Flitterwochen im Fertighaus - Schauspiel Essen
Text, Uwe, Text!
24. Mai 2025. Ist es möglich, dem Thema "häusliche Gewalt" satirisch beizukommen? Die Autorin Anne Lepper und der Uraufführungsregisseur Felix Krakau geben mit "Flitterwochen im Fertighaus" auf diese Frage eine klare Antwort.
Von Martin Krumbholz
Anne Leppers "Flitterwochen im Fertighaus" © Martin Kaufhold am Schauspiel Essen
24. Mai 2025. Man könnte sich nach dieser Premiere in Essen fragen, ob der Regisseur Felix Krakau, eigentlich ein Spezialist für humorvolle Klassiker-Überschreibungen, von vornherein den Plan hatte, Anne Leppers Auftragswerk "Flitterwochen im Fertighaus" in die Selbstparodie zu treiben. Und es dürfte die Autorin nicht einmal sonderlich stören, denn auf jeden Fall hat Krakau instinktsicher das Richtige getan. Wer sein Thema, offiziell ist es "häusliche Gewalt", so konsequent satirisch und kasperlehaft auffasst wie Lepper es tut, wird etwaigen ästhetischen Überschreitungen keine Grenzen setzen wollen.
Kirk und Dirk
Häusliche Gewalt: Im Theater wird ausdrücklich und breitflächig davor triggergewarnt, dabei wird das Thema, derart solide verfremdet, kaum jemanden im Publikum ängstigen oder bedrohen. Dieses sitzt mit auf der Bühne, für größtmögliche Intimität ist also gesorgt. Auftreten zwei männliche Popanze, Kirk und Dirk genannt (was sich nicht reimt, da Kirk englisch ausgesprochen wird, also "Körk"), gespielt von Philipp Noack und Jan Pröhl, Mannsbilder, die davon träumen, dass Frauen "unter ihnen kommen" und ihnen "Drinks mixen" wie in der guten alten Zeit.
Die Frau als Wille und Vorstellung? Rebecca Große Boymann, Silvia Weiskopf, Lene Dax und Sabine Osthoff in den "Flitterwochen im Fertighaus" © Martin Kaufhold
Dirk hat auch ein Gewehr und einen Texanerhut, er schleicht bösartig ums Fertighaus herum. Kirk, also "Körk", hat einen Chor. Der steht hier für die Frau als solche und ist zu dritt, womöglich ein satirischer Reflex auf die weitverbreitete Polygamie des Mannes, der sich mit einer, die "unter ihm kommt", ja nicht begnügt. Die drei sind blond, tragen Perlenketten und pinkfarbene Roben mit Sternchen und Herzchen, sehen also so aus, wie einige Leute in Amerika von Frauen träumen. Die insgesamt schönen Kostüme sind von Jenny Theisen, das zweistubige drehbare Fertighaus von Ansgar Prüwer. Alles vom Feinsten.
Warten auf den Souffleur
Der eigentliche Hammer, und das muss man so hammerhart sagen, ist indes ein Monolog, ein seitenlanges soziologisches Proseminar, das Lepper in die Mitte ihres Stücks gewuchtet hat und das die bravouröse Sabine Osthoff, "Chorführerin", zu präsentieren hat. Es ist bis zum Bersten gefüllt mit fossilen Politphrasen à la "Alles Faschismus hier", die ein wenig an die selige Ulrike Meinhof erinnern, aber es hört ohnehin kaum jemand wirklich zu, man fragt sich vielmehr, wie um alles in der Welt die bravouröse Osthoff das alles hat auswendig lernen können. Und es ist vielleicht ein bisschen unfair, das zu erwähnen, aber man wartet förmlich darauf, dass die Schauspielerin sich Text beim Souffleur abholen muss, was dann prompt, und nicht nur einmal, geschieht: "Text, Uwe!"
