Lichtspiel - Volkstheater München
Hauptsache Filme drehen!
1. November 2024. Georg Wilhelm Pabst war einer der Starregisseure der Weimarer Republik, der sich während der NS-Zeit mit linientreuen Unterhaltungsfilmen über Wasser hielt. Daniel Kehlmann hat ihm den Roman "Lichtspiel" gewidmet, den Christian Stückl jetzt im Volkstheater auf die Bühne bringt. Ein Gebräu aus Fakt und Fiktion.
Von Leonard Freitag
Daniel Kehlmanns "Lichtspiel" in der Regie von Christian Stückl am Volkstheater München © Arno Declair
1. November 2024. Im Münchner Volkstheater wird Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" unter der Regie von Christian Stückl uraufgeführt. Die Geschichte über einen Filmregisseur in Nazi-Deutschland, dem alles egal ist: seine Integrität, die Familie, die Ausbeutung von KZ-Insassen. Hauptsache er kann seine Filme drehen. Das Buch vermischt Realität und Historie. Das Stück macht sie kaum voneinander unterscheidbar. Was schwierig ist.
Georg Wilhelm Pabst und die Nazis
Georg Wilhelm Pabst war einer der großen Filmregisseure der Weimarer Republik, hat unter anderem die Verfilmung von Brechts "Dreigroschenoper" verantwortet. Er emigrierte 1933 in die USA, nach Hollywood, drehte dort einen Kassenflop, und kehrte zwei Jahre später zurück nach Europa. Dort produzierte er nach Kriegsbeginn linientreue Unterhaltungsfilme, die das NS-Prädikat "staatspolitisch und künstlerisch wertvoll" erhielten.
Soweit die nüchterne, historisch belegbare Geschichte. Daniel Kehlmann machte aus ihr den Bestseller-Roman "Lichtspiel", eine Mischung aus Fakt und Fiktion. Diese Mischung wird der Uraufführung zum Verhängnis, denn die Frage, was nun wirklich geschehen ist und was nur erdacht, welchen "Wirklichkeitsanspruch" das Stück hat, schiebt sich unentwegt vor das Dargebotene. Der Klebstoff des Dokumentarischen verhindert, dass man in die Tiefen der Fiktion eintaucht.
Archivgrabungen mit Nils Karsten, Silas Breiding und Jawad Rajpoot in "Lichtspiel" © Arno Declair
So flimmern zu Beginn Collagen aus Archivaufnahmen über die Bühnenrückwand. Am Ende der Sequenz: eine Tonaufnahme von Hitler. Bühne und Kostüme sind schwarz-weiß, wie die Filme im Hintergrund, alte Filmrollendosen türmen sich zwischen papierbehäuften Arbeitstischen. Die Historie im Hintergrund. Davor die Fiktion auf der Bühne.
Kommentare und Schnaufer
"War Pabst ein Nazi?", fragt Anwalt Rosenzweig (den es nicht wirklich gab). Er steht in Person von Jawad Rajpoot als eine Fusion aus Erzähler- und Böhmermann-Figur meist mit verschränkten Armen und bis zu den Haarwurzeln gezogenen Augenbrauen neben der eigentlichen Handlung, beobachtet, kommentiert, stellt Zusammenhänge her, und wirft unbequeme, repetitiv nervende Fragen ein. Augenrollende Schnaufer aus dem Publikum.
Die Nazi-Frage stellt man sich allerdings schon. Pabsts sehr kompromissbereites Verhalten im Umgang mit Moral, Politik und anderen Menschen zugunsten seiner Filme berechtigt jede erhobene Augenbraue.
