Feier die Ausweglosigkeit!

14. Dezember 2024. Nimm drei Tragödien und häng gegen die Tristesse ein keckes Satyrspiel an. So lautete das Rezept der antiken Dionysien. Davon hat sich Thomas Köck für sein satyrisches Nachspiel der "Orestie" inspirieren lassen. Und die Uraufführung mit einem starken inklusiven Ensemble selbst inszeniert.

Von Susanne Greiner

"proteus 2481" von Thomas Köck an den Münchner Kammerspielen © Maurice Korbel

14. Dezember 2024. Ist es nicht ein Glück, dass Thomas Köck in einer mexikanischen Bodega das spanisch-lateinische Fragment des Aischylos-Satyrspiels entdeckt? So erzählt es die Legende zu "proteus 2481". Köck übersetzt den Text ins Deutsche, lässt die KI das Fehlende ergänzen und bekommt einen Text voller Witz, Übertreibung und Wortakrobatik. Einen Text, der am Ende der Demokratie beginnt und die anarchische Kraft des Lachens feiert, konkretisiert es der österreichische Autor und Regisseur. Und wünscht in seinen einleitenden Worten "viel Spaß".

Abgedrehtes Tohuwabohu

Anarchie verbreitet vor allem der Chor der Satyrn. "Wir sind das dunkle wilde Lachen jenseits eurer tragischen Zeit." Er tanzt in schillernden Kostümen und singt Stimmung machende Songs, reißt Witze, übt sich in Wortverdrehungen und hält letztendlich die Zügel der Figuren in diesem abgedrehten Tohuwabohu in der Hand. Ort des Geschehens: Die Insel, auf der Menelaos und Helena stranden und auf der Proteus, ausgestattet mit Narrenkappe, haust, zwischen all den "beschissenen Robben" Poseidons, die er zu hüten hat. Die Figuren, das sind im ersten Fragment die fränkischen Mönche Helena und Menelaos, eingesunken und geschnürt in Perücken und berüschten Barockkleidern (Kostüme Martin Miotk). Ihr Ziel: die Wilden mit der Dominanz der europäischen Kultur missionieren. Das mögen die Satyrn gar nicht, dieses "genormte Theater" mit all dem Geliebter-tötet-Ehemann-Sohn-tötet-Mutter-Schmarrn. Es endet böse für die Missionare.

Proteus, Gott der Verwandlung

Doch das Fragment bleibt bestehen und reist durch die Zeit, oder besser: Es rast. In immer wieder anderen Konstellationen misslingt Helena und Menelaos die Flucht von der Insel, in immer anderen Variationen begegnet ihnen der Gott der Verwandlung, Proteus: Racine, Johann Gottsched oder gleich "Heinrich-Roquefort Schiller von Kleist". Die Szenen werden zu Blitzlichtern – Europa wird zerstört (18. Fragment), das Klima hört auf, die Zeit (21. Fragment) bis zum Zuviel, Error, Tilt. Und erst da, außerhalb der großen Einheit von Inhalt, Zeit und Raum, fern von Regeln und Normen, brechen Helena und Menelaos aus ihrem täglichen Murmeltierdilemma aus und können Proteus überlisten.

proteus 2481 2 CMauriceKorbel uSamuel Koch, Bernardo Gamboa, Bernardo Arias Porras © Maurice Korbel

Köck packt das Stück voll. Alles ist drin, neben babylonischem Sprachgewirr und damit einhergehenden Kommunikationsproblemen – es gibt neben Spanisch, Deutsch, Französisch und Englisch sogar altgriechische Untertitel –, tauchen die Themen Klimawandel, Politik, rechte Ränder auf, so verdichtet, dass einiges unbemerkt vorbeifliegt. Köck bricht das Prinzip Text auf, entfernt die Logik, zerstört Ursache-Wirkung. Entgegen seiner sonstigen Dystopien steht hier der Witz des Absurden an vorderster Stelle. Wobei es kein befreites Lachen ist, eher ein Ignorieren der Sinnlosigkeit: "Vielleicht ist das eben die Tragödie zu glauben zu wissen, dass da noch etwas kommt, denn alles was da war in allen Zeiten lag immer schon vor uns klar und deutlich", sagt Proteus. "Wir Menschen sind in einer ausweglosen Situation. Aber das ist nicht tragisch. Das ist ein Grund zum Feiern", sagt Köck. Nach der Devise, wenn alles weg ist, hast du nichts mehr zu verlieren.

