Vaters Vermächtnis

9. Oktober 2025. Jüngst hat Kammerspiel-Frontfrau Wiebke Puls den Roman "Bevor ich es vergesse" von Anne Pauly als Hörbuch eingelesen. Jetzt bringt sie ihn in den Kammerspielen auf die Bühne. In eigener Regie und mit Schauspiel der Extraklasse.

Von Christine Wahl

Wiebke Puls inszeniert und spielt "Bevor ich es vergesse" von Anne Pauly in München © Armin Smailovic

9. Oktober 2025. Ein hölzerner Vitrinenschrank steht auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Darin ein paar Bücher, angebrochene Kekspackungen oder Devotionalien, deren ideeller Wert sich selbst den Nächststehenden nicht immer auf Anhieb erschließt: was halt so übrig bleibt von einem langen Leben.

Im Falle von Jean-Pierre Pauly gehören zu den Hinterlassenschaften auch eine beschuhte Beinprothese sowie mehrere gefüllte Edeka-Tüten. Gerade hat Wiebke Puls als Tochter des Verstorbenen, Anne, inmitten dieses Ambientes von irgendwoher einen schwarzen Kulturbeutel zutage gefördert. Sie öffnet ihn und entnimmt ihm viele erwartbare, vereinzelt auch schwer identifizierbare Dinge. Aber plötzlich stößt sie auf einen Gegenstand, der sie überrascht: ein Deo. Sie versprüht es in der Luft, weicht spontan vor dem Geruch zurück, fängt ihn trotzdem in einem Papiertaschentuch auf und vergräbt schließlich sehr lange und sehr tief ihr Gesicht darin.

Vater, Punk und Philosophieliebhaber

"Bevor ich es vergesse" heißt Puls' Solo nach dem 2019 (und 2024 auch auf Deutsch) erschienenen Debütroman der französischen Autorin Anne Pauly, der in Frankreich für sämtliche relevanten Literaturpreise nominiert war und schließlich mit dem Prix Inter als "Bestes Buch des Jahres" ausgezeichnet wurde.

Und die Deo-Szene dürfte treffsicher auf den Punkt bringen, warum das Buch seine Leserinnen und Leser so begeistert: Anne Pauly gesteht sich in ihrem autofiktionalen Text, der mit dem Tod des Vaters einsetzt und entlang der anschließenden Notwendigkeiten von der Beerdigungsorganisation bis eben zur Hausausräumung retrospektiv die Vater-Tochter-Beziehung reflektiert, die volle Wahrheit der Ambivalenz zu. Sprich, sie lässt den Vater im gleichen Atemzug als Menschen plastisch werden, der zeit seines Lebens mit den schlichten Verhältnissen zu kämpfen hatte, aus denen er kam, der mit seiner Alkoholsucht die Familie strapazierte, gewalttätig wurde und seine Ehefrau still neben sich verzweifeln ließ, wie sie ihn als letzten wahren "Punk" und Philosophieliebhaber porträtiert, der mit seinem trockenen Humor bis zuletzt ganze Krankenhausstationen unterhielt und seine Tochter ebenso unendlich liebte, wie er, trotz allem, von ihr zurückgeliebt wurde.

Ausnahme-Schauspiel

Für eine Schauspielerin wie Wiebke Puls ist das natürlich eine Steilvorlage. Wie intensiv und genau sie in ihrem Gesicht etwa – weil Tragödie und Komödie ja auch (oder gerade) bei den letzten Dingen bekanntlich nahe beieinanderliegen – einen Wein- zu einem Lachkrampf mutieren lässt und wieder zurück, wie lakonisch sie die Vitrinenschrankfunde kommentiert, ohne dabei auch nur eine Sekunde den Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen vergessen zu machen – das ist Ausnahme-Schauspiel vom Feinsten.

Bevor ich es vergesse 2 1200 Armin Smailovic uAn Vaters Vitrine: Wiebke Puls spielt Anne Paulys Romanvorlage © Armin Smailovic

Und wenn Puls schließlich mit wenigen zielgenauen Markern – gebückte Haltung, heiser-verlangsamter Verbal-Output und ein tickartiger Zwang zur permanenten Lippenbefeuchtung – nebenbei gleich noch den betagten Pater mit auf den Stuhl ächzt, mit dem es die Beerdigungsformalitäten zu besprechen gilt, ist die Freude im Parkett nachvollziehbar groß.

