Gebiss des Grauens

25. Januar 2025. Würden Farce, Splatter und Poesie eine Ménage-à-trois eingehen, sähe sie wahrscheinlich so aus wie diese Vampirkomödie von Jan-Christoph Gockel und Ensemble. Aus Murnaus Stummfilm "Nosferatu" und mancher Vampir-Literatur wird ein Stück im Stück, das sich ums Theater dreht.

Von Susanne Greiner

"Oh Schreck!" von Jan Christoph Gockel und Ensemble an den Münchner Kammerspielen © Armin Smailovic

25. Januar 2025. Die langen Eckzähne können beim Sprechen hinderlich sein, findet Walther von der Hess, das Urgestein der Kammerspiele, das dem Publikum eine Einführung gibt. Aber er muss das Gebiss tragen, wie er verschwörerisch erzählt. Denn das Münchener Traditionshaus, ein "blutleeres Theater", ist von Vampiren unterwandert. Wer will da schon auffallen?

Wie die Ensemblekollegen schläft er zur Tarnung im Sarg, verrät Hess, und leidet ob seiner menschlichen Natur an Vitamin-D-Mangel. Sein innigster Wunsch: Die Hauptrolle im neuen Stück ergattern, der Inszenierung von Murnaus Stummfilm "Nosferatu" – als Stummfilm. Aber Regisseur Wolfgang will’s authentisch. Und wer wäre ein besserer Nosferatu als Max Schreck, vormals Schauspieler der Kammerspiele und schauerlicher Stummfilmstar? Der ist natürlich nicht nur im Film ein Vampir – weshalb er logischerweise noch lebt.

Handlung in etlichen Umdrehungen

Das ist der Plot, von dem Regisseur Jan-Christoph Gockel und das Ensemble die rasante Fahrt durch Stummfilmära und Theatertheorie starten, im Wechsel zwischen Stück im Stück und dessen Rahmen. Das erinnert nicht nur vom Aufbau an Michael Frayns "Nackten Wahnsinn". Auch die von vier (mitspielenden) Technikern bediente Drehbühne von Julia Kurzweg bedient sich des Vorder- und Rückseiteneffekts der urbritischen Komödie: auf der einen Seite die Stummfilm-im-Stummfilm-Inszenierung, auf der anderen die vampirverseuchten Kammerspiel-Kulissen.

OhSchreck Johanna Kappauf B2870779 c Armin SmailovicVerschreckte Vampirin: Johanna Kappauf © Armin Smailovic

Der Stummfilmpart bezaubert durch Poesie. Die Musik von Anton Berman alias Igor imitiert die Klavierbegleitung zum Film, während auf der expressionistischen Filmkulisse die Texte zum stummen Spiel auf der Bühne erscheinen. Den Vampir-Schauspielern sind schwarz-weiße Puppen (Michael Pietsch) aufgeschnallt, die die Figuren aus "Nosferatu" darstellen. Schaurig schöne Momente, die jäh von Regisseur Wolfgang oder von einem der jähzornigen Ausbrüche des Intendanten Denis Dorn – es ist auch ein Stück über die Kammerspiele und damit deren früherem Intendanten Dieter Dorn – durchbrochen werden.

Zitate aus dem Vampir-Kanon

Der Theaterpart lebt durch Komik und Absurdität, mit der sich die Kammerspiele auch selbst durch den Kakao ziehen. Theateralltag steht unter dem Hammer, wenn Regieassistentin Isabell bis zur Erschöpfung von den Vampiren ausgenutzt, aber nie mit Biss zu einem von ihnen gemacht wird. Die Vampirfiguren sind teils Zitate, so das Duo des Dandy-Vampirs Svetlana und der als Kind gebissenen Claudia aus "Interview mit einem Vampir" – wobei Claudia hier im kindgerechtem Sarg samt Mickey-Fledermaus schlafen darf und Isabell ihr Gute-Nacht-Geschichten vom Kleinen Vampir kredenzt.