Revolutionäres Potential des Lachens

Dass "proteus 2481" trotz Überfülle nicht im Chaos versackt, liegt neben Köcks enger Regie am inklusiven Ensemble. "Die Blindgänger" der SWW (Südbayerische Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte) spielen nicht den Satyr-Chor, sie sind es. Wie das funktioniert, beschreiben sie auf ihrer Webseite: "Was da zur Schau gestellt wird ohne Vorhang und doppelten Boden, ist die eigene Persönlichkeit, die nicht abrückt von ihrer Authentizität."

Bernardo Arias Porras und Johanna Eiworth schlüpfen in die Randfiguren um das Helena-Menelaos-Proteus-Trio; Bernardo Gamboa und Micaela Gramajo vom mexikanischen Teatro Bola de Carne reisen als Helena und Menelaos alias Missionars- oder Operetten-Duo durch die Fragmente. Und Samuel Koch, seit dieser Spielzeit fest bei den Kammerspielen, wirkt als Proteus mit dessen Eitelkeit, Überdruss und Hochmut wie ein Fels in der Raserei des Stückes. Seine Querschnittslähmung nutzt Köck und lässt ihn mal auf Gamboa aufgeschnallt oder im letzten Fragment im Astronautentrainer spielen. Außergewöhnliches, das aber im vogelwilden Stück vollkommen mitschwingt.

proteus 2481 1 CMauriceKorbel uChor & Blindgänger der SWW, Bernardo Arias Porras © Maurice Korbel

Vielleicht liegt es am fehlenden Witz, am Festhalten von Normen und Grenzen, dass es mit der Demokratie bergab geht, überlegt Köck. Vielleicht hat das Lachen revolutionäres Potenzial. Das Proteus-Satyrspiel endet zumindest im Gelächter. In Homerischem Ausmaß.

proteus 2481
von Thomas Köck nach Aischylos
Uraufführung
Regie: Thomas Köck; Bühne: Barbara Ehnes; Kostüme: Martin Miotk; Musik: Andreas Spechtl; Licht: Stephan Mariani; Dramaturgie: Viola Hasselberg, Anna Laner; Choreographie (Chor & Blindgänger der SWW): Sacha Anema.
Mit: Bernardo Arias Porras, Johanna Eiworth, teatro bola de carne (Bernardo Gamboa & Micaela Gramajo, Miembro del Sistema Nacional de Creadores De Arte), Samuel Koch, Chor & Blindgänger der SWW: Lourdes De Melo, Manfred Gutermann, Matthias Hartmann, Alexander Kern, Stephan Larro, Liridona Meter, Gizem Sahin, Jörg Schiener, Markus Wiedemann.
Premiere am 13. Dezember 2024
Dauer:
 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Proteus 2481" sei "eine ziemlich überfrachtete Angelegenheit", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung 15.12.2024). "Es ist laut, es ist chaotisch, grell, bunt und alles gleichzeitig. Aber nicht unbedingt im guten Sinne, sondern so, als schaue man vier Fernsehprogramme parallel." Dass sich das inklusive Projekt nicht in einen albernen Zirkus verwandle, sei vor allem Samuel Koch zu verdanken, den Lutz als "gravitätisches Zentrum des Abends" beschreibt: Sobald er auftaucht, findet der Abend zu einem stabilen Tempo", schreibt sie.

"Charmant, schwungvoll, Bühnen-barock, Philosophie-gespickt sowie mit enorm spiel- und sangesfreudigen Mitstreitern" gestalte Thomas Köck diesen Theaterabend, lobt Simone Dattenberger im Münchner Merkur (15.12.2024). "Wie es sich für einen Künstler gehört, stellt Köck mit seinem neuen Werk viele Fragen und überlässt es uns, darüber nachzudenken – oder bloß Spaß zu haben", so Dattenberger. "Er hat Theaterzauber entfacht. Und der lebt von der Fantasie. Am augenfälligsten ist das bei Koch, dessen Querschnittlähmung durch diverse Spiel-Einfälle einfach weggewischt ist."

