Eines langen Tages Reise in die Nacht. Instrumentalversion - Staatstheater Nürnberg
Ohne Worte
14. Oktober 2024. Eine Familie zerstört sich in Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht". In Rieke Süßkows "Instrumentalversion" passiert das quasi als Stummfilm. Doch ist das nicht das einzig Ungewöhnliche an diesem kurzen wie eindrücklichen Abend.
Von Andreas Thamm
"Eines langen Tages Reise in die Nacht. Instrumentalversion" von Rieke Süßkow in Nürnberg © Konrad Fersterer
14. Oktober 2024. Die Geigerin Ekaterina Zeynetdinova steht hoch oben, auf der dritten Hochzeitstortenetage einer sich drehenden Bühne. Ihr weißes Kleid versteckt, meterlang fließend über alle Requisiten und Figuren. Bis auf Stephanie Leue, Mary Tyrone, die am untersten Rand steht, wie eine, die den richtigen Ort und den richtigen Moment sucht, um zu springen.
Die Geige kratzt atonal, die Bühne dreht sich, beschienen von spärlichem weißen Licht und während Mary peu a peu ihre Familie, zwei Söhne, ein Mann, aufdeckt, kommen auch deren Instrumente zu sich: Posaune, Klarinette, Cello – und finden, angetrieben von der noch höher im Hintergrund stehenden Schlagzeugerin Ines Lubej, verkantend, sich aneinander reibend, zu sich. Die beiden Jungs, Jamie und Edmund, lassen ihre Blasinstrumente albern kichern, des Vaters Cello zürnt streng.
Musik als Emotionstransporteur
Und was hier nun knapp 75 Minuten gespielt werden wird, ist ohnehin jedem klar, der oder die sich in diese Premiere am Nürnberger Staatstheater gewagt hat: "Instrumentalversion" hat die Regisseurin Rieke Süßkow unter den Titel des Stücks von Eugene O‘Neill gesetzt, heißt, "Eines langen Tages Reise in die Nacht", ein textlastiger Klassiker über den Zerfall einer Familie, nur: ohne Text. Süßkow hat sich ein Stück genommen, das eben auch davon handelt, wie Kommunikation in einer Familie am Abgrund scheitert, wie die Sprache in Extremsituationen nicht mehr als Werkzeug taugt, und sie deshalb weggelassen und durch den Emotionstransporteur Musik ersetzt.
Ekaterina Zeynetdinova, Stephanie Leue © Konrad Fersterer
Die Geschichte eines Tages im Haus der von Sucht und Krankheit zerfurchten Familie Tyrone wird ohne ein einziges Wort und dabei aus der Perspektive der morphiumabhängigen Mutter Mary erzählt. Jedem Mitglied der Familie ist ein Instrument zugeordnet, die grau gekleideten Musiker:innen begleiten "ihre" Figur wie Schatten aus der Unterwelt. Die umwerfende Komposition von Philipp C. Mayer spielt permanent mit versuchter Annäherung hin zu Harmonie und einem stellenweise lärmenden Gegeneinander, die Auswahl der jeweiligen Instrumente verdeutlicht die Charakterzeichnung. Die mit dieser sicherlich brutalen Herausforderung beeindruckend und lustvoll umgehenden Musiker:innen kommen von der Nürnberger Hochschule für Musik.
Reine Emotion
So hat die gefeierte Regisseurin, die dem Nürnberger Theater mit ihrer Schwab-Übergewicht-Inszenierung erstmals eine Einladung zum Berliner Theatertreffen verschaffte, sich selbst eine enorme Hürde gebaut, die Erwartung eines Publikums an ein Minimum an Narration nicht komplett zu entwerten und ihm bei aller Abstraktion zumindest ein Etwas an Konflikt, an Figurenzeichnung zu geben.
Ekaterina Zeynetdinova, Stephanie Leue, Justus Pfankuch, Joshua Kliefert, Stephan Schäfer, Lucas Jansen © Konrad Fersterer
Dass aber diese Mary an Depression leidet und als leidende, kranke Person in dieser Familie nicht gesehen wird, machen Musik und das ausdrucksstarke Spiel von Stephanie Leue sofort klar. Dass es zwischen ihr und dem jüngeren, an Schwind- und Trunksucht leidenden Sohn Edmund Momente der Zärtlichkeit gibt, dass der Vater James stetig rauchend um Haltung ringt, dass Jamie mit seinem Vater wegen der Sucht der Mutter aneinandergerät, all das vermittelt sich auf ganz anderer Ebene als die Zuschauenden im Theater gewohnt sind. Die Ursachen, die Folgen, die konkreten Anlässe dessen, was man sieht, sind häufig nicht entschlüsselbar, es bleibt die reine Emotion.
Materialisiertes Nicht-Entkommen
Was bei Süßkow-Arbeiten hinzu kommt, ist der Charakter einer Teamarbeit. Zum Team gehören der erwähnte Komponist, Kostümbildnerin Sabrina Bosshard sowie die Bühnenbildnerin Mirjam Stängl. Ihr kreisrunder dreistöckiger Aufbau mit der kaum sichtbaren zweiten Ebene im Hintergrund ist das materialisierte Nicht-Entkommen aus der bis ins Mark kaputten Familie. Mit langen Schritten schreitet der Vater im grünen Anzug ohne voranzukommen gegen die Drehung an. Die oberste Ebene beginnt gar zu kippen und zu taumeln, als wollte die Bühne Mary abschütteln, als habe sie jeglichen sicheren Boden unter den Füßen verloren. Nur der Rausch, die Spritze, kann ihr ein wenig Frieden schenken. In diesen Momenten ist die Bühne in ein geradezu wohltuend warmes Licht getaucht.
