Der zerbrochne Krug - Theater Münster
Korruption ist das System
31. Mai 2025. Ist das schon Science Fiction oder noch Heinrich von Kleist? Das futuristische Ambiente ist bei diesem Stoff erstaunlich. Wilke Weermann taucht das alte Stück in ein neues, schauriges Licht.
Von Gerhard Preußer
"Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist am Theater Münster © Sandra Then
31. Mai 2025. Die Aufwertung der Perspektive Eves ist das gemeinsame Interesse aller Umwertungsversuche von Kleists "Der zerbrochene Krug" der letzten Jahre. Das Schweigen Eves ist den Regisseuren unerträglich. Warum schweigt sie auch bis zum Schluss? Eves Schweigen ist das Signum des Patriarchats in diesem Stück. Also redet sie nun.
Dass damit Kleists schöne Ödipus-Anspielung und die ganze analytische Struktur des Dramas flöten geht, nimmt man in Kauf. Analytisches Drama – aufdröseln, was in der Vergangenheit alles geschah? Braucht heute niemand. Synthese braucht der Mensch der Gegenwart - zusammenbringen, was da alles an Diversitäten kreucht und fleucht. Also heterogene Geschichten erzählen. Das tut Wilke Weermann.
Der Richter röchelt
An den Anfang kommt nun Eves Erzählung, wie es wirklich war. Was Kleist in der Erstausgabe als "Variant" nur nachgeschoben hat, wird vorgezogen. Richter Adam wollte sie erpressen mit dem Angebot, ihren Verlobten Ruprecht vom Militärdienst zu befreien. Was Adam von Eve als Gegenleistung dafür bekam, war immer ein Rätsel, das Kleist dem Zuschauer zum Spekulieren offenlies: "Zwei abgemessene Minuten starrt er mich an", sagt Eve, mehr nicht. In Münster wird das Rätsel gleich gelöst. Eve (Clara Kroneck) legt sich flach mit ihrem kurzen blauen Rock auf den schwarzen Richtertisch und Adam (Raphael Rubino) steht gebeugt an der Tischkante, schielt zu Eve und röchelt, schnauft und stöhnt. Dann beriecht er seine Hände.
Vom Taser traktiert
Das Ganze findet in einem ziemlich skurrilen Ambiente statt: Zwei riesige Torsi schwangerer Frauen wie aus Marmor flankieren die Bühne (Bühne: Nina Peller). Doch eine Referenz an die antike Tradition? Wie abgezirkelt sind die Gänge der Figuren: nur Geraden und rechte Winkel. Zwei Bildschirme zeigen vorproduzierte Szenen, die live auf der Bühne mitgesprochen werden. Alle legitimieren sich gegenseitig erst durch umgehängte elektronische Identitätskarten. Science-fiction? Über dem Richtertisch schwebt ein spitzwinkliges Leuchtröhrendreieck, das sich an passenden Stellen senkt oder blinkt. Der Pfeil der Gerechtigkeit? Zur Eröffnung der Verhandlung stehen alle auf und singen, Hand aufs Herz, eine vernuschelte Hymne ("Energize me"). Anspielung auf aktuelle nationalistische Bräuche?
Eve und Gerichtsrat Walter: Clara Kroneck und Artur Spannagel © Sandra Then
Einige Aktionen sind wohl nur aus den Konventionen von Horrorfilmen zu erklären. Der arme Ruprecht (Julius Janosch Schulte) wird nicht nur mit einem Taser traktiert, verprügelt und erschossen, sondern auch ausgeweidet wie in erlegtes Tier. Wenn Richter Adam den Rheinwein, den er in der Sitzungspause Gerichtsrat Walter (Artur Spannagel) kredenzen will, aus den rinnenden Brüsten eines der weiblichen Monumentaltorsi in blaue Tassen zapft, kann man sich den Kopf zermartern, was das denn schon wieder bedeuten soll, oder einfach kichernd stöhnen: Was für ein Quatsch.
