Ein Sommer in Niendorf - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Die dunkle Seite von Arielle
30. März 2025. Der Schnäuzer sitzt, der Alkohol fließt, und manchmal wird das Personal vom Strandkorb verschluckt: Mit Heinz Strunks Roman "Ein Sommer in Niendorf" blickt Studio Braun zurück in die alte Bundesrepublik. Und stößt zwischen Kurmuschel und Sprühsahne auf die Abgründe einer untergegangenen Welt.
Von Stefan Forth
"Ein Sommer in Niendorf" in der Regie von Studio Braun am Hamburger Schauspielhaus © Thomas Aurin
30. März 2025. Die alte Bundesrepublik ist zurück. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg suhlen sich Heinz Strunk und seine Studio-Braun-Kollegen in den Abgründen einer untergegangenen Welt zwischen Kurmuschel, Sprühsahne und gediegener Samstagabend-Show. Für manchen auf der Bühne ist dieser "Sommer in Niendorf" mit all seinen wohlanständigen Gespenstern der Vergangenheit nur im Suff zu ertragen.
"Nichts als Alte", krakeelt Charly Hübner als Rechtsanwalt Roth direkt bei seiner Ankunft an der holsteinischen Ostseeküste in Richtung Publikum. Der in eierfarbenen Erdtönen gehaltene Anzug spannt ganz schön über dem Wohlstandsbauch, der Mittelscheitel sitzt adrett, der Schnäuzer ist ordentlich gestutzt. Als wäre er direkt aus einer Familienserie der 80er entsprungen. Auf einer alten Schreibmaschine will dieser Roth an der See die Biographie seines verstorbenen Fabrikantenvaters aufpolieren, der wohl im Zweiten Weltkrieg Weißblech für die Waffen der Nazis produziert und trotzdem das Bundesverdienstkreuz bekommen hat.
Licht- und lustlos über die Ostsee
"Ein Sommer in Niendorf" heißt auch der Roman, den Heinz Strunk mit dieser Ausgangslage geschrieben hat. Darin wird relativ schnell klar, dass die fragwürdigen Geschäfte des Vaters nicht das Einzige sind, was Roth in seinem Leben aufzuarbeiten hat. Und so wird die Bühne zum Neurosenstadel, in dem sich Albträume und Zwangsvorstellungen mit dem ganz normalen Wahnsinn eines Rentnerparadieses an der westdeutschen Küste zu einer Horrorkomödie vermischen. Diebische Möwen und landestypische Ausflugsfahrten inklusive, etwa zum U-Boot-Friedhof von Scharbeutz, unter dem Motto "Licht- und lustlos über die Ostsee".
Der Schnäuzer sitzt, der Alkohol fließt: Charly Hübner, Yorck Dippe und Jan-Peter Kampwirth (im Hintergrund) auf Ostseetrip à la Studio Braun © Thomas Aurin
Lustvoll dagegen ist dieser Theaterabend: Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger (also: das Regieteam von Studio Braun) haben aus der Vorlage eine derb verspielte Revue gemacht. Ein mit groben Strichen liebevoll gezeichnetes Volksstück, das immer dann besonders gut funktioniert, wenn es die Handlungslinien des Romans beiseitelässt und auf die Kraft des Augenblicks, auf die Fülle der eigenen Ideen vertraut. Wenn aus dem "Sommer in Niendorf" ein Musical wird – oder ein Märchen.
Tolle Hechte, torkelnde Flaschen
Stéphane Laimé hat für diese oft zauberhaft süffige Fahrt an die See ein genial leicht verwandelbares Bühnenbild konstruiert. Über weite Strecken begrenzt eine riesige halbrunde Leinwand die Tiefen des Schauspielhauses und lässt digitale Ahnungen von Strandpromenade, Kneipe oder historischer Patina entstehen. Davor wird aus dunklen Quadern von jetzt auf gleich wahlweise ein Bett, ein Tresen oder die Wand eines Gestapo-Kellers. Tänzer*innen in düsteren Ganzkörperkostümen erledigen den Umbau – wenn sie nicht gerade mit transparenten Regenschirmen oder neonorangefarbenen Fahrradhelmen Touristen geben, später auch zu Roths inneren Dämonen werden. Schwarzes Theater vor bunter Ferienkulisse.
Mal rollt ein überdimensionierter Pappmaché-Seehecht durchs Bild, immer wieder torkeln riesige Alkoholflaschen über die Bühne, ein Leuchtturm baut sich auf und verschwindet wieder – bis irgendwann ein Monsterstrandkorb wesentliche Teile des Personals verschluckt und unter dem Meer wieder ausspuckt. Als wären wir auf der rotznasig dunklen Seite von Disneys "Arielle" gelandet.
