Vampire's Mountain - Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Gletscherschmelze im Fledermausland
17. Oktober 2025. Möglich, dass das Leben als Fledermaus besser wäre. Aber wer kann das schon so genau wissen? Der Theaterzauberer Philippe Quesne entwirft am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine Fantasie über das Weltende aus Sicht fantastischer Blutsauger.
Von Jan Fischer
"Vampire's Mountain" von Philippe Quesne am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Martin Argyroglo
17. Oktober 2025. Reichlich Nebel. Eiskalte Chöre. Der Vorhang hebt sich, dahinter ist eine große Plane mit einem Fichtenwald darauf gespannt – ein Fichtenwald, in dem die eine oder andere Hexe unvorsichtigen Kindern auflauern könnte. Hier ist es allerdings ein Sarg, der aus der Bühnenversenkung gewuchtet wird. Er enthält einen kleineren Sarg. Ein paar der Schauspieler*innen setzen sich darauf, die anderen beginnen, mit dem großen Sarg zu spielen, mit langen Zähnen, noch mehr Nebel und Saallichtblitzen spielen sie Vampir.
Menschenlabor mit Spielzeug
Überhaupt: Spielen. Das ist das Motto des Abends "Vampire's Mountain", den Philippe Quesne am Deutschen Schauspielhaus im Hamburg inszeniert. Der Fichtenwald wird ins Bühnengestänge hochgezogen, dahinter kommt eine Berglandschaft zum Vorschein. Und ein Klavier. Und eine Leiter. Und ein paar Skelette in Bergsteigerkleidung. Später werden auch Skier heruntergelassen. Und ein bisschen wirkt es, als hätte Quesne seinen Darsteller*innen die Anweisung gegeben, mit all diesen Dingen, die sie auf der Bühne vorfinden, einfach mal was zu machen. Menschen in einem Labor, die Spielzeug in die Hand bekommen. Heraus kommen Aktionen, Bilder, die zunächst wie nebeneinandergelegt wirken, viele Dinge, die auf der Bühne parallel passieren. Die aber immer wieder auch zusammenfinden zu einer gemeinsamen Choreographie, einem gemeinsamen Lied, etwas, das ein wenig Ordnung in die Collage auf der Bühne bringt.
Aus dem Jahr ohne Sommer
Der Abend ist allerdings nicht nur Spiel oder vielleicht: auch Ernst, wie jedes Spiel auch Ernst ist: "Vampire's Mountain" ist eine Veranstaltung im Rahmen des Symposiums "Happy Endings", in dem es um etwas namens "palliative Dramaturgie" geht: Theater, das Sterbebegleitung für eine von multiplen Krisen geschüttelte Welt sein soll. Oder zumindest dabei helfen kann, das Ende als unvermeidlich zu akzeptieren. Denn wer das akzeptiert, kann auch etwas dagegen tun.
Konzert der Untoten mit Gletscherpanorama: Ensemble © Martin Argyroglo
Und so schmilzt auf der Bühne die schneebedeckte Berglandschaft in sich zusammen, geht direkt darauf der Trauermarsch mit Orgel und Querflöte los, während ein Text von Lord Byron verlesen wird, den er 1816, unter dem Eindruck des Jahres ohne Sommer schrieb. Der Himmel erinnere an ein "Leichentuch", heißt es darin, "die Wellen sind tot, die Gezeiten liegen im Grab". Dabei ist Quesnes Inszenierung, sind die Bühnen des studierten bildenden Künstlers immer mehr Lyrik als Prosa, immer mehr Gefühl als Handlung. Auch wenn – wie in der Byron-Passage – Momente von Klarheit durchscheinen. "Hoffnung ist gut, wenn man die Mittel in der Hand hat, sie zu verwirklichen. Andernfalls ist sie Torheit", heißt es einmal.
