Er war nie weg

7. Dezember 2024. Vor vier Wochen wurde Donald Trump zum 47. Präsidenten der USA gewählt, vor zwei veröffentlichte Elfriede Jelinek auf ihrer Website bereits einen Text darüber. Falk Richter hat ihn jetzt sehr kurzfristig in einer "Erstpräsentation" auf die Bühne gebracht. Dem Schau- und Erkenntniswert des Abends tut das Tempo keinen Abbruch.

Von Andreas Schnell

Elfriede Jelineks "Endsieg" in der Regie von Falk Richter am Hamburger Schauspielhaus © Thomas Aurin

7. Dezember 2024. Eigentlich hatte es an diesem Abend Kästners "Fabian" geben sollen, aber der "Gang vor die Hunde", wie dessen Untertitel lautet, braucht noch eine Weile. Weshalb das Deutsche Schauspielhaus mit Falk Richter eine "schnelle szenische Annäherung" an einen neuen Text von Elfriede Jelinek angekündigt hat, ein Gedicht, wie Jelinek selbst den Text nennt. Als "Erstpräsentation" ist der Abend im Programmblatt etikettiert, der angesichts der waghalsig kurzen Probezeit schon ein recht ausgewachsenes Theater geworden ist.

Bilder eines finsteren Amerika

Richter brachte vor acht Jahren mit "Am Königsweg" bereits das erste Jelinek-Stück über Trump auf die Bühne des Schauspielhauses. Als oft grelles Poptheater mit resignativen Tönen: der Präsident als lächerliche Figur, die Schriftstellerin als blinde Seherin. Ein Bilderstrom, der sich aus Jelineks Textfluss speiste. Wenig überraschend findet sich im Grunde vieles davon auch in "Endsieg". Allerdings ist die Lage diesmal ernster, folgt man Jelinek, die schon mit dem Titel ganz schön vorlegt. Spiegelte "Am Königsweg" auch die Rat- und Hilfslosigkeit der Trump-Kritiker, soll es nun um das Volk gehen, das diesen Mann schließlich gewählt hat. Und damit nicht allein ist. "Jetzt sind es bereits mehrere Völker", heißt es da, und über die Leinwand brettern nicht nur Bilder eines finsteren Amerika, sondern auch die Gesichter von Politiker*innen wie Alice Weidel und Viktor Orbán.

Im Jelinek'schen Bilderstrom: Mirco Kreibich, Frank Willens, Josefine Israel, Christoph Jöde, Mehmet Ateşçi, Sandra Gerling und Julia Wieninger auf Nina Wetzels Bühne © Thomas Aurin

Das besagte Volk jedenfalls feiert Trump wie einen Messias, dem Nina Wetzel einen die Bühne beherrschenden Altar gebaut hat. Und die Mühseligen und Beladenen, die Ausgegrenzten, die Diskriminierten pilgern an die Urnen, mit Plakaten, auf denen Parolen stehen wie "Queers for Trump", "Blacks for Trump", "Women for Trump" und so fort. Sie haben einen Politiker gewählt, der auf ihren Rechten dann ganz buchstäblich herumtrampelt.

Launige Publikumsanimation

Das Spiel beginnt allerdings vor geschlossenem Vorhang. Vom Rang meldet sich eine glitzernde Frauenfigur zu Wort: "Schauen Sie sich nicht um!" Aus den Logen orakeln zwei weitere, die eine mit Jelinek-Tolle: "Der Palast dröhnt von Tritten, hin und her. Wie es war zu aller Zeit, so bleibt es in Ewigkeit. Die Ewigkeit bricht jetzt an, mit Datum heute, setzen Sie es ein, das Datum!"