Großer Schau-Spaß: Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Jacques Palminger und Josefine Israel auf Stephane Laimés Bühne © Thomas Aurin
Dabei stellt sich die Grenze zwischen Zynismus und romantischer Sehnsucht im Laufe des Abends als einigermaßen fließend heraus. Palminger, Schamoni und Strunk landen bei ihrem goldglitzernden Auftritt als abgehalfterte Kurkapelle "Boarding Time" eine wunderbar selbstironische Nummer. Und die musicalesk plumpen gesanglichen Annäherungsversuche von Charly Hübners Roth in Richtung der Kellnerin Savina entlarven herrlich komisch die selbstgerechte Hybris eines alten weißen Mannes, der sich einredet, ein ganz schön geiler Typ zu sein. Wenn genau dieser Roth dann aber zusammen mit der Altenpflegerin Simone aus dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan vorliest, entsteht ein Moment der Ruhe und Poesie, eine unwahrscheinlich aberwitzige Ahnung von Glück.
Verspielter Abgesang
Überhaupt gibt das Ensemble alles, um dem Leerlauf etwas entgegenzusetzen, den die Regie ab und an entstehen lässt. Im Roman bleibt Roth mit seinen Komplexen oft allein, und das wirkt in der Umsetzung auf der großen Bühne dann doch manchmal etwas unvermittelt verloren. Manchen Handlungsstrang arbeitet die Inszenierung eher pflichtschuldig aufgesetzt ab.
Trotzdem: Dieser "Sommer in Niendorf" macht über weite Strecken großen Schau-Spaß. Josef Ostendorf, Bettina Stucky und Yorck Dippe sind die komischen Epizentren dieses verspielten Abgesangs auf ein lieblos-verlogenes Patriarchat. Mit dicken Pinselstrichen zeichnet der Abend Menschen, die ihren Halt und ihre Orientierung verlieren, die nicht mehr wissen, wohin sie gehören, die unfreiwillig ins Schwimmen geraten. Dabei ist ihre alte Welt doch nie heil gewesen. Sprühsahne und Kurkonzerten zum Trotz.
Ein Sommer in Niendorf
von Heinz Strunk
Regie: Studio Braun, Bühne: Stephane Laimé, Kostüme: Dorle Bahlburg, Musik: Studio Braun, Sebastian Hoffmann, Video: Meika Dresenkamp, Choreografie: Rica Blunck, Licht: Rebekka Dahnke, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Yorck Dippe, Charly Hübner, Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Josef Ostendorf, Jacques Palminger, Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Bettina Stucky.
Tänzer*innen: Ellen Burgess, Nathalia Sofía Gómez Reséndiz, Alessia Marra, Edwin Etmael Montiel Sánchez, Katherine Aileen Osalde Lezama, Madeleine Julie Reichert, Alanna Reimpell Bravo, Oladé Roland Rodolpho Sagbo.
Band: Sebastian Hoffmann (Musikalische Leitung / Posaune), Lieven Brunckhorst (Saxophon), Ali Busse (Bass), Jens Carstens (Schlagwerk), Taco van Hettinga (Keyboards), Sönke Rust (Gitarren).
Premiere am 29. März 2025
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
Ein "selbstironisches Trash-Musical, mit Zeilen zum Niederknien, derangiert im besten Sinne" sah Maike Schiller und schreibt im Hamburger Abendblatt (31.3.2025): Trotz aller Bemühungen (tolle Live-Band unter der musikalischen Leitung von Sebastian Hoffmann, mutierter Riesen-Seehecht, „kugelsichere Sonnencreme") plätschere der Abend eine eine ganze Weile etwas unmotiviert vor sich hin. Aber dann fänden "irgendwo zwischen Langeweile, Geilheit und Fassungslosigkeit" alle Schießbudenfiguren zueinander, und der Abend saufe "auf denkbar glamouröse Weise" vollends ab.
Einen "grellen, gemeinen, fantastischen, mitunter gähnend langweiligen, auch die Peinlichkeitsgrenze schabenden Theaterabend", sah Peter Helling und sagt auf NDR Kultur (30.3.2025). "Charly Hübner spiele einerseits "wundervoll blasiert und leichtfüßig" und andererseits "fabelhaft, wie die Welt in ihm zerfällt".
Studio Braun erzähle die Geschichte "mit grobem Pinselstrich", könne aber auch "feine Momente hervorzaubern", berichtet Michael Berger in den Lübecker Nachrichten (1.4.2025). Die Akteure "schaffen es auch, wenige Durchhänger in der Geschichte wieder aufzurichten – auch mit Klamauk. Und ihre Darstellung sorgt dafür, dass die Figuren – anders als im Roman – einen Rest an Menschenwürde bewahren. Bei aller Verschrobenheit strömen sie eine Restwärme aus."
Wie "eine Mischung von Christoph Marthaler und Helge Schneider" wirkt dieser Abend auf Jens Jessen von der Zeit (3.4.2025), der dem Abend zugleich "Größe" bescheinigt. "Marthalerhaft sind die skurril überzeichneten Charaktere, die absurd-anmutigen Tanz- und Gesangseinlagen; an Helge Schneider erinnern die komisch entgleisenden Assoziationen – was auf eine bestimmte Pointe zuzulaufen scheint, verliert sich in einem Dickicht anderer, ebenfalls möglicher Pointen."
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