Vampire gibt es auch. Oder vielleicht Fledermäuse
Und, klar, Vampire gibt es in der Collage auch: Zu Anfang, zwischendrin, irgendwann sind es dann eher Fledermäuse als Vampire, die Darsteller*innen lispeln ihren Text oft durch übertriebene Fangzähne, und am Ende gibt es eine Choreographie von allen in Fledermauskostüm. Mehr mit Vampiren hat allerdings zu tun, dass Quesne sich gerne an Gruselmotiven bedient: Der Wald, der Nebel, später tauchen die Zwillinge aus Shining auf, in der Berglandschaft gibt es – neben der Sigmund-Freud-Grotte – auch einen Bram-Stoker-Grat.
Keine zwei Stunden dauert das irreale Parallelbild-Spektakel auf Bühne des Hamburger Schauspielhauses. Es ist leichtfüßig, spaßig, teilweise mit Slapstick-Momenten garniert. Gleichzeitig schält sich auch immer wieder Todernstes heraus: Alles stirbt, alles ist vergänglich und selbst die untoten Fledermäuse knallen ständig an die Wände. Zu holen gibt es nichts mehr, auch wenn – zumindest zwischenzeitlich – die Gletscher wieder aufsteigen. Am Ende ist das alles sehr feines Theaterchaos, das eigentlich gar kein Chaos, sondern eine Ansammlung von Bildern und Atmosphären ist, die alle genau kalkuliert sind – und stellenweise auch zu komplexer Bühnenpoesie zusammenfinden.
Vampire's Mountain
von Phillippe Quesne
Konzept, Regie, Bühne und Kostüme: Philippe Quesne, Mitarbeit Bühnenbild: Elodie Dauguet, Technische Mitarbeit: François Boulet, Mitarbeit Kostüme: Marie-Luise Otto, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Judith Gerstenberg.
Mit: Jean-Charles Dumay, Sachiko Hara, Sébastien Jacobs, Sasha Rau, Bettina Stucky, Samuel Weiss, Martin Zamorano.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
schauspielhaus.de
Kritikenrundschau
"Es sind versponnene, verrätselte, groteske Momente, die Philippe Quesne mit großer Ruhe zu einem Bild- und Soundteppich verwebt", sagt Katja Weise auf NDR Kultur (17.10.2025). "Eine Handlung gibt es nicht, geredet wird wenig. Quesne spielt mit Verweisen auf die Kunst, die Bilder sind herrlich anzusehen, und es wird wunderbar musiziert. Dem Abend haftet etwas Improvisiertes an, als könne er jederzeit aus dem Ruder laufen, jederzeit alles zu Ende sein. Aber es geht weiter."
"Das ist so eine Mischung aus feiner Komik, trashigen Grusel und billigem Horror“, beschreibt Katrin Ullmann in der Sendung Fazit (16.10.2025). Aber: "Es ist nicht sein (Philippe Quesnes, Anm. d. Red.) radikalster Abend. Mir fehlte ein bisschen die Dringlichkeit. Mich hat dieses Setting nicht restlos überzeugt, es war zu komisch, da fehlte mir so größeres, ernsthaftes Anliegen."
"Großes Glück am Hamburger Schauspielhaus, bei einem Abend, der mit großer Zartheit vom Weltenende als einem Ende der Bilder erzählt", sagt Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (17.10.2025).
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Er verwandelt die Bühne in eine Landschaft des Abschieds. Das Stück ist Teil des Symposiums „Happy Endings“, das sich als Beitrag zur palliativen Dramaturgie versteht: Theater als Sterbebegleitung einer überforderten Zivilisation. Es erzählt nicht vom Weltuntergang, sondern vom Versuch, ihm mit Schönheit, Spiel und Melancholie zu begegnen.
Die Aufführung beginnt mit Klängen menschlicher Stimmen und der dunklen Silhouette eines Fichtenwaldes (Theaterprospekt). Schauspieler*innen bewegen sich tastend durch Nebel, Licht und Geräusch. Die Bühne verwandelt sich Schicht für Schicht: Wald, Bergmassiv, Höhle. Skier werden herabgelassen, Skelette tauchen auf. Quesnes Ensemble scheint mit allem zu experimentieren, was sich auf der Bühne findet – eine Versuchsanordnung zwischen Menschenlabor und Endzeitspielplatz.