Im Verlauf des Stücks wird er immer skrupelloser. Aber auch uninteressanter. Pabst und sein Schaffen während des Nationalsozialismus, das eigentlich im Zentrum der Handlung steht, gehen letztlich in einer eindimensionalen Lesart auf: Wir sehen einen Künstler, der manisch vom Filmeschaffen getrieben ist. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Ambivalenzen. Was am wenigsten am Spiel von Silas Breiding als Pabst liegt. Breiding wurschtelt sich kraftvoll durch die Verhältnisse. Aber das Diktat der historischen Genauigkeit hält seine Figur klein.
Echter Konflikt in erdachter Figur
Sein Sohn Jakob (den gab es so nicht) hat einen genaueren Blick verdient, nicht nur, weil Cedric Stern ihn so gut spielt. Jakob ist zunächst mal ein kleiner, gelangweilter Pimpf, dem nur die bescheuerte Propellermütze fehlt. Später, vom Vater vernachlässigt, fängt er an mit den Nazis zu sympathisieren, auch wenn er sich über sie lustig macht. Vom Internat kommt er mit gewaschenem Hirn und gebügelter Hitlerjugend-Uniform zurück, bereit in den Kampf zu ziehen. Nach einer Verwundung erwacht er aus seiner Verirrung.
Auf der Suche nach der historischen Rolle: Nils Karsten auf der Filmdosen-Bühne von Stefan Hageneier © Arno Declair
Und auch seine Mutter, Pabsts Frau Gertrude (die gab es) fällt auf. Sie hat große Abscheu gegenüber den Faschisten, an die sie, trotz ihrer Warnungen und Bemühungen, alles verliert: ihren Mann, ihren Sohn und jegliche Form der Kontrolle.
Gerade jene teils oder komplett fiktiven Figuren, erzählen durch ihre Konflikte mehr als alle anderen und werfen damit die Frage auf, weshalb sich das Stück so nah an der historischen Wirklichkeit rund um Pabst bewegen will. Denn das hat auch zur Folge, dass ihm ein aktueller Bezug fehlt, der ja leider heute dringlich gewesen wäre.
Lichtspiel
nach dem Roman von Daniel Kehlmann
Inszenierung: Christian Stückl, Bühne und Kostüm: Stefan Hageneier, Musik: Tom Zimmer, Video: Max Bloching, Beleuchtung: David Jäkel, Dramaturgie: Leon Frisch, Regieassistenz: Malte Buchloh, Bühnenbildassistenz: Philine Schneider, Kostümassistenz: Julie Fritsch.
Mit: Silas Breiding, Carolin Hartmann, Cedric Stern, Nils Karsten, Jawad Rajpoot, Nina Noé Stehlin, Nils Thalmann, Maximiliane Haß, Jan Meeno Jürgens.
Premiere am 31. Oktober 2024
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.muenchner-volkstheater.de
Kritikenrundschau
Der Fall Pabst ist interessant, weil viel uneindeutiger als Leni Riefenstahl, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2024). Historische Fakten interessieren Daniel Kehlmann nur insoweit sie als Gerüst für sein Fabulieren dienen. Er erfindet treffsichere und auch reichlich blöde Szenen. Die Bühne werde immer wieder mit Filmausschnitten und Doku-Material gefüllt. Einiges sei reine Erfindung. "Aber Stückl nimmt sie ernst, hinterlegt das Reden über die Dreharbeiten mit Doku-Aufnahmen aus einem Konzentrationslager. Kehlmanns Fabulieren wird somit auf der Bühne zur Wahrheit." Fazit: "Insgesamt erscheint Stückls Inszenierung wie ein heterogenes Konglomerat, das seiner Vorlage möglichst gerecht werden will."
Christian Stückl bewältige die Buchadaption "größtenteils überzeugend" mit einem "glänzend geführten, äußerst starken Ensemble", berichtet Barbara Reitter im Donaukurier (4.11.2024). "Dennoch verließ das Publikum die Aufführung ambivalent gestimmt mit einem gewissen Unbehagen, was nicht nur der spannungslosen Länge gegen Ende der Aufführung und dem undefinierten Schluss geschuldet war".
