Der Fall McNeal - Düsseldorfer Schauspielhaus
Lügen schaffen, Preise raffen
15. September 2025. Männliche Kotzbrockigkeit, literarische Aneignung, Künstliche Intelligenz: Kein Wunder, dass Ayad Akhtars well made play derzeit auf so vielen Bühnen gespielt wird, schiebt es doch gleich mehrere aktuelle Diskursfelder ineinander. Regisseur Philipp Rosendahl punktet in Düsseldorf mit einem besonders aufregenden Setting.
Von Dorothea Marcus
Ayad Akhtars "Fall McNeal" am Düsseldorfer Schauspielhaus © Thomas Rabsch
15. September 2025. Was für ein unsympathischer Typ. Ein Mansplainer. Als raumgreifendes, selbstherrliches Exemplar toxischer Männlichkeit mit Muskelshirt, gewaltigen Armen, Bauch und Halbglatze macht sich Schauspieler Thiemo Schwarz als Schriftsteller Jacob McNeal auf der blaugrauen Sofalandschaft breit. Im Laufe des Abends scheint er zuweilen Züge des von ihm bewunderten Harvey Weinstein anzunehmen. Dabei erklärt ihm die schmale Ärztin (Pauline Kästner) gerade, dass er vielleicht doch mal aufpassen sollte mit dem Alkohol, weil die Leber bald ausfällt.
Anruf aus Stockholm
Doch männliche Dominanz lässt sich von irdischen Dingen kaum aufhalten. Passenderweise ruft da die Schwedische Akademie aus Stockholm an: Ausgerechnet dieser narzisstische Alphamann erhält den Literaturnobelpreis deshalb, weil er sich so gut in die Seele einer Frau eingefühlt hat in seinem neuesten Werk "Evie": ein Überraschungserfolg, erzählt ganz aus weiblicher Perspektive.
McNeal dreht sich freudetrunken, wirft Konfetti, während digitale Buchstabenkolonnen über den Fransenvorhang fallen – großartig, wie es Thiemo Schwarz gelingt, dem egomanischen Künstler trotzdem immer wieder so etwas wie Menschlichkeit einzuhauchen. Einmal umgedreht, und er steht im Smoking in Stockholm, wo er in seiner Preisrede das menschliche Genie preist – im Gegensatz zur KI. Dabei, und das ist der erste Clou des Stücks, hat McNeal das Buch selbst mit KI geschrieben – und den Inhalt aus den Tagebüchern seiner verstorbenen Frau geklaut.
Interview mit einem Mansplainer: Fnot Taddese als Journalistin und Thiemo Schwarz als McNeal © Thomas Rabsch
Doch Clou hin oder her, fragt man sich dennoch bald: Wie kann es sein, dass ein so renommierter Autor wie Ayad Akhtar, Pulitzer-, Nestroy- und Erwin-Piscator-Preisträger, immer noch ein Stück schreiben kann, in dem ein derart toxischer Mann im Vordergrund steht, um den sich viele Frauen in Nebenrollen drehen? Etwa seine Literaturagentin (Friederike Wagner): Geduldig gibt sie ihm Korrekturvorschläge, die er allesamt herrisch ausschlägt, während er die junge Assistentin (Flavia Berner) anbaggert und nebenbei geschwätzig eitel über Schriftstellerkolleginnen wie Annie Ernaux herzieht ("verliert sich an den russischen Schwanz"). Oder die Reporterin der New York Times (Fnot Taddese), die seinen KI-Betrug ahnt und die er rassistisch beleidigt. Oder seine ehemalige Affäre Francine (Claudia Hübbecker), die bei einem Treffen erzählt, wie sie unter seiner Verachtung litt – und deren Geschichten er literarisch ausgebeutet hat.
Versehrtes Vater-Abbild
Und dann ist da auch noch sein Sohn Harlan, sensibel gespielt von Moritz Klaus, als eine Art bullig-zartes, versehrtes Abbild seines Vaters. Mit allerlei Ticks steht er da, bedroht den Vater mit zwei Pistolen, zuckt zwanghaft und schleudert seinem Erzeuger entgegen, dass der sich an den Tagebüchern der Mutter bediente.
Es folgen ein Kampf, eine schmalzige Liebeserklärung und Reueversuche. Bis, plot point, wiederum der Vater eine Enthüllung tätigt, einen Pappkarton aus dem Sofa zieht: Seine verstorbene Frau, die Mutter, hat den Sohn sexuell missbraucht. In fast unerträglicher Direktheit mischen sich männliche und weibliche KI-Stimme, ist von "Küssen" und "Fülle halten" die Rede – danach zerfetzt der Sohn tobend die Tagebücher, während sich dramatisch die Sofalandschaft dreht.
Ansammlung extremer plot points: Moritz Klaus, Friederike Wagner, Pauline Kästner, Flavia Berner und Fnot Taddese spielen den "Fall McNeal" © Thomas Rabsch
Eine beinahe unangenehm anmutende Ansammlung von extremen plot points ist das, eine penetrante Anhäufung von krassen Dramen-Clustern. Fast schon irritiert nimmt man das zur Kenntnis – amerikanisch halt, ein ärgerlich überdrehtes well made play, das einen Frauenhasser erklärt, der schwache Anklänge von Selbsterkenntnis hat.
