Arnarsson ein bisschen bebuht und viel bejubelt, obwohl er eigentlich nichts beigetragen hat zur Opernwirkung – auch gar nicht musste. Denn in dieser Oper spielt einzig die Musik", berichtet Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung (27.7.2024). "Das Orchester der Bayreuther Festspiele unter Bychkov bewies es hingebungsvoll und wirkte doch undramatisch, verschenkte große Höhepunkte selbst im dritten Aufzug."

Arnarssons Regie fehle es "an Klarheit und Didaktik", schreibt Jan Brachmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (€ | 27.7.2024). "Dass Tristan und Isolde keinen Liebestrank brauchen, um einander zu verfallen, dass ein tiefer Blick in die Augen genügt, um einander zu erkennen, wird zwar deutlich – viel mehr allerdings auch nicht. Das Drama spielt sich wohl in ihrem Inneren ab, was für das Äußere, das theatralisch Sichtbare, meistens bedeutet: Herumstehen, Herumsitzen, Herumliegen."

"Ideenarmut" attestiert Christoph Irrgeher im Standard (27.7.2024) der Regie. "Gesungen wird dafür hochklassig, überragend von Andreas Schager: Der Mann, dessen Schalldruck wohl selbst Panzerglas durchschlagen könnte, erweist sich als Kraftzentrum."

Ein "beeindruckender, ausgiebig bejubelter Abend" ist dies für Wolfram Goertz von der Rheinischen Post (27.7.2024). Camilla Nylund als Isolde und Andreas Schager als Tristan seien "ein anrührendes Paar, mit dem Arnarsson auch schauspielerisch exzellent gearbeitet hat".

Wer "die Ekstase dimmt in diesem Stück, inszenatorisch und musikalisch, läuft Gefahr, es auf diese Weise auch zu entschärfen", erläutert Sebastian Hammelehle auf Spiegel Online (€ | 26.7.2024). "Arnarsson und Bychkow präsentieren Wagner gegen dessen Intentionen. Beim letzten Auftritt des Tristan geht Andreas Schager bis zum Äußersten, bei einer fast übermenschlich schweren Passage, die er selbst und andere Tenöre schon mit dem Aufstieg auf den Mount Everest verglichen haben. Doch wenn die Regie die Leidenschaft streicht, wirkt ein solcher Auftritt bloß noch wie Extremsport."

Im Hamburger Abendblatt (27.7.2024) berichtet Joachim Mischke: "Arnarsson geriet nicht ansatzweise in die Nähe einer bewegenden Deutung dieses Musikdramas. Im Gegenteil. Er parkte sein Ensemble in der Kulisse, und obwohl gerade in dieser Wagner-Oper ständig über heftigst aufwallende Gefühle berichtet wird, die man bebildern, beleuchten, bewegen müsste, sangen alle über ermüdend weite Strecken stocksteif vor sich hin und einander an. Und wer nicht sang, stand einfach wie scheintot herum – besonders gern jene, die eigentlich ganz tot sein sollten."

"Die Schwärze und Verzweiflung dieser Oper über verhängnisvolles Begehren haben andere Regisseurinnen und Regisseure – Katharina Wagner eingeschlossen – auf dieser Bühne schon energischer erzählt. Und so liegt die Last der Vergangenheit, die den Regisseur nach eigener Aussage an den Figuren interessiert, auch knüppeldick über seiner Inszenierung", schreibt Robert Braunmüller in der Kölnischen Rundschau (27.7.2024).

"Zu einem Mythos innerhalb der Aufführungsgeschichte wird dieser 'Tristan' wohl nicht werden", urteilt Walter Weidringer in der Presse (27.7.2024). "Expressiv beleuchtete Bilder, in deren Halbdunkel man die Charaktere oft suchen muss – Charaktere, über deren Beziehungen man so gut wie nichts erfährt."

Die "reichlich herumstehenden Objekte werden kaum theatralisch belebt, in ihrem naiven Realismus findet die Regie keine Bilder für die alles entscheidenden metaphysischen Dimensionen dieser Oper. Für ein Werk, das viereinhalb Stunden lang vor allem Ungegenständliches verhandelt, in dem es mit höchster romantischer Emphase um Liebe, Tod, Schweigen, Erinnerung und Transzendenz geht, ist das entschieden zu wenig", winkt Christian Wildhagen in der Neuen Zürcher Zeitung (27.7.2024) ab.