Gockel dreht die stummen Figuren ins Moderne, lässt sie mit Splatter-Effekt beim Beißen in Theaterblut versinken oder Identitätskrisen erleiden. Buffy-ähnlich verschreibt sich Vampirjägerin Kristine Van Helsing der Vernichtung der Blutsauger in den Kammerspielen, als Verfechterin des sprachgewaltigen Traditionstheaters, das nie verstummen darf. Ihr Louis-Vuitton-Täschchen quillt über vor Knoblauch, Pflöcken und Hammer. Aber, oh Schreck, Kristine verliebt sich – in Max. Die aufs Wort fixierte Slayerin und der stumme Vampir, ein Mythos, nur noch in der unaussprechlichen Populärkultur zu finden, das kann nicht funktionieren. Oder doch?

Kann Fremdes sich begegnen?

Das Ensemble hat sichtlich Laune an der abstrusen Komik und dem schaurig Schönen, auch wenn das Ende etwas zurechtgebogen wirkt. Johanna Kappauf gibt einen stummen, aber lieb grinsenden, verschreckten Schreck. Sebastian Brandes' Wandlung vom unsicheren Regisseur hin zum Vampir-Master im wallenden Joggingdesign-Mantel (Kostüme: Sophie du Vinage) ist hinreißend, Nadège Meta Kanku spielt das Vampir-Kind Claudia in perfekter Mischung aus Unschuld und Provokation und beeindruckt mit Stimme sowie dem antifaschistischen Erika Mann-Text "Dummheit", von Max Schreck in den 1930ern in der "Pfeffermühle" deklamiert.

OhSchreck Walter Hess B2840703 c Armin SmailovicOberschreck Walter Hess © Armin Smailovic

Walter Hess, seit 2002 an den Kammerspielen, brilliert als sein Alter Ego Von der Hess mit Sonnenbrille und implantierten Vampirzähnen. Und Katharina Bachs Wortlawinen im ADHS-Modus machen Kristine Van Helsing fast sympathisch. Allen dienend, verströmt Leoni Schulz als Isabell gekonnt-genervte Müdigkeit.

"Oh Schreck!" lebt vom Kontrast aus Stummheit und Wort, aus Poesie und Komik. Die Vampir-Farce fragt, ob sich Fremdes begegnen kann. Und brüllt: Ja! Nicht nur Film und Theater, Faust und Vampire Diaries, Vampirjägerin und Vampir können sich annähern. Zum rauschenden Ballabend am Stückende finden – wie im eingespielten Film zu sehen – gar die Werwölfe und Zombies aus Residenz- und Volkstheater in den Kammerspielen Einlass.

Oh Schreck!
von Jan-Christoph Gockel, inspiriert von F. W. Murnaus "Nosferatu" und dem Leben von Max Schreck
Regie: Jan-Christoph Gockel, Idee und Konzept: Jan-Christoph Gockel, Claus Philipp, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Sophie du Vinage, Puppen: Michael Pietsch, Musik und Komposition: Anton Berman, Video: Lion Bischof, Live-Zeichnung: Sofiia Melnyk, Lichtdesign: Christian Schweig, Sounddesign: Katharina Widmaier-Zorn, Korbinian Wegler, Dramaturgie: Viola Hasselberg, Claus Philipp.
Mit Katharina Bach, Anton Berman, Sebastian Brandes, Dennis Fell-Hernandez, Walter Hess, Frangiskos Kakoulakis, Nadège Meta Kanku, Johanna Kappauf, Jelena Kuljić, Sofiia Melnyk, Nina Moorgat, Michael Pietsch, Leoni Schulz.
Uraufführung am 24. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Das ist alles rasant, fast immer rasend komisch, gerade auch in den Splatterszenen", schreibt Egbert Tholl in der Südddeutschen Zeitung (25.1.2025). Gockel befreit das Theater aus Sicht des Kritikers "von der Last tonnenschwerer Correctness. Und dann kommt bald die Poesie". Erst in Gestalt "hinreißend schöner Puppen, gebaut von Michael Pietsch." Viele Puppen, geführt von Pietsch und dem Ensemble, spielten Szenen aus Murnaus Film. "Wie den Abschied Thomas Hutters von seiner Frau Ellen, bevor er nach Transsylvanien zum Grafen Orlok reist. Die eine Puppe gibt der anderen eine schwarze Rose, doch die antwortet traurig: 'Warum hast du die Blume getötet?' Die Szene gibt es auch bei Eggers, am schönsten, zerbrechlichsten aber ist sie jetzt auf der Bühne."

