Identitti - Stadttheater Ingolstadt
Die Trugbilder Race und Identity
14. Dezember 2024. Was ist kulturelle Aneignung? Und wer behält am Ende die Diskurshoheit? Atif Hussein bringt Mithu Sanyals Erfolgsroman auf die Bühne. Grell, fulminant und mit viel Musik.
Von Robert Luff
"Identitti" von Mithu Sanyal am Stadttheater Ingolstadt © Germaine Nassal
14. Dezember 2024. Am Anfang steht der Skandal: Die Professorin ist weiß und heißt gar nicht Saraswati, sondern Sarah Vera Thielemann. Ihre indische Herkunft als Person of Colour hat sie nur fingiert, ihre Studenten durch eine Hormontherapie betrogen. Sie stehen jetzt vor dem Trümmerhaufen der Postcolonial Studies, allen voran Vorzeigestudentin Nivedita (Diana Marie Müller), die kluge Bloggerin, die sich "Identitti" nennt und geistreiche Posts zu Race, Gender und Sex am Stück produziert.
Jetzt löst sich ihr großes Idol Saraswati gerade in Luft auf, wird von den Gazetten zerrissen und den Medien mit Häme überhäuft. Ein Shitstorm fegt durchs Netz und Nivedita ringt plötzlich auch um ihre eigene Identität. Doch sie stellt sich den Fragen der Radioreporterin, während auf einer Videoleinwand im Hintergrund weiße Papierfetzen symbolisch vom Winde verweht werden und Hassbotschaften durch Social Media wabern.
Stakkato gegenseitiger Schuldzuweisung
So beginnt Atif Husseins atmosphärisch dichte, von rasanten Wortwechseln und dramaturgischen Überraschungen geprägte Ingolstädter Inszenierung des Skandalromans: im Kleinen Haus, ohne Vorhang und in distanzloser Nähe zum Publikum, das mitten in der akademischen Schlammschlacht sitzt und sich dem atemberaubend schnellen Diskurs kaum entziehen kann. Doch es gibt auch Ruhepausen in diesem Stakkato gegenseitiger Schuldzuweisung.
Denn die Göttin Kali, das Alter Ego von Nivedita, kommentiert die Handlung und berät die Protagonistin, gibt dem inneren Monolog des Romans ihre Stimme und singt immer wieder ihre Songs, die das Geschehen unterbrechen und gliedern. Renate Kollman als groteske, vierarmige, blau kolorierte indische Göttin versteckt sich nur selten in dem Torso, der zwei ihrer Arme und ein drohend erhobenes Krummschwert modelliert. Meist springt sie heraus, tanzt und rast umher, beschwichtigt und tröstet, sucht nach Sinn oder gibt den Sex-Guru. In ihren Liedern schaut auch Brecht noch einmal durch die Hintertür ins Stück.
Mona Kloos als Frau Professor Saraswati alias Sarah Vera Thielemann © Germaine Nassal
Es wird eben viel erzählt und aufgearbeitet, der Zuschauer soll schließlich nachdenken: Über das eigene multiethnische Sein und eine adäquate Sprache dafür. Über Postkolonialismus und die konstruierte Kategorie "race". Über Deutschland, das schon immer ein Einwanderungsland war. Und als Kali am Ende zweimal den Beatles-Hit "Yesterday" ansingt, ohne ihn zu vollenden, wird vor dieser akustischen Kulisse die Sehnsucht Niveditas nach den Verhältnissen vor dem Skandal greifbar. Doch nun muss sie ihre Enttäuschung erst einmal verarbeiten. Sie sucht Saraswatis Nähe, zieht für ein paar Tage bei ihr ein und wirft sich mitten in die endlosen Diskussionen mit der scharfzüngigen Professorin.
Ich ist ein*e andere*r
Grandios verkörpert Mona Kloos diese professorale Rassismus-Bekämpferin, die sich eine Wunsch-Identität als PoC zusammengebastelt hat. Affektiert und arrogant, mit teurer Gelehrten-Brille im beige-gelben Business-Look, nie um eine Erklärung verlegen und eloquent bis in die Haarspitzen. Sie beherrscht den Race- und Kolonialismus-Diskus und bewahrt die Fassung – trotz der schweren Vorwürfe von Nivedita, die zusammen mit ihrer Cousine Priti (Banar Fadil) Saraswatis Geschichte rekonstruiert und ihre eigene aufarbeitet. Denn Nivedita hat eine polnische Mutter, einen indischen Vater und wurde in Deutschland geboren. Immer wieder führt das zu Identitätskrisen, man hört die Sätze: "Identitäten sind etwas für andere" und "Ich habe das Gefühl zu lügen, wenn ich 'ich' sage."