Hinter dem verspielten Chaos verbirgt sich eine präzise Komposition. Aus scheinbar improvisierten Aktionen entstehen poetische Tableaus. Alles ist gleichzeitig Spiel und Ernst – ein Theater, das sich selbst befragt, während es die Welt verabschiedet. Quesnes Vampire sind keine Schreckfiguren, sondern Überlebende einer erschöpften Spezies Mensch. Sie spiegeln eine Existenz, die die Natur ausgebeutet hat, bis nichts mehr blieb. So wird der Abend zur Parabel auf anthropozentrische Hybris: Der Mensch als Untoter seiner eigenen Zivilisation.
Quesne zitiert Mythen und Philosophie: Eine „Freud-Grotte“, ein „Nietzsche-Gipfel“, ein „Bram-Stoker-Grat“. Dazu erklingen Chöre, Orgel, Querflöte, ein Tonbandgerät, das beharrlich weiterläuft, wenn alles andere zerfällt. Lord Byrons Text „Jahr ohne Sommer“ wird als Totengesang verlesen: „Die Wellen sind tot, die Gezeiten liegen im Grab.“ Klang ersetzt Handlung. Das Ende klingt, atmet, rauscht.
Die Kritik beschreibt den Abend als „Bild- und Soundteppich aus versponnenen, grotesken Momenten“ (K. Weise, NDR), „einem Abend, der mit großer Zartheit vom Weltenende als einem Ende der Bilder erzählt“ E. Spreng (Deutschlandfunk) und „eine Mischung aus feiner Komik, trashigem Grusel und billigem Horror“ (K. Ullmann). Genau diese Schwebezustände sind Quesnes Handschrift: die Apokalypse als sanftes „Schau-Spiel“.
Der Aufführung lebt von der Langsamkeit. In Zeiten der Hektik zwingt Quesne sein Publikum zum Verweilen. Die konzentrative Stille im Saal wird zur kollektiven Meditation. Nichts drängt, nichts will schockieren. Stattdessen entfaltet sich eine leise, fast zärtliche Katastrophe. Selbst die Fledermäuse – Sinnbilder des Überlebens – verlieren ihre Orientierung und zerschellen an den Höhlenwänden.
Im Konzept der palliativen Dramaturgie (nach J. Gerstenberg) wird Theater zum Ort des Begreifens und Begleitens. Es versucht nicht, den Untergang zu verhindern, sondern ihn ästhetisch zu begleiten – als Prozess des Akzeptierens, als poetisches Verlangsamen. Quesne erprobt dieses Denken in Bildern: Er bietet keine Lösung, sondern eine Wahrnehmungspraxis an.
Vampire’s Mountain ist eine Theaterlandschaft des Vergehens. Eine Performance aus Bildern, Klängen und Gesten, die eine Welt zeigen, die uns nicht mehr braucht. Das Ende nicht als Zerstörung, sondern als ästhetischer Zustand. Quesne macht das Theater zum letzten Überlebensraum: ein Ort, an dem noch gespielt, gedacht, geträumt werden darf.
Am Ende erklingen kirchliche Gesänge, die Untoten verschwinden in ihrem Reich, und auf der Bühne bleibt nur das Geräusch der Maschine. Das Theater bleibt zurück – als Erinnerung daran, dass wir nur eine kurze Zeit auf dieser Erde sind.
Vampire’s Mountain ist poetisches Überlebenstheater, ein melancholischer Totentanz, der sich weigert, zynisch zu werden. Indem Quesne nichts mehr retten will, rettet er das Entscheidende: unsere Fähigkeit, zu schauen, zu staunen – und inmitten des Endes kurz zu leben.
