Das Einsickern der Wahrheit

25. April 2025. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger im Münchner Olympiaeinkaufszentrum OEZ aus rassistischen Motiven neun Menschen. Tunay Önder und Christine Umpfenbach haben mit den Familien der Opfer gesprochen und machen die Bühne in ihrem Dokumentarstück zu einem Ort der Aufarbeitung und Trauer.

Von Silvia Stammen

"Offene Wunde" von Tunay Önder und Christine Umpfenbach am Münchner Volkstheater © Gabriela Neeb

25. April 2025. Die Triggerwarnung macht es nur noch schlimmer: "Heute Abend werden gewaltsame Bilder und Sprache vorkommen. Das Stück setzt sich mit Terror und Rassismus auseinander. Du kannst den Raum jederzeit verlassen, wenn du dich unwohl fühlst", heißt es zu Beginn in Wort und Schrift. Und im Nachsatz: "Aber was ist mit Menschen und Situationen, für die es keine Warnung gibt?"

Die neun Toten, um die es an diesem Abend im Münchner Volkstheater geht, waren jung, einige noch Kinder. Sie starben alle am selben Tag, dem 22. Juli 2016, im Olympiaeinkaufszentrum OEZ, einem beliebten Treffpunkt für Jugendliche im Stadtteil Moosach. Dort schoss ein 18-jähriger Deutscher mit iranischen Wurzeln aus rassistischen Motiven auf Menschen, die er aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes zum Ziel wählte, bevor er sich nach mehreren Stunden selbst tötete. Für die Familien von Armela, Can, Dijamant, Guiliano, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selçuk und Sevda, die an diesem Freitag ihre Liebsten verloren, gab es keine Vorwarnung und keine Möglichkeit, den Alptraum, der völlig unvermittelt über sie hereinbrach, je wieder zu verlassen.

Narrativ eines Einzelgängers

Noch viele erinnern sich gut daran, wie die Stadt stundenlang durch die polizeilich verhängte "akute Terrorlage" in Schockstarre versetzt wurde. Doch dann wurde im Zuge der Ermittlungen des bayerischen Landeskriminalamts das offensichtlich rechtsextreme Weltbild des Täters zunehmend ausgeblendet – seine Bewunderung für Anders Behring Breivik und dessen Massaker auf der Insel Utøya, an dessen fünftem Jahrestag er seine Tat verübte, seine hasserfüllten rassistischen Tweets und die Vernetzung mit Sympathisanten in rechten Internetforen. Stattdessen war die Rede von einem psychisch labilen Einzelgänger, der in der Schule gemobbt wurde. "Dass ein nicht-weißer Deutscher einen rechten und rassistischen Anschlag verübt, konnten sich viele nicht vorstellen", heißt es im Stück.

Hartnäckige Recherche: Max Poerting, Baran Sönmez und Ruth Bohsung in Umpfenbachs und Önders Stück © Gabriela Neeb

Es ist eine Reihe mit unheimlicher Koinzidenz, die vom Oktoberfestattentat 1980 über die NSU-Morde bis heute reicht: Immer wieder werden rechtsextrem und rassistisch motivierte Anschläge als unpolitische Amokläufe von Einzeltätern dargestellt – und damit die Opfer ein weiteres Mal marginalisiert. Erst durch journalistische Recherchen und jahrelange mühsame Kämpfe der Angehörigen wurde diese Haltung in Bezug auf die Morde am OEZ offiziell revidiert und die Bezeichnung "Amoktat" auf dem Mahnmal 2020 durch "rassistisches Attentat" ersetzt.

Theaterarbeit an einem Alptraum

Wie aber weiterleben, wenn eines Nachmittags der Bruder, die Schwester, die Tochter, der Enkel auf offener Straße erschossen wird? Und kann Theater etwas dazu beitragen, diesen Alptraum eine Nuance heller zu machen, indem es ihn teilt? Die "Offene Wunde" der Angehörigen, die sich nie schließt, aber von außen betrachtet schnell unsichtbar wird, ist das Zentrum von Christine Umpfenbachs und Tunay Önders dokumentarischem Theaterstück, das auf zahlreichen Interviews mit sieben der neun Familien basiert und vor allem die Sicht der Geschwister vertritt, die es genauso hätte treffen können.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Regisseurin und Dokumentartheatermacherin Christine Umpfenbach und die Autorin und Soziologin Tunay Önder gemeinsam an Geschichten über Diskriminierung und rechte Gewalt arbeiten. Beide sind Münchnerinnen, Önder mit türkischen Wurzeln, was sie auch zum ersten Mal zusammenbrachte, als Umpfenbach 2010 für ihr Projekt "Gleis 11" Familien suchte, die sich an ihre Ankunft in Deutschland als sogenannte "Gastarbeiter" am Münchner Hauptbahnhof erinnern wollten.

