Wachse oder weiche - Münchner Kammerspiele
Vier Bayern und ein Ave Maria
25. Oktober 2025. Die bayerische Kabarett-Institution Maxi Schafroth führt den Münchner*innen ihre Entfremdung von der Scholle vor. Kippt dafür einen Acker auf die Bühne. Und betreibt musikalisch untermalte Populistenschelte.
Von Martin Jost
"Wachse oder weiche" von Maximilian Schafroth an den Münchner Kammerspielen © Julian Baumann
25. Oktober 2025. Die erste Standing Ovation gibt es vor der Pause. Das Parkett steht am Ende des ersten Teils, weil der Schunkelschlager "Optimiere dich!" alle auf die Füße geholt hat. Harmonische Vielstimmigkeit, ein gospelhaftes Pathos und die eingängige Melodie machen die Nummer zum Hit. Die Musikeinlagen sind durch alle Genres stilsicher arrangiert, vom Allgäu-Rap zum Blues. Und die PS, die die Singstimme von Maxi Schafroth auffährt, sind immer wieder ein Knalleffekt.
Bauer Andi und sein Demeter Nachbar
Nicht-Bayer*innen brauchen ein wenig Einordnung zu diesem Theaterabend im Schauspielhaus: Kabarettist Maximilian "Maxi" Schafroth ist mit Anfang 40 bereits eine Institution. Als Fastenprediger beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg hat er dem Wurstsalat-Influencer Markus Söder dessen gottlose Wahlkampfpolemik um die Ohren gehauen. Den Job ist Schafroth nun los, aber er ist ja auch die Stimme vom Pumuckl in Marcus H. Rosenmüllers neuer Serie. Als Kabarettist, der den Kammerspielen ein volles Haus bescheren soll, ist er in der hervorragenden Gesellschaft von Karl Valentin und Liesl Karlstadt sowie von Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt und den Biermösl Blosn.
Maxi Schafroths erste Theaterarbeit seit seiner Zeit im Kammerspiele-Jugendclub ist am besten als kabarettistische Revue über die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft beschrieben. Es gibt eine Handlung und eine Rahmenhandlung, die die Sketche und Musiknummern miteinander verbinden. Aber die Figuren bleiben Stereotype und nach der Pause passiert auch in der Handlung nichts mehr. Hauptfiguren sind vier Männer: der überarbeitete konventionelle Bauer Andi (Maxi Schafroth); sein Achtsamkeits-Demeter-Nachbar Reto (Stefan Merki); Michi, der geldige BayWa-Saatgutvertreter (Martin Weigel); und Alfons, der Schriftsteller auf Urlaub von der Großstadt (Elias Krischke). Traute Hoess als Alfons' Tante Goggo von Pöschinger hält als standesbewusste Großgrundbesitzerin die Männer auf Trab.
Altes aus de Anstalt
Andi und Reto streiten noch über Dünger, der vom konventionellen Acker rüber auf den Bio-Betrieb sickern könnte, da entdeckt Michi unter ihrem Land ein Seltene-Erden-Flöz und die Debatte über die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen klettert auf ein neues Level. In der Rahmenhandlung sind die Kammerspiele der Tagungsort für eine Genossenschaftsversammlung, auf der über die Fusion einer besonders reichen Raiffeisenbank mit einer besonders ländlich geprägten Filiale entschieden werden soll.
Das Ensemble: Michaela Brückner, Markus Schalk, Katrin Auer, Martin Weigel, Traute Hoess, Maximilian Schafroth und Stefan Merki © Julian Baumann
An der Nahtstelle zwischen beiden Handlungsebenen hängt der Text von Maximilian Schafroth und Martin Valdés-Stauber Theater-Meta-Gags auf. "Wachse oder weiche" ist ungefähr zu einem Drittel Musik, zu einem Drittel Insider-Gags über München und sein Umland sowie über den Kulturbetrieb, und zu einem Drittel Bauernprotest-Erklärkabarett. Das Kabarett-Drittel kann weder mit der Recherchedichte einer Folge "Neues aus der Anstalt" mithalten noch mit der kompromisslosen Populistenschelte von Schafroths Fastenpredigten.
