74 Minuten - Staatstheater Nürnberg
Vergeht wie im Flug
6. Oktober 2025. Was kann alles in 74 Minuten passieren? Eine Sinfonie, eine Büroreinigung, ein Notfalleinsatz? Raphaela Bardutzky verknüpft in ihrem neuen Stück verschiedene Geschichten. Quer durch die Epochen und sozialen Milieus. Hannah Frauenrath bringt den straff getakteten Reigen in Nürnberg auf die Bühne.
Von Svenja Plannerer
Raphaela Bardutzkys "74 Minuten" in der Regie von Hannah Frauenrath in Nürnberg © Ludwig Olah
6. Oktober 2025. Der Countdown beginnt nicht, als die Tür an der Rückwand der Bühne sich öffnet. Auch nicht, als die Spielenden hindurchtreten und sich pantomimisch warmgeigen. Nicht, als das erste Wort gesprochen wird, oder wenn im Prolog erläutert wird, was in den nächsten 74 Minuten alles (nicht) passieren wird. Allein dadurch ist der Abend bereits länger als der Titel vermuten lässt. Fällt das jetzt schon unter false advertising? Die Deutsche Bahn ist für diese Verspätung ausnahmsweise nicht verantwortlich. Oder zumindest nur indirekt.
Wettlauf gegen die Zeit
Getreu dem Thema Zeit findet die Handlung auf einem riesigen stilisierten Zifferblatt statt, das sich Dalí-artig über die Bühne der Kammerspiele im Staatstheater Nürnberg ergießt. Entworfen hat es Ji Hyung Nam. Hannah Frauenrath schickt die fünf Darstellenden in einen Wettlauf gegen die im Hintergrund ablaufende Zeit.
Raphaela Bardutzky, die erst im Mai dieses Jahres mit "Altbau in zentraler Lage. Eine Schaueroper" zum Mülheimer Dramatikpreis eingeladen war, ist ab dieser Spielzeit die neue Hausautorin des Staatstheaters. Sie verwebt in "74 Minuten" die Schicksale sechs fiktiver Figuren, von denen jeweils 74 Lebensminuten eingefangen sind. Sie sind benannt nach musikalischen Tempobezeichnungen (etwa andante, amoroso, grave, grazioso), hinzu kommen zwei historische Figuren: Komponist Beethoven weigerte sich einst, vor Napoleons Truppen zu musizieren, womit er sich erfolgreich gegen einen Kriegstreiber stellte. Dirigent Wilhelm Furtwängler kämpfte verbissen dafür, auch unter dem NS-Regime weiter arbeiten zu können. Seinen Zeitgenoss*innen kam sein Einsatz für jüdische Musiker*innen deshalb fadenscheinig vor.
Wenn der Sanitäter schwächelt
Auf der Gegenwartsebene des Stückes schaut eine ehemalige Skilangläuferin einem Skirennen im Fernsehen zu. Als sie den Sport aufgab, fiel ihre selbstwertstärkende Errungenschaft, als Frau in einer eigenen Disziplin erfolgreich zu sein, weg. Sie drückt versehentlich den Notknopf, den sie um den Hals trägt, und setzt damit einen Notarzteinsatz in Gang, der letztendlich Zeitverschwendung ist.
Zeitreisende: das Nürnberger Ensemble in Kostümen von Ji Hyung Nam © Ludwig Olah
Einer der Sanitäter kann die Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst nicht weiter ertragen und bricht seinem Kollegen damit das Herz. Sie retten zusammen einer Putzfrau das Leben, die erschöpft zusammenbricht und mit dem Handy eines kriminellen Steuerfachanwalts, das sie zufällig findet, den entscheidenden Notruf absetzt. Dieser Anwalt versucht parallel dazu, eine Kollegin auf seine Seite zu ziehen. Diese ist aber wortwörtlich damit beschäftigt, ihren Mann hochzuhalten. Er kümmert sich um die Kinder, und doch leistet sie wieder die emotionale Arbeit.
Anruf bei der Hitler-Hotline
Die Passagen der Putzfrau Rubata erhalten in Bardutzkys bis auf die Silbe durchdachten Text und die Kombination mit rhythmischem Wischen eine brutale Poetik. Der Rest stützt sich eher auf Lustiges, wie zum Beispiel DB-typische Bahndurchsagen. Zwischendurch blubbert ein Karpfenchor Seifenblasen, und Furtwängler ruft erfolglos bei der Hitler-Hotline an. Der Anwalt vollführt einen schlechten Verschwinde-Zaubertrick à la Siegfried und Joy, und Beethoven rockt seine neunte Sinfonie mit überzogenem Hüftschwung.
Am Ende zeigt der Countdown: 18 Minuten überzogen. Ja, vielleicht sollte es logisch sein, dass für diesen Inhalt 74 Minuten zu ambitioniert sind. Dort Alterseinsamkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse im Gesundheitswesen und im Niedriglohnsektor, Steuerhinterziehung und unbezahlte Care-Arbeit hineinpacken zu wollen, ist schwierig. Zeit bleibt knapp.
74 Minuten
von Raphaela Bardutzky
Regie: Hannah Frauenrath, Bühne, Kostüm: Ji Hyung Nam, Dramaturgie: Ida Feldmann, Musik: Jeremy Heiß, Licht: Günther Schweikart.
Mit: Doris Dubiel, David Felipe Gaviria Malagón, Kristina-Maria Peters, Stephan Schäfer, Sasha Weis.
Uraufführung am 5. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de
Kritikenrundschau
Egbert Tholl teilt die Begeisterung des Nürnberger Publikums über den Abend in der Süddeutschen Zeitung (6.10.2025) nur bedingt: "Das Ensemble spielt diese Einfälle, als kämen sie im Moment des Spiels. Das ist frisch, mitreißend, aber auch ein wenig verhudelt. Kristina-Maria Peters schafft sich Raum für Furtwängler, Doris Dubiel ihrerseits mit Würde Platz für die alte Langläuferin, die einsam, also umgeben von Zeit, die nicht vergeht, vor dem Fernseher sitzt, Sasha Weis hat eine lustige Ulknummer als powackelnde Dirigentin. Doch ein Ziel gibt es nicht, auch wenn man mitunter über den eigenen Umgang mit Zeit nachdenkt."
Als "aufgesetzt munteres, schrecklich substanzloses und wie zum launigen Mitmachen animierendes Schultheater" würdigt Wolf Ebersberger den Abend in den Nürnberger Nachrichten (7.0.2025) herab. "Nicht unähnlich den leicht verrückten Mischungen, die ihr Vorgänger Philipp Löhle immer wieder schuf, aber leider ohne dessen subtileren literarischen Witz, werden hier viele Geschichten wild verschnitten", schreibt Ebersberger über Raphaela Bardutzkys Stück. Die Inszenierung komme wie ein Impro-Theater-Match daher und forciere immer wieder "stärkstes Chargieren einiger Beteiligter".
"Wie Doris Dubiel, David Felipe Gavira Malagón, Kristina-Maria Peters, Stephan Schäfer und Sasha Weis in ihre Rollen ein- und aussteigen, hat eine starke Präsenz. Es macht Spaß, ihnen zuzusehen", schreibt Manfred Jahnke in der Deutschen Bühne (6.10.2025). "Sie lassen vergessen, dass alles, was in 74 Minuten sich ereignen könnte, nur angetippt erscheint. Dafür gibt es vom Ensemble eindrückliche psychologische Miniaturen zu sehen."
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