Viel Lob erhält "dieser aufwühlende, bravourös gespielte Abend" von Michael Stadler im Straubinger Tagblatt (4.11.2024). Roman wie Bühnenfassung verhandelten an Pabst "inwieweit der Zweck alle Mittel heiligt". Pabst und seine Frau gäben "das beklemmende Bild eines Nazi-Paars ab, in deren Körpern die Rigidität der Diktatur steckt". Stückl lasse immer wieder "die vermeintliche Ruhe dieser Menschen aufbrechen, plötzliche Ausbrüche von Wut und Gewalt lassen ihre Gefährlichkeit aufscheinen. Der Abend verharmlost nichts."
Stückl geht dem Konflikt um Pabst und sein Kunstschaffen in NS-Zeiten "sehr sehenswert im Breitwandformat nach. So ist 'Lichtspiel' absolut gegenwärtig – ohne Aktualität penetrant auszustellen", schreibt Michael Schleicher im Merkur (4.11.2024). "Silas Breiding gelingt es, Pabst als Getriebenen zu zeichnen, dessen einziger Motor es ist, Filme zu realisieren." Breiding sei "zwar das Zentrum der Inszenierung, die jedoch von einem starken, homogenen Ensemble getragen und vorangetrieben wird".
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Daran entzündete sich schon im vergangenen Jahr die Kritik der Feuilletons. Kehlmann gelang es dennoch, dass die Hauptfiguren facettenreich erscheinen. Wesentlich eindimensionaler gerät die Pabst-Figur in der Uraufführungs-Inszenierung von Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters. Silas Breiding spielt den Regisseur als Künstler, der einen Pakt mit jedem Teufel schließt, solange er weiterarbeiten kann.
Kehlmanns Buch orientiert sich an filmischen Erzähltechniken. In unverbundenen Miniaturen zoomt der Roman in Nahaufnahmen in sehr genau beschriebene Szenen, die mit bissigem Witz die Lächerlichkeit von Mitläufern deutlich machen und zum Lesevergnügen werden. Nach hartem Schnitt folgt im nächsten Kapitel eine andere Episode, aus der sich ein Zeit- und Charakterbild zusammenpuzzeln.
Fürs Theater ließ sich dieser Stil nicht gut übersetzen. Die Nebenfigur Rosenzweig, die im Prolog und Epilog des Romans auftaucht, wird in Stückls Fassung zum von Jawad Rajpoot gespielten allwissenden Erzähler, der kommentiert, Verbindungen zwischen den Szenen herstellt und Pabst anklagt.
Das hat mehrere negative Konsequenzen: die Theaterzuschauer, die den Roman nicht kennen, werden an der Hand genommen und durch den dreistündigen Abend geführt, aber die Figuren werden eindimensionaler. Das gilt nicht nur für G.W. Pabst, sondern auch für seine real existierende Frau Gertrude und seinen fiktiven Sohn Jakob. Während im Hintergrund Archivmaterial von marschierenden Nazis über die Leinwand flimmert, verstrickt sich an der Rampe inmitten großer Stapel Filmrollen die Hauptfigur Pabst ohne größere Gewissensbisse immer tiefer in die Kollaboration mit den Nazis. Ein weiteres Manko dieser Erzähltechnik: Szene an Szene wird wie an einer Perlenkette aufgereiht. Linear wird der Weg der Hauptfigur ins Verderben nachgezeichnet. Der Grundton bleibt immer derselbe: düster und anklagend. Der satirische Witz, den einige Buchkapitel bieten, z.B. der glänzend beschriebene Lesezirkel, in den Pabsts Gattin gegen ihren Willen hineingerät, oder die Revierkämpfe zwischen Riefenstahl und Pabst bei den „Tiefland“-Dreharbeiten, blieb an diesem Theaterabend leider auf der Strecke.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/12/27/lichtspiel-muenchner-volkstheater-kritik/