Reise durch den Geburtskanal

8. November 2025. Das Theater an der Ruhr eröffnet seine neue Programm-Reihe zur Utopie mit einem Doppelabend: Die Deutsche Erstaufführung "Das eingebildete Tier" des französischen Theaterstars Valère Novarina ist eine Entdeckung. Die Stückentwicklung "Ein anderes Blau" versucht, auf ihrer Welle mitzureiten.

Von Max Florian Kühlem 

Valère Novarinas "Das eingebildete Tier" und die Stückentwicklung "Ein anderes Blau" inszeniert von Julie Grothgar und Charlotte Sprenger am Theater an der Ruhr Mühlheim © Franziska Götzen

8. November 2025. Raum für Utopien gibt es in Zeiten gefüllter Kassen und wenn die globalen Krisen irgendwo tief im Osten oder Süden stattfinden – aber doch bitte nicht direkt vor unserer Haustür. Deshalb träumen wir derzeit nicht von einer freien und gleichen Gesellschaft, fliegenden Autos oder Hoverboards, die ältere Science-Fiction-Bücher und -Filme in unserer Gegenwart verortet haben, sondern diskutieren über die Rente mit 70 oder die Abschaffung des Bürgergelds. Nur ein von unbeugsamen Theatermachern bevölkertes Dorf im westlichen Ruhrgebiet hört nicht auf, von einer anderen Welt zu träumen: Das Theater an der Ruhr in Mülheim hat dafür einen grandiosen Theatertext entdeckt – "Das eingebildete Tier" von Valère Novarina.

Der laut unterschiedlichen Quellen entweder 78- oder 83-jährige Valère Novarina ist in Frankreich spätestens seit den 1990er-Jahren ein Theaterstar, in Deutschland wird er hingegen immer noch selten gespielt. Vielleicht ändert sich das ja, wenn sich herumspricht, was für ein grandioser Abend diese Deutsche Erstaufführung ist, die die bis Ende November laufende Programm-Reihe des Theaters an der Ruhr zum Thema "Utopie" eröffnet. Da fallen, rutschen oder klettern zehn Darsteller*innen durch einen mit einer Trittleiter ausgestatteten Versorgungs- oder Geburtskanal auf die Bühne und spielen mit der Sprache, dass es nur so eine Lust ist.

Raum für Utopie, der Gegenwart zum Trotz

Der Gedanke, dass alles, also wirklich alles, ganz anders sein könnte, bleibt auch nach dem Lesen inspirierender Bücher wie Yuval Noah Hararis "Eine kurze Geschichte der Menschheit" oder Rutger Bregmans "Utopien für Realisten" eher abstrakt. Letzterer Titel liegt an der Theater-Garderobe aus und findet im Untertitel: "Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen". Wie weit wir momentan von solchen Ideen entfernt sind, ist eingangs schon erwähnt. Julie Grothgars Inszenierung löst hingegen etwas Erstaunliches aus: eine Veränderungsstimmung. Die Möglichkeit einer anderen Welt wird plötzlich konkret.

Weil der Eröffnungsabend der Theater-Reihe aus zwei Stücken besteht, sitzt das Publikum nach "Das eingebildete Tier" bei einer geschenkten Suppe am großen Tisch im Pausenraum oder fläzt sich auf den mit Teppichen und Kissen belegten Emporen. Wildfremde Menschen kommen miteinander ins Gespräch – darüber, was Utopie eigentlich ist: Nämlich die Vorstellung, dass sich unsere aus Sprache und den dahinterstehenden Gedanken gebaute oder vermittelte Welt doch ganz anders zusammensetzen ließe.

Das eingebildete Tier 2 CFranziska Goetzen u neuEine andere Welt scheint plötzlich möglich: Lea Reihl und Marie Schulte-Werning in "Das eingebildete Tier" © Franziska Götzen

Warum sitzen wir hier und liegen nicht herum, kuscheln vielleicht sogar miteinander? Warum fahren viele von uns nachher in kleinen Metallkästen nach Hause, die von stinkenden Motoren angetrieben werden? Na, immerhin kommen wir hier miteinander ins Gespräch und starren nicht bloß aufs Smartphone, selbst das ist heute ja schon utopisch. Was war passiert?