Regisseur Philipp Rosendahl hat allerdings alles in einen aufregenden, beeindruckenden virtuellen Raum versetzt. Auf Fransenvorhängen werden digital Kommentare, Bühnenbild-Angaben, KI-Prompts eingeblendet und der Raum mit Neonbalken digital eingegrenzt, während sich die Deckenlichter bedrohlich herabsenken: Der Raum schränkt sich ein. Vielleicht so, wie eine KI den kreativen Geist einschränkt – während man noch glaubt, er werde erweitert? Zwischen den Szenen erscheinen die Figuren immer wieder als Avatare oder personifizierte Algorithmen: künstliche, starrende, pseudo-lesende, kopfwackelnde Wesen, eine gleichgeschaltete Crowd, die den Autor zu verfolgen scheint.
Lügen schaffen, die zur Wahrheit weisen
Und dann, ganz am Ende, folgt Clou zwei, der das digitale Setting erklärt, das die Regie beeindruckend umsetzt: Der Bühnenraum ist zu einem abgründig blutroten Computerraster geworden. Denn dieses Stück ist kein echtes Drama, sondern selbst ein literarisches KI-Experiment, und McNeal selbst nur eine KI-generierte Figur darin. In zwei Tagen hat er einen Roman namens "Schweizer Klinik" von ChatGPT ausspucken lassen, die es mit den Drama-Elementen vielleicht etwas übertrieben hat. Und auch Autor Ayad Akhtar hat in "Der Fall McNeal" lediglich das Schreiben einer KI imitiert. Mindestens im letzten Monolog hat er sie sogar ernsthaft eingesetzt, wie er selbst in einem öffentlichen Gespräch kurz vorher im Unterhaus verraten hat.
Der Prompt flimmert über die Leinwand: "Schreibe einen letzten Monolog, inspiriert von Prospero in Shakespeares 'Sturm'!" Schön klingt das Ergebnis, am erstaunlichsten ist der letzte Satz über das "Lügen schaffen, die zur Wahrheit weisen." Und bleibt doch am Ende so nichtssagend und unpersönlich, wie wir es von kreativem KI-Content erwarten.
Der Fall McNeal
von Ayad Akhtar, ins Deutsche übersetzt von Daniel Kehlmann
Regie: Philipp Rosendahl, Bühne und Licht: Mara-Madeleine Pieler, Kostüme: Johann Brigitte Schima, Videodesign: Laurenz Ulrich, Choreografie / Movement Direction Alessia Ruffolo, Komposition und Sounddesign: Tom Gatza.
Mit: Thiemo Schwarz, Moritz Klaus, Friederike Wagner, Fnot Taddese, Pauline Kästner, Flavia Berner, Claudia Hübbecker.
Premiere am 14. September 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.dhaus.de
Kritikenrundschau
Großes Thema des Stücks ist die Macht der "Large Language Models" und die Frage nach deren Grenzen, so Claus Clemens in der Rheinischen Post (17.9.2025). Philipp Rosendahl mache daraus "einen hinreißenden, gleichwohl nicht ganz nahbaren Theaterabend". Fazit. "Alles ist hier irgendwie emblematisch2
Kritiker Christoph Ohrem kann sich im WDR (15.9.2025) vorstellen, dass auch dieses Stück von Ayad Akhtar "die Runde machen wird". Philipp Rosendahl inszeniere auf einer "kargen Bühne" und in einer "kühlen Lichtstimmung". Das Stück zerfalle zum Schluss absichtlich. Es stelle sich die Frage: "Was stammt vom Autor, den wir auf der Bühne sehen, oder ist dieser Autor auf der Bühne nur eine Figur, die von der KI erfunden worden ist?" Problematisch sei allerdings, dass der Abend sich ganz als Tätergeschichte verstehe. Und so gut gemacht der Abend sei – "außerhalb der Diskurse des Bühnenraums" sei man in den den Fragen rund um KI "wirklich weiter".
Das Stück sei "unheimlich clever gebaut", findet Peter Claus im Deutschlandfunk Kultur (14.9.2025). Es sei auch "sehr beängstigend" und wenn – wie in Düsseldorf – gut auf die Bühne gebracht, "überaus spannend". Thiemo Schwarz stelle die Hauptfigur nicht bloß, sondern zeige sie "als Gefangenen eines Systems" und belasse diesem seine Würde. Philipp Rosendahls Regie sei "eiskalt" und "erfreulich unprätentiös".
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Das Buch Evie erscheint erst Monate später.
Nach dem Erhalt des Preises macht er ja noch mit seiner Agentin die Korrekturen für Evie.
Vor allem im ersten Teil, etwa in der ersten Stunde, wirkte die Dramaturgie stellenweise etwas zu ausgedehnt. Einige Szenen hätten straffer erzählt werden können, ohne dass Spannung oder inhaltliche Tiefe verloren gegangen wären. Eine Kürzung von etwa 20 Minuten hätte dem Stück gutgetan und den Spannungsbogen deutlich verdichtet.
Im zweiten Teil hingegen gewann die Inszenierung spürbar an Dynamik. Hier trugen insbesondere die Effekte und die zunehmende Intensität der Handlung zur dichten Atmosphäre bei. Die Spannung steigerte sich merklich, und das Publikum wurde stärker in das Geschehen hineingezogen.
Insgesamt ist Der Fall McNeal ein sehenswertes Theatererlebnis mit starker zweiter Hälfte. Mit einer etwas kompakteren Dramaturgie wäre es für mich eine klare 5 von 5 – so vergebe ich 3,5 von 5 Punkten.