Bodies under Water - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Oktopus und Riesenvulva
21. Dezember 2024. Annalisa Engheben zeigt im Malersaal des Schauspielhauses eine "hydrofeministische Transformation", in der sich das Wässrige als eigentliches Element des Menschen entpuppt. Und Sachiko Hara und Alberta von Poelnitz stellen diesen Stoff vom Kopf auf die Tentakel.
Von Falk Schreiber
"Bodies under Water" von Annalisa Engheben am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Maris Eufinger
21. Dezember 2024. Dass der menschliche Körper zu mindestens zwei Dritteln aus Wasser besteht, ist eine Binsenweisheit. Was aus ihr folgt, ist aber nicht so recht klar: Heißt das, dass der Mensch eigentlich ein flüssiges Wesen sei? Dass die Haut keine Grenze sei, sondern eine Übergangszone zwischen Innen und Außen? Und dass eine binäre Weltsicht – hier das Individuum, dort die Umgebung – unsere Erfahrung womöglich gar nicht korrekt abbildet?
Von der Wasserhaftigkeit des Menschen
Annalisa Engheben, die vor einem Jahr im Rangfoyer des Hamburger Schauspielhaus eine sehr konzentrierte Inszenierung von Annie Ernaux' "Das Ereignis" ablieferte, zeigt im Malersaal eine "hydrofeministische Transformation" namens "Bodies under Water", ein theatrales Nachdenken über die Frage nach der Wasserhaftigkeit des Menschen, und vielleicht gehört es zu den Eigenarten solcher Wasserhaftigkeit, dass die Antwort auf diese Frage gar nicht wirklich interessiert.
Angekündigt ist der Abend als "Lecture Performance", aber das, was hier im seit Saisonbeginn von allen Malersaal-Produktionen bespielten Einheitsbühnenbild "Realnische 0" der Künstlerin Julia Oschatz passiert, ist schon ein echtes Stück. Zwar ohne Handlung, aber mit Gespür für szenische Besonderheiten.
Sachiko Hara und Alberta von Poelnitz (im Programm wird auch noch Lars Rudolph als Darsteller genannt, zumindest bei der Premiere ist der aber nicht dabei) betreten zu pathetischem Düsterpop die Bühne, strecken sich, dehnen die Gelenke, machen den Morgengruß. "Guten Abend", lacht Hara, "das war ein Warmup. Wir gehen heute ins Wasser." Und erzählt von der Tradition der Meerfrauen, der japanischen Ama und der koreanischen Haenyeao: Frauen, die auf der Suche nach Meeresfrüchten ungewöhnlich lange in Küstennähe tauchen und dabei in ein Zwischenreich zwischen Land und Wasser treten.
Wie Meerjungfrauen, nur ohne jung
Dieser Beruf hat mit gewissen Nachwuchssorgen zu kämpfen, er ist nicht ungefährlich, und er ist anstrengend. Aber er transzendiert klassische Geschlechterrollen. Und als von Poelnitz erzählt, dass sie als Kind begeistert war von Meerjungfrauen, bis ihr aufgegangen sei, dass man es hier mit einem zutiefst sexistischen Narrativ zu tun habe, kann ihr Hara fröhlich nahelegen, sich als Meerfrau zu bewerben. "Das ist wie Meerjungfrau, nur ohne jung."
Was die inszenatorische Idee von "Bodies under Water" auf den Punkt bringt: Inhaltlich bohrt Engheben ganz dicke Bretter, immer wieder werden Texte der kanadischen Kulturtheoretikerin Astrida Neimanis zitiert. Aber die performative Kraft der beiden Schauspielerinnen sorgt dafür, dass die Theorielast vom Kopf auf die Füße gestellt wird. "Unsere Grenzen sind immer anfällig für Brüche und Neuverhandlungen", heißt es bei Neimanis, während Hara und von Poelnitz diese Brüche und Neuverhandlungen performen. Was einerseits eine utopische, gemeinschaftsstiftende Kraft besitzt, andererseits aber auch gehörigen Spaß macht.
Abtauchen, Bierchen trinken
Das Licht (Björn Salzer) wird gedimmt, Hara und von Poelnitz gleiten durch den Raum, schlängeln zwischen den Streben und Nischen der "Realnische 0", saugen sich an den Wänden fest. Der Körper verändert sich unter Wasser, Bewegungen sind verlangsamt, Schwerkraft funktioniert nach anderen Gesetzen – in ihren besten Momenten ist die Performance von "Bodies under Water" näher am Tanz als am Theater, während der Inhalt weiterläuft. Die Ebenen trennen sich und finden nach einer Weile wieder zusammen, meist mit einer bodenständigen Intervention Haras, die die Selbsterfahrungsdialoge mit Hang ins Esoterische hübsch zurechtruckelt.
In Taucherwelten: Alberta von Poelnitz und Sachiko Hara spielen in einem Bühnenbild von Julia Oschatz in Kostümen von Annalisa Engheben und Jana Schweers © Maris Eufinger
Man kann die Praxis der Ama, nach dem Tauchgang eine Hütte zu besuchen, die noch nicht wirklich der Wasseroberfläche angehört, natürlich salbungsvoll als Sehnsucht nach einem "Ort dazwischen" beschreiben, klar. Man kann aber auch wie Hara diesen "Ort dazwischen" mit der Theaterkantine erklären. Da gehen die Schauspieler*innen nach der Aufführung auch hin, weil sie nicht sofort aus dem Drama in die Realität stolpern wollen, "Bierchen trinken". Leuchtet unmittelbar ein.
Ach, man möchte diesen beiden Performerinnen ewig zuschauen, wie sie das Wasser als eigentliches Element des Menschen vermessen. Man will ihre Gespräche hören, man will sehen, wie sie sich in Oktopus und Riesenvulva verwandeln, man will sich selbst im Wässrigen auflösen. Aber dann senkt sich eine große Qualle von der Bühnendecke herab und nimmt die beiden Schauspielerinnen in sich auf, das Ende dieses kurzen, mäandernden Stücks. Traurig: Man findet keinen "Ort dazwischen", man muss raus in die kalte Hamburger Nacht. Aber dieses Schlussbild leuchtet andererseits auch atemberaubend schön, so schön, wie nur Quallen leuchten können.
Bodies under Water
von Annalisa Engheben
Regie: Annalisa Engheben, Bühne: Julia Oschatz, Kostüme: Annalisa Engheben, Jana Schweers, Musik: Giovanni Verga, Licht: Björn Salzer, Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Mit: Sachiko Hara, Alberta von Poelnitz.
Uraufführung am 20. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
"Bei allem merklichen Anspruch aufs Anbieten von Relevantem: Erfreulich unakademisch, ja: verspielt ist dieser Abend geraten, operiert mit avancierter Gender-Theorie wie auch mit Kindheits-Fernseh-Erinnerungen", schreibt Alexander Diehl in der taz (24.12.2024). Natürlich simulierten die beiden Darstellerinnen auch mal das Schwimmen auf trockenem Bühnenboden, der Einsatz von Musik und Requisiten sei überschaubar "und umso effektiver, Hummerscheren werden übergestreift, Tentakel umgegürtet, auch mal eine (mutmaßlich) flauschige Vagina gestreift übers Fischhaut evozierende glitzernd eng Anliegende (Kostüme: Jana Sophia Schweers). Irgendwann kommt dann doch noch eine spektakuläre Riesenmedusa von der Decke und bietet den beiden Frauen unter Wasser das vorerst ultimative Verschmelzungsangebot, die vielleicht finale Auf-Weichung: Qualle werden gegen das Patriarchat."
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