Echt jetzt? Jan Pröhl als männlicher Archetyp Dirk mit Knarre und Texanerhut, im Hintergrund Sabine Osthoff, Silvia Weiskopf und Lene Dax © Martin Kaufhold
Uwe ist zum Glück auf Zack. Und Felix Krakau, inzwischen offensichtlich ziemlich gewieft im Regiefach, muss das alles geahnt haben. Keineswegs trimmt er das soziologische Proseminar auf Lesbarkeit, im Gegenteil, er verdonnert die, wie gesagt, bravouröse Schauspielerin zur beinahe reibungslos schnurrenden Textmaschine, unterlegt das Ganze mit einer suggestiven, punktierenden, gegen Ende sich beschleunigenden und lauter werdenden Elektromusik (Timo Hein), kurz, er tritt die Flucht nach vorn an in Richtung des konsequent Durchgeknallten. Allerdings ist der Abend auf der Bühne des Grillotheaters auch wieder nicht so durchgeknallt, dass jemand (außer meiner professionellen Sitznachbarin) herzhaft lachen würde. Man sieht eher betretene Gesichter, als wollten sie sagen: Echt jetzt?
Wer oder was ist "das Biest"?
Was die häusliche Gewalt betrifft: Wenn man kürzlich erst (zugegebenermaßen eher zufällig) den Film "La Bete" von Bertrand Bonello gesehen hat, mit Léa Seydoux in der Hauptrolle, dann weiß man, wie großartig man eben dieses Thema gestalten kann. Auch hier gibt es einen sexuell frustrierten jungen Mann, der zur Gewalt schreitet. Es mag wiederum ein wenig unfair sein festzustellen, dass das Theater im Vergleich den Kürzeren zieht, das Kino ist eben das potentere Medium. Aber wer oder was ist denn "das Biest"? Bei Anne Lepper, 1978 in Essen geboren, ist es "der Mann" in seiner erschütternden Schlichtheit. Im Film sind es die rätselhaften und unheimlichen Projektionen und Fantasien der Menschen, egal welchen Geschlechts. Was ist wohl spannender?
Flitterwochen im Fertighaus
von Anne Lepper
Regie: Felix Krakau, Bühne: Ansgar Prüwer, Kostüme: Jenny Theisen, Musik: Timo Hein, Dramaturgie: Katharina Rösch.
Mit: Sabine Osthoff, Lene Dax, Silvia Weiskopf, Philipp Noack, Jan Pröhl, Rebecca Grosse Boymann.
Uraufführung am 23. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.theater-essen.de
Kritikenrundschau
Die Wahrheit komme in Anne Leppers neuem Stück "ausgerechnet als Parodie zur Sprache“, schreibt Jens Dirksen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (26.5.2025) – "als schier endloser, theoriedurchtränkter Monolog über unsere Welt, unsere Geschlechter-, Klassen- und Kapitalverhältnisse“. Und die "mit viel Beifall bedachte Uraufführung“ wickele den Text "in grellfarbenes Bonbonpapier“. Kurz: Regisseur Felix Krakau setze Leppers Stück "mit der gebührenden Groteske abwechslungsreich in Szene“.
"An die sprachliche Darstellung psychischer- und sexueller Gewalt geht Lepper satirisch heran“, hält Clara Quebbemann in der Deutschen Bühne (24.5.2025) fest. "Die Figuren bleiben bewusst symbolisch, fremd und kühl. Das Private ist hier längst politisiert, die Charaktere durch ihre Verhältnisse gesteuert“, so die Kritikerin. "Indem emotionale Verbindungen zu den Figuren verweigert werden, sorgt die daraus hervorgehende intellektuell distanzierte Ästhetik dafür, dass die Macht- und Fatalitätsstrukturen teilweise eher reproduziert als durchbrochen werden– Strukturen, aus denen sich die Figuren eigentlich emanzipieren sollen.“
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Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Nur so viel, dass häusliche Gewalt anscheinend lustig ist.
Wahrscheinlich bin ich zu blöd.
"La Bete" hab ich nicht gesehen.
Gute Werbung für den Film, schlechte für das Theater
Selbst der Inhalt ist nicht korrekt wiedergegeben. Das Kirk und Dirk, wie es die realen Tech-Bros ja heute versuchen, am Ende anstelle eines fügsamen weiblich gelesenen, dienenden Wesens aus Versehen eine weltzerstörende Maschine oder KI erschaffen, fehlt komplett. Das klingt alles stark nach absichtlichem Missverstehen.