Altbau in zentraler Lage - Schauspiel Leipzig
Heimgesucht von Horrorclowns
23. November 2024. Gruselig ist das Thema Mieten – was Raphaela Bardutzky wörtlich genommen und daraus eine zeitgenössische Geistergeschichte gestrickt hat. Mit Gebärdensprache, viel Musik und Filmanleihen inszeniert Salome Schneebeli die Uraufführung. Was kommt dabei heraus: eine Schaueroper oder Mitwipp-Theater?
Von Tobias Prüwer
"Altbau in zentraler Lage" von Raphaela Bardutzky am Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold
23. November 2024. "La donna è mobile'" – "Gotta rescue me, rescue me" – "Dies irae, dies illa" – "And nothing else matters": Laut und schroff wird der Sound der Ursprünglichen gegen den der Zeitgeister geschnitten. Musik, der sonst die Kraft des Einenden innewohnt, gerinnt im "Altbau in zentraler Lage" zur trennenden Macht. Als universelle Sprache ist sie verloren.
Verständigung ist das Motiv im Stück von Raphaela Bardutzky, dessen Uraufführung Salome Schneebeli in der Diskothek des Schauspiel Leipzig inszeniert. Wenn das Diktum von der Sprache als "Haus des Seins" (Martin Heidegger) zutrifft, dann ist es konsequent, dieses Motiv mit dem gruseligen Mietenthema zu verknüpfen.
Techno gegen Geister
Knarzend dreht sich der Kubus auf schwarzer Bühne. Das ermöglicht dem Publikum schon beim Eintreten den Blick in drei Räume: eine U-Bahn-Station, eine Schlafstatt, ein Wohnzimmer. Der Altbau ist verkehrstechnisch gut angebunden. Er soll saniert werden, weshalb die meisten Mieter schon ausgezogen sind. Zwei Frauen harren hier aus, kennen sich aber nicht. Bis die Nachtclub-Mitarbeiterin Zoe von Gespenstern attackiert wird, sich mit harten Technobeats gegen diese wehrt und durch die Vibrationen den Nachtschlaf ihrer Nachbarin Trisha stört. Die ist Konditorin und aufgrund ihrer Gehörlosigkeit irgendwie immun gegen die Geister.
Wenn die Geister kommen, wird's auch im schönsten Altbau eng: Eyk Kauly, Sonja Isemer, Paula Winteler, dahinter: Athena Lange, Michael Pempelforth, Samuel Sandriesser © Rolf Arnold
Bald freunden sich beide Frauen an, geeint im Kampf gegen die entmietende Hausverwaltung und die unheimlichen Heimsuchungen durch "die Ursprünglichen". Das sind untote Mieter, die im 19. Jahrhundert aus dem Haus geworfen wurden. Nun wollen sie die spätere Generation vertreiben, die ihre Schicksalsgenossinnen sein könnten.
Kommunikation und Verständigung
Im Kern der für Taubes und hörendes Publikum konzipierten Inszenierung steht die Kommunikation zwischen Zoe und Trisha und ihre zunehmende Verständigung. Das ist geschickt gelöst, auch für das zum Teil nicht hörende Publikum. Mal schreiben sich die beiden Frauen Zettel, deren Botschaften über der Bühne eingeblendet werden. Trisha bringt Zoe Gebärdensprache bei, diese begleitet ihre Gesten verbal. Einer der Geister dolmetscht in Gebärde, manchmal wird er als Projektion auf Bildschirmen gezeigt. Das Ziel, eine zweisprachige Inszenierung ohne allzu pädagogischen Ballast zu stemmen, gelingt. Das liegt sicherlich auch daran, dass Autorin Bardutzky die Dialogszenen zusammen mit der gehörlosen Schauspielerin Athena Lange erarbeitete, die auch die Trisha gibt.
