Schleuderdrama - Theater Bielefeld
Verführt vom Avatar
15. November 2025. Standing Ovations in Bielefeld: Laura Naumanns neues Stück "Schleuderdrama" zeigt die Zukunft des Zusammenlebens mit der Künstlichen Intelligenz. Und begeistert mit Witz, Tempo – und humaner Spielwucht.
Von Karin Yeşilada
Laura Naumanns "Schleuderdrama" in der Uraufführung von Dariusch Yazdkhasti in Bielefeld © Joseph Ruben
15. November 2025. Gerade erst wurde ein Freund Opfer von Cyberkriminalität, komplette IT gehackt und gekapert, inklusive ergaunerter Digital-Ausweise und Stimmproben. Mittels KI werden Betrüger nun seine Identität für ihre Machenschaften nutzen, Ausgang ungewiss. Im Zukunftsuniversum von “Schleuderdrama“ nutzen die Menschen Künstliche Intelligenz ganz bewusst zur Identitätskopie: Konzerne verkaufen lizenzierte Chatbots in humanoider Form, die als Alter Ego ihrer Kund*innen nicht nur programmierbare Reaktionen, sondern auch physische Begegnung ermöglichen. Reizvolle Vision oder Albtraum? Darüber macht sich Laura Naumann in ihrem neuen Stück Gedanken.
Der Avatar, dein Freund und Helfer
In einer nahen Zukunft hat sich Mia eine artifizielle Freundin geschaffen, die ihr aufs Haar gleicht und wunschgemäß funktioniert. Damit erfährt die Tochter aus dysfunktionaler Familie erstmals eine konfliktfreie, glückliche Beziehung. Dumm nur, dass ausgerechnet an diesem (Bühnenstück-)Tag nichts so funktioniert wie gewünscht. Eigentlich sollte Doppelgängerin Maia im Anschluss an die Beerdigung der Großmutter zu Mias Eltern gehen und dort die toxische Beziehungsdynamik ausbalancieren. Doch sie erscheint nicht.
Während Mia verzweifelt im Auto vor dem Elternhaus hockt und vergeblich versucht, ihren Avatar zu erreichen, versuchen die streitenden Eltern abwechselnd, die Tochter aus dem Auto zu locken. Der frisch verwitwete Großvater wiederum scheint sich nur für sein Projekt im Garten zu interessieren (wo er einen Bunker baut). Schließlich erscheint Maia doch noch, und übernimmt nicht nur ihre Aufgabe, sondern auch die Kontrolle.
Im Auto vor dem Elternhaus: Ronja Oehler als Mia © Joseph Ruben
Bis dahin hat das Stück schon gehörig negative Spannung aufgebaut: Mias Mutter Marion, draußen erfolgreiche Ärztin und zuhause unerträgliche Xanthippe (großartig: Christina Huckle), verfolgt zielstrebig ihre Ambitionen auf das Bürgermeisteramt, für das sie eine heile Familie präsentieren muss. Vater Christian, ein von der KI aus dem Beruf geschossener ehemaliger Journalist (schön verzottelt: Alexander Stürmer), probiert sich als Health Influencer und lebt heimlich seinen Hass auf Service-Roboter aus. Gegenüber der Tochter spielt er den "Good Cop", während Marion ihre Tochter hemmungslos abkanzelt. Kein Wunder, dass die sich da eine KI-Doppelgängerin hält, die für sie in die Bresche springen soll. Maia mischt diese dysfunktionale Idylle nun also ordentlich auf und treibt die Handlung auf ihr fatales Ende zu.
Crash Test Dummy Mensch
Das alte Motiv von der Puppe, die zum Leben erwacht und ein Mensch sein will, reicht von "Pinocchio" bis zu Steven Spielbergs Film "AI" und durchzieht auch "Schleuderdrama". Während Mia im Auto tobt, letztendlich aber passiv bleibt, bewegt sich ihr Avatar frei umher und kann "nach Herzenslust" – echt jetzt? – agieren.