Der Mann, der diese Zeitenwende verkörpert, betritt alsbald die Bühne, mit Dornenkrone und blondem Schopf. Vor einem Wappen mit Golfschlägern, Projektilen und Fackeln verspricht er ewigen Frieden und Wohlstand. Wie im Zeitraffer werden die Monate vor der Wahl durchgespielt, der Attentatsversuch, bei dem dem Kandidaten ein Streifschuss das Ohr versehrt, der alternde Herausforderer und dessen Nachfolgerin, wobei sich der Text in einer rasanten Bildmontage spiegelt. Den viral gegangenen Wahlkampf-Tanz des Kandidaten nutzt Frank Willens für eine launige Publikumsanimation, bevor er als gebürtiger Kalifornier auf Englisch die alten Familienwerte beschwört, aber das erschließt sich auch bei eher rudimentären Sprachkenntnissen schnell.

Großes Theater: Sandra Gerling, Mirco Kreibich, Christoph Jöde und Mehmet Ateşçi in Falk Richters "Erstpräsentation" von "Endsieg" © Thomas Aurin

Zusätzlich zu Jelineks Text hat Richter auch noch ein wenig vom Potsdamer Treffen neurechter Kreise abgelauscht, bei dem es unter anderem um die "Remigration" von Teilen der deutschen Bevölkerung ging. Gesungen wird natürlich auch, ziemlich schön übrigens, unter anderem John Denvers berühmtes "Country Roads", zu dem Richter auf der Drehbühne Szenen aus dem Trumpisten-Amerika zeigt: Männer am Grill, ein Boxer, eine mit blutenden Fingern stickende Frau, das Monument Valley im Hintergrund. Bilder der Irakkriege, von Hitler und Umweltkatastrophen mahnen auf Bühne und Leinwand.

Mut zum Unfertigen

Die theatrale Intervention bedingt in ihrer Dringlichkeit nicht nur drastische Bühnenmaßnahmen, sondern auch den Mut zum Unfertigen: Das Ende trägt das Ensemble sitzend an einem langen Tisch vor, auf dessen Oberfläche sie vorher ihre Köpfe schlugen. "Er ist da. Jetzt ist er da. Er war nie weg, jetzt aber ist er ganz da. Für uns. Willkommen! Wer bist du, der Unsterblichen Bester, der uns ruft, der uns fragt? Das muss er nicht, wir sagen brennend ja. Bis wir zu Sinnen gekommen, sagen wir halt, immer noch brennend: ja." Dunkelheit. Der zu erliegen eben gerade das ist, wogegen dieser Abend mit allen Mitteln kämpft. Manchmal ermüdet er dabei in sich ein wenig. Aber öfter noch ist er großes Theater.

Endsieg
von Elfriede Jelinek
Regie: Falk Richter, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Komposition und Musik: Matthias Grübel, Video: Michael Auder, Sébastien Dupuoey, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Mehmet Ateşçi, Sandra Gerling, Josefine Israel, Christoph Jöde, Mirco Kreibich, Julia Wieninger, Frank Willens.
Erstpräsentation des Textes am 6. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Gerade in der ersten Hälfte gelingen Falk Richter "grandios komische Szenen", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (9.12.2024): "Da wird in Slow Motion das Attentat von Pennsylvania auf die von Mirco Kreibich mit wirrem Blondhaar und Dornenkrone Jesusgleich gegebene 'Lichtgestalt' nachgestellt". Das seien Momente "wunderbar aufspießender Persiflage und man möchte so gerne darüber lachen, wenn es alles nicht so entsetzlich wäre". Die "Relevanz" des Abends übstrahle jedenfalls "jede Halbfertigkeit".

"Falk Richter, sein Ensemble und die Abteilungen hinter der Bühne lieferten einen fertigen Theaterabend, in Rekordzeit auf die Bühne gestellt", schreibt Stefan Grund in der WELT (9.12.2024). "Die Bilderwelten, mit denen Regisseur Richter den amerikanischen Alptraum fasst, reichen vom Firmament, das sich im Star-Spangled Banner spiegelt über den Weißkopfseeadler bis zu absurden Wappen auf Basis der Flagge, verziert mit Schusswaffen (...)." Dieses Mal gehe es "noch absurder" zu als bei Jelinek / Richters Erfolgsproduktion "Am Königsweg". Es sei dies "ein erhellender Abend, ein erhellter Abgrund", zeigt sich der Kritiker angetan.

