Letzte Ausfahrt: Sauerland

26. Oktober 2025. Radikale Ehrlichkeit mag ein hohes Gut sein, kann aber viel kaputtmachen. Molières Alceste ist trotzdem ihr größter Verfechter. In Düsseldorf trifft Sebastian Baumgarten mit einem großen Ensemble-Spaß exakt den Scheitelpunkt dieses Dilemmas.

Von Martin Krumbholz

"Der Menschenfeind" in der Regie von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus © Thomas Rabsch

26. Oktober 2025. Ja, die Moral. Ein weites Feld. Molière beschreibt es 1666 ungefähr so: Die Akteure der höfischen Gesellschaft neigen dazu, ihre wahren Ansichten zu verschleiern. Alceste, ein komplizierter Charakter, der sich aber für ausnehmend gesund hält, macht da nicht mit. Wagt es jemand, ein selbstverfasstes Sonett vorzutragen, "für das er gehenkt werden müsste", sagt Alceste ihm die bittere Wahrheit unverblümt ins Gesicht. Dummerweise liebt dieser Menschenfeind ausgerechnet die Witwe Célimène, die der gegnerischen Fraktion angehört, derjenigen der Schmeichler und Heuchler. Happy End? Möglich, aber unwahrscheinlich.

Kritik am Hypermoralismus

Das schöne Paradox der Komödie ist dies: Célimène ist eigentlich die sympathischere Figur. Sie lügt nicht, um sich Vorteile zu verschaffen, sondern weil es einfach angenehmer ist, es sich nicht von vornherein mit dem Rest der Menschheit zu verscherzen. Das Düsseldorfer Programmheft hat natürlich recht: Molières Diagnose erinnert an heutige Gepflogenheiten, etwa in den Sozialen Medien, sich hinter Gemeinplätzen, Scheinargumenten und falschen Gewissheiten zu verschanzen. Es ist auch statistisch belegt, dass öffentliche Bekenntnisse und private Überzeugungen sich oft unterscheiden. Aber kritisiert Molière nicht umgekehrt auch den lebensfremden Hypermoralismus des Alceste?

Im Gegenwartstheater (Achtung, es folgt eine kleine polemische Spitze) herrscht eine unübersehbare Tendenz, den Stücken, und besonders älteren Stoffen, ihre Dialektik auszutreiben, nämlich um der (moralisch!) guten Sache willen, die man heute besser im Blick zu haben glaubt als seinerzeit. Gut gemeint ist halb gewonnen, aber aufregend ist das nicht immer. Aufregender und anregender sind in der Regel Ambivalenzen, symmetrische oder asymmetrische Verteilungen von Gut und Böse, sympathisch oder unsympathisch auf zwei Schalen einer Waage.

Schön giftig grün: Ensemble auf der Bühne von Thilo Reuther © Thomas Rabsch

Zum Glück spielt Claudius Steffens in Sebastian Baumgartens Inszenierung, ohne die Figur auch nur millimeterweit in die Karikatur zu ziehen, beide Seiten: die Aufrichtigkeit und die Borniertheit, die absolute Integrität und die eigene Berauschtheit daran. Baumgarten versetzt den Text (in der immer noch schwungvollen Übersetzung von Botho Strauß) in ein cooles Comic-Relief (Thilo Reuther). Manchmal betreten Figuren die Bühne senkrecht von oben nach unten; ein anderes Mal werden ganze Monologe nur noch schriftlich als Sprechblasen übermittelt.

"Gelobt wird heutzutage jeder"

Das fantastische Kostümbild (Tabea Braun) ist eine irre Mixtur aus gruftigen Uniformen, die an sowjetische Politkommissare erinnern, klerikalen breitkrempigen Hüten und sogar Schleppen. Münder und Augen sind pechschwarz geschminkt. Und der Ausnahmemensch Alceste fällt hier einmal nicht aus dem Rahmen; obwohl er es partout nicht will, ist er einer von ihnen.

Die wie immer wunderbare Minna Wündrich (aber "gelobt wird heutzutage jeder") ist als Célimène sogar besonders überzeugend besetzt: Ihr Charme passt exzellent zu jener eloquenten jungen Dame, die nie um eine Ausflucht verlegen ist und den immer gleichen Topoi ihres Geliebten notfalls auch mal ein ellenlanges Blabla entgegensetzt. Der Livemusiker ist kein "Punkrocker", sondern untermalt das Spiel im Gegenteil minimalistisch auf seiner Gitarre. Caroline Cousin ist Éliante, heimlich in Alceste verliebt, toll schmollmündig und herzlich – als Einzige darf sie ein Chanson vortragen (und Alceste kritisiert es nicht einmal).

Spaß ohne Überlänge

Die Frage, ob die Aufführung gelungen sei, lässt sich ohne jede Schmeichelei beantworten. Wenn Schauspielkunst ein Indiz für Gelingen ist, und das ist sie ganz sicher, dann ist der Abend mit diesem glänzenden Ensemble gelungen. Er geht genregerecht temporeich über die Bühne, ohne überflüssige Überlänge, und macht großen Spaß. Happy End? Nein danke. Nur, warum Alceste sich nach seinem Abschied von Célimène, um sich "die Freiheit zu nehmen, so zu denken, wie man denken muss", ausgerechnet "ins Sauerland" verziehen will, bleibt am Ende offen; bei Molière steht das nicht.

Der Menschenfeind
von Molière, Fassung von Botho Strauß
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüm: Tabea Braun, Komposition und Sounddesign: Thies Mynther, Videodesign: Philipp Haupt, Licht: Jean-Mario Bessière, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Claudius Steffens, Heiko Raulin, Sebastian Tessenow, Minna Wündrich, Cathleen Baumann, Caroline Cousin, Rainer Philippi, Markus Danzeisen.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

Sebastian Baumgarten bürste "die süffige Satire vom Hof des Sonnenkönigs gründlich gegen den Strich", berichtet Regina Goldlücke in der Rheinischen Post (26.10.2025). Parallelen zur heutigen Gesellschaft gebe es reichlich. Baumgarten spüre in seiner Inszenierung den "menschlichen Abgründen hinter den Figuren nach" und schaffe "eindrucksvolle Bilder" – auch, wenn es "einige störende Griffe in die Klamauk-Kiste" gebe.

Kommentare  
Menschenfeind, Düsseldorf: Fast eingeschlafen
Die Meinung der nachtkritik kann ich leider nicht teilen.

Die Inszenierung eines eigentlich schön satirischen Stoffes wurde krampfhaft in die heutige Zeit, ohne, zumindest für mich, irgendwie nachvollziehbare Ironie oder Satire, übertragen. Ich wäre mehrfach fast eingeschlafen vor Langeweile.
Die Dialoge matchten nicht, viele "Holpler" im schlecht gelernten Text. Kein Bezug zur Zeit Molières und viel zu unverständlich modern.
Selten eine so schlechte Inszenierung in Düsseldorf gesehen.
Menschenfeind, Düsseldorf: Grandiose Kritik
Lieber Herr Krumbolz
Herzlichen Glückwunsch zu ihrer Kritik die den Hintergrund des Hypermoralismus durch Jahrhunderte aktuell werden und zeitlos immer wiederkehren lässt!
Grandios!
Dr Michael Strahl FDS Düsseldorfer Schauspielhaus
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