Zwischen Ave Maria und gebrochener Zapfwelle
Aber es gibt fast durchgängig etwas zu lachen oder sogar zum Schunkeln und gleichzeitig zum Lachen. Die Schauspieler*innen zeigen erstklassiges musikalisches Können, dazu treten als reine Musiker*innen Markus Schalk sowie abwechselnd die Ensembles Die Perlseer (bei der Premiere) und Reiwas in Erscheinung. Die Perlseer spielen Volksmusik und jodeln das Ave Maria – nur, ums immer wieder ironisch zu brechen, bevor es zu schön wird.
Bauer Andis Versuch, das unter dem Acker liegende Kobaltflöz mit seinem Trecker zu erschließen, endet in einer gebrochenen Zapfwelle und geplatzten Hydraulikschläuchen. Das ist auch ein gutes Bild dafür, wie tief "Wachse oder weiche" schürft. Dass der Abend dichter geschrieben sein und mehr in die Tiefe blicken könnte, tut der Kurzweil keinen Abbruch. Bestimmt wird "Wachse oder weiche" den Kammerspielen lange ein volles Haus bescheren. Den Ohrwurm von vor der Pause erklatscht sich das Premierenpublikum noch einmal als Zugabe: "Optimiere dich!"
Wachse oder weiche
von Maximilian Schaffroth
Regie & Musikalische Leitung: Maximilian Schafroth, Text: Maximilian Schafroth, Martin Valdés-Stauber, Bühne & Kostüm: Ulla Willis, Musik: Maximilian Schafroth, Markus Schalk, Die Perlseer (Michaela Brückner, Christina Maier, Susanne Wiesner), Reiwas (Katrin Auer, Veronika Schoosleitner, Josef Steinbacher), Lichtdesign: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Hannah Baumann, Anna Laner.
Mit: Traute Hoess, Elias Krischke, Stefan Merki, Maximilian Schafroth, Martin Weigel. Live-Musik: Die Perlseer (Michaela Brückner, Christina Maier, Susanne Wiesner), Markus Schalk, Reiwas (Katrin Auer, Veronika Schoosleitner, Josef Steinbacher)
Premiere am 24. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de
Offenlegung: Der Autor ist im Hauptberuf Angestellter der Münchner Volkshochschule GmbH, die mit der Landeshauptstadt München dieselbe Gesellschafterin hat wie die Münchner Kammerspiele.
Kritikenrundschau
"Wie wird das zusammengehen, wenn Pointen-getrimmtes Kabarett auf inszeniertes Theater trifft", fragt sich Ulrich Möller-Arnsberg anfangs bei Bayern 2 (25.10.2025), lobt den "pralle(n) Abend voll kaleidoskopartiger Blickwinkel" dann aber als "ebenso unterhaltend wie hintersinnig". Schafroth setze mit seinem Regiedebüt an der Stätte, an der schon vor ihm Karl Valentin, Georg Ringsgwandl und Gerhard Polt für Maßstäbe gesorgt hätten, seine eigenen.
"Zwei Welten treffen aufeinander. Und da liegt die Chance", zitiert Anne Fritsch in der Münchner Abendzeitung (27.10.2025) die Gisela von der VR-Bank – die "Fusion von Allgäu und Maximilianstraße, Kabarett und Hochkultur" funktioniere. Im heiteren Clash of Cultures rechne Schafroth nicht mit der Agrar- und Umweltpolitik oder dem Frust der Bauern ab, er fechte auch kein "beinhartes Gefecht Stadt versus Land" – er verweigere sich dem Hass. "Statt die Gräben noch tiefer zu graben, sucht er das Menschliche in allen seinen Figuren, das Verbindende." Stefan Merki spiele den Biobauern mit seinem hinreißenden Schweizer Dialekt als weltfremden Idealisten; Maxi Schafroth und Elias Krischke lieferten sich als Bauer und Städter ein bezauberndes Lied-Duell "und können sich ein eher privates Lachen kaum verkneifen", bemerkt Fritsch. Bewusst spiele der Abend mit dem Charme des Unperfekten, "man spürt, dass hier alle eine gute Zeit miteinander haben und das steckt an".