Das Ensemble gebe "alles, um dieser szenischen Einrichtung den Look einer Falk-Richter-Inszenierung zu geben", findet Peter Helling im NDR (7.12.2024). Leider aber seien "eineinhalb Stunden selten so lang und langweilig". Der Abend reproduziere "Bilder und Texte über Trump und seinen Wahlsieg, die wir alle längst kennen". Und auch Elfriede Jelinek liefere "bis auf Wortgeklingel nichts Neues", so der Kritiker.

"Ist das jetzt wirklich der Erkenntnisstand einen Monat nach Trumps Wahlerfolg?", fragt sich Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (9.12.2024), der dem Abend nichts desto Trotz "theatralische Wucht" bescheinigt. Das Publikum scheine an diesem Abend zu ahnen, dass man sich "in einer Blase befindet, die Legitimität von Jelineks Zorn hin oder her: Guck mal, die blöden Amerikaner, jetzt haben sie das, was sie verdienen."

Kommentare  
Endsieg, Hamburg: Fleisch von unserem Fleische
Eine bemerkenswerte Streuung in der Kritikenlandschaft hat diese Erstpräsentation auf jeden Fall bewirkt; naja, man müßte wohl eher von einer Polarisierung sprechen, denn ob das (wer dem nachspüren will, kann beispielsweise das Interview lesen und/oder hören, welches Falk Richter im Vorfeld der Premiere dem NDR gab), was Falk Richter quasi als Hauptziel dieser szenischen Umsetzung des Jelinektextes ausgab, nämlich eine gute Reibungsfläche für Diskussionen über diese Umsetzung anzuregen, welche gerade unsere eigene Position gegenüber den Geschehnissen ins Auge nimmt und zwar explizit, ohne sich dabei über den gemeinen Wähler, die gemeine Wählerin in den USA zu erheben, ist nun angesichts der polarisierenden Wirkung überaus fraglich.
Noch deutlicher tritt das ja in der FAZ-Kritik Irene Bazingers vom 10.12. zutage (die dem Pressespiegel noch nicht hinzugefügt wurde), die von einer ärgerlichen Banalität handelt, welche sogar an ein Karl Valentins Diktum gemahne, es sei bereits alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem, und in den Kanon jener Stimmen sich einfügt, NDR-Kritik und Süddeutsche Zeitung, welcher vor allem eine unangebrachte Verunglimpfung eben jener gemeinen Wählerschaft der USA sehen will. Und gerade diese sehe ich nicht; im Gegenteil erlebte ich einen Abend, den ich als Kritiker, der ich nicht bin (bis auf für meine persönlichen Belange), gewiß mit der Überschrift "Fleisch von unserem Fleische" versehen hätte, weil ich nämlich finde, daß Falk Richters Einrichtung des Abend und ihre Umsetzung durch die sieben Akteure unsere Verwicklung in die Ereignisse auf gut dialektische Weise wunderbar vollbringt. Und wäre dies auch nur in jenem starken Bild zum Song "Country Roads" geschehen, allein dieses hätte den Abend gelohnt und uns diesen Song einmal ganz anders präsentiert oder gar in die Glieder fahren lassen. Ein sehr einnehmender Song, der bei keinem Schulausflug, an keinem Pfadfinderlagerfeuer oder öffentlichem Folk-Mitsingding , darauf kommt es an, hierzulande (!) fehlen darf, und es ist, der Nachtkritiker hob es hervor, dann noch einmal besonders anheimelnd, wenn dieser Song nun auch noch so schön, Axthieb für Axthieb für das gefrorene Meer in uns quasi, vorgetragen wird wie an diesem Abend ! West Virginia aber ist just eine der Hochburgen des mittlerweile zur "Person des Jahres 2024" vom TIME-MAGAZIN gekürten 45. und 47. US-Präsidenten. So ein Bild macht in all seiner Wohligkeit hübsch befangen, will man es, finde ich, nur recht bedenken ! Es verweist auf uns, gerade damit wir uns einmal Rechenschaft darüber ablegen, wie gut wir eigentlich auf dem US-Kontinent so bewandert sind und ob uns die tiefe kulturelle Verflechtung mit den USA, welche hierzulande so viele Diskurse prägt, nicht auch im Wege dabei stehen könnte, wenn es beispielsweise darum geht, der AFD sowohl gerecht als auch wirksam entgegenzutreten, statt sich tatsächlich zum 1001. Mal seine scheinbare Überlegenheit dadurch gegenseitig aufblühen zu lassen, indem man sich davon erzählt, daß man in den USA zum Teil noch nicht einmal wisse, ob es die DDR noch gäbe, und daß jedenfalls alle Deutschen sich regelmäßig zum gemeinsamen Sauerkrautessen träfen. Die Ungeduld, mit der einige Kritikerinnen und Kritiker hier, meineserachtens realitätsfern bis borniert, geradezu inhaltlich neue Impulse von so einem kleinen Abend erwarten, ist in diesem Sinne geradezu zutiefst amerikanisch, so wie zutiefst deutsch..
Endsieg, Hamburg: Skizzenhaft
Natürlich ist manches noch skizzenhaft, aber insgesamt ist „Endsieg“ schon erstaunlich nah an einem fertigen Theaterabend. Im gewohnten Falk Richter-Stil erleben wir Politik-Comedy, TikTok-Bilderrausch, viel Folk-Musik, Jahresrückblick, schöne Soli des hervorragenden Ensembles und auch noch eine von Frank Willens angeleitete Mitmach-Aktion. Wer im Publikum kann so ungelenk tanzen wie Trump bei seinen Wahlkampf-Show-Auftritten zu YMCA?

