Poesie der Verzweifung

13. März 2025. Den Leichensack bringt Protagonistin Lise vorsichtshalber gleich mit, denn die Geschichte könnte tödlich enden. Karin Henkel hat Tove Ditlevsen letzten Roman auf die Bühne gebracht. Mit Lina Beckmann!

Von Andreas Schnell

"Die Abweichlerin" von Tove Ditlevsen. Am Hamburger Schauspielhaus von Karin Henkel inszeniert. © Lalo Jodlbauer

13. März 2025. Da tanzt sie, inmitten einer Schar junger Mädchen im Tutu: Lina Beckmann wirkt heiter, frei, wie zurückgeträumt in die Kindheit ihrer Rolle. Auch wenn sie nicht bei jedem Schritt mitkommt, den die jungen Tänzerinnen machen. Schon bald wird sie berichten, wie bereits ihre Eltern sie "nicht vorzeigbar" fanden – und dabei die ganze Verletzlichkeit dieser Figur, ihre Traumata in Stimme und Körper sichtbar machen.

Lina Beckmann spielt Lise, die Protagonistin von Tove Ditlevsens letztem Roman "Vilhelms Zimmer“, den Karin Henkel jetzt in Hamburg in deutschsprachiger Erstaufführung auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht hat. Seit einigen Jahren schon freut sich das deutschsprachige Lesepublikum samt Feuilleton über die Wiederentdeckung der dänischen Schriftstellerin, die sich 1976 im Alter von 58 Jahren das Leben nahm.

Kampf ums Überleben

Ditlevsen schrieb diesen letzten, 1975 erschienenen Roman gleichsam um einen Suizidversuch herum. Die Dichterin Lise Mundus, Ditlevsens literarisches Alter Ego, lebt in Trennung von ihrem Ehemann Vilhelm, mit dem sie eine hoch toxische Ehe und ein Sohn verbindet. Vilhelm, Ditlevsens viertem Ehemann, dem Journalisten Victor Andreasen nachempfunden, hat Lise wegen einer jüngeren Frau verlassen. Per Annonce, die in der Zeitung ihres Noch-Mannes erscheint, sucht sie einen neuen Partner, der eigentlich keine weiteren Anforderungen erfüllen muss, als dass er Auto fahren kann.

Der findet sich zwar. Lises Verzweiflung, ihre Tablettensucht, ihre wiederkehrenden Aufenthalte in der Psychiatrie bringen sie allerdings dann doch zu dem Entschluss, sich das Leben zu nehmen – um einmal die Grundzüge der Handlung von "Vilhelms Zimmer“ zu skizzieren, der im vergangenen Herbst in neuer deutscher Übersetzung von Ursel Allenstein unter dem Titel "Die Abweichlerin“ erschien.

Rasende Perspektivwechsel

Lina Beckmann stellt allerdings schon gleich zu Beginn klar, dass es um mehr geht an diesem Abend. Nachdem sie mit einem Leichensack die Bühne betreten hat, führt sie ein in die Figur Lise, die leicht mit Tove zu verwechseln sei, "was natürlich kein Zufall ist“. Wie eine Puppenspielerin wird sie vor allem in der ersten von zwei Stunden das Personal dirigieren, aber auch selbst immer wieder tief eintauchen in die Rolle der Lise, dann wieder aus ihr heraustreten und erzählen, was passiert, und zwischendurch in Nebenrollen aufgehen.

Die Abweichlerin 2 2211 2502 PR1 0458 Verbessert RR Bearbeitetpresse Lalo JodlbauerLina Beckmann! © Lalo Jodlbauer

Das allein ist schon eine Wucht: Virtuos gleitet Beckmann durch die verschiedenen, schon bei Ditlevsen angelegten Perspektiven, verwandelt sich im Nullkommanix von der tablettensüchtigen Dichterin in den Mann der treuen Haushälterin, der sich wiederum mal eben so mithilfe eines Pappfernsehers zum Maigret fantasiert. Das ist durchaus im Sinne Ditlevsens, die die doch recht düstere Geschichte ihrer selbst vielstimmig mit kühnem erzählerischem Drive und Witz gestaltet, und es nimmt dem Stoff etwas von der Härte.