Die furchtbaren Juristen
Der bei aller demonstrativen Brutalität feine Humor macht diese seltsamen Rituale erträglich. Die Inszenierung huscht auch nicht über Kleists sperrige Sätze hinweg, sondern isoliert sie, dreht sie, leuchtet sie aus in einem ziemlich schaurig-lustigen Licht. Adams Satz "Ihr wisst, wie sich zwei Hände waschen können", der Wahlspruch der Bestechung, wandert von Adam zu Walter. Korruption ist das System.
Am Schluss wird es dann ernst. Hier gibt es kein heiteres Happy End von väterlicher Güte, mit der Gerichtsrat Walter Adam aus dem Amt jagt, in dem Eve und Ruprecht sich versöhnen. Die furchtbaren Juristen, Walter, Adam und Schreiber Licht (Carola von Seckendorff), schließen die Reihen. Walter ernennt Licht zum neuen Richter, Eves Aussage wird nicht geglaubt, Ruprecht zu Gefängnis verurteilt.
Dann kommt der Kuss, den Walter sich von Eve abdingt – schon bei Kleist das unübersehbare Symbol der patriarchalen Übermacht. Hier ist es ein Splitter des zerbrochenen Krugs, den Walter Eve in den Mund schiebt. Kein angenehmer Kuss.
Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
in einer Bearbeitung von Wilke Weermann
Regie: Wilke Weermann, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Teresa Vergho, Musik und Sounddesign: Constantin John, Dramaturgie: Victoria Weich, Lichtdesign: Malte Spitzer
Mit: Raphael Rubino, Artur Spannagel, Carola von Seckendorff, Ilja Harjes, Clara Kroneck, Julius Janosch Schulte, Alaaeldin Dyab
Premiere: 30. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde, 35 Minuten, keine Pause
www.theater-muenster.com
Kritikenrundschau
"Es geht um Macht, um das ewige Patriarchat, um Lüge und Deutungshoheit. Raphael Rubino ist als überlegter, selbstherrlicher Richter, der weiß, was er tut, sehr überzeugend", schreibt Andrea Kutzendörfer in Die Glocke (2.6.2025). Zum Schmunzeln sei das Stück über 'alternative Fakten' kaum, "es ist stark auf die desillusionierende Darstellung von Machtmissbrauch fokussiert. Der Regisseur lässt keine Möglichkeit aus, um den Finger so richtig in die Wunde zu legen. Für schwache Nerven ist das alles nichts."
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Wer sich davon überzeugen will, ist seit dem 12.9.2025 in Lübeck und im Zuge der Inszenierung Cilly Drexels nicht am verkehrtesten Ort, genau dies auch zu erfahren. Zwei Schlüsselstellen hat diese Inszenierung, jene, in der Eve versucht, im Vorraum der Verhandlung mit Ruprecht in Kontakt zu treten und diesem - mit gutem Recht- mangelndes Vertrauen vorhält, und eben jene -hier in den Schlußsätzen der Kritik beschriebene- Kußszene durch den Gerichtsrat, welche die Schraube des Unrechts gegenüber Eve noch eine Windung weiterdreht, indem hier der Übergriff quasi als Amtshandlung, offen und offizialisiert, erfolgt.
Eve glüht (siehe Seite 15 des Programmheftes) nur so: ein ins Herz stechendes und starkes Bild, ein neuer Kupferstich vielleicht, (das ein Happyend mit Ruprecht, wahrlich zurecht, eher unwahrscheinlich erscheinen läßt), großartig umgesetzt von Anna-Lena Hitzfeld.
Und doch: Das Stück heißt, trotz der vielen personalisierten Stücktitel bei Kleist weder „Dorfrichter Adam“ noch „Eve Rull“, sondern „Der zerbrochne Krug“: Eve kommt schwerlich, wie in einer anderen aktuellen Inszenierung , dazu noch
auszurufen „Den Richter klag ich an“, sondern scheint, darin verglühend, zum Schweigen verurteilt. Mit nicht allzuviel Phantasie können wir in ihr eine Vorläuferin Lenis in Kafkas „Prozeß“ sehen (siehe dazu etwa die Verfilmung von und mit Orson Welles, der hier als Anwalt gut und gerne auch als ein Wiedergänger des Gerichtsrates Walter erscheinen könnte).