Mit Dornenkorne und im Jesus-Look wird Mirco Kreibich zu einer messianischen Lichtgestalt, in schneller Folge wechseln sich Jelinek-O-Ton, Musik-Lagerfeuer-Nummern zur Klampfe und Schnipsel aus der AfD zur Remigration. Das ist eine unterhaltsame, rasante Montage.

100 Tage nach der Inauguration von Trump geht das Hase und Igel-Spiel weiter: mit dem atemraubenden Tempo, in dem der Präsident seine Disruptions-Pläne umsetzt, der halben Welt den Zollkrieg erklärt, der Ukraine die Kapitulation abverlangt und von Deal-Ankündigung zu Deal-Ankündigung hetzt, kann dann nicht mal mehr Elfriede Jelinek mithalten. Vieles aus ihrem Text wirkt schon wieder überholt. Aber wahrscheinlich brütet auch Jelinek längst schon wieder über der Tastatur.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/29/endsieg-schauspielhaus-hamburg-kritik/
Endsieg, Hamburg: Trump postet KI-Papst
Am 6.12.2024 ging Trump noch als "Erlöserfigur" seines Wahlkampfes über die Bühne.
Genau 5 Monate später postet er sich auf Instagram als KI-generierter Papst (und bringt vielleicht ja hinreichend viele Katholiken gegen sich auf ...), der ein wenig aussieht wie der Rodrigo Borgia aus der 2011er-Serie "Borgia- Faith and Fear", ein Tag vor dem Konklave.
Vielleicht das erste Konklave, bei dem man währenddessen es vor sich geht, im Film "Konklave" sitzen kann (morgen in Rendsburg, ab 17:30 Uhr ist auch das möglich).
Vielleicht ist das ja auch etwas für einen Spiralblog (??).
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