Tatsächlich versucht Maia, ihre von Mia erteilte Mission zu erfüllen, und zwar exakt gemäß den dafür erstellten Prompts, mit denen Mia sie vorher programmiert hat. So sensibilisiert sie Mias Eltern, kittet deren Eheprobleme und etabliert ein positives Bild ihrer Tochter. Dass sie dabei auch manipulativ vorgeht, führt zu der Frage, ob sie nicht doch off-script agiert. Und ihre Auftraggeberin absichtlich aus dem Weg räumt, um sich den Traum zu erfüllen, als "echte Mia" weiterzuleben. Das Stück endet als Farce. Mia stirbt beim Autounfall, Maia "überlebt", und obgleich ihre Eltern erkennen, dass es sich bei der Unfalltoten um ihre leibliche Tochter handelt, feiern sie die humanoide Doppelgängerin als ihre neue Ideal-Tochter. Alles endet happily im schwülstigen Musical-Finale, nur die tote Mia schweigt.
Vollblut-Theater
Naumann arbeitet immer wieder gern mit dem Bielefelder Theater zusammen, und die Chemie stimmt auch in dieser sehr lebendigen, temporeichen Inszenierung von Dariusch Yazdkhasti (Regie) und Irene Wildberger (Dramaturgie). Auf der von Mikhail Zaikanov gestalteten Bühne repräsentiert ein vorne offener Holzbau das Elternhaus; per Livestream öffnet sich der Bühnenraum bis in den realen Theater-Hinterhof, wo Mias Auto parkt. Über die Beleuchtung (Licht: Mario Turco) werden die Wechsel zwischen Haus und Hinterhof realisiert.
Kein heiles Zuhause: Ronja Oehler, Christina Huckle, Alexander Stürmer und Gesa Schermuly auf der Bühne von Mikhail Zaikanov © Joseph Ruben
Ronja Oehler als Mia im Auto spielt unglaublich intensiv und steigert sich bis zur Hysterie; Gesa Schermuly wiederum verleiht ihrer Maia eine diabolische Keckheit. Und Christina Huckle ist eine Naturgewalt. Überhaupt ist die Spielwucht der fünf Schauspieler*innen die reine Freude: da wird geseufzt, gekeift, gewimmert, und der demente Opa (witzig: Thomas Wolff) kommentiert ungerührt. Viel Aktion und Slapstick auf und vor der Bühne, Screwball-reife Dialoge, witzige Ideen und ein irres Tempo machen den Abend trotz einer gewissen Gedankenschwere zu einer großartigen Unterhaltung. Das ist Vollblut-Theater. Tschüss, KI.
Schleuderdrama
von Laura Naumann
Regie: Dariusch Yazdkhasti, Dramaturgie: Irene Wildberger, Bühne: Mikhail Zaikanov, Kostüme: Rahwa Oreyon, Licht: Mario Turco, Ton- und Medientechnik: Falko Heidemann, Juri Beier, Fred Flörkemeier, Lena Schmeckthal.
Mit: Christina Huckle, Ronja Oehler, Gesa Schermuly, Alexander Stürmer, Thomas Wolff.
Premiere am 14. November 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.buo-bielefeld.de
Kritikenrundschau
Statt in theoretischen oder düsteren Zukunftsvisionen werde das Thema "federleicht und ebenso humor- wie gefühlvoll" verhandelt, schreibt Sven Behler in der Tageszeitung Die Glocke (18.11.2025) – "und mit famosen Dialogen zum Niederknien." Einen "Genre-Mix aus Familiendrama, KI-Komödie und Gesellschaftsparabel“ habe Autorin Laura Naumann ihr neustes Werk "(schon frühere kamen am Bielefelder Bühnenhaus zur Aufführung)" genannt." In der Regie von Dariusch Yazdkhasti werden daraus höchst kurzweilige 100 Minuten. Zu verdanken ist das auch dem grandios aufgelegten fünfköpfigen Ensemble." Das Ende des Stücks "überrascht, irritiert" und gibt dem Kritiker "Gedankenfutter für den Heimweg."
Das Stück stelle "Fragen und gibt Antworten, die eigentlich niemand wirklich hören möchte", findet Burgit Hörttrich im Westfalen-Blatt (17.11.2025). "Die Darsteller verzweifeln, sind pessimistisch. Ein großartiges Ensemble, ein Stück, das Denkanstöße gibt und nur zum Ende ein bisschen ins Ungewisse ausfranst", zeigt sich die Kritikerin beeindruckt.
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