Mein Schwanensee - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Liturgie mit Langhantel
10. Oktober 2025. Tschaikowski im Titel, Jelinek in den Texten und Muckibude auf der Bühne: Der große Regie-Melancholiker Christoph Marthaler ist zurück, um einmal mehr vom ruhenden Lied in allen Dingen zu künden. Ein Abend, der kaum etwas hält, was er verspricht, und doch die höchsten Töne trifft.
Von Katrin Ullmann
"Mein Schwanensee" von Christoph Marthaler am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Matthias Horn
10. Oktober 2025. Manche Marthaler-Abende gleichen einem Gottesdienst. Das ist ganz und gar ironiefrei gemeint und – wenn auch aus agnostischer Haltung – absolut wertschätzend. Denn manchen, vielen Marthaler-Abenden wohnt diese ganz eigene, feierliche Ruhe inne und sowieso allen seinen Abenden das ein oder andere wiederkehrende Ritual.
So weiß man etwa, dass bei den Inszenierungen dieser feinkomischen Melancholie-Regie-Legende mit ziemlicher Sicherheit irgendwann ein Choral gesungen werden wird und bestimmt auch mal Bach gespielt. Dass man mit dem ein oder anderen Slapstick rechnen darf, genauso wie damit, dass Geräte, Schubladen oder Wandhalterungen irgendwann ein eigenwilliges Eigenleben entwickeln werden. Und auch damit, dass zwischendurch minutenlang nichts passieren wird, dass die Spieler*innen dann tiefgründig schweigen und warten und mit geraden Rücken auf harten Bänken ausharren. Dass sie dann die Stille feiern, oder, meist vom Publikum abgewandt, auch mal andächtig eine Betonwand ansingen. Herrlich erwartbar, angenehm beruhigend und eigentlich wie in der Kirche, oder?
Abschluss einer Trilogie
Und dann ist es eigentlich fast egal, ob so ein Abend "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" heißt oder "Im Namen der Brise" oder "Mein Schwanensee". Letzterer zumindest, so erklärt die Webseite des Hamburger Schauspielhauses, bilde den Abschluss einer Trilogie, in der Christoph Marthaler Texte verwende "von Autor*innen, die aus unterschiedlichen Gründen den vollständigen Rückzug in Zimmer und Türme wählten, um aus kleinsten Räumen größte Literatur hervorzubringen".
Wunderliche Unterredungen: Samuel Weiss und Fee Aviv Dubois, im Hintergrund Sasha Rau, Josefine Israel, Magne Håvard Brekke © Matthias Horn
Basierten die vorangegangenen beiden Teile auf fein ausbalancierten Textcollagen von Friedrich Hölderlin respektive auf Gedichten von Emily Dickinson, hofft man bei "Mein Schwanensee" nahezu vergebens auf Tschaikowski-Motive. Nur ein halbes Dutzend impulsive Akkorde lockt Fee Aviv Dubois im beherzten Wechsel mit Bendix Dethleffsen zwischendurch aus den zwei Bühnenklavieren heraus. Ansonsten plätschern frühe, bisher nicht aufgeführte und eher schwächliche Texte von Elfriede Jelinek durch den Raum, sprich den Malersaal. Schließlich sei auch sie eine Autorin, die sich zurückzieht und abschottet, so strickt das Programmheft – eine links, eine rechts, eine fallen gelassen – den roten Trilogie-Faden.
Scheitern an der Mucki-Bude
Duri Bischoff hat für "Mein Schwanensee" ein in die Jahre gekommenes Turn- und Langhantel-Studio gebaut. Ein perfekter Ort für Alt-Herren-Fitness mit Schwergewichten, Klettergerüsten und von der Decke baumelnden Turnringen. Auch wenn die beiden männlichen Spieler Samuel Weiss und Magne Håvard Brekke schwitzig rotgesichtig in dieser Muckibude gnadenlos scheitern, ist klar: Irgendwann ist für jeden "Zeit für Kieser". Selbst für Tarzan, "den athletisch gebauten mann", der in den Jelinek-Texten zu Wort kommt, genauso wie für den Ozeanquerer Charles Lindbergh: "morgen muß ich mich bewähren muß, als mann und als flieger."
Doch hört man über die ein bisschen schlichten und vor allem staubig wirkenden Inhalte dieser merkwürdig zusammenhanglos arrangierten Texte hinweg und achtet auf die Bedingungslosigkeit, mit der die sechs Spieler*innen sich ihrer annehmen, ist der Abend ein herrliches, heiter-melancholisches Vergnügen. Da entwickelt Samuel Weiss binnen zwei Wörtern ekelhaft selbstgefälligen Komponisten-Größenwahn, da gibt Josefine Israel mit fester, aufrichtiger Stimme eine klug überlegene Ballerina, die zielsicher jenes Künstler-Genie entlarvt. Da performen Sasha Rau und Magne Håvard Brekke in stumpfer Dialog-Repetition ein sich mehr und mehr entfremdendes Lindbergh-Paar, da spielen sich Fee Aviv Dubois und Bendix Dethleffsen mit wenigen Repliken in höchste sexuelle Not.