Wie auf einem anderen Planeten

Das Ensemble, das in knallblaue Kostüme mit breiter Halskrause geworfen ist, wie Bewohner eines fernen Planeten im Star-Trek-Universum, spricht in den 100 Bühnenminuten unsere Sprache und gleichzeitig eine ganz neue. Ihr irrlichternd schöner Textfluss klingt, als würde ständig jemand den Übersetzungsschalter aus der Serie "Schlupp vom grünen Stern" der Augsburger Puppenkiste umlegen oder als würden Ernst Jandl, Loriot und die Dadaisten immer wieder kurz hereingrüßen und mit den Worten und Buchstaben jonglieren. Es gibt geniale Monologe, die nur aus Anredeformeln bestehen: "Verehrte Unmitglieder, liebe Antisympathisanten." Es gibt ein Gebet für alle Menschen – auch "die Wildschweinin von Ülf". Übersetzer Leopold von Verschuer muss knifflige Arbeit und gleichzeitig einen Riesenspaß gehabt haben.

Es gibt aber auch für ein deutschsprachiges Publikum mindestens vom Gefühl her vollkommen verständliche, aphorismenartige Weisheiten, Allegorien und Metaphern, die die Aufmerksamkeit immer wieder zurückholen, wenn alles kurz im Quatsch zu versinken droht: "Mutter unser", fängt einer an, die Natur anzubeten, und eine andere korrigiert ihn: "Die Natur ist nicht deine Mutter, sondern deine Schwester. Du verwechselst sie mit Gott." Oder: "Der Mensch ist das einzige Tier auf der Erde, das sich wehrt durch das Hormon der Sprache."

Die Menschen auf der Bühne sind Reisende, die das Menschsein erleben und damit auch den Tod. "Wir können nur sagen, dass durchquerend wir es Welt genannt haben. Den Tod durchqueren wir auf Sicht." Das verläuft nicht immer glatt. Eine Figur klagt ihrer "Frau Doktor": "Ich erlebe Zustände des Mensch-Verlassens. Seit eh und je, als hätte mich jemand aufgesagt." Und natürlich kann sich wohl jeder Mensch, wenn er sie denn zulässt, in diesen Gedanken wiederfinden – und wird im Angesicht dieses freundlichen Stücks darüber aber nicht trübsinnig, sondern erkennt das spielerische, utopische Potential darin. Das wunderbare Ensemble jedenfalls spricht und singt auch mehrstimmig "gegen die Schwärze" an und erntet nach 100 super kurzweiligen Minuten riesigen Jubel.

Klamauk mit Kaiserin Sisi

Der Form halber sei erwähnt, dass es nach der Suppenpause mit den inspirierenden Gesprächen noch ein zweites Stück gab, das das Theater als Zwillingsstück bezeichnet, beide seien gemeinsam entstanden. "Ein anderes Blau", eine Stückentwicklung unter der Regie von Charlotte Sprenger, spielt mit demselben Ensemble im nur leicht veränderten Bühnenbild von Aleksandra Pavlović. 

Ein anderes Blau 1 CFranziska Goetzen u"Ein anderes Blau" von Charlotte Sprenger inszeniert © Franziska Götzen

Der Geburtskanal ist erhalten und offenbar auch der Wille, treffende Bilder für die Auseinandersetzung mit den Fragen der Existenz und ihrer Endlichkeit zu finden – diesmal allerdings fast ohne Sprache. Der Programmzettel kündigt eine von Novalis‘ Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" (das mit der blauen Blume der Romantik) angeregte Meditation oder Choreografie an. Herausgekommen ist allerdings nur ein flacher, dafür oft lärmender Klamauk, dessen Hauptinspirationsquelle der Mord und die dahingehenden Vorahnungen der österreichischen Kaiserin Sisi und die Freitod-Metapher "ins Wasser gehen" zu sein scheinen. Aber keine Sorge: "Das eingebildete Tier" wird auch einzeln gezeigt.

