Atlas - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Persilscheine für Dreckschleudern
31. Januar 2025. Warum rutscht die Klimakrise ständig aus dem Fokus? Obwohl die Wissenschaft einig ist, dass jetzt gehandelt werden muss? Calle Fuhr und die Klimaredaktion von Correctiv haben für ihr Bühnenessay "Atlas" dazu recherchiert und sind auf ein Netzwerk von Denkfabriken gestoßen, das aktiv daran arbeitet, das Thema aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.
Von Andreas Schnell
"Atlas" von Calle Fuhr am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Maris Eufinger
31. Januar 2025. Einerseits: Vor wenigen Monaten staunte man nicht schlecht darüber, wie schnell Theater reagieren kann. Da hatte Falk Richter einen Monat nach der erneuten Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten schon einen Text von Elfriede Jelinek auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gebracht. Andererseits: Als gestern im Malersaal des gleichen Theaters Calle Fuhr "Atlas" präsentierte, war das politische Tagesgespräch schon wieder anderswo.
Zentrale Herausforderung am Rande
In umfänglichen Recherchen hat Fuhr mit der Klimaredaktion von Correctiv und dem Produktionsteam des Schauspielhauses danach gefragt, warum das Klima eigentlich so, pardon, nachhaltig aus dem Diskurs verschwunden ist. Zumindest als zentrale Herausforderung unserer Zeit. Und ist dabei auf ein Netzwerk gestoßen, das – neben den diversen Krisen der vergangenen Jahre und der Gegenwart – zumindest nach Kräften dafür gearbeitet hat, den Klimawandel aus den Schlagzeilen und Wahlprogrammen zu drängen. Einen Tag vor der Uraufführung der Resultate als "Bühnenessay" hatte allerdings der Bundestag über einen Antrag der CDU zur Verschärfung der Migrationspolitik abgestimmt – und ihn mit den Stimmen der AfD angenommen. Und schon ist das Klima noch ein bisschen weiter weg gerückt.
Immerhin, das zeigt der Abend, lässt sich das eine vom anderen auch nicht ganz trennen. Besagtes Netzwerk trägt den Namen „Atlas“ und spinnt seine Fäden über sogenannte Think Tanks zwischen stramm konservativen bis reaktionären politischen Zirkeln, Unternehmen, die mit fossilen Energieträgern ihr Geschäft machen, Lobby-Verbänden und Instituten, die, sei es aus ökonomischen Erwägungen, sei es aus Überzeugung oder beidem, für allerlei Kampagnen die jeweils passenden Gutachten liefern, welche dann von einschlägigen Agenturen in die öffentliche Meinung eingespeist werden.
Predigen zu den Bekehrten
Präsentiert werden die Recherchen in einer szenischen Form, die auffällig an das Satire-TV-Format "Die Anstalt" erinnert: Spielerisch und pointiert wird das Thema aufgerissen, zugespitzt, in Zwiegesprächen naiv gefragt und aufklärend geantwortet, Protagonisten oder Protagonistinnen werden parodiert, Fakten eingeordnet und zusammengefasst. Dass hier alles mit rechten Dingen zugeht (pun intended), belegt ein Faktencheck auf der Seite zum Stück auf der Website des Theaters.
Tanz den Klima-Blues: Samuel Weiss, Josefine Israel, Sasha Rau und Maximilian Scheidt in "Atlas" © Maris Eufinger
Die Einwände liegen auf der Hand: Wo Theater als Kunstform Spielräume eröffnet, ist hier eben das auszuschließen, zu ernst ist das Anliegen. Dabei ist zweitens das Risiko nicht gering, dass lediglich zu den Bekehrten gepredigt wird. Die werden sich mit Recht gruseln angesichts der mit vielen Millionen hinterlegten Kampagnen, die exakt einem Zweck dienen sollen: den Reichtum in wenigen privaten Händen weiter zu vermehren, und wenn Menschen deshalb sterben müssen. So wie es die Tabakindustrie – das spielt das kleine Ensemble eingangs durch – vorgemacht hat: Um die erschlagende Einigkeit der Wissenschaft zu den Gefahren des Rauchens zu diskreditieren, findet sich gewiss ein Wissenschaftler, der auf Grundlage einer dubioser Faktenlage erklärt, dass die Zusammenhänge zwischen Tabakkonsum und Krebs so eindeutig nicht bewiesen seien.