Im "Fusion-Theater, geklammert, durchwirkt und getragen von Musik", treffe Lodenjanker-Selbstbewusstsein auf Vorstadt-Verstocktheit, schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (27.10.2025). Stefan Merki könne "enorm lustig sein, ohne seine Figuren zu verraten"; Maxi Schafroths Bauer sei "eine Mischung aus Pragmatiker und Rumpelstilzchen im roten Arbeits-Overall", immer mit einer Umdrehung zu viel unterwegs; dem Michi von der Baywa gebe Martin Weigel "einen kumpelhaft-anbiedernden Anstrich, der zugleich eine Einsamkeit offenbart"; Traute Hoess mache aus ihrer Goggo "eine herrlich herrische Figur, hart wie der Golfschläger, den sie mit sich führt"; und Elias Krischke scheue sich nicht, seinen "Achtsamkeits-Junkie" Alois zu überzeichnen. Doch das starke Titel-Thema bleibe eine Randnotiz, politisch scharf werde Maxi Schafroth nicht. Immer wieder stocke die Handlung. "Da schimmert dann durch, dass das Gerüst teils ein Diener der Kabarettnummer ist." Aber das mache nichts, denn "all das macht Laune", so Poppek. "Hat man Maxi Schafroth nach seiner letzten Fastenpredigt vorgeworfen, er sei zu ernst, zu scharf, zu wenig lustig, so ist nach diesem Abend klar: In den Kammerspielen ist er all das nicht."
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Zu den ökologisch verheerenden Konsequenzen der politischen Rückwärtsrolle der von CDU und CSU geführten Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerien und den Überlastungen der in bäuerlichen Betrieben Arbeitenden hätte sich ganz anders vorgehen lassen als in einer lieblich weichgespülten nahezu idyllischen Voralpenszenerie. Weder die düstere Zukunftsperspektive vieler Raiffeisenbanken mit der Überalterung ihrer Kunden gegenüber Internet-Banken noch die gescheiterte, schuldenfinanzierte Expansionsstrategie der BayWa oder das Sterben vieler bayrischer Landwirtschaftsbetriebe und ihr Aufkauf von Agrargroßkonzernen wird problematisiert.
Auch wenn Frau Dössel am Vortag der Premiere in ihrem SZ-Interview des Texters, Regisseurs und Hauptdarstellers dieser Produktion, Maxi Schafroth, sogar Brecht zitiert, der Kabarettist:innen wie Karl Valentin und Liesl Karlstadt auf die Bühne geholt habe, fragt sich doch, weshalb ein Theater seine zunehmend knapper werdenden finanziellen Mittel nicht seinem Kernauftrag, also zeitgenössischen dramatischen Texten – es gibt genug hervorragende – oder neuen Zugängen zu klassischen Tragödien und Komödien widmet. In der vorausgegangen Spielzahl war die Zahl der Einladungen von Kabarettisten an publikumsbedeutsamen Wochenendterminen so beträchtlich, dass man annehmen konnte, das „Lustspielhaus“ in der Occamstraße hätte eine neue Spielstätte gewonnen. (Nichts gegen anspruchsvolles Kabarett.)
Die Neuinterpretation von Klassikern ist zum Glück bei den Münchner Kammerspielen in der Regiearbeit von Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“ hervorragend gelungen (siehe meinen Kommentar in nachtkritik). Und auch die oft wenig überzeugenden Theaterinszenierungen von Romanen erfahren mit „Mephisto“ in der Regie von Jette Steckel eine sehr sehenswerte beeindruckende Ausnahme. Auch wenn es in diesen beiden jüngeren – in meinen Augen hervorragenden – Produktionen der MK tiefsinnig, anregend und kunstvoll zugeht, verfügen auch diese stellenweise über einen tragisch-komischen Witz, der zumindest mich mehr anspricht.