Das eingebildete Tier
Ein ekstatisches Menschheits-Spektakel von Valère Novarina, Übersetzung von Leopold von Verschuer
Regie: Julie Grothgar, Bühne und Kostüm: Aleksandra Pavlović, Musik: Philipp Plessmann, Regieassistenz: Sarah Wessels, Dramaturgie: Constanze Fröhlich,
Mit: Albert Bork, Dagmar Geppert, Bernhard Glose, Fabio Menéndez, Philipp Plessmann, Lea Reihl, Steffen Reuber, Kara Schröder, Marie Schulte-Werning, Joshua Zilinske
Deutsche Erstaufführung: 7. November 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Ein anderes Blau
Meditation über die Sehnsucht
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne und Kostüm: Aleksandra Pavlović, Musik und Komposition: Philipp Plessmann, Regieassistenz: Dijana Brnic, Dramaturgie: Alexander Weinstock.
Mit: Albert Bork, Dagmar Geppert, Bernhard Glose, Fabio Menéndez, Philipp Plessmann, Lea Reihl, Steffen Reuber, Kara Schröder, Marie Schulte-Werning, Joshua Zilinske
Uraufführung: 7. November 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-an-der-ruhr.de

Kritikenrundschau

"Ein so großes, permanent präsentes Ensemble erfordert eine Menge an choreografischer Feinarbeit. Da darf man schon staunen, wie die junge, fast noch unerfahrene Regisseurin Julie Grothgar den Abend in den Griff bekommt. Ganz ohne Durchhänger, ohne Nachlassen der Intensität und Energie des Spiels. Man löffelt die "Erinnerungssuppe", die Novarina uns halb im Scherz, halb im Ernst eingebrockt hat, hingebungs- und genussvoll aus", schreibt Martin Krumbholz in der Deutschen Bühne (8.11.2025) über "Das eingebildete Tier".

"Die Sprache ist hier eher Musik als ein Instrument der Verständigung", sagt Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (8.11.2025). Das ziehe in eine "völlig andere Welt" und sei präzise durchchoreographiert, das Ensemble balanciere und jongliere "meisterhaft" mit den Worten. Der Abend sei ein "verspielter, absurder Tanz über dem Abgrund", auf den man sich gleichwohl einlassen müsse, so Marcus.

"Das Ensemble spielt lustvoll auf und meistert es auch bravourös, Texte vorzutragen, die gar keinen Sinn ergeben und daher schwer zu merken sind. Das lebendige Miteinander der Figuren macht vergessen, dass es eigentlich keine Handlung gibt", schreibt Andrea Müller in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (10.11.2025) über "Das eingebildete Tier" und über "Ein anderes Blau": "Die Schauspielerinnen und Schauspieler agieren auf der Bühne fast ohne Worte, lassen einen musikalisch gestützten Bilderreigen entstehen. Allerdings fasst die sinnlich erfahrbare 'Meditation' ihr zentrales Anliegen dann doch in hörbare Sätze: 'Wir müssen das Ende positiv sehen. Der Tod ist das Leben.' (...) Charlotte Sprenger ruft zum Hinschauen (...) statt zur Verdrängung auf. (...) So unterschiedlich der Ansatz der beiden Produktionen ist – jede findet am Premierenabend ihre Fans und reichlich Beifall."

Die Logozentrismusliebhaber sind in der deutschen Erstaufführung von "Das eingebildete Tier" völlig verloren, schreibt Helene Röhnsch in der FAZ (11.11.2025). Regisseurin Julie Grothgar hebt diesen gewaltigen Text auf die Bühne. "Und wie diese zehn Spieler an diesem Premierenabend tanzen! Sie geben sich Novarinas Wuchttext völlig hin, fallen über ihn her – und übereinander. Sie singen, spielen, ringen miteinander." Nach Novarinas Textgewalten ist die Sprache in "Ein anderes Blau" in der Regie von Charlotte Sprenger dann fast verschwunden. "Manchmal entwickeln die Tableaux Vivants dabei eine poetische Kraft, oft jedoch erstarren sie zu klamaukhaften Posen." 