Vielschichtige Begegnung

Die Bühne von Barbara Ehnes bietet dem sehr präsent agierenden Ensemble im wesentlichen zwei flexible räumliche Elemente: Im hinteren Teil der Bühne ist ein dreigeteilter langer Kasten, der auch Vilhelms Zimmer beherbergt, mal andere Lebensräume, vor diesem Kasten, der zeitweise an den vorderen Bühnenrand geschoben wird, ist freie Fläche, über dem Geschehen liegen Projektionen, meist eher flächig unterlegt Arvild J. Baud die Szene mit Musik. Teresa Verghos Kostüme schlagen mit Witz den Bogen vom Alltäglichen zur Groteske.

Die Abweichlerin 3 PH2 0169 Verbessert RR Bearbeitetpressefin Lalo Jodlbauer 1Eifersüchtige Männer: Mirco Kreibich und Daniel Hoevels © Lalo Jodlbauer

Henkels Inszenierung fügt den Perspektiven des Romans also ein bis zwei weitere hinzu: die zwischen Erzählung und Spiel oszillierende Bühnenfigur Beckmann reichert die autobiografisch grundierte Geschichte nämlich noch kunstvoll mit Zitaten Ditlevsens und biografischen Aspekten an. Der Titel "Die Abweichlerin“ unterstreicht nachdrücklich, dass es diesem Abend um mehr geht als um die Dramatisierung eines Romans.

Es geht um die Geschichte der Autorin, aber auch um die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie gelebt und gearbeitet hat: aufgewachsen bei emotional unerreichbaren Eltern in ärmlichen Verhältnissen, umgeben von disfunktionalen oder/und auf ihren künstlerischen Erfolg eifersüchtigen Männern. Eine vielschichtige Begegnung und ein komplexer Abend, der den Blick für immer noch ungleiche Geschlechterverhältnisse schärft. Und spannendes Theater.

 

Die Abweichlerin
nach Tove Ditlevsen
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Fassung: Karin Henkel, Finnja Denkewitz und Sybille Meier
Regie: Karin Henkel, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Teresa Vergho, Sound: Arvil J. Baud, Video: Chris Kondek, Dramaturgie: Finnja Denkewitz, Sybille Meier.
Mit: Lina Beckmann, Daniel Hoevels, Matti Krause, Mirco Kreibich, Liina Magnea, Linn Reusse sowie Hannah Bock, Emilia Holtfreter Schoos, Rosa Hundertmark, Mina Lee-Heck, Emilia Sophoe Mansfeld, Lynn Pappok, Greta Rabeler, Tara Samalekos, Neele Steinmüller, Luca Valentina Thieme, Emma Weiß, Fenja Wirsching.
Premiere am 12. März 2025
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

"Lina Beckmann ist das Zentrum des brillanten Ensembles. Mit einer Ehrlichkeit, die sprachlos macht", jubelt Peter Helling im NDR (13.3.2025). "Was das Stück so packend macht: Es zeigt ein Einzelschicksal, in allen Facetten, wie ein offenes Buch."

"Es ist eine bedrängende, bild- und spielstarke Inszenierung von großer Sogkraft", berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (14.3.2025). Lina Beckmann zeige ihre Figur, "die überwache, resolut auf der eigenen Wirklichkeit bestehende Schriftstellerin als radikal selbstbestimmte Frau. Beckmann gibt ihr mit all ihrer umwerfenden Warmherzigkeit, ihrer Lakonie und trockenen Komik eine trotzige Würde, mit der sie ihren Eigensinn, ihre Kunst, ihre Autarkie verteidigt."