Verflechtungen bis in die Vorabendserie
Dass Unternehmen wie Exxon Mobil allem Anschein nach einiges investieren, um Zweifel am Klimawandel zu streuen, dass Bundestagsabgeordnete bürgerlicher Parteien nicht nur in Sozialen Medien gegen Klimaaktivismus hetzen, sondern auch bei rechten Burschenschaften als Redner auftreten, dass die INSM, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, gerne mal ein bisschen Geld in die sprichwörtliche Hand nimmt, um ihre Themen in einer Vorabend-Seifenoper zu platzieren – das alles vermag einerseits dann doch nicht zu überraschen. Aber es ist doch widerwärtig und in der Summe nicht eben beruhigend, zumal in vielen Redaktionen die Personaldecke so dünn ist, dass manches ungeprüft als redaktioneller Inhalt gesendet oder gedruckt wird. Hier liefert "Atlas" durchaus Argumente, die vermutlich auch dem gewogenen Publikum neu sind.
In diesem Sinne ein verdienstvoller Abend nicht ohne Unterhaltungswert und mit optimistischem Abgang. Nur weil schon wieder der nächste Skandal die Seiten und Sendungen füllen, hört der Klimawandel schließlich auch nicht auf. Für zeitgenössische Theaterformen und Ambiguitäten müssen Sie dann eben eine Etage höher.
Atlas
Von Calle Fuhr in Kooperation mit Correctiv
Regie: Calle Fuhr, Bühne: Julia Oschatz, Kostüme: Jana Sophie Schweers, Video: Marcel Hein, Dramaturgie: Ralf Fiedler.
Mit Josefine Israel, Sasha Rau, Maximilian Scheidt, Samuel Weiss.
Uraufführung: 30. Januar 2025
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
Dieser Theaterabend funktioniere wie eine gut gelaunte Show mit Augenzwinkern, so Peter Helling vom NDR (31.1.2025). "Regisseur Calle Fuhr gelingt es, in nur eineinhalb Stunden mit modernen, ironischen, gebrochenen Theatermitteln, die immer auch leicht trashig und behauptet wirken, echte Aufklärungsarbeit zu leisten." Der Kritiker zeigt sich überzeugt: "So ein Theater brauchen wir. Hellwach, aufklärerisch, sprühend vor Klugheit. Gerade jetzt."
"Das macht Spaß, auch wenn diese Mischung aus Kabarett, journalistischer Recherche und politischer Agitation manchmal schwer didaktisch daherkommt", schreibt Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (1.2.2025). "Aber weil Fuhr das so klug arrangiert hat, weil die Darsteller augenscheinlich Spaß am subversiven Spiel haben, weil man tatsächlich nach 90 Minuten etwas verstanden hat über Interessenverflechtungen im Politikbetrieb, ist der Abend sicher lohnendes Theater." Er sei nur leider bereits von gestern aufgrund der jüngsten Ereignisse um Friedrich Merz‘ CDU und die AfD.
"Ein ambitioniertes, ein schwieriges Unterfangen", so Katrin Ullmann in der taz über den Abend (10.3.2025). Unermüdlich versuchen die vier Schauspieler*innen jeden spielbaren Freiraum zu finden und zu füllen. "Allein: Allzu viel davon gibt es nicht, und das liegt in der Natur der Sache. Aufklärerisches Dokumentartheater und fiktionale Fantasien passen nicht gut zusammen." Angekündigt sei "'Atlas' als 'Bühnenessay'. "Lässt man sich darauf ein, fühlt man sich danach mindestens so gut informiert wie nach einem Arte-Themenabend. Allein die Bilder sind nicht ganz so stark."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Ich halte die Formulierung „gewogenes Publikum“ für etwas untertrieben. Schließlich stand der halbe Saal am Schluss und der Jubel ging minutenlang.
Mit besten Grüßen!