"'Oh Schreck!' ist Hämoglobin-Halligalli und ein Aderlass vom Allerfeinsten. Die Diagnose zum begeisterten Schlussapplaus: Blutverdünner braucht hier niemand. Es strömt auch so. Und wie", schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (26.1.2025). "Nur wenige Pointen zünden nicht. Und nur selten verliert die Inszenierung ihr hohes Tempo."

thea kulturklub

Kommentare  
Oh Schreck, München: Lohnt auf vielen Ebenen
Selten gelingt Theaterinszenierungen der Balance-Akt, auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu funktionieren. Jan-Christoph Gockels „Oh Schreck!“ schafft das an den Münchner Kammerspielen.

Zunächst ist der Abend eine Hommage an den Stummfilmklassiker „Nosferatu“ und dessen Hauptdarsteller Max Schreck, der in den 1920er und 1930er Jahren auch im Ensemble der Münchner Kammerspiele engagiert war und dort vor allem Nebenfiguren spielte. Puppenbauer Michael Pietsch, bewährter Partner vieler Gockel-Inszenierungen spielt in diesem von der Kulturstiftung des Bundes finanzierten Inklusionsprojekt mit seinen Puppen und einem Cast aus Spieler*innen mit und ohne Behinderung Schlüsselszenen des Films nach, an dessen Remake sich kurz vor der Premiere im Januar auch Kino-Regisseur Robert Eggers ächzend versuchte.

Auf der zweiten Ebene tobt sich eine rasante Splatter-Vampir-Komödie aus: ein Spiel mit den Genre-Motiven, das mit viel Kunstblut und gutem Timing der Gags unterhält.

Drittens ist „Oh Schreck!“ ein Abschied von einem prägenden Schauspieler des Hauses: Walter Hess hat mit 86 Jahren in diesem grellen Trubel noch mal einen eindrucksvollen Auftritt. Seit 2002 ist er im Ensemble der Kammerspiele und gibt an diesem Abend Walther von der Hess, der als einziger Nicht-Vampir unter lauter Vampiren lebt und unbedingt die „Nosferatu“-Hauptrolle ergattern möchte. Dafür besucht er in einem lustigen Video-Einspieler die Würzburger Firma Alphabite, die auf Filmzähne und Spezialanfertigungen spezialisiert. Immer wieder betont er, dass es seine letzte Rolle eines langen Bühnenlebens sein könnte.

Vor allem lohnt sich „Oh Schreck!“ aber als bissig-ironische Auseinandersetzung der aktuellen Intendanz von Barbara Mundel mit der traditionsreichen Geschichte des Hauses und ihren Kritiker*innen. Etwas platt gerät noch die Parodie auf den legendären Vorgänger Dieter Dorn, der für Sprechkunst und Klassikerpflege bekannt war. Dennis Fell-Hernandez spielt Denis Dorn als tobsüchtigen Chef. Umso furioser ist hingegen Katharina Bachs Auftritt als Vampirjägerin Van Helsing. Allein dafür würde sich der Besuch der Vorstellung schon lohnen. In einem Rundumschlag zieht sie all die Argumente durch den Kakao, die gegen Mundels Intendanz ins Feld geführt werden: zu viel Performatives, zu unklare Aussprache, zu blutleer. Ihre Suada wird zu ihrem meiner Meinung nach bislang besten Kammerspiele-Auftritt und einem Beweis, wie vital und vielfältig das Sprechtheater auch jenseits der Klassiker sein kann.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/23/oh-schreck-muenchner-kammerspiele-kritik/
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