Athena Lange wirkt in ihrem ruhigen Gestus und geduldigen Spiel wie die Antipodin zur ultranervösen Zoe von Paula Winteler. Die ist immer etwas drüber, sie schreit, zuckt zusammen, reißt Mund und Augen auf. Das Zusammenspiel beider funktioniert gut, der Prozess der Verständigung wird deutlich. Besonders die Zoe-Figur ist mimisch und gestisch am Stummfilm geschult. An Filmaussetzer und altes Zelluloid erinnern auch die körnig-grieseligen Projektionen auf die Bühne. Anfangs ist das effektvoll, aber auch wenig originell. Und warum ausgerechnet auf Stummfilm zurückgreifen, wenn es um Gehörlosigkeit geht? Gerade das cineastische Fach bietet schließlich viele visuelle Ausdrucksmöglichkeiten, die Verbales ersetzen.
Ballett von Horrorclowns
Sicherlich musste die inhaltlich dünne Handlung – eine Auseinandersetzung mit dem Mietenthema passiert jenseits des Fingerzeigs auf eine gierige Immo-Firma nicht – bildgewaltig übertüncht werden. Das passiert schauspielerisch noch gut, gerade durch das Geistertrio. Dessen Kostüme sind trashige Versionen klassischer Ballett-Tänzer mit Touch von Varieté. Dem entspricht ihre Bewegungssprache, während aus den Gesichtern Horrorclowns sprechen. Mit ihrem fortwährendem Einschleichen – Zoe und Trisha können sie nicht sehen – schaffen die Heimsuchenden eine leicht gruselige Atmosphäre des Unbehausten.
Weshalb sie ihren Tag der Rache mit Wagners "Walkürenritt", mit Bach, Mozart und Verdi antreten, erschließt sich nicht. Nur, dass man die bekannten Klassiker eben gegen Popperlen von Bell, Book & Candle, Metallica und Blondie schneiden kann. "Rescue me"! Solch gefälliger Zugriff verleiht der selbsterklärten "Schaueroper" einen Zug von Mitwipp-Theater. Die dramaturgische Schwäche rächt sich, weil sie den schönen Ansatz der Zweisprachigkeit verflacht.
Altbau in zentraler Lage
Eine Schaueroper von Raphaela Bardutzky
Künstlerische Mitarbeit: Athena Lange
Auftragswerk des Schauspiel Leipzig
Regie und Choreographie: Salome Schneebeli, Bühne, Kostüme und Video: Heta Multanen, Dramaturgie: Matthias Döpke, Mitarbeit Gebärdensprache: Rahel Doehring-Jahn, Deaf Supervisor: Andreas Costrau, Günter Przybylski, Gebärdensprachdolmetschende: Nathalie Fasold, Sarah Harzer, Kristin Lehmann, Nanke Maart, Julia Mischke, Charis Rasch, Theresa Rauch, Anne Winkler.
Mit: Paula Winteler, Athena Lange, Michael Pempelforth, Samuel Sandriesser, Eyk Kauly, Sonja Isemer.
Premiere am 22. November 2024
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-leipzig.de
Kritikenrundschau
"Nicht ungeschickt" verwebt Raphaela Bardutzky aus Sicht von Steffen Georgi von der Leipziger Volkszeitung 24.11.2024) "Elemente aus Schauergeschichte und Sozialdrama". So wie auch Regisseurin Salome Schneebeli mit einigem Geschick zwei Elemente in Ausgleich bringe. Trotzdem funktioniert für diesen Kritiker nicht alles an diesem Abend, der für ihn " wie ein Spuk, den man nicht so recht in den Griff, also materialisiert bekommt", über die Bühne geht. "Die Psychologie der Hauptfiguren bleibt zu holzschnittig, und die bösen Geister des Kapitalismus (Hausverwaltung, Gerichtsvollzieherin und so weiter) geistern in schrillen Kostümen als absurde Klischeeclowns der Herzlosigkeit herum."
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