Keinen höheren Mächten ausgeliefert, sondern von der eigenen Biographie bestimmt: Das sei die Grundidee von Arnarssons Neuinszenierung des Liebesdramas, so Christiane Peitz vom Berliner Tagesspiegel (26.7.2024). Isolde sei die Erzählerin, "Herrin über das Narrativ", und ihr Geliebter kein kämpfender Held mehr. "Tristan will, dass sein Macho-Ich stirbt", er entsorge sich gleichsam selbst im "Helden-Gerümpel" des maroden Schiffsrumpfs. Die Stimmen von Camilla Nylund und Andreas Schager aber passten nicht recht zur Verkehrung der Geschlechterrollen: "Schagers expressiver, oft schneidender, etwas steifiger Heldentenor und Nylunds weich timbrierter, die innere Dramatik nuancenreich ausgestaltender Sopran harmonieren nicht miteinander, ja, er übertönt sie nicht selten." Peitz lobt, dem Publikum gleich, eine "fabelhafte" Christa Mayer als Brangäne und einen jovialen Olafur Sigardson als Kurwenal. Günther Groissböck (Marke) hingegen habe "einige Buhs hören" müssen. "Begeisterungsstürme toben nicht durch den Saal", schreibt Peitz; "ein solider neuer 'Tristan', so der erste spätabendliche Eindruck".

"Warum wirkt die Eröffnungsvorstellung des wichtigsten Opernfestivals der Welt streckenweise wie eine eilig geprobte Wiederaufnahme?", fragt sich Florian Zinnecker, der auf Zeit Online (26.7.2024) ein Notat aus dem Parkett veröffentlicht. Szenisch passiere nicht viel. Vielleicht wolle die Inszenierung "Ratlosigkeit, Verlorenheit, Hilflosigkeit" vermitteln: eine "gefühlte Inszenierung", ausgerechnet "in einer so rigorosen Distinktionsmaschine wie dem Bayreuther Festspielhaus, dem Gralstempel des zur Schau getragenen Bescheidwissertums". Camilla Nylund hörte der Zeit-Kritiker uneingeschränkt gerne. Andreas Schager singe den Tristan "mit sehr viel Kraft" und müsse im zweiten und dritten Aufzug "für den ersten bezahlen". Zinnecker lobt Christa Mayer (Brangäne) und Ólafur Sigurdarson (Kurwenal) sowie die Soli des Englischhorns und der Bassklarinette, deren Instrumentalist*innen er wegen eines Besetzungszettels, der lediglich "das Festspielorchester" ankündigt, nicht namentlich nennen kann.

Dramaturgisch sei das Konzept der Inszenierung: Tristan und Isolde wollten sich von den Rollenkonzepten befreien, in denen sie gefangen seien, beschreibt Richard Lorber bei WDR 3 (26.7.2024). Die Regie setze nicht auf Personenführung, sondern die Opernfiguren seien bloße "Figuretten". Man verliere beim Zuschauen die Orientierung, auch, weil man die Sänger*innen im Bühnenbild gar nicht erkenne. Mit dem Dirigat von Semyon Bychkov, dem fein ziseliert gegliederten, klar modellierten Tristan-Vorspiel und dem szenenweise kammermusikalischen Klang des Orchesters ist Lorber zufrieden. Andreas Schager singe voll Kraft, beherrsche aber auch die lyrischen Töne, obgleich er den Kritiker im 3. Akt nicht überzeugen konnte. Camila Nylunds habe einen "toll tönenden, runden Sopran", sei aber nicht textverständlich.

Besonders statisch und düster wirke Wagners Seelendrama diesmal, bemerkt Peter Jungblut, der für den Bayerischen Rundfunk (25.7.2024) schon in der Pause nach dem 1. Aufzug berichtet. Szenisch sei "wenig bis gar nichts los", die Bühne von Vytautas Narbutas biete eine "ausgesprochen statische Bebilderung". Inspiriert habe Thorleifur Örn Arnarsson, den Jungblut zitiert, ein Aufenthalt in seiner Heimat Island, wo ihm eine wolkenreiche Landschaft als Seelenzustand erschienen sei.