(Ein Versuch über das langsame Ende und die Kunst, weiterzuleben)
Auf der Bühne wabert Nebel. In ihm: ein Sarg, eine Fledermaus, vielleicht auch ein Gedanke. Philippe Quesnes Vampire’s Mountain und die molekulare Poetik der Chiroptera begegnen sich an einem unwahrscheinlichen Ort – irgendwo zwischen dem Mikroskop und der Bühne, zwischen Mitochondrium und Mythos. Hier wird das Theater zum Labor, und das Labor zum Theater.
Quesne zeigt Vampire, die keine Menschen mehr sind, sondern Überreste einer Spezies, die sich selbst überlebt hat. Ihre Langsamkeit, ihr stilles Spiel mit dem Ende, erinnert verblüffend an jene Tiere, die das Altern selbst überlistet haben: Fledermäuse, die jahrzehntelang fliegen, ohne an Krebs, Entzündung oder Müdigkeit zu zerfallen. Während Quesnes Vampire die Apokalypse mit feinem Trash und melancholischem Humor umarmen, betreiben Fledermäuse ihr eigenes Anti-Endzeit-Programm in der Dunkelheit der Höhlen: Sie regulieren, dämpfen, überstehen.
Es ist, als hätten Quesnes Vampire von den Fledermäusen gelernt, wie man stirbt, ohne zu vergehen. Beide praktizieren eine Kunst der Dosierung. Die Fledermaus dämpft ihre Immunantwort, Quesne dämpft das Drama. Kein Feuerwerk, keine Zerstörung – stattdessen eine stille, fast meditative Überlebensstrategie. Die Biologie nennt das Inflammationskontrolle, das Theater nennt es palliative Dramaturgie.
Die Bühne im Deutschen Schauspielhaus Hamburg wird so zum Zellkern einer kranken Welt. Inmitten von Nebel, Holz und Orgelmusik vollzieht sich ein leises Experiment: Kann Kunst – wie die Evolution – lernen, den Untergang zu verlangsamen? Quesne antwortet mit Zärtlichkeit. Seine Vampire spielen mit Skiern, mit Klavieren, mit der Idee von Erinnerung. Sie zitieren Byron und Rilke, als wären sie molekulare Marker einer vergangenen Kultur. Gleichzeitig hallt in jedem Satz die Biologie mit: jene unsichtbare Forschung, die in Hiller Labors nach den genetischen Geheimnissen der Langlebigkeit sucht.
Beide Erzählungen – die wissenschaftliche und die theatralische – sprechen dieselbe Sprache: die der Balance. Die eine balanciert Zellstress, die andere existenziellen Stress. Die eine schützt sich vor dem Zuviel an Leben, die andere vor dem Zuviel an Bedeutung. Zwischen p53 und Poesie, Telomerase und Totentanz, ISG15 und Improvisation entsteht eine gemeinsame Erkenntnis: Überleben ist kein heroischer Akt, sondern eine Form von Rhythmus.
Das Publikum im Schauspielhaus sitzt still wie Forscher vor der Petrischale. Es beobachtet Prozesse, keine Handlungen; Reaktionen, keine Explosionen. Man könnte meinen, Quesnes Bühne sei das ästhetische Pendant zur DNA-Reparatur – kleine Fehler werden umarmt, statt ausradiert.
Am Ende bleibt ein Gefühl von Sanftheit. Nicht das Versprechen, ewig zu leben, sondern die Einladung, das Vergehen zu verlangsamen. Fledermäuse schaffen das mit molekularer Präzision; Quesne mit Musik, Licht und Humor. Beide entwerfen keine Zukunft, sondern eine Haltung: Ruhe statt Aggression, Staunen statt Panik.
Vielleicht ist das die wahre Unsterblichkeit – nicht in Genen, sondern in Gesten. Ein Flügelschlag im Dunkeln. Ein Satz im Nebel. Ein Publikum, das für zwei Stunden vergisst, dass alles vergeht.