"Die collageartige Szenenfolge ist im Wechsel hochgeistig intellektuell und witzig-dadaistisch", so Klaus Stübler in den Ruhr Nachrichten (11.11.2025). "Dabei zeigen alle, was an clowneskem Potential in ihnen steckt – kein Wunder an der vormaligen Bühne von Roberto Ciulli.. Ein großes Vergnügen in kurzweiligen 100 Minuten!"

Kommentare  
Das eingebildete Tier, Mülheim: Beschreibungen fehlen
Hallo Herr Kühlem, hallo liebes Nachtkritik-Team,
Ich möchte Ihnen die Rückmeldung geben. (...) In Ihrem Text fehlen fast komplett Beschreibungen dessen, was auf der Bühne zu sehen ist. Ich lese Asterix-Analogien und Werbung für die Bücher bekannter Autoren (kein generisches Maskulinum). Ich lese, über was Sie in der Pause gesprochen haben und was sonst so Ihre Gedanken und Assoziationen sind. Ich lese etwas über einzelne Textstellen aus „Das eingebildete Tier“ und wie es dem Übersetzer vermutlich beim Übersetzen ging. Und ich lese Bewertungen über 2 Inszenierungen, sowohl lobend also auch abstrafend. Aber was mir nahezu komplett fehlt, sind konkrete Beschreibung dessen, was da auf der Bühne szenisch passiert, worauf Sie Ihre Wertungen überhaupt beziehen. Weder bei ihrem Lob der einen Inszenierung, noch bei ihrem Verriss der anderen, beschreiben Sie, was da auf der Bühne passiert, was die Schauspieler:innen eigentlich spielen oder welche inszenatorischen Entscheidungen die Regisseurinnen gefällt haben. Den einzigen Vorgang, den Sie konkret beschreiben, ist der Auftritt, der Schauspieler:innen zu Beginn der ersten Inszenierung. Sonst ist da nichts. Dabei gäbe es da doch so viel zu beschreiben, was die 10 Schauspieler:innen alles so gemacht haben. Dann wäre vielleicht auch irgendwie nachvollziehbar, worauf sich ihr Lob und ihr Veriss überhaupt bezieht. Bei „Das eingebildete Tier“ lese ich, dass sie den Text großartig finden und dem wunderbaren Ensemble ein irrlichternd schöner Textfluss gelingt und es geniale Monologe gibt. Aber was passiert da auf der Bühne? Menschen, die diese Inszenierung nicht gesehen haben, bekommen durch ihre Kritik überhaupt keinen Eindruck von den szenischen Ideen, die Regie und Ensemble zusammen gefunden und entwickelt haben (nur um eine von vielen zu erwähnen, z.B. den irgendwann schon schmerzhaft komisch nicht endenwollende Schreiben einer Postkarte auf den Rücken einer Schauspielerin.) Zu der Inszenierung „Ein anderes Blau“ schreiben Sie dann nur noch eine wertende Formulierung („flacher und lärmender Klamauk“), überhaupt keine konkrete Beschreibung von irgendeinem szenischen Vorgang. Wie sieht die Bühne aus? Welche Kostüme tragen die Schauspieler*innen? Welche Vorgänge passieren auf der Bühne?
(...)
Das eingebildete Tier, Mülheim: Großes Theater
Ich war gestern Abend auch im Theater in Mülheim.Es war ein schöner, lebendiger ein beglückender Abend .
Wir wurden von dem Schauspielensemble beschenkt .Ein wahnwitziger Einsatz !
Großes Theater .
Der erste Teil hat den zweiten bedingt und durch den zweiten begriff ich vieles ,dass im ersten passiert war .Es waren vielleicht zwei Regisseurinnen ,aber sie haben offensichtlich etwas gemeinsames erschaffen..
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