Hier präsentiert sich der kluge, vor Wortgewalt berstende Texter auch als bildstarker Regisseur, ist Sabine Busch-Frank im Donaukurier begeistert. Auch Busch-Frank hebt Samuel Koch hervor: "Der Schauspieler hat aus seinem eingeschränkten Bewegungsspektrum inzwischen derart kunstvoll neue, unverwechselbare Ausdrucksformen entwickelt, dass er hier völlig selbstverständlich als fein zynischer Strippenzieher des Geschehens fungieren kann. Wenn er rasant, die als schöne Helena fungierende Micaela Gramajo an seinen Elektrorolli geschnallt, über die Bühne schwebt, entstehen eindrückliche Bilder. Sie ist seine Gefangene, er der mephistophelische Puppenspieler."

Köck "entfesselt seine intellektuelle Wundertüte als delirischen Fasching in einer theaterwissenschaftlichen Fakultät", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung 16.12.2024). "Viel und lärmig wird gezetert über das 'normale' Theater und es ist immer wieder niedlich, wenn sich ein Stadttheater wollüstig selbst geißelt und das endgültig wahre Theater predigt." Einzig Samuel Koch gebe "dem eitlen Fatzke Proteus eine Gelassenheit und Grandezza, die den langen 80 Minuten verzweifelten Frohsinn ansonsten fehlen".

Theatertradition werde hier "lustvoll in alle Richtungen gesprengt", schreibt Richard Mayr in der Augsburger Allgemeinen (16.12.2024). Wichtiger noch als der Inhalt sei der inklusive Charakter der Inszenierung. "Im Stück sagt der Chor einmal, dass sie jetzt, wo die Häuser immer desolater werden, wo kein Publikum mehr kommt, dass sie jetzt auch mal ran dürfen: zumindest auf der Nebenbühne. Gespielt wird in der Therese-Giehse-Halle. Und dieser Sarkasmus passt doppelt und dreifach", so Mayr. "Laien- und Profi-Darsteller ergänzen sich perfekt in diesem Parforceritt." 

 

 

 

 

 

 

 

 

thea kulturklub

Kommentare  
Leser*innenkritik: proteus 2481, inkl. Festival Berlin
Locker hätte die Themenvielfalt von Thomas Köcks „proteus 2481“ für fünf lange Abende an den Münchner Kammerspielen gereicht. Kolonialismus, Inklusion und der Streit über verschiedene Theater-Ästhetiken sind drei der Handlungsstränge, die in diesen atemlosen 75 Minuten etwas mehr Raum bekommen. Mit Vollgas und in bunt-schillernden Kostümen (Faust-Nominierung für Martin Miotk) werden viele weitere Anliegen nur ganz kurz angetippt. Weniger wäre an diesem Abend eindeutig mehr gewesen.

Interessant an dieser Revue ist, wie gleichberechtigt hier Akteure mit und ohne Behinderung agieren. Deshalb passt dieser Abend trotz aller dramaturgischen Mängel auch sehr gut zur Eröffnung des inkl. Festivals, das die Kulturstiftung des Bundes und das Deutsche Theater Berlin an diesem Wochenende ausrichten. Die beiden Chefinnen Katarzyna Wielga-Skolimowska und Iris Laufenberg erklärten in den Eröffnungsreden ihre Vision, dass Inklusionstheater zur Selbstverständlichkeit werden soll.

Dieses Anliegen löst Köcks Satyrspiel überraschend gut ein. Der „Blindgänger“-Chor der SWW (Südbayerische Wohn- und Werkstätten für Blinde und Sehbehinderte) ist kein bloßes Anhängsel, sondern auf Augenhöhe mit dem mexikanischen teatro bola de carne und dem Kammerspiele-Ensemble.

Dort, wo Katharina Bach ist, die nach dem Wechsel von Bernardo Arias Porras ans Volkstheater Wien seine Rolle übernommen hat, ist zwar immer das Zentrum der Theateraufführung. Aber Samuel Koch, seit dem Unfall vor Millionenpublium im Rollstuhl, bietet ihr Paroli und wirbelt trotz Handicap durch diesen kurzen, turbulenten Abend.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/10/31/proteus-2481-muenchner-kammerspiele-kritik
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