Meine (schnelle) Besprechung komplett unter www.qooz.de
Nur zur Klarheit: Ich habe keine „Klassikerkeule herausgeholt“, wie Sie schreiben, sondern dafür plädiert, vor allem dramatische Texte, also auch neue bzw. zeitgenössische (wie ich explizit geschrieben habe) zu inszenieren. Mir fällt auf, dass häufig dann, wenn Kritik an konkreten Inszenierungen oder Spielplanentscheidungen geäußert wird, dem oder der Kritiker*in unterstellt wird, er/sie wolle „Klassiker“ auf der Bühne sehen. So ist es zumindest bei mir ganz und garnicht!
Und auch wenn es zunächst thematisch etwas abgewetzt wirkt und ein paar Längen offenbart, so wird, je mehr man drüber sinniert, langsam doch die Tragweite des Themas klar. Es ist die Transformation und Parabel auf das ewige Credo ständigen Wirtschaftswachstums am Beispiel der ländlichen Landwirtschaft. Diametral auseinandergehende Glaubenssätze, befeuert von der sektenartigen Konzernstruktur einer Bankgenossenschaft und dem alteingesessenen verlängerten Arm einer Technik- und Chemieindustrie, der sich als Freund des gläubigen Furchenadels geriert und in Wahrheit eben auch nur sein Heil in der Gier sucht. Der Großgrundbesitz als Lehensherr, hier -frau, führt hingegen sein eigens Leben im Sinne von „Mia san mia“ und beutet ganz nebenbei ganz ungeniert die Lieferanten unseres täglich‘ Brot aus.
Ein Stadt“mensch“ versteht den ganzen Zirkus nicht. Es is ned nur „fast wia im richtigen Leb‘n“. Das Nicht-Verständnis sucht Kompensation in Eso-Gedöns und viel, Blabla, während der Ertrag auf dennFeldern verrottet.
Zu allem Übel eröffnet ein neuer Aspekt zur Ausbeutung der Krume neue Gier und die Dollarzeichen blinken bei der Bank, dem Lagerhausbetreiber und letztendlich wieder beim Großbauern, der wohl schon goldene Zeiten heraufdräuen sieht.
Letztendlich blitzt aber durch, dass der einstmals geheiligte Grund- und Boden am Ende doch nur ein Wirtschaftsfaktor ist und selbst der Schweizer Demeter-Jünger eher an sein Bankkonto denkt als an den per Hubschrauber abtransportierten Riesenkürbis, den er nun doch gern auf einer Schau präsentiert, obwohl er am Ende auch das Werk einer industrialisierten Landwirtschaftskrake ist.
Fazit: eine schlußendlich doch stimmige Geschichte, die uns sehr wohl auf unser Dasein zurückführt und uns den Spiegel vor Augen hält. Wir sehen das Bild von den gierigen Menschen, die sich durch unentwegte Optimierung langsam selbst auffressen während eine Philosophie wie sie Epikur offenbarte im buchstäblich schwarzen Nichts ganz am Ende verschwindet. Schafroth lässt uns im Zweiklang von herzlichem Gelächter und gedanklicher Trübe und Nachdenklichkeit zurück.
Ja, man muss das Gesehene, Gehörte erst ein wenig durch die Oberstübchen-Peristaltik schicken um die Tiefe des dargebotenen Gerichtes zu erkennen. Denn gut gewürzt und mit zahlreichen versteckten Aromen und sehr eigener Textur kommt so doch ein Sternegericht an die Tafel. Und es lohnt sich das Menü langsam und mit Überlegung zu verspeisen.
Tom Brüderl, LA, 1.11.25