Play Auerbach! - Münchner Kammerspiele
Fettnäpfchenwetthüpfen
5. Dezember 2025. Eine Revue voller hintergründiger Klischees und Garstigkeiten schenkt Dramatiker Avishai Milstein den Münchner Kammerspielen für ihre Reihe "Wohin jetzt? Jüdisches (Über)leben nach 1945". Und Regisseurin Sandra Strunz bietet dafür alles auf: fetzige Musik, ein glänzend aufgelegtes Ensemble und Samuel Finzi als Gast.
Von Sabine Leucht
Avishai Milsteins "Play Auerbach!" an den Münchner Kammerspielen © Julian Baumann
5. Dezember 2025. Das Wort "Regiehut" sagt Beate mit Nachdruck – und zeigt dabei auf das schwarze Glitzerkäppi auf ihrem Kopf. Gerade ist wieder Chaos ausgebrochen auf der Probe zu der Revue, die ihre Laientheatertruppe aufführen will. Oder sagen wir besser: Chaos ist gar kein Ausdruck. Als wäre es nicht schon kompliziert genug, hundert Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges an einen vergessenen jüdischen Helden zu erinnern, kapert auch noch so ein Typ die Probe, der plötzlich die Hauptrolle spielt und ein ums andere jüdische Klischee reproduziert.
Beate kennt alle Klischees
Beate ist Antisemitismusbeauftragte in einem Deutschland der Zukunft, in dem es kaum noch Juden gibt. Und die paar Hundert, die geblieben sind, haben sich "bis zur Unsichtbarkeit" getarnt. Was ein jüdisches Klischee ist, weiß sie trotzdem genau. Zeigefingerspitz und sehr hoch wird die Stimme von Wiebke Puls, wenn sie eines wittert. Und wenn sie dann (nicht nur grammatikalisch verdrehte) Sätze sagt wie "Aber wenn Sie das so darstellen, sind definitiv Sie für den Ausbruch der neuen antisemitischen Welle seinerzeit verantwortlich gewesen", ist man mitten im nächsten, megafetten Fettnäpfchen gelandet. Denn der so Angesprochene kontert nur knapp: "Sagen Sie gerade, die Juden sind Schuld am Antisemitismus?"
Hat den Regiehut auf: Wiebke Puls © Julian Baumann
Ein regelrechtes Fettnäpfchenwetthüpfen hat der israelische Dramatiker Avishai Milstein den Münchner Kammerspielen mit "Play Auerbach!" beschert. Eines zudem, das leider nur zu gut in die derzeit so aufgeheizte politische Stimmungslage passt.
Das Auftragsstück, das den Höhepunkt der aktuellen Kammerspiele-Programmreihe "Wohin jetzt? Jüdisches (Über)leben nach 1945" markiert, ist als "Münchner Erinnerungsrevue" näher bezeichnet. Und alle Haupt- und Nebenbestandteile des Titels sind essenziell: Es geht um den jüdischen KZ-Überlebenden Philipp Auerbach, den die Amerikaner nach dem Krieg zum Bayerischen Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte ernannten. Und es geht um die Erinnerungskultur, die man in Deutschland an die Stelle einer wirklichen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gesetzt hat.
Aber der Hitler!
Die Deutschen, sagt Milstein im Programmheft, "haben zu wenig zur rechten Zeit gefragt". Und wenn es heute, 2025, schon fast zu spät ist, das Fragen noch nachzuholen, so gilt das für das Jahr 2045, in das uns dieser Theater-auf-dem-Theater-Abend katapultiert, erst recht. Und so setzt er auf die forschende Selbstbefragung durch das (Theater-)Spiel, das gegenüber der Realität den Vorteil hat, alles aussprechen zu dürfen. Und an die Stelle der tiefschürfenden Analyse treten schwarzer Humor und eklektische, aber pointierte Detailansichten.
Da braucht das auch musikalisch glänzend aufgelegte Ensemble nur wenige Worte, um gleich zum Auftakt eine sehr kurze satirische Geschichte des Dritten Reiches zu skizzieren: Alles ganz okay – "Aber der Hitler!". Da schlingern Edmund Telgenkämper, André Benndorff und Martin Weigel in einem "Einerseits – Andererseits"-Tanz immer wilder hin und her, in dem es um die politisch korrekte Darstellung eines Juden geht. "Bitte, Beate, Beate, bitte, wie können wir heute 'nen leibhaftigen Juden, / Einen glatten oder einen bärtigen – vergegenwärtigen?!“ fragen sie ins Schlingern hinein.