Dienstbare Regie

Puls spielt aber nicht nur, sondern hat – nachdem sie den Roman letztes Jahr als Hörbuch eingelesen hatte – auch selbst Regie geführt und die Bühnenfassung für den Abend erstellt. Im Programmheft gesteht sie, dass sie der Autorin – deren Roman sie natürlich nicht ungekürzt adaptieren konnte – am liebsten geschrieben hätte: "Ihr Buch ist wunderbar, und es tut mir leid, dass ich es so beschneiden musste". Dieses Verhältnis zum Text merkt man dem Abend deutlich an: Puls' Regie stellt sich ganz in dessen Dienst und bleibt innerhalb der klaren und naheliegenden Spielsituation, die sie sich mit dem Entrümpelungsbedarf des väterlichen beziehungsweise elternhäuslichen Schrankes geschaffen hat, entsprechend minimalistisch. Nur das Surreale hält hier und da mal kurz Einzug, wenn etwa die Beinprothese von innen an die Schranktür klopft, um kurz darauf prompt herauszuschnellen, oder wenn in einer geöffneten Schublade plötzlich mal eine reale Hand auftaucht, um tröstend ihre Schulter zu umfassen.

Der Soundspur, die dazu eingespielt wird und die Erinnerungen der Protagonistin etwa in Kindergeräuschen, dem geliebten mütterlichen Gesang oder großstädtischem Verkehrslärm vergegenständlicht, hätte es vielleicht gar nicht bedurft. Denn das, was hier zur Disposition steht – und die Art, in der es gespielt wird – hat diese Konkretion eigentlich schon transzendiert.

Bevor ich es vergesse
nach dem Roman von Anne Pauly
In einer Spielfassung von Wiebke Puls
Regie: Wiebke Puls, Dramaturgie Matthias Günther, Outer Eye: Verena Regensburger, Hörspielproduktion: Johann Jürgen Koch, Wiebke Puls, Audiodesign: Johann Jürgen Koch, Sounddesign: Jonathan Hanisch, Musik: Peter Pichler, Requisite: Stefan Leeb, Julia Molloy, Lichtdesign: Wolfgang Eibert.
Mit: Wiebke Puls.
Uraufführung am 8. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Wiebke Puls spielt manchmal völlig für sich, da schaut man Anne einfach gern zu. Mehr noch redet sie mit dem Publikum. Dann gibt es diese unfassbaren Momente, in denen man völlig machtlos ist, in denen man glaubt, in Annes Geschichten hineinzufallen, weil man sie kennt, bis ins Detail. Die versoffene, weinerliche Egozentrik des Vaters, die zerfallende Handschrift der an Krebs gestorbenen Mutter." So berichtet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (€ | 9.10.2025) und moniert: "Nur das Pathos am Ende des etwas zu langen Abends, Puls singt da Céline Dions 'Parler à mon père', angereichert durch Zitate aller Musiken, die zuvor zart herumwanderten, das, sorry, ist zu viel. Die meisten im Publikum aber waren damit tränenfeucht glücklich."

Alexander Altmann schreibt im Münchner Merkur (10.10.2025): "Obwohl die Bühne nicht der ideale Ort ist, um sich der Intimität der 'letzten Dinge' künstlerisch zu nähern, gelingt dem Abend etwas Bemerkenswertes. Er fasziniert weniger durch die etwas stereotype Psychologie einer ambivalenten Tochter-Vater-Beziehung, sondern indem er uns fast beiläufig unserer eigenen Endlichkeit inne werden lässt, die wir – verständlicherweise und mit vollem Recht – allzu gern 'vergessen' (...)."

Für Michael Stadler vom Abendblatt (€ | 10.10.2025) droht mitunter "die Aufmerksamkeit abzudriften, die Form den Inhalt, die hohe Kunst das Thema zu überwölben." Denn: "Man schaut nun mal gerne Wiebke Puls zu, sie zeigt hier erneut ihr großes Können, wechselt die Spielhaltungen präzise, lässt einen Gefühlsausbruch zwischen Weinen und Lachen oszillieren, ist die Tochter, verwandelt sich aber im Nu auch in den alten Pfarrer, der sich bei einem ersten Treffen mit Anne erst mal nicht an deren Vater, eigentlich ein vertrautes Gemeindemitglied, erinnern kann und beim Gedenkgottesdienst zwischendurch einschläft. Den alten Kauz zeichnet Puls als heitere Karikatur – ihre Inszenierung trifft den trotz aller Tragik leichten Tonfall des Buchs sehr gut."

Kommentare  
Bevor ich es vergesse, München: D'accord
Was für eine feine, fein austarierte Rezension! Ich bin d'accord: Wiebke Puls, eine Ausnahme-Schauspielerin!
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