Zwischen Hantel und Kanzel: Ensemble im Bühnenbild von Duri Bischoff © Matthias Horn
Da wird Schuberts "Nachthelle" gesungen und mit dem Waschwasser eines nebenbei dauerschleudernden Top-Laders jede einzelne Spieler*innen-Stirn geweiht, da wird von einer ebenfalls im Fitnessraum stehenden Kanzel herab "Freed from Desire" intoniert. Selbstredend in einer traumschönen Slowmotion-Version von Fee Aviv Dubois. Da tönt Karin Neuhäusers Stimme vom Anrufbeantworter, da singen Dubois und Samuel Weiss je noch ein Lied von Robert Schumann und Bendix Dethleffsen daraufhin das Chianti-Lied und schließlich alle zusammen ein himmlisch entrücktes "Benedictus". Diese Playlist möchte man haben!
Hochmusikalische Andacht
Unbeirrbar singen, summen, schreiten und sprechen sich die Spieler*innen durch diesen Abend. In immer wieder hochplätschernden Wellen voll feinstofflicher Komik. Nur minimal agieren sie dafür zwischen Turngeräten und Klavieren, blicken mal auf die Kanzel und mal auf ein – man muss die Augen beim Blick auf die Trainingsbank an der Bühnenrückwand nur ein bisschen zukneifen – Kreuz. Glockenhelle Stimmen, feine Rhythmik und immer wieder rätselhaftes Innehalten: "Mein Schwanensee" ist eine typische, hochmusikalische Marthaler-Andacht. Sie ist textlich zwar weniger gehaltvoll als ihre beiden Trilogie-Vorgänger und auch entsprechend magenfreundlicher. Zur Verdauung braucht es hiernach keinen Magenbitter, erst recht keinen Tequila. Schließlich wird bei einem Gottesdienst ja auch nur maximal Rotwein gereicht. Amen.
Mein Schwanensee
von Christoph Marthaler mit Texten von Elfriede Jelinek
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Licht: Björn Salzer, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Judith Gerstenberg.
Mit: Magne Håvard Brekke, Bendix Dethleffsen, Fee Aviv Dubois, Josefine Israel, Sasha Rau, Samuel Weiss.
Premiere am 9. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
"Mustern aus einer vergangenen Zeit, den Versuchen, sich frei zu machen von den Zwängen der Durchsuchbarkeit", wohnte Simon Strauss für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (11.10.2025) bei. Dem Publikum bleibe "nur das Zuschauen und Erinnern – das zumindest gelingt uns noch, auch wenn wir das Lesen gerade verlernen: hinzuschauen, den Klang zu hören von Klaviertönen und von ein bisschen Text. Auf den kommt es am wenigsten an bei diesem anbeseelten Abend (…)."
Joachim Mischke vom Hamburger Abendblatt (11.10.2025) konzidiert: "Auch wenn das der x-te Marthaler-Abend ist, der mit handverlesener Musik, penetranter Entschleunigung und gelassener Melancholie am Rand einer Selbst-Persiflage entlangflanierte, weil man bis in die sonderbaren Kostüme hinein alles schon so oft gesehen hat: Er hat nach wie vor ein feinstfühliges Händchen für das liebevolle Ausstellen allzumenschlicher Trotteligkeiten, entkoppelt von tieferem, mittlerem oder höherem Sinn. Und die Stammgäste in seinem mitspielenden Personal wissen eh, wie’s geht."
Im NDR (10.10.2025) berichtet Katja Weise: "Christoph Marthaler begegnet den Jelinekschen Spitzen mit feiner Ironie und stellt ihren Texten gewohnt viel Musik zur Seite, gibt ihnen aber auch Luft zum Atmen. Wie so oft bei Marthaler ist das Timing nahezu perfekt, alles greift ineinander, doch dehnt sich die Zeit in manchen Momenten sehr."
Stefan Grund von der Welt (10.10.2025) sah "kurzweilig-poetisches Musiktheater". Er schreibt: "Die sprachliche Komik des Abends wird durch herrliche Slapstickeinlagen ergänzt, was wiederum wundervoll zur Trivialebene in den Gedichten passt. Weder Marthaler noch Jelinek unterscheiden in ihrem Werk zwischen Hochkultur und Kultur für alle."
"Ein Puzzle" habe Marthaler geschaffen, sagt Michael Laages in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (9.10.2025). Die Jelinek-Texte seien "vertrackt und verwirrend", böten aber ohnehin nur "kleine Rahmenstifterein" für die Inszenierung. "Wie der Teufel das Weihwasser hat Christoph Marthaler an diesem Abend Zusammenhänge gescheut." Gleichwohl sei diese Produktion "verführerisch" und "aufreizend wie es eine Castorf-Inszenierung ist" und sehe im Ganzen "gut aus".
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