Die Livemusiker Rainer Süßmilch und Philipp Haagen haben gezielt einige Misstöne in ihre zwischen Kurt Weill-Eingängigkeit und Jazz changierenden Melodien gepackt. Historische Realität und Erfindung, satirische Zuspitzung und bitterer Ernst mischen sich in dieser Revue, in der auch einige Figuren aus den Tiefen der (Münchner) Theatergeschichte auftauchen wie die Schauspielerin Therese Giehse oder der ehemalige Kammerspiele-Intendant Otto Falckenberg. An sich ist das Stück heillos mit Figuren und Problemen überfrachtet und durch ständiges Aus-der-Rolle-Heraustreten noch zusätzlich zerhackt.
Auftritt Auerbach
Regisseurin Sandra Strunz gelingt es aber irgendwie dennoch, den Abend smooth zu bekommen und alle Schauspieler*innen glänzen zu lassen. Es ist (natürlich) Platz für Kostüm-Glitter (Sabine Kohlstedt) und große Stimmen (Annika Neugart), aber erstaunlicherweise auch für differenziertere Charaktere. Samuel Finzi spielt als Gast an den Münchner Kammerspielen den Schauspieler Rafael Kuhn, der scheinbar spontan die Rolle des Auerbach übernimmt. Ohne das Manuskript gelesen zu haben, kann er seinen Text aus dem Effeff. Das kommt nicht nur Beate verdächtig vor. Ist er etwa wirklich ein Jude? Oder gar Auerbach? Identitätsfragen schießen hier kreuz und quer.
Zwiespältiger Gastauftritt in der Erinnerungsrevue: Samuel Finzi sprengt die Proben © Julian Baumann
Die zwiespältige Figur wird dennoch einigermaßen konsistent erzählt: Als Kuhn kontert Finzi Beates Sehnsucht nach "Einstimmigkeit und Einhelligkeit" mit sarkastischen Sätzen wie "Haben Sie mal einen einstimmigen Chor jüdischer Männer beim Beten erlebt? Ich nicht. Ein Wirrwarr von Muschel Muschel Muschel, und zwischendrin faseln sie doch miteinander, und schließen Geschäfte ab". Als Auerbach vertritt er die Position des "deutschen Idealisten", der mehr als 80.000 "Displaced Persons" bei der Auswanderung half, aber auch an eine neue deutsch-jüdische "Normalität" glaubte und für den Verbleib in München warb.
Weil der historische Auerbach außerdem konkrete Pläne für die finanzielle "Wiedergutmachung" hatte, die den ganzen Alt-Nazis im Land unmöglich gefallen konnte, geriet er politisch zwischen alle Stühle, wurde in einem Schauprozess verurteilt und brachte sich daraufhin um. In einem fiktiven Zusammentreffen im Stück beschuldigt ihn Hannah Arendt, er würde den Deutschen dabei helfen, sich von ihrer Schuld zu befreien. Am Ende hallt die Frage nach, die uns in diesen und allen Tagen unangenehm aufstößt: "Was für einen Juden hätten Sie denn gerne gehabt?"
Play Auerbach! Eine Münchner Erinnerungsrevue
von Avishai Milstein
Regie: Sandra Strunz, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musikalische Leitung / Komposition: Rainer Süßmilch, Philipp Haagen, Licht Design: Stephan Mariani, Live-Musik: Rainer Süßmilch, Philipp Haagen, Dramaturgie: Viola Hasselberg, Anna Laner, Stella Leder (Institut für Neue Soziale Plastik), Choreographie: Lisi Estaras.
Mit: André Benndorff, Johanna Eiworth, Samuel Finzi, Annika Neugart, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, Martin Weigel.
Premiere am 4. Dezember 2025
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de
Kritikenrundschau
Das die Kammerspiele im Format einer Revue an Auerbach erinnern, "lustig, halbgar, schräg und bitter – das ist nicht nur eine Überraschung. Es ist die helle Freude", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (online 5.12.2025). Autor Avishai Milstein ist "recht gewitzt gelungen" all die Fakten und die vielen Personen zu Szenen zu fügen. "Weil sich bei diesem Thema niemand in die Nesseln setzen will, wird einem keine Frechheit ohne gespielte Empörung oder Zurechtweisung zugemutet." Der Abend sei schon auch "Lehr- und Recherchetheater, eine historische Deutschstunde – aber diesmal eben mit Sinnlichkeit und Spiellust". Fazit: "Diese Kammerspiele-Revue ist ein bisschen auch eine hauseigene Nabelschau, vor allem aber: ein Wurf."