Ensemble mit Musiker*innen © Konrad Fersterer
Ein bisschen mehr Licht hätte man sich grundsätzlich gewünscht, so wichtig wie die Mimik für diesen besonderen Theaterabend ist. Aber das ist Makulatur, wenn es unterm Strich festzuhalten gilt, wie bemerkenswert, wie radikal und im besten Sinne schöpferisch Rieke Süßkow mit den hohen Erwartungen an ihre zweite Nürnberger Inszenierung umgegangen ist. Diese Herangehensweise an "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist nicht bloß eine verkopfte Spielerei, sondern ein Versuch, der in seiner dringlichen und niederschmetternden Wirkung Bestätigung findet. Eine, sorry, Pathos, neue gute Antwort auf die Frage, warum man das Theater liebt.
Eines langen Tages Reise in die Nacht. Instrumentalversion
frei nach Eugene O‘Neill
Regie: Rieke Süßkow, Komposition, musikalische Leitung: Philipp C. Mayer, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Sabrina Bosshard, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Fabian Schmidtlein, Künstlerische Produktionsleitung: Greta Călinescu.
Mit: Stephanie Leue, Stephan Schäfer, Joshua Kliefert, Justus Pfannkuch, Musik: Ekaterina Zeynetdinova, Lucas Jansen, Nina Janßen-Deinzer, Lukas Immanuel Krauß, Ines Lubej.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
Premiere am 13. Oktober 2024
www.staatstheater-nuernberg.de
Kritikenrundschau
"Teils ähnelt der Abend einem expressionistischen Stummfilm, aber Mirjam Stängls dreistöckige Drehbühnen-Etagère spielt selbstbewusst mit," schreibt Sabine Leucht in der taz (15.10.2024). Zweifel der Kritikerin, ob das Konzept von Rieke Süßkow aufgeht, zerstreuen sich sehr schnell. "Gerade weil sich Süßkow von allem trennt, was am Stück seiner Zeit verhaftetes Gesellschaftsporträt ist. Sie ändert radikal den Fokus und zoomt auf Mary, die nach der Heirat mit dem angehenden Schauspieler James eigene Ambitionen ad acta gelegt hat und seit dem Tod eines dritten Kindes depressiv und morphiumsüchtig ist."
"Schon das erste Bild ist überwältigend," schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (15.10.2024). "Der Vorhang hebt sich zum reißenden Klang von Violinsaiten. Er gibt den Blick frei auf Geigerin Ekaterina Zeynetdinova, sie sieht aus wie die Zierfigur auf der Spitze einer Hochzeitstorte. (...) Unten windet sich in emotionaler Qual Schauspielerin Stephanie Leue. Sie, genauso wie die Violinistin, ist Mary Tyrone." So beginne die Reise ins Innere dieser Figur. "Ihre Qual, ihr Einsamkeit lässt sich erspüren, das Begreifen funktioniert emotional. Die unsichtbare Wand, die Mary von ihrer Außenwelt kommunikativ und emotional trennt, scheint sich fast auf der Bühne zu materialisieren. So tief blickt man da hinein und wieder zurück."
"Am verblüffendsten ist, dass aus diesem Drama ohne noch immer so viel Aktualität sprudelt wie bei seiner Uraufführung vor fast 70 Jahren," schreibt Roland Dippel im Donaukurier (15.10.2024). "Verblüffend auch, wie diese Produktion trotz visueller Zitate aus dem 20. Jahrhundert, aus dem Film Noir und im Genre des Psychothrillers unverändert aktuell ist. Am Ende fast unverschämt lauter und ehrlich begeisterter Jubel."
"Das klang fast surrealistisch oder wie von Dada inspiriert: Man nehme ein Drama und streiche den ganzen Text, ratzfatz, ohne Rücksicht! Doch so ist es nicht," schreibt Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (15.10.2024). "Eine wahre Monstertragödie hat Süßkow da im Stoff entdeckt und findet für sie starke Bilder, schrille Töne und Momente, die das Herz zerreißen."
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Auf der Heimfahrt habe ich im DLF den zweiten Teil des Features „Heroin im Alter“ gehört (Zufälle gibt’s). Sehr empfehlenswert (in der Mediathek nachhörbar) …
Doch Süßkow treibt dem O´Neill konsequent jeden Realismus aus und beschränkt sich auf Spurenelemente der Vorlage, die nur für Kenner des Originals lesbar sind. Nach zwei Theatertreffen-Einladungen in Folge mit „Zwiegespräch“ (Akademietheater Wien, 2023) und „Übergewicht, unwichtig: Unform“ (Staatstheater Nürnberg, 2024) stand auch ihre O´Neill-Instrumentalversion auf der Shortlist des Theatertreffens 2025, schaffte es jedoch nicht in die 10er Auswahl.
Ihrer Handschrift blieb Süßkow treu, die neue Arbeit wirkt noch radikaler. Unter Verzicht auf jegliche Sprache stehen Assoziation und Emotion im Mittelpunkt. Glücklicherweise ist die neue Arbeit nicht mehr so comichaft überzeichnet wie ihre Schwab-Inszenierung im vergangenen Jahr. Laut Programmheft zeigte sich eine solche Tendenz im langen Probenprozess auch für O´Neill ab, wurde jedoch vermieden.
Im aktuellen Theaterjahrgang ist Süßkows „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ eine der Inszenierungen, die sich am konsequentesten gegen den Mainstream stellen, was für ein mittelgroßes Haus wie das Staatstheater Nürnberg einiges an Risikofreude erfordert. Der kurze Abend landet dabei aber in einer Nische in den Grenzbereichen des Sprechtheaters, wohin ihm auch die Jury-Mehrheit nicht mehr folgen wollte.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/20/eines-langen-tages-reise-in-die-nacht-instrumentalversion-staatstheater-nuernberg-kritik/