Am Ende passiert Saraswati kaum etwas: Sie verliert zwar zwischenzeitlich ihre Professur und darf die Uni nicht mehr betreten. Doch flugs bietet man ihr in Oxford einen Lehrstuhl an, an dem sie nun das "Weißsein" erforschen soll – und ihre beiden Studentinnen Nivedita und Priti mitnehmen darf. Der große Ruhm bleibt also doch der Professorin, der Weißen, die sich eine falsche Identität aneignete und Kali singt dazu "Business as usual."
Der Teufel der kulturellen Aneignung
Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, die Diskurse um Colour und Herkunft, Rassismus und koloniales Herrendenken wollen schließlich geführt werden. Dabei spielt auch die Familie eine Rolle. Denn Saraswatis Bruder Raji (in einer Doppelrolle: Baran Hêvî) wurde einst von ihren Eltern als Vorzeige-Dritte-Welt-Kind adoptiert, bevor die leibliche Tochter geboren wurde. Und dieser Raji enthüllt zusammen mit Priti den Betrug.
So muss sich die Professorin mit der falschen Herkunft einem sehenswerten exorzistischen Ritual unterziehen. Ausgetrieben wird da der Teufel der kulturellen Aneignung, von Nebelschwaden begleitet fährt er aus der toughen Professorin und so kann sie getrost ihren neuen Bestseller mit dem Titel "Post-Identity" veröffentlichen. Unter dem Teppich dieser Scheinlösung gärt alledings weiterhin die Frage nach Diversität und dem notwendigen Dialog darüber.
"Geh weg, Identität!" © Germaine Nassal
Und das Attentat von Hanau, bei dem ein rechtsextremer Täter neun Menschen mit "Migrationshintergrund" erschoss, steht auch plötzlich im Raum und drängt den Identitätsdiskurs in den Hintergrund. Als die Namen der Opfer verlesen werden, wird dem Zuschauer plötzlich klar, dass dieser Anschlag die schrecklichste aller Konsequenten der vorangegangenen Diskurse sein kann.
Atif Hussein ist mit seiner Inszenierung ein großer Wurf gelungen. Der Berliner Regisseur, Puppenspieler und nachtkritik-Kolumnist bringt in Ingolstadt eine Debatte auf den Punkt, die allerorten in Deutschland geführt wird. Dieser Abend macht auch bereits die Handschrift des neuen Intendanten Oliver Brunner spürbar, der politisches Theater und interkulturelle Debatten in einer Stadt angekündigt hat, in der 23 verschiedene Sprachen gesprochen werden.
Identitti
von Mithu Sanya
Regie: Atif Mohammed Nour Hussein, Bühne und Kostüme: Petra Korink, Musikalische Leitung und Musik: Michael Lohmann, Dramaturgie: Julia Just, Licht: Frédéric Bommart
Mit: Diana Marie Müller (Nivedita), Mona Kloos (Saraswati), Renate Knollmann (Kali / Verena), Banar Fadil (Priti / Oluchi), Baran Hêvî (Raji / Simon)
Premiere am 13. Dezember 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
theater.ingolstadt.de
Kritikenrundschau
"'Identitti' ist vielstimmig und perspektivenreich und verlangt dem Publikum allerhand ab. Denn es ist anstrengend, dem Schlagabtausch samt seinen überraschenden Volten knapp zwei Stunden lang konzentriert zu folgen. Selbst wenn er von den Spielenden, die sich so ungestüm in den Fallstricken des Themas verheddern, mit Tempo, Witz und Dringlichkeit dargebracht wird", schreibt Anja Witzke im Donaukurier (16.12.2024). "Es gibt viele gute, schöne, wahre Sätze in diesem Stück. Sie bleiben leider papieren. Warum man sich den Abend trotzdem ansehen sollte? Weil er Relevantes verhandelt. Und weil man hinterher ein bisschen schlauer ist."
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Ich muss einfach Fragen, weil es so eine wundervoll spezifische und herausfordernde Zahl ist: Welche 23 verschiedenen Sprachen werden denn in Ingolstadt gesprochen? Woher haben Sie diese Information? Und gäbe es in einer Stadt in der nur 17 oder 21 verschiedene Sprachen gesprochen werden keinen Anlass für interkulturelle Debatten und politisches Theater?
Nur zur Sicherheit: Ich frage aus reiner Neugier. Ich mag Ihre Kritik, da sie mich neugierig auf den Abend macht. Nur der letzte Satz scheint sich verlaufen zu haben.