Regisseurin Sandra Strunz kann auf ein hervorragendes Ensemble setzen, so Anne Fritsch in der Abendzeitung (6.12.2025). "Sie alle wähnen sich als Experten der Erinnerungskultur, wollen sich auseinandersetzen und alles richtig machen." Samuel Finzi verschmelze die beiden jüdischen Figuren, Kuhn und Auerbach, zu einer intensiven Studie der Hoffnung und der Ernüchterung. Auch wenn der Abend die Spannung nicht die gesamte Dauer über halten kann: "Wie sich hier zwischen dem Willen, alles richtig zu machen, und der Angst vor dem nächsten Shitstorm die bittere Realität in die heile Welt der Theaterprobe einschleicht, ist furios."
Avishai Milstein zeige eine "glasklare Analyse des alten und aktuellen Judenhasses sowie ein unsentimentaler Blick in die Geschichte Münchens und der Kammerspiele", schreibt Michael Streicher im Münchner Merkur (6.12.2025). "Dass dieser Text einerseits derart kurzweilig ist und andererseits so sehr in die Tiefe geht, macht die Stärke des Abends aus. Sandra Strunz hat für ihre Inszenierung den Untertitel wohltuend ernst genommen und (fast) alle Elemente einer hinreißenden Revue ausgepackt, die das Theaterlexikon kennt. Ihre Regie zitiert Stilmittel des Kabaretts, des Lehrstücks sowie des höheren Nonsens, sodass Zuschauen ein echtes Fest ist."
"Wiebke Puls spielt glänzend ihre Rolle der stets korrekt ergriffenen Betroffenheits-Expertin, die mit ihrer Amateurtruppe – damit sind wir, die deutsche Gesellschaft, gemeint – immer wieder neu das Narrativ der Erinnerungskultur reinszeniert," schreibt Sven Behrisch in der Zeit (23.12.2025). "Das geht so lange halbwegs gut, bis ein echter und jüdischer Schauspieler zu der Truppe stößt und auch gleich die Hauptrolle übernimmt. Auerbach, gespielt von Samuel Finzi, sagt Dinge, die ihr nicht in den Text passen, und Beate reagiert zunehmend irritiert. Schließlich jagt sie ihn fort. Er stört, der Jude, denn er nimmt ihr die Regie aus der Hand." Beate inszeniere sich zwanghaft eine deutsch-jüdische Harmonie herbei, die nie bestand. "Darin liegt das Bittere an der Revue als Form: Es ist wirklich alles nur Kulisse und die Show einer heilen, heiteren Welt, die es für Juden nicht gibt."
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Die volle Besprechung findet sich unter www.qooz.de
Ganz schön viel für pausenlose 135 Minuten. Dementsprechend ächzt das Revue-Konstrukt phasenweise unter all den Bällen, die auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig jongliert werden müssen. Begleitet wird die Revue von den Live-Musikern Rainer Süßmilch und Philipp Haagen, die in ihren Jazz- und Swing-Arrangements die harten Brüche und das Raue betonen. An diesem Punkt unterscheidet sich die Meta-Revue der Münchner Kammerspiele am deutlichsten von der „East Side Story“, einem „Jewsical“-Projekt, das wenige Tage nach der Münchner Premiere am Berliner Gorki-Theater rauskam.
Bei Lena Brasch, Juri Sternburg und Paul Eisenach perlt die Musik gefällig, auch sie loten aus, wie ein deutsch-jüdisches Leben nach dem Holocaust aussehen könnte, greifen dabei jedoch auf erfundene Biographien zurück. Schwerer konsumierbar sind die Klänge der Münchner Revue, hier ist der Zivilisationsbruch der NS-Gewaltherrschaft und des fabrikmäßigen Massenmords auch in den scheinbar heiteren Momenten immer präsent und hörbar.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/12/27/play-auerbach-eine-muenchner-erinnerungsrevue-muenchner-kammerspiele-kritik