"Kein einfach zugänglicher, aber doch ein sehenswerter Theaterabend", ist dies für Annette Stiekele vom Hamburger Abendblatt (14.3.2025). "Lina Beckmann dominiert diesen mehrstimmig angelegten Abend mit einer schillernden Bandbreite des Spiels. Neben ihr gelingt es auch den präzise skizzierten Nebenfiguren, ihrer eher schablonenartigen Anlage zu entkommen und dabei ein berührendes Panoptikum des Unglücks abzugeben. Eher statische Erzählung wechselt im letzten Drittel mit einer Flut an szenischen Einfällen, von dem Musiker Arvild J. Baud mit beunruhigender sanfter Elektronik unterlegt."

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (23.3.2025) berichtet Irene Bazinger aus Hamburg: "Mit dem hinreißend spielfreudigen und überzeugend literarisierenden Ensemble um die ver­zehrend faszinierende Lina Beckmann gelingt Karin Henkel eine bei aller Komik adäquat bedrückende Inszenierung."

Kommentare  
Die Abweichlerin, Hamburg: Orientierungslos
Wenn Lina Beckmann auf der Bühne steht, muss es doch groß artig sein … nein leider nicht … orientierungslos, ohne Form, sich hinziehend, teilweise nicht verständlich quält sich die Aufführung vor sich hin. Videoeinsatz, Sounddesign und Ballettkinder peppen das auf, aber: was wird hier eigentlich erzählt und warum jetzt? Es ermüdet. Ditlevsen hat keine Theaterstücke geschrieben, das hatte seinen Grund. Statt des Hamburger Romanvampirismus hätte man das respektieren sollen …
Die Abweichlerin, Hamburg: Vorher gewusst
@Pfeffer #1
Wenn Ihnen Romanadaptionen im Theater so unangenehm sind (ob grundsätzlich oder im speziellen Fall von Ditlevsen Prosa), warum gehen sie denn dann in eine solche rein? Sie wissen doch vorher, was die Textgrundlage des Abends ist.
Die Abweichlerin, Hamburg: Vorlagen bereichern
#2: Zuschauer: Statt mich anzugreifen: was ist Ihre Meinung zur Inszenierung?
Zu Ihrer Frage: Neugier, Hoffnung, etwas gespielt zu bekommen von einem gute Ensemble, das nicht langweilt, vielmehr die „Vorlage“ bereichert. „Schuld und Sühne“ z.B. an der Schaubühne in der Version von Andrzej Wajda, war eigentlich auch nicht so „notwendig“, aber Jutta Lampes Sonja hatte mich zutiefst berührt (und tut das immer noch in meiner Erinnerung) und meine Wahrnehmung des Romans beeinflusst. Oder die Filmversion von Lav Diaz („Norte“, vierstündige Kinoversion, lief in sehr wenigen Programmkinos), die mich tagelang nicht losließ. Dostojevski ist ebenfalls kein Schriftsteller, der Theatertexte schrieb, aber daraus kann manchmal etwas (anderes, über die „Vorlage“ hinausgehendes) werden, trotz zahlreicher Gegenbeispiele von Breth, Hartmann oder Simons. Und bei Karin Henkel hätte etwas werden können, wurde aber nichts.
Beantwortet das Ihre Frage, „Zuschauer“? Oder fragen Sie aus anderem Grund (als Betroffener)?
Die Abweichlerin, Hamburg: Eingangsvoraussetzungen
Wenn ich von meiner letzten Nachtschicht her nicht noch so schlapp wäre, würde ich jetzt zur „Abweichlerin“ gerne etwas weiter ausholen wollen; ich halte diese Inszenierung durchaus für sehenswert und gelungen, und müßte ich eine Besprechung des Abends (auch noch zeitnah) zuwege bringen, so würde ich in etwa titeln „Jeder lebt für sich allein“. Wer als Leserin oder Leser die bei Tove Ditlevsen zur Sprache kommenden existentiellen Themen bzw. (Sichselbst-)
Infragestellungen in der Buchform begrüßt -auch eben gerade als dringliche und zeitgemäße in der Suche nach der Empathie oder, Musil, den Nicht-Mitmenschen-, dann ins Theater geht, motiviert dort hingeht etwa wie am 29.11.1986 in die Dostojewskijs-Premiere (die Sache wurde ja auch aufgezeichnet, ich sah sie damals im Videoraum der Literaturwissenschaft an der CAU in Kiel, ... statt „ordentlich“ zu studieren im Grunde), der ist, das ist nachvollziehbar, gewiß eher enttäuscht als einer, der wie ich noch nichts von Tove Ditlevsen gelesen hatte, obschon Deutschlandfunk Kultur bereits ausführlich fünf der sechs Bücher besprochen hat, die im Aufbau-Verlag erschienen sind (diese Besprechungen sind lohnend, im übrigen ist jene zu
„Vilhelms Zimmer“ aus der Feder der Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla); für mich ist so ein Abend dann -umgekehrt- mehr als „nur“ eine Leseanregung; ich wohne quasi einem Theaterabend bei, der vor meinen Augen den Roman übersetzt,
versinnlicht, Spielformen dafür findet; die Personage des Romans tritt dann auch erstaunlich lebendig vor das Innere Auge, fast überraschend bei der nüchternen Anlage ! Eine Autorin, die mich wohl noch ein wenig beschäftigen dürfte, denn
die „Schwärmermotive“ werden bei mir wahrlich nicht immer aktiviert:“Sie hat ihn zum Mann genommen, wie man einen Verwalter anstellt“, heißt es etwa über Regines Ehe mit Josef in den „Schwärmern“; die Ehe-Anstellung des abgebrochenen Studenten vom Stockwerk drüber ist beispielsweise eine Variante davon. Wer hat schon „Moby Dick“ gelesen oder „Dr. Shivago“ ?? Manchmal bereichern die Originale dann die Adaption. Soviel hier, die Bücherei schließt..
Die Abweichlerin, Hamburg: Kurz & knapp
Ich halte mich kurz:

- Die Akteure spielen z.T. großartig!
- Inszenierung & Dramaturgie gebongt, hat aber kreative Luft nach oben...
- Das Stück ist ca. 1/2 Std. zu lang...
- Inhaltlich zu oft nicht nachvollziehbar bzw. überkomplex, es sei denn man ist im Thema. Schafft man als "Normal- Abonnent" nicht immer...
Die Abweichlerin, Hamburg: Charmant-rotzig
Am „Theater des Jahres“, dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, muss es pro Spielzeit einen Abend geben, der dem Publikumsliebling gehört. Einen Abend von, für und mit Lina Beckmann!

Nach ihrem zum Festival-Hit hochgejubelten „Laios“-Monolog aus der Anthropolis-Trilogie tritt Beckmann zwar wieder in einem Ensemble-Stück auf. Die 2 Stunden 20 Minuten sind jedoch ganz auf sie zugeschnitten: ihre Erzählerinnen-Figur Lise aus Tove Ditlevsens letztem, kurz vor ihrem Suizid geschriebenem Roman „Wilhelms Zimmer“ steht im Zentrum, der Rest des meist männlichen Ensembles mimt Witzfiguren oder Klischees.

Karin Henkels Inszenierung hat mit einem für Roman-Adaptionen typischen Problem zu kämpfen: trotz aller Comedy-Versuche und obwohl Beckmann zwischendurch auch in kleine Nebenrollen schlüpfen darf, gerät der Versuch, die gewaltigen Textmassen zu
reproduzieren, sehr statisch. Auch einige Kürzungen hätten dem pausenlosen Abend gut getan. In ihrer charmant-rotzigen Art nimmt Beckmann diese Einwände gleich vorweg und murmelt kurz vor Schluss, dass das Ganze nun doch ziemlich lang geraten sei, sie bald nach Hause wolle und höchstens noch ein bisschen vor dem Fernseher sitzen werde.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/24/die-abweichlerin-schauspielhaus-hamburg-kritik/
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