OffeneWunde 7 GabrielaNeebStellvertreter*innen für die Geschwister der Opfer: Max Poerting und Ruth Bohsung auf Evi Bauers Bühne © Gabriela Neeb

Vier Jahre später kamen sie bei der Recherche zu "Urteile" am Residenztheater wieder zusammen, das Stück, mit dem Umpfenbach und ihre damalige Co-Autorin Azar Mortazavi erstmals die Perspektive der Opferfamilien auf die hochgradig diskriminierenden Ermittlungen zu den Münchner NSU-Morden beleuchtete. Dieses Mal stellte Önder den Kontakt zu der Initiative "München erinnern!" her und brachte Umpfenbach so auf die Idee, nach "9/26 – Das Oktoberfestattentat" 2020 an den Münchner Kammerspielen zum dritten Mal mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters die Überlebenden eines rechtsterroristischen Attentats in den Fokus zu rücken.

Grelles Licht scheint von der Decke in die Augen, während man im Saal 2 des Münchner Volkstheaters seinen Platz sucht und auf der Bühne so etwas wie ein Sparringstraining der Spielenden stattfindet. Dahinter hat Evi Bauer eine verbeulte Spiegelwand aufgestellt, in der sich das Publikum als bunte Gesellschaft sehen kann und in deren Mitte ein schwarzes Loch klafft. Fünf junge Schauspieler*innen, Ruth Bohsung, Luise Deborah Daberkow, Max Poerting sowie Enes Șahin und Baran Sönmez, die auch türkisch sprechen können, treten stellvertretend für die Geschwister der Opfer an, geben deren Erinnerungen wieder und lassen so ein lebendiges Bild der Ermordeten wiedererstehen.

Leise einsetzender Applaus

Ein Jahr lang haben Umpfenbach und Önder zahlreiche Interviews geführt, transkribiert, verdichtet, in verschiedene Themenkomplexe unterteilt und mit Familienfotos und Videoaufnahmen collagiert. Viel Zeit nimmt dabei die Schilderung des Tathergangs ein, das Einsickern der schrecklichen Wahrheit und die Unsensibilität der Polizeibeamten. Schwerer ist es, der endlosen Trauer danach Ausdruck zu verleihen. Da hilft manchmal ein Lied oder der dumpf-verzerrte Soundtrack von Anton Kaun.

Über das, was hier auf der Bühne zur Sprache kommt, wird im Alltag der Angehörigen nur wenig gesprochen. Die Geschwister wollen stark sein für ihre Eltern und für sich selbst und wissen doch alle längst, dass die Zeit diese Wunde nicht heilen wird. Zum Schluss herrscht erst einmal lange Stille, bevor der Applaus leise einsetzt und auch die Überlebenden mit auf die Bühne kommen. Die Toten warten auf der Gegenschräge, hier man hat sie die ganze Zeit gespürt.

Offene Wunde. Ein dokumentarisches Theaterstück über das Attentat am OEZ
von Tunay Önder und Christine Umpfenbach
Uraufführung
Regie: Christine Umpfenbach, Text & Recherche: Tunay Önder und Christine Umpfenbach, Bühne: Evi Bauer, Kostüme: Pascale Martin, Video und Sound: Anton Kaun, Beleuchtung: David Jäkel, Dramaturgie: Nicholas Zöckler.
Mit: Ruth Bohsung, Luise Deborah Daberkow, Max Poerting, Enes Șahin, Baran Sönmez.
Premiere am 24.04.2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

"Umpfenbach und Önder haben mehr als ein Jahr umfangreich recherchiert und viele verschiedene Puzzleteile aus Gesprächen mit den Hinterbliebenen eindrucksvoll zusammengesetzt", schreibt Alexander Spoeri in der Abendzeitung (28.4.2025). Die Inszenierung werfe auch kritische gesellschaftliche Fragen auf und halte die neun Münchner auch im kollektiven Gedächtnis der Stadt lebendig.

thea kulturklub

Kommentare  
Offene Wunde, München: Fein und berührend
was für ein feiner, berührender Text über einen wichtigen und berührenden Theaterabend!
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