"Das ist mit Abstand die läppischste und schwächste Inszenierung in Bayreuth" urteilt Jörn Florian Fuchs für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (25.7.2024) insbesondere über die Figurenentwicklung, in der die Protagonisten "hingestellt, mit Allerwelts-Pathosgesten", ohne Bezug zueinander verblieben. "Da ist gar nichts gearbeitet, daran, es ist wirklich auch konzeptionell nichts von dem Behaupteten auf der Bühne zu erkennen, noch dazu sieht man nichts", gibt der Kritiker "entgeistert" zu Protokoll. "Musikalisch ist es ne Schlacht der Lautstärke, und szenisch ist es gar nichts."

Kommentare  
Tristan und Isolde, Bayreuth: Umgeschaltet
Ich muss gestehen, die Aufführung im TV gesehen zu haben, worüber ich sehr froh bin. Nicht auszudenken, eine der teuren Karten erworben, Hotel und Reisekosten verschwendet zu haben.
Was ist nur in Bayreuth los? Mit den obigen Kritiken stimme ich überein. Ich muss gestehen, daß ich immer öfter auf " Inspector Columbo " umschalten und als der von mir verehrte Andreas Schager auf den Hüften in einem " Nichtbühnenbild" herumrutschen musste, war es das für mich. Schluss! Meine Freundin, einst Sängerin in einem Opernchor, hatte noch früher umgeschaltet!
Sehr, sehr schade.
Hatte den Tristan voriges Jahr in Wiesbaden gesehen, viel besser, als Zuschauer kam man sich nicht verschaukelt vor und hatte keineswegs den Eindruck, daß die Künstler und natürlich Wagner respektvoll behandelt werden!
Tristan und Isolde, Bayreuth: Schauspielarbeiten besser
Derselbe Regisseur durfte sich zu Beginn der letzten Spielzeit auch am Parsifal in Hannover probieren. Kam (...) außer einem recht spektakulären Bühnenbild keinerlei Regie erkennbar (...) Da staksten halt ein paar Sänger:innen in der Gegend herum und sangen. Ab und zu wurden recht unmotivierte Tableaus auf die Bühne gezimmert. Nun denn ... wem's gefällt. Da fand ich Arnarssons Schauspielarbeiten in Teilen überzeugender.
Tristan uns Isolde, Bayreuth: Was nicht möglich ist
Es sind in erster Linie Bilder, die ein Regisseur beim Tristan hinzufügen kann: Chereau konnte es (in Mailand) nicht verhindern, dass es fürchterlich simpel und grau geriet, obwohl er es mit Feinheiten der Körpersprache und „Mimik“ versuchte (Blut an der Stirn bei Isoldes Liebestod), aber im hinteren Parkett war davon lediglich etwas zu erahnen (deshalb: wirkungslos). … bei Sellars (Paris) war die Videowand von Bill Viola, die in Erinnerung blieb. Bei Stone (Aix) sahen wir durch die Luken das Meer und Bohrinseln vorbeiziehen und obwohl er ja eher lebhaft, realistisch, machmal (wohltuend) trivialisierend inszeniert, war es keine „Interpretation“, sondern eine Folge von stimmungsvoll ausgestatteter Arrangements … Bei Heiner Müller war es nur statisches räumlich entferntes rumstehen, immerhin mit Erich Wonders beeindruckenden, abstrakten Bildern …

Vielleicht müssen wir damit aufhören, etwas zu erwarten, was nicht möglich ist: ein psychologisch feines Erzählen, beeindruckende, sinnliche Bilder, dazu verständlich singende Sänger bei einer (sorry) aufgeblasenen Sprache … aber langweilig muss es dennoch nicht sein wie dieses Jahr in Bayreuth. Nach der pandemieangstbedingt kurzfristig ins Programm genommenen und dann nach wenigen Aufführungen entsorgten Tristan, ist diese neue Version überflüssig gewesen. Aber, ach Verträge … Vom Platz in der Halbmitte aus gesehen, waren die so rumstehenden Bühnenelemente im ersten und dritten Akt öde anzuschauen, im zweiten Akt die eine Schiffswand nicht zu sehen, Isoldes Ballkleid eine Schnapsidee, der Rest: Steh- bzw. Liegetheater. Und dann noch im dritten Akt der plötzlich von der Seite am Notenpult singende Ersatz für Herrn Schager, während dieser sich nicht entscheiden konnte, still den Mund synchron zu bewegen oder einfach rumzuliegen. Aber das reicht anscheinend in der Pilgerstätte … man ist dagewesen …
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